E-Book, Deutsch, 336 Seiten
Cave Und die Eselin sah den Engel
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-641-14624-5
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 336 Seiten
ISBN: 978-3-641-14624-5
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Euchrid Eucrow ist das Produkt mehrerer Generationen von Inzucht. Seine Mutter ist eine Säuferin und sein Vater ein wortkarger Fallensteller. Wortlos wächst er in einem fundamentalistischen Südstaatenkaff auf, welches von einer eigenartigen Sekte und vom Anbau von Zuckerrohr lebt. Euchrid wird von den Städtern gejagt und misshandelt. Nur die Hobos des Ortes stehen noch unter ihm. Getrieben von sozialer Isolation, flüchtet er sich in Wahnvorstellungen und kreiert seine eigene Welt.
Nick Cave, geboren 1957 in Warracknabeal, Australien, ist Musiker, Texter, Dichter, Drehbuchautor und Schauspieler. Er gründete die Bands The Birthday Party, The Bad Seeds und Grinderman und veröffentlichte als deren Frontmann zahlreiche erfolgreiche Alben. Zuletzt erschein 2013 das vielfach ausgezeichnete Album Push the Sky Away. Nach Und die Eselin sah den Engel erschien 2009 Caves zweiter Roman Der Tod des Bunny Munro, der in über 30 Ländern veröffentlicht wurde. 2014 kam die autobiografische Film-Doku 20.000 Days on Earth in die Kinos.
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I
Es war sein Bruder, der an diesem Morgen, dem Morgen ihrer Geburt, das Netz zerriß, und als sollte dieser einzige Akt der Selbstbehauptung einen negativen Präzedenzfall für die Trägheit seines künftigen Lebens schaffen, packte Euchrid, noch namenlos, die Fersen seines Bruders, um mit der ganzen Herrlichkeit eines ungebetenen Gastes in die Welt zu plumpsen.
Der geschmolzene Blitz der Mittagssonne schwang am Himmel und hämmerte auf das Blechdach und die geteerten Bretterwände der Hütte nieder. Drinnen in der fürchterlichen Hitze saß Pa inmitten seiner raffinierten Gerätschaften aus Federn und Stahl schwitzend am Tisch und schmierte seine Fallen, wobei er sich vergebens mühte, die Ohren vor dem betrunkenen Gezeter seiner Frau abzuschotten, die keifend auf dem Rücksitz des alten ausgebrannten Chevys lag. Er war der Stolz des Schrotthaufens, dieser Wagen, und er stand, auf Ziegelsteine aufgebockt, draußen hinter der Hütte wie ein mächtiger Panzer, den irgendein allzu großes Kriechtier angewidert abgestreift hatte.
Dort wand seine trunksüchtige Gattin sich in den Wehen und kreischte gegen das Wunder an, das in ihr schwoll und um sich trat; sie lutschte an ihrer Flasche White Jesus, schaukelte den Chevy auf seinen Stelzen, stöhnte und schrie, schrie und stöhnte »Pa! Pa-a! Pa-a-a!«, bis sie hörte, wie die Tür der Hütte aufging und wie die Tür der Hütte zuging, woraufhin sie von dem Morgen Abschied nahm und das Bewußtsein verlor.
»Zu besoffen zum Pressen«, erzählte Pa Euchrid dann später.
Pa entwand die Schnapsflasche ihrem schmutzigen Griff, denn selbst in ihrer Ohnmacht wollte sie nicht davon lassen, und zerschlug sie bedächtig an der rostigen Heckflosse des Wagens.
Er nahm seine Intuition als Hebamme und eine große Glasscherbe als Schneidwerkzeug, spreizte seine schwangere Frau auseinander und begoß ihre Geschlechtsteile mit Kartoffelschalenschnaps. Und unter endlos aus seinem Mund strömenden Flüchen, unterm Gesumm der Sommerinsekten, unter der vom wolkenlosen Himmel strahlenden Sonne, unter höllischem Kreischen und einem Schwall von Ausfluß flutschten zwei glitschige Bündel ans Licht.
»Gott! Zwei!" schrie Pa, doch einer starb schon bald.
Auf dem Tisch in der Hütte standen Seite an Seite zwei mit Zeitungspapier ausgelegte Obstkisten. Die Tierfallen waren weggeräumt und hingen jetzt an den Wänden.
