Cerha | Traumrakete | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

Cerha Traumrakete


1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-627-02259-4
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

ISBN: 978-3-627-02259-4
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine geheimnisvolle Unbekannte in beigem Trenchcoat, eine schöne Frau in einem zerrissenen weißen Kleid, eine schimmernde Stadt am Horizont, jenseits eines Abgrunds - was haben diese Traumbilder zu bedeuten, die Dave allnächtlich heimsuchen? Mit seiner Frau Janet, einer Chirurgin an einem Wiener Krankenhaus, kann er nicht mehr offen reden, seine Tochter Mel hat er an die Pubertät und seinen Sohn Max an die fantastischen Welten von Computerspielen verloren. Nur mit Nobbs, seinem Jüngsten, der nachts eine Freundschaft mit einem geträumten Roboter auf einem fremden Planeten pflegt, fühlt er sich verbunden. Seine Träume führen ihn ins New York der 1970er Jahre, zurück in seine Kindheit, überschattet von der Dominanz seines Vaters und der Verlorenheit seiner österreichischen Mutter, deren Eltern vor den Nazis geflüchtet waren. Dave fliegt nach New York, trifft Bill, den Bruder seines Vaters, einen Vietnam-Veteranen, der ihm ein Familiengeheimnis offenbart. In ihrem Roman 'Traumrakete' schickt Ruth Cerha ihren sympathischen Helden auf eine spannende Spurensuche in die eigene Psyche. Sein Weg führt durch geheimnisvolle Traumwelten, über die Brücke zwischen Bewusstem und Unbewusstem bis in den toten Winkel der eigenen Familiengeschichte. Der Roman 'Traumrakete' kreist um luzide Träume und blinde Flecken, führt von Wien bis nach New York und damit zum Ursprung verdrängter Wahrheiten, die weit über die Generationen hinweg ihre Wirkung entfalten.

Ruth Cerha wurde 1963 in Wien geboren. Nach einer klassischen musikalischen Ausbildung und einem Studium der Psychologie arbeitete sie als Musikerin und Komponistin mit verschiedenen Bands. Seit 2004 schreibt sie Prosa. Sie unterrichtet Klavier, Gesang und Creative Writing und lebt als freie Schriftstellerin in Wien.
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23. Dezember 2014. Dienstag. Blau.


Die hinlänglich erprobte, gut eingespielte Feindseligkeit zwischen Dave und Janet, die regelmäßig vor Weihnachten einen zusätzlichen Drive bekam, als wäre der eigentliche Zweck des Festes, ihr Beziehungsdrama aufzuführen, eskalierte durch das, was Max Vatergate nannte, zum Kalten Krieg. Sie machten dem Paradoxon dieser Kriegsform alle Ehre: Wettrüsten, um den Atomkrieg zu vermeiden, von dem sie beide wussten, dass niemand ihn überleben würde. Janet nahm sich frei, etwas, das sie um diese Zeit zuletzt getan hatte, als ihr eigener Vater im Sterben lag, also vor zehn Jahren. Es war Dave ein Rätsel, wie sie es angestellt hatte, so kurzfristig Urlaub zu bekommen, aber vielleicht hatte sie ja alles von langer Hand geplant und ihm nichts davon gesagt. Wie auch immer: Es war offensichtlich, dass sie die Kontrolle über die internen Vorgänge im Staate Glennard-Sternberg an sich reißen wollte.

Dave erwachte aus einem verworrenen Traum, dessen Details schlagartig im Schmalz von Bing Crosbys Stimme versanken.  … Dave hielt sich reflexartig die Ohren zu, doch es war zu spät, jegliche Erinnerung war unwiederbringlich verloren. Zu allem Überfluss stieg ihm ein süßlicher Duft in die Nase und löste ein mit vermehrtem Speichelfluss verbundenes Knurren seines leeren Magens aus. Er spürte, wie seine zurzeit ständig latent vorhandene Gereiztheit binnen Sekunden von null auf hundert kochte, sprang auf und riss das Fenster auf. Die Sonne schien erneut von einem wolkenlosen Himmel. Dave schlüpfte in seine Jeans und ging in die Küche. Janet hatte sich eine Schürze umgebunden und stach gemeinsam mit Nobbs Kekse aus einer großen Teigplatte. In den letzten fünfzehn Jahren war das sein Job gewesen, er hätte nicht gedacht, dass Janet überhaupt wusste, wie man einen Teig knetete. Doch hier stand sie und hantierte mit Keksausstechern, als wären es chirurgische Instrumente. Nobbs wühlte gerade suchend in der Dose mit den Formen herum. Als er Dave bemerkte, kam er begeistert auf ihn zugerannt.

