E-Book, Deutsch, 188 Seiten
Castell / Frey Fieber
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7448-5880-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Drei Novellen
E-Book, Deutsch, 188 Seiten
ISBN: 978-3-7448-5880-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Willy Lang lebte von 1883 bis 1939 und publizierte unter dem Pseudonym Alexander Castell.
Autoren/Hrsg.
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Finale
Hugo Manuel stand am Fenster des Arbeitszimmers und sah auf den Quai. Es war ein warmer Vorsommerabend. In den Anlagen promenierten junge Herren und Damen, Zofen mit Kinderwagen und Fremde, die sich auf der Reise ein paar Tage in der Stadt aufhielten. Durch die Kronen der Bäume sah Hugo den See, der in einem von der Schwüle etwas gedämpften Licht vor ihm lag. Auf dem Wasser bewegten sich kleine Boote, aber so langsam, dass sie gleich minutiösen glänzenden Schalen auf der leuchtenden Fläche zu liegen schienen.
Es klopfte jemand an die Tür. Hugo fuhr auf und schritt dem Besucher nach der Mitte des Zimmers entgegen. Aber es war nur Centa, die den Tee brachte.
Vor besonders wichtigen Besprechungen hatte es Hugo nötig, allein zu sein. Er empfand auch jetzt einen leisen spielerischen Heroismus darin, seine junge schöne Frau in der Stunde, die sie sonst jeden Tag zusammen verbrachten, allein auf der Gartenveranda zu lassen. Aber er hatte sich noch kaum so nach ihr gesehnt wie heute. Jeder Augenblick, den er noch mit ihr zu erleben hatte, erschien ihm kostbar.
»Hat die gnädige Frau den Tee schon getrunken?«, fragte er Centa.
»Die gnädige Frau ist eben daran ...«, Centa verschwand. Hugo ging jetzt in großen Schritten im Zimmer auf und ab. Er war schlank, jung, zweiunddreißig Jahre alt. Er fühlte einen direkt waghalsigen Mut in sich. Ob er es aber vollbringen könnte? Ob er zuletzt nicht doch versagte? Er empfand deutlich die lähmende, atemlose Beklommenheit auf seiner Brust.
Er ging wieder ans Fenster. Auf dem See fuhr ein breiter, mit bunten Wimpeln geschmückter Dampfer vom Landungssteg ab. Das Verdeck war ganz dunkel vom Gewimmel der Menschen. ›Seltsam‹, überlegte er sich, ›dass diese Masse so dunkel wirkt, trotzdem die Frauen gewiss helle, farbige Sommerkleider tragen.‹ Er wusste es eigentlich gar nicht, wie er im schwersten Augenblick seiner Existenz zu einem derart äußerlichen Gedanken kam. Vielleicht suchte sein Gehirn einen Ausweg vor all dem Bedrängenden und Drohenden.
Hugo starrte jetzt aufmerksam auf den Quai. Dass Friedrich so lange nicht erschien! Hugo erwartete Friedrich, seinen Freund, den Advokaten. Sollte er nochmal nach ihm telefonieren? Wenn er zuletzt doch noch verhindert gewesen war? Und es kam doch auf diesen Tag an. Auf diesen Abend. War es möglich, in solchen Dingen früher zu entscheiden als im letzten Augenblick?
Hugo wollte die Frage im Unklaren lassen. Die Situation war jedenfalls doch nicht zu ändern.
Man klopfte wieder an der Tür. Der Diener trat ein und trug eine gelblederne Mappe unter dem Arm.
»Da sind die Akten, die sich der gnädige Herr aus der Fabrik gewünscht hat.«
»Ich danke«, sagte Hugo. Der Diener ging ab.
Hugo schritt wieder in einem merkwürdigen Marschrhythmus auf dem großen Teppich hin und her. Die Nervosität zitterte ihm in allen Gliedern. Er dachte nur das eine: Wenn Friedrich nun doch verhindert worden war? Und ihn brauchte er! Ihn vor allem! Es gab da keine andere Hoffnung mehr. Seine ganze Existenz kam ihm seit Wochen ganz traumhaft vor. Er hatte nie geahnt, dass er je in eine solche Notlage kommen könnte. Er war überhaupt seit langer Zeit ahnungslos gewesen. Dies war unbestreitbar. Aber war es denn wirklich so ganz am äußersten?
Er ging an den Schreibtisch. Da lag eine Liste von Namen und Zahlen. Manche waren rot unterstrichen. Hugo schaute gedankenvoll darüber hin. Es schien ihm jetzt, als seien ihm diese Dinge in der tiefsten Seele fremd geblieben, als hätte er trotz der paar Jahre, während deren er sich damit beschäftigt hatte, nie dieses natürliche Verständnis dafür gehabt, das seinen Untergebenen eingeboren war. Jedes spontane Entscheidenkönnen war ihm versagt geblieben. In allen wichtigen Momenten hatte er sich innerlich zaghaft gefühlt. Darin lag vielleicht der Grund der ganzen Verwirrung, vielleicht lag es auch an anderem.
Doch nun hörte er Tritte im Korridor. Friedrich trat ein. Er war zwei Jahre älter als Hugo und sein Rechtsbeistand.