Zwei Kisten, und in jeder ein Baby. Pa starrte hinein.
Beide lagen vollkommen still und reglos auf dem Rücken, nackt wie der junge Tag und mit großen suchenden Augen. Pa zog einen zerkauten Bleistiftstummel aus der Hosentasche, beugte sich über die Kleinen und schrieb blinzelnd ans Fußende der Krippe des Erstgeborenen »Nr. 1«; leckte dann die Spitze und schrieb »Nr. 2« an die Krippe, in die er Euchrid gelegt hatte. Darauf trat er zurück und stierte vom einen zum andern, und der eine und der andere erwiderten seine Blicke voller Ernst.
Sie hatten seltsam mandelförmige Augen mit leicht geschwollenen, fast wimperlosen Lidern; blau, aber so blaß, daß es an Rosa grenzte; aufmerksam und gespannt, ruhten sie keinen Augenblick – eher schien es, als schwebten sie, diese unheimlich vibrierenden Augen, als schwebten sie zitternd in ihren brauenlosen Höhlen.
Der kleine Euchrid hustete kurz und heftig, wobei die winzige rosa Zunge über die Unterlippe flappte und sich dann wieder nach innen verzog. Und als habe er nur auf ein Zeichen gewartet und es in Euchrids zaghaftem Huster erkannt, schloß der tapfere kleine Erstgeborene die Augen und fiel in einen Schlummer, aus dem er nicht mehr aufwachte.
»Auf Wiedersehen, Bruder«, hab ich zu mir gesagt, als er sich fortschlich, und eine ganze Minute lang dachte ich, auch ich würde untergehen, so verdammt kalt war sein Sterben.
Und dann erscholl das heisere Gezeter von Dero Oberschlampe, meiner Mutter, durch die stille Nacht, ließ Ma rauhe Flüche aus dem Anus der Obszönität fahren, hämmerte an die Innenwand des Chevys und kreischte: »Wooo’s meine Flaasche!«
»Wooo’s meine Flaasche!!«
Pa hatte mir zwei behelfsmäßige Haltegurte um Brust und Knöchel gespannt, die mich in meiner Kiste – meinem Bettchen – in eine waagerechte Haltung zwangen, doch überwältigt von dem nagenden Bedürfnis, zu sehen, was mein Bruder jetzt machte, nachdem er so spontan in die Ewigkeit abgetreten war, hob und reckte ich mit aller Mühe meinen Kopf, in der Hoffnung, ihn wenigstens kurz einmal zu Gesicht zu bekommen.
Ohne Vorwarnung ins Leben befördert, ausgestoßen aus der schnapsgetränkten geronnenen Milch der Schwangerschaft – ach, diese trauliche Höhle, in der wir so lange schwammen! – und jetzt vom Trauma der Geburt erschüttert hier alleingelassen, hatte ich, wie ihr euch wohl denken könnt, eine peinlich unvollkommene Vorstellung von jenem allerletzten Rätsel. Ich mein, woher hätt ich wissen sollen, wie verflucht tot ein Toter wirklich war?
Jedenfalls, so sehr ich auch strampelte und mir den Hals verrenkte, die Gurte gaben einfach nicht nach – kein bißchen, und am Ende ließ ich alle Hoffnung fahren. Völlig erschöpft und außer Atem lag ich bloß noch da und dachte, ja, dachte an den seligen Bruder in der Obstkiste neben mir, dachte, wie zum Teufel soll er in den Himmel kommen, wenn er auch nur halb so viel Mühe hat wie ich, seine Fesseln abzustreifen?
Aber bei diesem ersten großen vergeblichen und letztendlich unheilvollen Kampf war es mir gelungen, einen kleinen Arm freizubekommen – und nun klopfte ich mit einem larvengroßen Knöchel eine Botschaft, wobei ich einen Kode aus Pochen und Klopfen und Pausen benutzte, den mein Bruder und ich uns ausgedacht hatten, als wir noch im murmelnden Schnurren des Mutterleibs schwammen.
