Chalandon | Die vierte Wand | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Chalandon Die vierte Wand

Roman
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-423-42738-8
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)

Roman

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

ISBN: 978-3-423-42738-8
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)



Kann Theater Frieden schaffen? Paris 1982: Georges verspricht seinem sterbenskranken Freund Samuel, einem Theaterregisseur, seinen Herzenswunsch zu erfüllen: die Aufführung von >Antigone< im vom Bürgerkrieg zerrütteten Beirut, direkt an der Front, in einem zerbombten Kinosaal, mit einem Ensemble, das sämtliche Kriegsparteien repräsentiert. Viel List ist von Nöten und immer wieder muss Georges Zugeständnisse machen. Zwei Stunden soll der Krieg für die Aufführung ruhen.

Sorj Chalandon, geboren 1952 in Tunis, gilt als einer der bedeutendsten Journalisten und Schriftsteller Frankreichs. Viele Jahre lang schrieb er für die Zeitung >Libération<, seit 2009 ist er Journalist bei der Wochenzeitung >Le Canard enchaîné<. Für seine Reportagen über Nordirland und den Prozess gegen Klaus Barbie wurde er mit dem Albert-Londres-Preis ausgezeichnet. Auch sein schriftstellerisches Schaffen wurde mit zahlreichen Literaturpreisen gewürdigt, unter anderen dem Prix Médicis und dem großen Romanpreis der Académie française.
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2 Samuel Akounis


Über Monate hatte ich nicht gewusst, dass Sam Jude war. Er sei Grieche, dabei hatte er es stets belassen. Allerdings hatten wir uns öfter Fragen gestellt, meine Freunde und ich. Er war Ausländer, älter als wir und in allem anders. Ich erinnere mich an einen Tag im April 1974, als wir zum Palais de la Mutualité in Paris marschierten. Wir nahmen die ganze Straße ein. Sam folgte uns wegen seiner Kurzatmigkeit auf dem Bürgersteig. Angespannt, mit verschlossenem Gesicht. Auf unsere Rufe »Palästina wird siegen!« antwortete er mit »Palästina wird leben!«, ohne dass ich mich fragte, welchen Unterschied er zwischen Siegen und Leben machte. Ich trug einen Topf mit grüner Farbe. Die Genossen dahinter hatten weiße, rote und schwarze Farbe dabei. Zwei Stunden vor einer zionistischen Versammlung wollten wir die palästinensische Flagge vor den Eingang des Gebäudes malen.

»Dies ist kein Tag für Flaggen«, hatte Sam protestiert.

Am Tag davor, Donnerstag, dem 11. April 1974, hatten drei Mitglieder der Palästinensischen Befreiungsfront einen Anschlag in der Stadt Kirjat Schmona in Galiläa verübt. Eigentlich wollten sie eine Schule angreifen, die war aber wegen Passah geschlossen. Also gingen sie in irgendein anderes Gebäude und ermordeten dort achtzehn Menschen, darunter neun Kinder, bevor sie sich selbst töteten.

»Wollen wir die Aktion nicht verschieben?«, fragte Sam.

Er war als Einziger unserer Gruppe gegen die Kriegsmalerei. Wir stimmten über seinen Vorschlag ab. Er stand allein da mit seiner Meinung. Alle anderen fanden, dass dieses Gemetzel nichts am Leid Palästinas änderte.

»Das ist der Preis des Kampfes«, meinte einer von uns sogar.

