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E-Book

E-Book, Deutsch, 92 Seiten

Castell Der Kriegspilot

Geschichten aus Deutschlands Kämpfen 1914
4. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7467-3507-8
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Geschichten aus Deutschlands Kämpfen 1914

E-Book, Deutsch, 92 Seiten

ISBN: 978-3-7467-3507-8
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Unterschiedliche Personen. Unterschiedliche Orte. Zusammengeschweißt nur durch die Zeit. Der Weltkrieg verändert das Handeln und Denken der Menschen. Im Angesicht des Todes werden Mutlose werden zu Helden, Draufgänger zu Feiglingen und Aufrichtige zu Verrätern. Nichts ist mehr, wie es war. Trotz aller Schicksalsschläge geschehen auch Wunder und so erscheint das Leben wie eine Botschaft aus einer anderen Welt.

Willy Lang war ein deutscher Schriftsteller, welcher einige seiner Werke unter dem Pseudonym Alexander Castell veröffentlichte.
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Der Kriegspilot


er Morgen war naß und feucht. Stephan Hiller stand mit dem Rücken an das offene Tor des Schuppens gelehnt, an dem der Regen niedertropfte. Neben ihm schritt der Wachtposten auf und ab. Er wartete auf den Mechaniker, der mit zwei Soldaten nach der Station gefahren war. Auf der Feldstraße jenseits der Wiese zog seit einer Stunde Artillerie vorbei. Man hörte die Tritte der Pferde herüber, das Knarren der Lafetten, das Klirren von Eisen, aber fast gar keine Kommandos. Die Mannschaften saßen mit müden, vornübergeneigten Oberkörpern auf den Protzen, als wäre jeder einzelne auf seine Art in seinen Gedanken mit dem Kommenden beschäftigt. Batterie um Batterie, Regiment um Regiment fuhr vorüber, und es war Stephan Hiller, als sänke der Zug immer tiefer ein, als würden die Furchen immer größer, auf diesem erst von Tausenden von Menschen zertretenen, dann von ebensoviel Hufen und Rädern durchpflügten Weg, der durch einen Zufall zu diesem plötzlichen und außerordentlichen Schicksal gekommen war.

Ordonnanzreiter sprengten quer über das Feld und gegen den Hügel. In der Ebene gegen den Fluß hin schien sich Infanterie zu bewegen in einem grauen Gewimmel.

Hiller zog seinen Chronometer. Es war acht Uhr morgens und noch kaum hell. Er trat in den Schuppen zurück. Da stand wie ein großer starrer Vogel der Monoplan1 , den sie in einem Tag und einer Nacht montiert hatten. Er war vorgestern zusammen mit Hiller beim Hauptquartier angekommen.

In der Ferne tönte ein Automobilsignal, das Hämmern eines Motors. Hiller wandte sich wieder unter das Tor. Es waren Offiziere, die auf der Hauptstraße nach Osten fuhren. Es war schon heller geworden. Er begann zum letztenmal das Flugzeug zu untersuchen. Prüfte die Montage, die Schrauben der Kabelverbindungen. Sein Blick irrte vom blanken hundertpferdigen Gnommotor zum Kompaß, der in einem Kugelgelenk zur Linken von seinem Sitz balancierte. Hiller setzte sich zwischen Stahlröhren und Werkzeugkasten und Ölkesseln auf eine Kiste und wartete.

Da erschallte draußen Getrappel. Pferde keuchten über die Wiese daher. Der Trainsoldat sprang vom Handpferd. Schon schleppte der Mechaniker die Benzinflaschen herein. Fast zugleich kam der Hauptmann vom Generalstab mit den Karten an.

Nun ging es hastig vorwärts. Während Hiller mit dem Offizier den Orientierungsplan auseinanderrollte und neben dem Kompaß in einem Rahmen einspannte, füllte der Mechaniker Benzin und Öl ein, prüfte den Wasserstand im Kühler, lief mit einer nervösen Geschäftigkeit umher.