Vergiß – Deinen – Bruder – Nicht – Antworte
Aber das tat mein Bruder nicht. Ich klopfte ein zweites Mal und fügte am Ende ein Bitte an, doch wieder kam keine Antwort. Unverzagt erzählte ich ihm dann, was ich vom Leben wußte, und fragte ihn, ob der Tod ihm irgendwelche besonderen Kräfte verliehen habe. Meine Signale wurden wirr und drängend. Das vergebliche Klopfen klang hohl und einsam, blieb unbeantwortet über meiner Kiste hängen.
Das – Leben – Ist – Böse – Ist – Die – Hölle – Kannst – Du – Fliegen – Höll – Hell – Hilfe
Schließlich nahm ich mich zusammen, und klopfte weinend und mit wundem Knöchel eine letzte Botschaft an die Innenwand meiner Kiste.
Die Nacht sank herab – jetzt weiß ich das –, doch als ich in meiner Einsamkeit so angeschirrt auf dem Rücken lag und mit wachsender Furcht beobachtete, wie das wehe Licht des Tages eindunkelte und von der wunderlichen Musik der Finsternis durchdrungen wurde – von Eulenrufen, unablässigem Schrillen, Trippeln, und Schreien, die das Blut stocken machten –, da dachte ich, das Ende der Welt sei nah.
Der Tag des Jüngsten Gerichts war gekommen, und ich konnte nichts tun als liegen – ja, und genau das hab ich vermutlich auch getan –, liegen und mich vom Zappenduster verschlingen lassen und warten, warten auf die Arche aus Seinem Testament, auf Blitz und Stimmen, Donner, Erdbeben und Hagelstürme.
Langsam erstickte meine Welt unter Leichentüchern aus Angst und schwarzen Schatten, und als ich dann gar nichts mehr sehen konnte, nur noch die allerschwärzeste Finsternis, hörte ich, bleiern und schwankend, drohende Schritte über die Veranda kommen und vor der Tür stehenbleiben.
Ich duckte mich in meiner Kiste.
Ein schauriges Aufquietschen der Fliegentür, ein Tasten am Türhaken, ein lautes »Scheißtür«, ein Schwall grellen Lichts, ein lautes Zukrachen der Tür, ein furchtbarer Rülpser – und meine Mutter kam kopflos ins Zimmer gestürzt, zockelte blind an mir vorbei und verschwand auf der anderen Seite wieder nach draußen.
Direkt über meiner Wiege hing eine einzige nackte Glühbirne von der Decke. Sie pulsierte heftig, schamlos und hypnotisch, und ich lag auf dem Rücken und beobachtete mit zunehmendem Verdruß, wie dieser surrende Polarstern von einer stetig wachsenden Zahl von Nachtinsekten umschwärmt wurde. Hilflos mußte ich zusehen, wie alle Augenblicke eine übereifrige Motte oder Mücke oder Fliege an die tödliche Birne stieß und sich dabei die kleinen Flügel und haarfeinen Gliedmaßen verbrannte. Und damit war ihr vergebliches Treiben beendet; kreischend stürzten sie ab und landeten alle nacheinander in meiner Obstkiste. Schwärme von amputierten Insekten kreiselten in meiner Wiege – starben gräßliche Tode, führten ihre Todeskämpfe mit aller grausigen Schaurigkeit direkt vor meinen Augen auf, bis sie endlich, des Lebens beraubt und vollkommen mausetot, ihr Dasein beschlossen.
Und da ging mir auf, warum mein seliger Bruder einen so gezähmten Eindruck machte. Es war kein Leben mehr in ihm. Nur noch Tod.
Schließlich wurde es wieder Tag. Die Sonne brach hervor, brüllte buttergelbes Licht über den Osthang und weckte mit ihrem goldenen Lärm das ganze Tal.
Am Himmel krächzten kichernd zwei Krähen. In den Hügeln heulte ein wilder Hund. Ich hörte hungrige Küken tschirpen. In der Nähe schrie verzweifelt ein Maultier. Ich hörte das idiotische Gezwitscher einer Lerche. Ernst summten Bienen.
Die ganze Welt um mich herum schien Aufmerksamkeit zu heischen.
Aus dem Bauch des Tals läuteten Glocken. Eine Rohrkröte quakte. Eine Fliege brummte. Ein Auto jagte mit lautem Hupen über die Maine Road.
Die ganze Welt um mich herum verlangte nach Beachtung. Es war Zeit,...