»Was?«, fragte Sam. »Neun Kinder?«

Er hatte sich erhoben, ruhig und imposant. In den drei Monaten, die er schon als Flüchtling in Frankreich war, hatte ich nie erlebt, dass er laut wurde, die Fäuste ballte oder Zornesfalten zeigte. Bei unseren Kämpfen weigerte er sich, zu einer Eisenstange zu greifen. Ein Molotow-Cocktail, fand er, sei kein Argument. Sam war groß, muskulös und irgendwie knorrig, wie ein alter Olivenbaum. Manchmal hielten die Leute ihn für einen Flic. Seine kurzen grauen Haare zwischen unseren linken Mähnen, sein Tweedjackett, das sich an unseren Blousons rieb. Die Art, wie er einen Ort betrachtete, einen Blick erforschte, nie zurückwich. Oder wie er den Gegner langsam mit seinem Lächeln gefrieren ließ. Wir fürchteten die Polizei, die Rechtsextremen oder einen zionistischen Hinterhalt, er fürchtete nichts dergleichen. Nachdem er die Diktatur, die Schlacht um Athen und das Gefängnis erlebt hatte, waren unsere Kämpfe für ihn eine Art Operette. Das sei kein Urteil über unser Engagement, sagte er. Nur dass am Morgen beim Appell keiner von uns fehlen würde. Dass wir keinen Toten zurücklassen mussten. Unser Zorn sei ein Slogan, unsere Wunde ein blauer Fleck, und unser vergossenes Blut passte in ein Taschentuch. Was er fürchtete, waren Gewissheiten, nicht Überzeugungen.

Einmal hinderte er mich daran, an einer Straßenkreuzung mit den anderen »Polizei – SA, SS« zu brüllen, indem er mich einfach am Arm nahm und mir mit seinen schwarzen Augen tief in meine blickte. Mitten im Tränengas. Dann fragte er mich zwischen zwei furchtbaren Hustenanfällen, ob ich Alois Brunner kenne. Ich schaute ihn verständnislos an, beängstigt von seiner Ruhe. Alois Brunner? Ja, klar, den Nazi-Kriegsverbrecher. Das Gas stank nach Schwefel, unsere Steine mischten den Himmel auf, Schlagstöcke trommelten rhythmisch auf die Schilde. Wir beide standen auf dem Bürgersteig, um uns herum Schreie. Er riss mir meine Eisenstange aus der Hand und warf sie in den Rinnstein. Streifte sein Tuch vom Gesicht und schob mich vor sich her. Ich wehrte mich heftig.

»Spinnst du?«

Er bugsierte mich bis vor den Polizeikordon, wie ein Zivilbeamter, der seine Beute zur Wanne mit den Verhafteten schleppt.

»Na los, Georges, zeig mir Brunner!«

Ganz allein standen wir mitten auf der Straße vor der Bullen-Kette, während die Genossen rundum zurückströmten. Die Polizisten machten sich zum Angriff bereit. Einer von ihnen ging die Reihen entlang und schrie zum Sammeln.

»Und? Welcher ist Brunner? Sag schon!«

Sam ließ mich nicht los. Mit dem Finger zeigte er auf die behelmten Männer.

»Der da? Der da? Wo versteckt sich das Schwein?«

Dann ließ er mich los. Die Polizisten stürmten brüllend auf uns zu. Sam zog eine Haustür auf und schubste mich hinein. Ich weinte und zitterte vor Atemnot. Er erstickte fast. Vor der geschlossenen Tür tobte der Straßenkampf. Schreie, Beschimpfungen, platzende Tränengaspatronen. Ich saß unter den Briefkästen, an die Tür gelehnt. Sam ging neben mir in die Hocke, die Hand gegen die Wand gestemmt, um wieder Luft zu kriegen. Mit dem Finger zog er mir das Tuch vom Mund.

»Da war kein Alois Brunner, Georges. Da waren keine SS-ler mit Hunden und Peitschen. Also erzähl nie wieder so einen Schwachsinn, okay?«

Ich gab ihm recht. Ein bisschen. Es fiel mir nicht leicht. Ich hätte erwidern können, dass eine Parole ein griffiges Bild ist, eine Zuspitzung, eine Gedankenskizze, hatte aber weder Lust noch den Mut dazu. Ich wusste, dass er recht hatte.