Dad, rief er, schau mal, Mom und ich backen Kekse.

Das sehe ich, sagte Dave und hasste sich für seinen bissigen Unterton.

Wir haben schon Herzen gemacht und Engel und Elche und Sterne und Monde. Und einen großen Weihnachtsmann. Er nahm Daves Hand und zerrte ihn zur Anrichte, wo die bereits fertigen Kekse zum Auskühlen ausgebreitet lagen.

Wo sind die Raketen?, fragte Dave.

Nobbs brauchte einen Augenblick, um zu begreifen, und Janet sagte sofort: Wieso Raketen, bist du irre? Wir waren uns einig, dass wir den Kindern kein Kriegsspielzeug kaufen und jetzt willst du Kekse in Raketenform?

Ich rede ja nicht von Mittelstreckenraketen, sagte Dave.

Jaaaa, Raketen, jauchzte Nobbs, bei dem inzwischen der Groschen gefallen war, die bring ich dann Ben mit!

Wer ist Ben?, fragte Janet. Ist das der Neue aus dem Kindergarten?

Dave und Nobbs lachten.

Janet blickte von der Teigplatte auf, und Dave sah für einen winzigen Moment eine Verletztheit in ihrem Gesicht aufblitzen, ein blankes Stück Metall, auf das ein Lichtstrahl fiel, dort, wo der Lack abblätterte. Er fühlte Genugtuung und gleich darauf Scham, doch die Genugtuung war stärker.

Ben ist mein Freund, sagte Nobbs, aber nicht aus dem Kindergarten. Er lebt nicht hier.

Was heißt das: Er lebt nicht hier?

Dave war klug genug, zu schweigen. Das hier arbeitete von selbst, und es arbeitete für ihn.

Er lebt auf einem anderen Planeten, erklärte Nobbs.

Janet warf Dave einen fragenden Blick zu, doch er wandte sich ab, griff nach Janets Handy und würgte endlich Bing Crosby ab. Er konnte nicht umhin, zu bemerken, dass Nobbs seine Informationen, für ihn völlig untypisch, in kleinen Portionen preisgab. Doch Janet hatte eine Mission, sie musste verlorenes Gebiet zurückerobern, also blieb sie hartnäckig.

Hast du von ihm geträumt?, fragte sie in einem bemüht selbstverständlichen Ton.

Ja, sagte Nobbs. Mehr nicht. Er wusste genau, dass er hier vom feindlichen Lager verhört wurde. Dave gab vor, sich mit den Playlists auf Janets Telefon zu beschäftigen.

Schon öfters?

Ja. Nobbs spielte mit einer Fischform herum, wahrscheinlich dachte er darüber nach, wie man einen Fisch zu einer Rakete umfunktionieren konnte.

Na denn, sagte Janet schließlich mit angestrengter Munterkeit, dann eben Raketen, und Dave erkannte an ihrer Stimme, dass auch sie begriffen hatte: Nobbs hatte gelernt, ihr gegenüber bestimmte Dinge für sich zu behalten. Sie selbst hatte es ihm beigebracht, doch zufrieden machte sie das nicht.

Dave ging hinüber zu Max, dessen Tür ungewohnterweise offen stand. Mel lag auf dem Sofa und drückte auf ihrem Handy herum, Max spielte .

Irgendjemand, der mit mir den Baum schmücken möchte?

Mel sah auf. Wieso macht das nicht Mom, wie sonst immer?, fragte sie.

Weil sie mit Nobbs Kekse bäckt, sagte Dave.

Mel schüttelte den Kopf. Ihr benehmt euch komisch. Noch komischer als sonst.

Es herrscht Krieg, falls du das noch nicht bemerkt hast, meldete sich Max aus dem Hintergrund und fuhr fort, Gänge entlangzulaufen und alles totzuschießen, was sich darin bewegte.

Ein komischer Krieg, stellte Mel fest.

Dave überging diesen Teil der Unterhaltung geflissentlich. Was ist jetzt mit dem Baum? Wenn ich dieses Monster alleine behängen muss, bin ich zu Silvester noch nicht fertig.

Mel seufzte und schälte sich aus den Kissen wie eine rheumatische Hundertjährige. Wie ist das eigentlich, fragte sie, muss ich Grandpa was schenken?

Also ich schenk ihm nichts, sagte Dave.

Schon klar. Aber das ist was anderes.

Wieso?

Ach Dad, sagte Mel und bedachte ihn mit diesem mitleidigen Blick, den sie für besonders hoffnungslose Fälle im Repertoire hatte. Lass uns einfach den blöden Baum schmücken, okay?

