Castell / Frey | Flucht ins Wunderbare | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 168 Seiten

Castell / Frey Flucht ins Wunderbare


1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7460-8302-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 168 Seiten

ISBN: 978-3-7460-8302-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Philipp hatte bis um zwei Uhr früh sich gemüht, um Usis Brief zu entziffern. Er hatte die hundert Stücke dieser wohl absichtlich bis ins kleinste zerrissenen Fetzen mit Stecknadeln auf den Tisch geheftet, sie wieder und wieder umgestellt, um einen Sinn hineinzubringen. Soviel er sah, war der Brief dreiseitig, aber auf der dritten Seite nicht beendet. Usi hatte also den Gedanken gehabt, an ihre Mutter zu schreiben und dann den Brief zerrissen, wobei das Kuvert mit der Adresse in der Briefmappe geblieben war. Eines stand sehr bald fest: Usi wollte ihre Mutter benachrichtigen, dass sie nicht nach Berlin fuhr. Denn jene erwartete nach Usis Ankunft in Frankfurt Bescheid, wann sie sich in Berlin treffen könnten, ehe sie zusammen an ihr Gut an der Ostsee zurückfuhren. Daneben stand deutlich das Wort Paris. Soweit war Philipp schon nach einer Stunde. Aber dann kamen große Schwierigkeiten, Philipp fühlte sich auch zu aufgeregt. Während Minuten konnte er kaum mehr sehen. Er wollte sich keiner falschen Hoffnung, aber auch keiner Hypothese hingeben. Er wollte genau wissen, was geschah. Gegen ein Uhr hatte er die erste Seite beisammen. Sie lautete deutlich, dass Usi nach Paris fahren und sich von Philipp trennen wollte. Die Erklärung dafür kam auf der Rückseite, wodurch Philipp gezwungen wurde, die fertige Seite wieder umzustecken ...

Willy Lang lebte von 1883 bis 1939 und publizierte unter dem Pseudonym Alexander Castell.
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Erstes Kapitel


Der Bahnhof war im Umbau begriffen und der Wiener Express, der um neun Uhr einfuhr, stand außerhalb der Halle. Philipp hatte mit Usi im Halbdunkel zwischen den Gleisen zu gehen, hinter dem Träger, der zwei große Handkoffer an einem Lederriemen über der Schulter schleppte und noch Gepäck in jeder Hand trug.

Philipp bot dem Mann an, ein Stück zu tragen, doch dieser schüttelte nur den Kopf und wankte vorwärts. Philipp hatte plötzlich eine Vision aus der Zeit, da er mit Usi in Hendaye gewesen war. Da kam eines Morgens eine bizarre Silhouette den Strand entlang. Zuerst sah man nur vier winzige, schmal Beine, die wie Nadeln in den Sand stachen, darüber etwas Breites und weit Ausladendes aufgetürmt, das ganz unerhört war im Verhältnis zu den schmächtigen Stützen des Unterbaus.

Das Ganze ein kleiner Esel, auf dessen Rücken aufgeschichtet war, was man zu Markt bringen kann: Gemüse, ein Käfig mit Hühnern, eine Kiste mit Eiern, und als Krönung hatte die dicke Bäuerin sich selbst daraufgesetzt und ihre baumelnden Beine und den ganzen Segen ihrer Felder und Ställe mit ihrem faltigen Rock bedeckt.

Das war im vorigen Frühling gewesen, ein Monat vor der Katastrophe. Merkwürdig, wie Philipp jetzt daran denken musste. Diese dünnen Eselsbeine, die so verzweifelt im Sand stocherten und nach Balance suchten, und diese dicke Bäuerin, die mit unbarmherziger Seelenruhe diese feinen, nervigen Beine mit einem großen Gewicht belastete, es kam ihm vor wie ein Sinnbild für die Ungerechtigkeit dieser Welt.

Und da war nun der Gepäckträger und Usi, die reiste. Philipp sagte: »Telegrafiere mir von Frankfurt ...«

Usi nickte nur, verzog etwas ihren Mund, als ob sie lächeln wollte. Aber ihre Oberlippe blieb fest, glitt nicht über ihre kleinen, blanken Zähne zurück, wie sonst, wenn ihr schmales Gesicht so strahlend hell wurde durch die Klarheit und den Schalk, der aus ihren Augen blitzte.

