Buch, Deutsch, Band 08, 320 Seiten, Format (B × H): 125 mm x 202 mm, Gewicht: 398 g
Reihe: PERLEN
Roman | Vielleicht bringen die Geheimnisse unserer Nächte Licht in unsere Tage | Reihe PERLEN Band 8
Buch, Deutsch, Band 08, 320 Seiten, Format (B × H): 125 mm x 202 mm, Gewicht: 398 g
Reihe: PERLEN
ISBN: 978-3-7374-1265-0
Verlag: Marix Verlag
Aurora schläft nicht mehr, seit Lupo sie wortlos verlassen hat. Sie hat Angst, nachts vor Traurigkeit das Atmen zu vergessen. Da ihre Tage immer mehr unter der Schlaflosigkeit leiden, wendet sich an ein Schlafzentrum. Sie erfährt, dass sie eine Nacht im Schlaflabor verbringen muss, wo ihr Schlafverhalten gefilmt wird. Die Aufnahmen werden ausgewertet, die Patienten bekommen sie jedoch nicht zu Gesicht: Sie könnten Angst auslösen. Was verbirgt sich im Schlaf? Was offenbart er? Zu wem werden wir, wenn wir schlafen? Auf dem Schreibtisch des Mediziners liegt ein Stapel DVDs von Schlafenden. Aurora, kurz allein im Raum, folgt einem Impuls, steckt die oberen drei ein und geht. Tags darauf unterrichtet sie Italienisch in Marseille und fühlt sich oft in sich fremd. Nachts, schlaflos, reist sie vor dem Bildschirm durch die Nächte dreier Fremder: Ismael, der Junge mit den unruhigen Beinen, Marius, der Instrumente baut und Angst hat, sie zu spielen, André, ein Seemann, der nicht mehr zur See fahren darf, weil er an Narkolepsie leidet und permanent Gefahr läuft, am Ruder einzuschlafen. Aurora hat das unbedingte Gefühl, sie treffen zu müssen. Sie ruft die Nummern auf den DVDs an und gibt sich als Mitarbeiterin des Schlafzentrums aus … Der achte Band in der Reihe PERLEN – Bedeutende italienische Autorinnen des 20. und 21. Jahrhunderts von Klaudia Ruschkowski.
Zielgruppe
allgemein belletristisch interessiert | Lesemotiv Leichtlesen | Lesemotiv Eintauchen
Weitere Infos & Material
Mein Name ist die Grenze zwischen Nacht und Tag, ich bin der Übergang. Aurora. Ich warte auf den Morgen, bleibe aber im Bett liegen, mit geschlossenen Augen. Wir verbringen viel zu viel Zeit aufrecht, den Kopf erhoben, die Füße auf dem Boden, die Beine, die alles stützen müssen, due Schultern krumm. Wenn ich mich ausstrecke, dann strecken sich in mir auch meine Sprache und meine Gedanken aus, die Wörter verändern ihren gewohnten Weg von Nord nach Süd, werden langsamer und unvorhersehbarer. Es gibt Geschichten, die man nur im Liegen erzählen kann, und ich bleibe liegen, um ihnen zuzuhören, mit geschlossenen Augen. Schlafen ist etwas anderes, schlafen macht mir Angst. Zum ersten Mal wurde mir das in einer Nacht vor zwei Jahren bewusst, denn im Schlaf habe ich vergessen zu atmen. Für ein paar Sekunden ist alles stehengeblieben, ich bin gegangen, habe meinen Körper preisgegeben und ihn im Bett unter der Decke zurückgelassen. »Aurora, Aurora«, rief er nach mir. Ich hörte meinen Namen durch das Zimmer kreisen und die Luft, die sich irgendwo versteckt hatte, machte wieder ein Geräusch. Ich bin erwacht, seine Hand auf meinem Herzen, ich kam von weither. »Du hast nicht mehr geatmet«, sagte er besorgt. Vielleicht war es mir zuvor schon einmal passiert und es konnte mir von da an jede Nacht zehnmal zustoßen, aber ich werde es nie erfahren, denn er ist fort und ich schlafe jetzt allein. Nachts kann ich mir nicht mehr vertrauen. Der Schlaf ist mein Abgrund, ein dunkles Meer, in das ich hineingleite, in dem ich verschwinde. Hände drücken auf meine Brust, das Zimmer schrumpft, die Wände rücken auf mich zu und dann wird der Raum zu meinem Körper, der sich zusammenzieht, der mich umspannt. Die Luft entweicht und ich werde vom Bett verschluckt, jäh tauche ich wieder auf und beginne zu husten, den Mund aufgerissen wie die Fische, die an die Oberfläche kommen. Atmen ist ein Kunststück. Alles die Schuld von Undines Fluch. Das kann kein Zufall sein: Und jetzt gibt es nachts, während ich mich im Bett wälze, immer einen Moment, wo ich an Undine denke. Und an dich. […] »Wissen Sie, dass man tausendfünfhundert Seiten braucht, um die Aktivität eines schlafenden Gehirns aufzuzeichnen?« Der Schlafmediziner öffnet einen Schrank und entnimmt ihm einen neuen Patientenbogen: meinen. Tausendfünfhundert Seiten, durchkreuzt von einer Odyssee aus Linien, Unebenheiten, Bergsilhouetten, Vorsprüngen, das Kritzelkratzel eines Kindes oder eine Geheimsprache. Ich war noch vor elf Uhr dort. Im dritten Stock folgte ich dem handgeschriebenen Hinweis »Schlafzentrum« und dann den Pfeilen, die in einen langen, fensterlosen Flur wiesen. Ich hatte mir einen großen Raum voller Betten vorgestellt, Menschen, die überall schlafen, eine diffuse Trägheit, Lavendelduft. Dagegen verwandelt sich das Krankenhaus hinter einer Glastür in ein Schlaflabor. Keine deutliche Grenze, nur ein Schild mit der Aufschrift »Ruhe«. Im Warteraum sitzen drei Männer. Wach. Ich wusste nicht einmal, dass »Schlafzentren« existieren, mein Arzt hat mir gesagt, es gebe eins im Hôpital Nord. Die Warteliste ist extrem lang, ich musste mich hundertelf Nächte bis zu diesem ersten Termin gedulden, an dem all meine Hoffnungen hängen. Heute treffe ich jemanden, der mich zum Schlafen bringt, der Undines Fluch aufhebt.