»Lass nicht die Klugheit fahren«, bat Sam.

Dann half er mir beim Aufstehen.

»Brot, Bildung, Freiheit!«, hatten sie in Athen gesungen. Die schönste Losung, die der Zorn Menschen je eingegeben hatte, fand er. Und er, der griechische Widerstandskämpfer, war gegen die Idee mit der Palästina-Fahne. Es sei ein Fehler, sie am Tag nach einem Massaker an eine Straßenecke zu schmieren, wiederholte er. Er war nervöser als sonst. Schaute allen, Jungen und Mädchen, nacheinander in die Augen, um sie zu überzeugen. Er atmete schwer, sein Französisch bröckelte und mischte sich mit seiner Muttersprache, er klang wieder nach Exil. An diesem Tag, glaube ich, sprach insgeheim der Jude aus ihm, der Mensch, der leben wollte, nicht siegen. Als es zur Abstimmung kam, hob er die Hand. Als Einziger. Er hatte verloren. Ich habe dummerweise geklatscht, erinnere ich mich. Wir waren freudig erregt, wie Kinder im Zirkus. Nicht dass wir den Tod der neun Kinder begrüßt hätten, wir feierten nur unsere Entschlossenheit.

»Keiner von euch war je in Gefahr«, sagte Sam.

Er senkte den Blick. Er hätte einfach den Raum verlassen können, aber das war nicht seine Art. Nie hätte er bei Freunden die Tür zugeknallt. Er hatte nur gesagt, was er für richtig hielt. Und erklärte sich sogar freiwillig bereit, uns zu begleiten.

»Damit ihr die Fahne nicht verkehrt rum malt«, erläuterte er, ohne zu lächeln.

*

Im Januar 1974, als Samuel Akounis in mein Leben trat, waren schon zwei Chilenen bei uns. Sie hatten dem Movimiento de Izquierda Revolucionaria angehört und Santiago ein paar Tage nach dem Putsch verlassen. Nach einem Monat in London hatten sie sich für Frankreich entschieden, wegen der Sprache, und für Paris, wegen der Kommune. Sie waren illegal da. Der Grieche war einfach so gekommen. Aus Athen in den Hörsaal 34B der Uni Jussieu, um Zeugnis abzulegen von der Diktatur der Obristen. Der Saal war voll, ich saß ganz vorn auf den Stufen, das rechte Bein ausgestreckt. Ein Schauer ergriff mich: Vor uns stand ein Widerstandskämpfer.

»Ich heiße Samuel Akounis und überbringe euch heute den Gruß der Studenten des Polytechnions, die sich den Panzern der Diktatur entgegenstellten …«

»Und was ist mit den Studentinnen?«, unterbrach ihn eine Stimme aus dem Saal.

Schweigen. Ein paar Frauen beklatschten die Bemerkung. Der Grieche lächelte. Amüsiert. Sah die junge Frau an, die zwischen den Sitzreihen stand. Aurore.

»Ich dachte, das versteht sich von selbst, Mademoiselle. In Ihrem Land aber anscheinend nicht.«

Sein Französisch war hinreißend, wie eine heimlich erlernte Sprache. Er trank das Glas Wasser, das auf dem Tisch stand, und betrachtete die schweigende Menge. Der Mann neben ihm forderte ihn auf fortzufahren. Es war weder ein Kommilitone noch ein Professor. Er hatte den Saal gemeinsam mit dem Griechen betreten. Sein Gesicht kam mir bekannt vor.