Sie antwortete: »Ja – ja – ich will dir telegrafieren.«

Dann standen sie vor dem Waggon. Sie hatte in Basel umzusteigen, denn dieser Zug ging nach Paris. Usi aber sollte am nächsten Morgen früh in Frankfurt sein, dort zwei Tage bei Freunden bleiben, ehe sie über Berlin zu ihrer Familie fuhr. Sie sollte sich dort ausruhen. Der Winter war in Zürich recht kalt gewesen. Unmengen von Schnee, jeden Sonntag Skifahren, aber Usi hatte sich dabei eine Bronchitis geholt.

Philipp hielt sie in den Armen und küsste sie, ehe sie einstieg. Allerdings schüchtern, denn sie entwand sich ihm schnell. Sie musste fort, sie schien es nicht mehr auszuhalten.

Erst jetzt, als sie aus dem Waggonfenster schaute, lächelte sie, und ihre blonden Haare quollen reizend unter ihrem kleinen Hut hervor. Philipp fühlte sich doch bewegt. Etwas Banges lag ihm plötzlich schwer auf der Brust.

Er stand regungslos, und dann sah er das rote Licht des letzten Waggons, der im Dunkeln verschwand.

Langsam durchschritt er die Halle, kam auf den wenig belebten Bahnhofsplatz und kurbelte seinen Wagen an. Während er gegen die Universität hinauffuhr, hörte er, wie einer der Zylinder klopfte. Es kam ihm durchaus nicht sonderbar vor. Er hatte den Wagen jetzt das dritte Jahr, sie hatten darin ihre Hochzeitsreise gemacht.

Wie anders heute alles war.

Philipp bewohnte in einer der stillen Straßen des Zürichberges in einem vierstöckigen Haus die oberste Etage. Als er den Wagen untergebracht hatte, stieg er melancholisch in die Wohnung hinauf, stellte sich ans Fenster des Wohnzimmers und starrte auf die Lichter der Stadt, auf den Saum der Laternen, die den Seekai schwach beleuchteten.

Er war mit Usi nicht oft glücklich gewesen, aber jetzt empfand er, wie sehr er von ihrer Atmosphäre abhängig war. Er fühlte sich einsam. Er ging in sein Arbeitszimmer hinüber, setzte sich an den Schreibtisch.

Er sah sich, es waren jetzt dreieinhalb Jahre her, an einem heißen Augustnachmittag in den mittleren der drei Lifts des Haußmannbuildings steigen. Er war am selben Morgen in Paris angekommen, und er ahnte in jenem Augenblick nicht, welch nervöses Erlebnis ihn ein paar Augenblicke später durchbeben würde.

Er hatte – er erinnerte sich noch – im dritten Stock – oder im vierten – auszusteigen, zu einer Verhandlung, die über ein paar Jahre seiner Existenz entscheiden konnte.

Im Lift befand sich noch ein Mädchen deren dünne Bluse zwei für ihre Gestalt merkwürdig große Brüste modellierte.

Als sie in der zweiten Etage ausstieg, kam eine junge Dame herein, die offenbar, ihrer ganzen Erscheinung nach, mit Geschäften nichts zu tun hatte. Sie sagte irgendetwas zum Liftboy.

Doch wie Philipp ihr ins Gesicht sah, erbebte er bis in die Tiefe seines Rückenmarkes, dass er wie berückt stehenblieb, hinter ihr ausstieg und ihr ganz betäubt nachsah, während sie in einem der ersten Büros verschwand.

Er konnte sich später diesen Eindruck nie recht erklären. Es war, als hätte sie von jenen Tagen an ganz einfach von ihm Besitz ergriffen. Und zwar ohne dass sie irgendetwas dazu getan hatte. Manchmal war ihm das wie etwas Demütigendes, Quälendes, Ungesundes vorgekommen, wogegen sich seine Natur sträubte. Er hatte zuweilen versucht, einen Grund dafür zu finden. Er dachte sich, dass, wenn Sympathie und Antipathie zwischen Menschen durch Wellen bestimmt würden, die ihren eine viel größere Spannung hatten, als die seinen. Oder wenn es auf das Reagens ihrer beiderseitigen Blutgruppen angekommen wäre, hätten ihre roten Blutgruppen die seinen im Sturm und mit einer viel größeren Vitalität aufgesogen.

