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E-Book

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Casper Männergeschichten

Erzählungen
1. Auflage 2010
ISBN: 978-3-88769-887-4
Verlag: konkursbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Erzählungen

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

ISBN: 978-3-88769-887-4
Verlag: konkursbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



10 kleine Romane über das Liebesleben aus Männersicht.
Erzählungen aus der Innenperspektive von Männern, ausgedacht von einer Frau. Laut männlichen Testlesern erstaunlich nahe.
Ein Mann erfährt, dass seine Freundin, vor deren Nähe er oft geflohen war, ein Kind von ihm bekommt und sich trennen möchte. Ein anderer Mann hofft auf Sex mit einer neuen Bekannten und bereitet sich vor.
Einer liebt Männer.
Einer schläft das erste Mal mit einem Mädchen.
Ein Mann wird gewalttätig und flieht.
Einer lässt sein Liebesleben Revue passieren, während seine Frau schläft.
Ein Junge macht sich Gedanken über Hühner und Gott,
ein anderer schwärmt – aber nicht für das schönste Mädchen aus der Klasse.

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Die Vorbereitung
Harri steht vom Schreibtisch auf. Er greift sein leeres Wasserglas und geht aus dem Zimmer. Im Flur bleibt er aus reiner Gewohnheit an der geöffneten Schlafzimmertür stehen. Das Bett ist zu groß, stellt er zum hundertsten Mal fest. Es ist zu breit für einen allein. Karin, mit der er es mehr als acht Jahre geteilt hatte, und nicht nur das Bett, durchaus auch den Esstisch im Wohnzimmer, das Sofa vor dem Fernseher, den Inhalt des Kühlschranks, seine Gedanken, fast alles – Karin hat eines Tages den Koffer gepackt und ist zu einem anderen Mann gegangen. Zu einem Kopf mit Gedanken, die sie, wie sie sagte, noch nicht auswendig kannte. Harri seufzt. Viel zu lange, er rechnet schon nicht mehr nach, bewegt sich in der Nacht kein Körper neben ihm, an seiner Schulter atmet keine Frau. In schlaflosen Stunden, wenn ihn ein Thema nicht loslässt, an dem er seit Wochen arbeitet, verlässt die Modigliani-Schöne über dem Bett hin und wieder ihren Rahmen, steigt zu ihm herab, legt ihren Schlangenkörper auf ihn und erlöst ihn. Dass das Mädchen mit dem aufreizenden Hüftbogen ihm auf ihre Weise die Treue hält, war immer wie ein kleiner Trost für Dr. Harri Klare, den Mann auf dem Weg, seinen Traum zu begraben. Heute wirst du dich wundern, denkt er. Gleichgültig erwidert die Schöne sein Lächeln, das sich in nachsichtiges Grinsen verwandelt. Harri will sich seinen jungenhaften Übermut beim Anblick des Bettes und des Bildes nicht nehmen lassen. Dieses ungewohnte Gefühl, das von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde spürbarer in ihm herumtollt, er will es nicht deuten, nicht analysieren. Kopfschüttelnd reißt sich Harri aus seiner Versunkenheit, geht in die Küche, dreht den Wasserhahn auf und lässt Wasser ins Glas laufen. Weil ihn aber seine Vorfreude ganz kindisch gemacht hat, hält er auch auf dem Rückweg zum Schreibtisch wieder vor dem Türspalt inne, das gefüllte Glas in der Hand. Es sieht ihm ja niemand beim Kindischsein zu. Gleich nach dem Aufstehen, noch vor dem Duschen, hat er zwei Bettdecken und zwei Kopfkissen frisch bezogen. Die beiden grün-grau-rot in langen Wellen gestreiften Bettbezüge mit den dazu passenden Kopfkissen sehen wirklich gut aus auf dem dunkelroten Spannlaken. Wenn man mit einem Ereignis von unabsehbarer Tragweite beschäftigt und von dieser Beschäftigung so durch und durch eingenommen ist wie Harri in den letzten vierzehn Tagen, werden gerade die kleinen Dinge auf einmal bedeutsam. Gestern zum Beispiel war ihm aus dem Nichts heraus der Gedanke gekommen, weiße Bettwäsche könnte der Liebe abträglich sein. Erstaunlich, ja