»Also, ich heiße Samuel Akounis und überbringe euch heute die Grüße der Studentinnen und Studenten des Polytechnions, die sich den Panzern der Diktatur entgegenstellten, wobei die Diktatur eigentlich männlich sein müsste …«

Klatschen, Lachen. Aurore hob die Hand und gab sich geschlagen. Samuel begann zu berichten. Ohne Effekthascherei, eine präzise, düstere Schilderung: Am 14. November 1973 beschließt die Studentengewerkschaft des Polytechnions, die Vorlesungen zu bestreiken. Hunderte Studenten anderer Hochschulen schließen sich an und fordern den Sturz der Diktatur. Nachts versammeln sich Tausende um das Gebäude. Am nächsten Tag kommen die Anwohner zur Verstärkung. Junge, Alte, Familien mit Kindern. Das Polytechnion wird besetzt, das Eingangstor von den Studenten verrammelt. Ein Ordnungsdienst wird aufgestellt. Aufgaben werden verteilt, die Versorgung, Schlafstellen und eine Zugangskontrolle organisiert. Eine Krankenstation wird eingerichtet, ein freies Radio ins Leben gerufen, das in der ganzen Stadt ausgestrahlt wird. Auf den Straßen werden Barrikaden errichtet. Dann kommen Abordnungen der Bauern und Arbeiter. Einfache Leute, die genug haben von den Obristen. Und Nikos Xylouris, der kretische Künstler, der inmitten der Streikenden singt: »Der Feind ist in der Stadt.«

Der Grieche...


Große, Brigitte
Brigitte Große, 1957 in Wien geboren, studierte Philosophie, Musikwissenschaft, Soziologie und Psychologie in Wien und Hamburg. Anschließend war sie als Lektorin und Redakteurin tätig. Sie lebt heute als Übersetzerin aus dem Französischen und dem Englischen in Hamburg. Sie überträgt unter anderem Amélie Nothomb, Frédéric Beigbeder und Georges-Arthur Goldschmidt ins Deutsche. 1994 und 2015 erhielt Brigitte Große den Hamburger Förderpreis für Literatur und literarische Übersetzungen. Sie war Trägerin des Hieronymusrings und wurde 2017 mit dem Österreichischen Staatspreis für literarische Übersetzung ausgezeichnet.

Chalandon, Sorj
Sorj Chalandon, geboren 1952 in Tunis, gilt als einer der bedeutendsten Journalisten und Schriftsteller Frankreichs. Viele Jahre lang schrieb er für die Zeitung ›Libération‹, seit 2009 ist er Journalist bei der Wochenzeitung ›Le Canard enchaîné‹. Für seine Reportagen über Nordirland und den Prozess gegen Klaus Barbie wurde er mit dem Albert-Londres-Preis ausgezeichnet. Auch sein schriftstellerisches Schaffen wurde mit zahlreichen Literaturpreisen gewürdigt, unter anderen dem Prix Médicis und dem großen Romanpreis der Académie française.

Sorj Chalandon, geboren 1952 in Tunis, gilt als einer der bedeutendsten Journalisten und Schriftsteller Frankreichs. Viele Jahre lang schrieb er für die Zeitung ›Libération‹, seit 2009 ist er Journalist bei der Wochenzeitung ›Le Canard enchaîné‹. Für seine Reportagen über Nordirland und den Prozess gegen Klaus Barbie wurde er mit dem Albert-Londres-Preis ausgezeichnet. Auch sein schriftstellerisches Schaffen wurde mit zahlreichen Literaturpreisen gewürdigt, unter anderen dem Prix Médicis und dem großen Romanpreis der Académie française.

Sorj Chalandon, geboren 1952 in Tunis, gilt als einer der bedeutendsten Journalisten und Schriftsteller Frankreichs. Viele Jahre lang schrieb er für die Zeitung ›Libération‹, seit 2009 ist er Journalist bei der Wochenzeitung ›Le Canard enchaîné‹. Für seine Reportagen über Nordirland und den Prozess gegen Klaus Barbie wurde er mit dem Albert-Londres-Preis ausgezeichnet. Auch sein schriftstellerisches Schaffen wurde mit zahlreichen Literaturpreisen gewürdigt, unter anderen dem Prix Médicis und dem großen Romanpreis der Académie française.



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