Unterdessen erklärte der Offizier Stephan Hiller die vorläufige Fahrtrichtung, die auf der Karte mit einem breiten roten Streifen eingezeichnet war. Endlich war man fertig. Der Monoplan wurde aus dem Schuppen gezogen. Der Regen rieselte immer noch. Der Offizier machte ein besorgtes Gesicht.

„Es wird bald aufhören,“ sagte Hiller, „und außerdem tut die Kühlung dem Motor gut, er wird sicherer ziehn.“

Schon saßen sie beide auf dem Apparat. Hiller richtete sich auf seinem perforierten Holzsessel ein, als handle es sich um eine Spazierfahrt. Der andere, der vor ihm saß, hielt ein Dutzend Karten zu einem Heft zusammengebunden auf den Knieen. Er gab noch rasch die letzte Depesche vor dem Aufstieg einer Ordonnanz, die davonsprengte.

Der Wachtposten und die zwei Trainsoldaten hielten den Apparat. Der Mechaniker drehte den Propeller an.

Ein wildes Knarren, eine weiße Dampfwolke.

„Los!“ kommandierte Hiller.

Der Monoplan rollte bergab, fünfzig, hundert Meter über den Wiesengrund. Dann hob er sich sanft ansteigend in die Luft.

Hiller hörte, wie die Ordonnanz unter ihm auf der Straße galoppierte. Er schaute auf die Bussole, dann auf die handgroße Karte, und stellte den Monoplan in einem leichten Bogen auf die Richtung ein.

Der Regen hatte jetzt wirklich aufgehört. Aber eine naßkalte Strömung trieb dem Flugzeug entgegen. Das Sausen des Propellers ließ die Luft vor den Gesichtern erzittern. Sein Summen klang vermischt mit dem Geräusch des Motors wie ein hoher, langgehaltener Ton. Und Hiller hatte diesen Ton im Ohr gleich einer ganz unheimlichen, schicksalsschweren Musik. Es war, als ob sein Gehör die geringste Steigerung oder Abnahme dieser Schwingungen unterscheiden könnte. Mit einer bohrenden, quälenden Sorge hatte er — seit seinem allerersten Aufstieg —, den Kopf etwas nach vorn geneigt, der Tourenzahl des Motors gelauscht, weil darin alles beschlossen lag. Weil man immer und in jeder Sekunde bereit sein mußte, niederzugehn, wenn diese unerhört komplizierte und wieder ebenso einfache Maschine die schreckliche Laune ankam, ihren hohen, monotonen Gesang plötzlich herabzustimmen, daß der Laut wie über alle Tasten hinunterkollerte in eine gurgelnde Tiefe und dieser zweiarmige, gewundene Propeller mit einem Ruck plötzlich stillstand . . . Der Monoplan stieg immer noch ziemlich steil hinauf. Der Offizier hatte sein Kartenheft aufgeschlagen und blätterte darin wie in einem Buch.

Hiller hatte sich den Krieg eigentlich nie anders vorgestellt, und dennoch war er zufrieden, gerade alles so unpathetisch zu finden, wie er es sich ausgedacht hatte.

Je mehr Hiller sich vor ein paar Tagen dem Hauptquartier genähert hatte, um so ernster, stiller, einfacher war die Situation geworden. Alles äußerlich Spannungsvolle, was draußen die Welt beschäftigte, schien hier von den Menschen abgefallen zu sein. Jeder hatte seine Order und gehorchte ihr, als ob er mit Eifer, aber ohne unnötige Hast und Übertreibung einer ernsten Beschäftigung nachginge. Soldaten, die einen Tagesmarsch hinter sich hatten, zogen abends ruhig und fast lautlos in ihre Quartiere. Jeder wußte, daß jetzt Kraft gespart werden mußte, jeder wußte, daß das Furchtbare kam, das Morden und das Zerfleischtwerden, das Rasende und das Unmenschliche, — alle fühlten die beklemmende Nähe der Schlacht.