»Du entschuldigst ... ich war noch bei einer Konferenz«, sagte Friedrich und legte Stock und Handschuhe ab. Sein Blick irrte nach dem Tee und den Sandwichs, die auf dem kleinen Ecktischchen standen, und die Hugo noch unberührt gelassen hatte.
»Kann ich davon etwas abbekommen, ich habe nämlich Hunger ... sagte er.
»Aber gewiss«, sagte Hugo. Er dachte: »Der Mensch wird Augen machen. Er hat, scheint es, keine Ahnung.«
Hugo setzte sich ihm gegenüber in einen Lederfauteuil. Er schaute dem anderen zu, während jener wirklich mit Appetit kaute. Hugo wollte noch warten, wollte ihn nicht in seinem Essen stören. Er zündete sich eine Zigarre an.
»Also was ist los?«, fragte Friedrich und schob sich wieder einen Bissen in den Mund.
»Ich habe einen Auftrag für dich«, sagte Hugo und sah einer Rauchsträhne nach, die in viele Fasern sich auslösend gegen die Decke stieg.
»Freut mich«, sagte der Advokat. Er lehnte sich zurück:
»Um was handelt es sich?«
»Hör mal«, begann Hugo und schwieg dann plötzlich. Er empfand ganz deutlich, wie ihm das Blut heftig in den Schläfen pulsierte. Er kontrollierte diesen Eindruck und sagte zugleich: »Du wirst mein ganzes Geschäft, die Fabrik, alles liquidieren.«
»Oho!«, sagte Friedrich, »steht es so schlecht?« Seine Stimme hatte einen gutmütigen, aber keinen überraschten Ton.
»Ja, es steht sehr schlecht«, sagte Hugo, »hast du übrigens davon reden hören?«
»Nein, kein Wort ... man hält dich immer noch für sehr reich und schließlich ...«
»Ich bin es nicht mehr ...«, unterbrach ihn der andere, »man hat keine Ahnung, wie schnell ein Vermögen in einem solchen Unternehmen verloren ist.«
»Allerdings«, gab der Advokat zu, »du meinst also, ich soll dir einen Käufer suchen, soll Unterhandlungen anknüpfen, natürlich nur in diskreter Form.«
»Wie denkst du dir das?«
»Nun, man gibt vor, die Geschäfte interessieren dich nicht mehr. Du willst dich wieder wie früher dem Sport widmen, willst reisen, vielleicht, dass irgendeine ausländische Firma mit einer hiesigen Filiale schon gerechnet hat ...«
»Ich halte das nicht für gut möglich«, wandte Hugo ein. »Die Hauptstütze der Aviatik in jedem Land wird immer der Staat sein. Vorläufig sicherlich, und darum wird sich die ausländische Konkurrenz nicht hereinwagen, ganz abgesehen davon, dass es an sich ein schlechtes Geschäft ist, glaube mir: ein sehr schlechtes Geschäft ...«
»Aber wie denkst du dir denn die Liquidation?«
Hugo hob den Kopf und sagte melancholisch: »Man wird alles verkaufen ... an den Meistbietenden. Man wird den dritten Teil des Wertes dafür bekommen, was aber nach meiner Kalkulation genügt.«
»Unsinn ...«, der Advokat richtete sich auf; »in solchem Falle macht man eine Aktiengesellschaft. Es muss mehr Kapital hinein. Dann werden die Chancen vielleicht größer. Du kannst doch nicht auf eine solche Art dein Geld verlieren!«
»Es ist schon verloren ...«, antwortete Hugo gelassen, »und ich habe vor allem gar keine Zeit mehr. Es sind Fälligkeiten da ... Wechsel ... für die nächsten Tage ... über Summen ... über so viel Geld, als ich nie aufzubringen vermöchte.«
»Du wirst also in jedem Fall in Konkurs gehen?«
»Nein ...«, Hugo war aufgestanden, »es wird zwar zuerst den Anschein haben, aber mit der Liquidation wird nachher ein großer Teil, vielleicht sogar alles gedeckt werden ...«
»Mir ist nur eines unklar ...«
»Was?«
»Du rechnest also damit, dass das Konkursverfahren gegen dich eingeleitet wird? Wann ist der erste Wechsel fällig?«
»Morgen ...«
»Wie hoch ist er?«
Hugo nannte eine Zahl.
Der Advokat sagte ruhig: »Ich beschaffe dir das Geld.«
Hugo lächelte: »Ich danke dir, aber das würde wenig nützen, das Geld wäre verschwendet, denn es kommen nachher noch so viele andere nach ... Er deutete nach der Liste, die auf dem Tische lag.
»Wechsel?«
»Ja.«
»Ja ... hast du das denn nicht früher gewusst?« Der Advokat hielt nach dem letzten Wort den Mund noch offen.
»Doch, aber ich muss wahnsinnig gewesen sein, ich ließ es ruhig an mich herankommen ...«
»Das ist ja entsetzlich ... und es ist gar nicht zu helfen?«
»Doch!« Hugo hatte sich auf die Lehne des Stuhles gesetzt, »es ist zu helfen«, wiederholte er.
»Aber wie denn?« Die Stimme des Freundes klang erregt, fast gereizt. Es war, als ob er sich über Hugos Ruhe und Ratlosigkeit ärgerte.
»Ich kann doch Vertrauen zu dir haben?«, fragte Hugo, aber in einem Ton, als ob er keinen Zweifel...