Janet war offenbar entschlossen, den Weg, den sie mit der Wahl der Riesentanne eingeschlagen hatte, bis zum bitteren Ende zu gehen. Sie kaufte so viel zu essen ein, dass selbst der amerikanisch dimensionierte Kühlschrank, auf dessen Kauf sie vor einigen Jahren bestanden hatte, nicht ausreichte, um zumindest die verderblichen Lebensmittel zu beherbergen, und sie die Sachen teilweise auf den äußeren Fensterbrettern parken musste. Leider entsprach die Temperatur dort keineswegs jener, die organischen Verbindungen Haltbarkeit verlieh, das Gemüse sah innerhalb weniger Stunden einigermaßen schlaff aus, der Käse sonderte das in ihm enthaltene Fett ab wie Menschen Schweiß, und über den Weintrauben versammelte sich eine Horde glückseliger Obstfliegen. Aber sie hatte keine Wahl: Sie hatte bereits die Inneneinrichtung des Kühlschranks umbauen müssen, um den furchterregenden Truthahn olympischen Ausmaßes unterzubringen, von dem Dave nicht ganz sicher war, ob er überhaupt ins Backrohr passte, aber das war ja nicht sein Problem. Hauptsache, es war genug Alkohol eingekühlt.

Dave sah zu, wie Janet sich zwischen den Essensbergen abplagte, Kochbücher wälzte und Food blogs konsultierte. Sie hätte ihn fragen, ihn um Hilfe bitten können, doch die CIA konnte ja schlecht beim KGB anrufen und sagen: Hi, Jungs, irgendwie wissen wir gerade nicht so richtig weiter, könnt ihr uns vielleicht ein paar Tipps geben? Dave hätte ihr sagen können, dass sie sich übernahm. Janet konnte kochen, aber sie war völlig ungeübt. Seit Jahren hatte sie nichts mehr anderes zubereitet als einfache Pasta und Salate. Er war der Koch, nicht der geborene, aber der durch die tägliche Anforderung gewordene. Eine Familie zu bekochen, deren Mitglieder oft zu unterschiedlichen Zeiten aßen, mit Kindern, die in bestimmten Phasen gewisse Dinge gar nicht oder ausschließlich oder nur in festgelegten Kombinationen aßen, war eine Schule in Logistik und Flexibilität, die Dave jedem Manager empfehlen konnte. Janet war bereits überfordert, wenn einer Rührei und der andere Spiegelei zum Frühstück wollte. Doch nun hatte sie sich in den Kopf gesetzt, das perfekte Weihnachtsessen für sechs Personen auf den Tisch zu bringen, und das, wie es aussah, ohne jegliche Hilfe. Sie versuchte nicht einmal, Mel und Max einzuspannen, obwohl sie sonst die Meinung vertrat, die beiden sollten mehr im Haushalt mithelfen, und Dave vorwarf, dass er sie diesbezüglich zu wenig in die Pflicht nahm. Sie hatte sich die Schürze umgebunden, die sie Dave vor Jahren zum Geburtstag geschenkt hatte, auf der W. C. Fields zitiert wurde: Sie bemühte sich redlich, Fields gerecht zu werden. Um vier Uhr nachmittags schenkte sie sich das dritte Glas Chardonnay ein, während sie in einer Art Waschtrog eine Marinade für den Truthahn anrührte. Dave genehmigte sich ebenfalls ein Achtel, holte seine Gitarre, setzte sich an die Bar und begann zu spielen. Eine Weile improvisierte er über ein einfaches Bluesschema, ließ sich von dort in jazzigere Gefilde treiben, mäanderte zwischen ein paar schrägen Akkorden herum und landete schließlich bei Tom Waits. Die ganze Zeit über behielt er Janet im Blick, folgte ihr mit den Augen. Sie hasste Waits. Er wartete auf eine genervte Reaktion von ihr, eine abfällige Bemerkung, versteckte Bösartigkeit oder offene Wut, aber Janet ließ sich nicht hinreißen. Sie rührte, schwitzte, bekam rote Flecken im Gesicht und hielt den Mund. Da erst begriff Dave, wie ernst es Janet war mit diesem Krieg, und im selben Moment verlor er jegliches Interesse daran. Er hatte keine Ahnung, wem Janet was beweisen wollte:...


Ruth Cerha wurde 1963 in Wien geboren. Nach einer klassischen musikalischen Ausbildung und einem Studium der Psychologie arbeitete sie als Musikerin und Komponistin mit verschiedenen Bands. Seit 2004 schreibt sie Prosa. Sie unterrichtet Klavier, Gesang und Creative Writing und lebt als freie Schriftstellerin in Wien.



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