Das machte die Gemüter diszipliniert. Zugleich bedrückt.

Stephan Hiller lauschte wieder auf den Motor. Er war befriedigt.

Der Hauptmann vor ihm hatte den Feldstecher erhoben und starrte hinunter. Hiller folgte seinem Blick. Da zog Infanterie quer über Wiesen, gleich langen grauen Raupen im Grünen. Dieselbe Artillerie, die Hiller schon in der ganzen Morgenfrühe gesehen hatte, schlich langsam einem Waldrand entlang.

Der ganze Strom ging nach Osten. Aber schließlich konnten das nur Nachzügler sein, denn das Generalquartier war gestern um vierzig Kilometer nach vorwärts verlegt worden, nachdem das Gros der Armee den Fluß überschritten hatte. Und vor dem Gros mochte die Avantgarde noch um zwanzig Kilometer vorgerückt sein.

Hiller rechnete aus, daß er das Gros in dreißig, die Vorläufer in vierzig Minuten sichten müßte. Durch das Steigen hatte sich die Differenz vergrößert.

Er prüfte den Höhenmesser, der in einer Lederhülle neben der Bussole an das Stahlrohr des Gerippes gebunden war. Seit dem Aufstieg waren zwölf Minuten vergangen. Der Apparat stand auf einer Höhe von dreihundert Metern. Es waren vielleicht ein Dutzend Kilometer zurückgelegt.

Plötzlich ging ein leichtes Zittern durch den Monoplan. Hiller hielt das Höhensteuer fest wie einen Zügel, als hätte er ein Rassetier zu bändigen. Der Offizier zog unmerklich den Kopf etwas ein. Das Beben mochte ihm unbehaglich erscheinen.

Hiller schaute hinunter. Etwas Dunkles, fast Schwarzes breitete sich aus.

„Ein Wald,“ dachte er. Ja gewiß: Wälder waren stets gefährlich mit ihren ziellosen Windströmungen über den Wipfeln. Der Offizier hatte den Kopf etwas gedreht, als erwartete er eine Erklärung.

„Es ist nichts,“ schrie Hiller. Es war ihm, als ob die Stimme im Sausen des Motors völlig unterginge. Aber der andere nickte. Er hatte verstanden.

Hiller dachte zugleich an einen Augenblick, da es ihn einst auf einer Fahrt gerüttelt hatte, daß ihm vor Anstrengung das Wasser über das Gesicht lief.

Oder war es Angst gewesen? Angst? Was war das? Wäre er hier, als Freiwilliger, wenn er Angst hätte? Oder war er hier, weil die Angst, weil das tiefinnerste Erbeben auch eine Lust, ein Genuß sein konnte?

Aber wie friedlich war es eigentlich, hier über das Land zu fliegen! Zuletzt befand er sich ja auch völlig ahnungslos vor dem, was kommen konnte. Und das war wohl sehr gut. Er hatte einfach den Befehl, mit dem Offizier so weit über die fremden Truppen zu kreisen, bis der andere das Zeichen zur Rückkehr gab, und im übrigen wußte er von der einen und der andern Armee in diesem Augenblicke weniger, als wenn er in Berlin, London oder Paris säße und die allerneuesten Bulletins der Zeitungen in der Hand hielte.

Hiller starrte wieder hinunter. Jetzt überflogen sie den Fluß. Etwas nördlich war noch die Schiffbrücke, welche die Truppen gestern und vorgestern passiert hatten.

Der Morgen war doch sehr kühl. Die Nässe in der Luft brannte bei dieser Geschwindigkeit auf der Haut. Den Körper fühlte Hiller behaglich warm. Er trug Unterkleider aus Papier, die mit Wolle überzogen waren.

Der Offizier hielt mit seinem Feldstecher wieder Ausguck. In der Ferne schienen sich dichtere Truppenkörper zu bewegen. Die Sonne war jetzt gekommen. Wenigstens schien sie dort auf ein entferntes Feld. Blanke, glänzende Punkte blitzten...



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