Er sah heute jenen Augustnachmittag so klar vor sich. Alvaredo hatte ihm am Tag zuvor von New York telegrafiert, er solle wegen »Barranco Branca« zu einer Besprechung zu Knorr & Broth. gehen.

So war er in jenes Haus gekommen, und nachdem Usi in dem Büro verschwunden war, hatte er sich wie ein merkwürdig Willenloser auf ein Ledersofa gesetzt, entschlossen zu warten, bis sie wieder erschien.

Und sooft eine Tür ging, war er erschreckt aufgefahren.

Als sie dann wieder herauskam, schritt er hinter ihr die Treppe hinunter. Er konnte sich nicht entschließen, ihr ein Wort zu sagen, obgleich er auch eine brennende Lust verspürte, mit ihr zu reden.

Als sie unten ankamen, ging er zuerst auf dem Trottoir hinter ihr her. Wenn sie Miene gemacht hätte, in einen Wagen zu steigen, hätte er sie doch anreden müssen, aus Sorge, ihre Spur zu verlieren.

Aber da geschah ihm etwas Unerwartetes. Sie war ungefähr zehn Schritte vor ihm, als bei der nächsten Straßenkreuzung der Polizist, der den Strom der Wagen abgesperrt hatte, ihm plötzlich entgegentrat und seinen weißen Stab schwenkte.

Philipp war nun während einer halben Minute durch die vorbeistiebenden Wagen von ihr getrennt. Als er nachher wiederkam, musste er sich Rechenschaft geben, dass er sie im Gewühl verloren hatte.

Er ging wieder ins Haußmannbuilding zurück, täuschte sich erst in der Etage, kam dann zu Sprenger & Co., Transportgeschäft, erfuhr, dass die junge Dame sich erkundigt habe, wie sie Möbel aus Norddeutschland nach Paris transportieren könnte, wie hoch die Zollspesen wären, die Transportkosten. Mehr wusste man nicht von ihr.

Philipp hatte am nächsten Tag eine Halluzination. Er hatte im Hotel »Plaza« mit einer Gruppe internationaler Finanzleute zu frühstücken, als er sie, während er mit einem Herrn durch die Halle schritt, in einem Salon sitzen sah.

Hatte er sie wirklich gesehen, oder hatte die Sonne, die in den großen Scheiben lag, die Transparenz merkwürdig verändert? Philipp beging den Irrtum, mit dem anderen zuerst in den Speisesaal zu gehen, kam dann sofort zurück. Es saßen da wohl ein paar Damen, darunter eine magere Engländerin, aber die, die er suchte, fand er nicht.

In einer abenteuerlichen Nervosität kam er zum Essen. Man verhandelte eine Petroleumsache, die vor dem Krieg einer deutschen Gesellschaft gehört hatte und dann sequestriert worden war. Es sollte eine neue Anlage gebaut werden, Röhrenleitungen zu schwimmenden Tanks geführt, von denen die Petrolboote direkt gefüllt werden konnten.

Es war die Möglichkeit geboten, dass Philipp beauftragt würde, die Verhandlungen in Buenos Aires zu führen. Man konnte eventuell das Geschäft mit einer Partizipation der früheren Besitzer, für ein Syndikat, das seinen Sitz in Vaduz-Liechtenstein haben sollte, billig aufkaufen.

Zugleich hätte Philipp »Barranco Branco«, das allerdings achtzehnhundert Kilometer von Buenos Aires flussaufwärts am oberen Paraguay lag, besichtigen können.

In diese Atmosphäre war das Bild von Usi gekommen.

Er wurde zaghaft. Es war ihm damit etwas Neues, Nieerlebtes widerfahren.

Er hatte seine Adresse bei Sprenger & Co. hinterlassen mit der Bitte, ihn mit der jungen Dame in Verbindung zu bringen, sobald sie zurückkäme. Er war beklommen. Er hatte sich bis zu jenem Tag für einen normalen Menschen gehalten. Er...



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