lächerlich lange hat er damit zugebracht, in der Bettenabeilung von Ortheim im riesigen Angebot bunt gemusterter Bettwäsche das Richtige zu finden. Wellen, fand er schließlich, strahlen etwas Ermunterndes aus. In jeder Hinsicht ermunternd soll sich das Hin und Her zwischen ihm und ihr entwickeln. Eine kluge und sensible Frau wie Gundula wird ohne es sich bewusst zu machen merken, dass so ein Wellenmuster das Passende ist, nicht übertrieben jugendlich, nicht aufreizend und auch sonst in keiner Weise vordergründig. Sie wird sich hineinfallen lassen, sich einkuscheln, aufgeschlossen für ihn. Dort, auf der rot-grünen Liegewiese, wird sie die Arme nach ihm ausstrecken und lächeln, spitzbübisch und ein klein wenig weiblich-ängstlich. Zum ersten Mal benutzt Harri farbige Bettwäsche. Nie im Leben hat er nur einen Gedanken an Bettwäsche verschwendet. Was verschlissen war, wurde nachgekauft, und zwar weiß, auch in der Zeit mit Karin, die in der Hinsicht keine Vorstellungen oder Wünsche geäußert hatte. Bisher hat sich Harri, weniger aus Gehorsam als aus Gewohnheit, an die Gebote gehalten und auch das Gebot übernommen, Bettwäsche habe weiß zu sein. Weiß ist der Schlaf und weiß ist der Tod, hört er seine Mutter. So lange sie lebte, hat sie mit ihrer müden, sich beschwerenden Stimme in seine Angelegenheiten reingeredet. Bettwäsche muss Kochwäsche sein, Weißes kann man kochen, darum muss Bettwäsche weiß sein. Schmutzige Träume und der andere Schmutz gehen ohne Kochen nicht raus. Mutter mit ihrer aristotelischen Logik. Von so hoch oben bekommt sogar eine Mutter wie sie inzwischen nicht mehr alles mit. Harri erlaubt sich ein vertrauliches Zwinkern in Richtung Schmutzwäschetruhe neben der Schlafzimmertür. Unter dem schweren, mit Bauernblumen bemalten Deckel sind alle seine Flecken auf dem bis heute Morgen benutzten weißen Bettzeug blicksicher verstaut. Schon lange nicht mehr ist er der Sohn, der seiner Mutter alles recht macht. Als Harri wieder am Schreibtisch sitzt, den Monitor mit Text vor Augen, merkt er, dass er sich trotz seiner Aufregung sicher fühlt. Er hat systematisch geplant und, wie er sich kennt, auch an alles gedacht. Ist Gundula nach Sekt zumute, wird im Kühler auf dem Sofatisch eine Flasche trockener Sekt, die er mit geübten Griffen entkorkt, auf ihren Gaumen warten; will sie Weißwein, bitte sehr, zwei Flaschen guter Pfälzer, nicht zu kühl temperiert, liegen im Kühlschrank bereit und auf dem Küchenbord lagern zwei Flaschen Rotwein, zweitausendvierer Rioja. Zweitausendvierer Wein, weiß oder rot, sei besonders rund, sagte Gerhard, dem man es glauben kann. Ein gutes Jahr für Weine. Dies Jahr ist ein gutes Jahr für die Liebe. Etwas mehr als vier Monate ist es her, als Harri zum ersten Mal mit Gundula geredet und sie einander in die Augen geblickt haben. Vier Monate, seit er sie angesprochen hat, als sie nach der Podiumsdiskussion zufällig – zufällig? Nein, das war kein Zufall – an ihm vorbeigehen wollte, als sie in dem Gedränge seine Hände streifte und sich mit ernstem Mund entschuldigte, und mit diesem Lächeln in den Augen. Da hat er, der sonst eher besonnene Mann, spontan zugegriffen, natürlich nur mit Worten. Eine Sekunde hat sie nachgedacht. Dann hat sie genickt. Sie müsse noch kurz etwas besprechen, aber danach, warum nicht einen Wein trinken mit einem interessierten Menschen aus dem Publikum, warum eigentlich nicht. In der eitlen Hoffnung, von vielen Leuten aus dem Ort mit einer schönen und klugen Frau gesehen zu werden – und so war es dann auch, zufrieden denkt Harri an die erstaunten Blicke mancher Gäste –, hat er sie in das Bistro am Stadthausplatz geführt, sich ihr auf dem Weg dorthin mit seinem Namen vorgestellt und ihr gesagt, dass er von hier sei, ein Einheimischer, sozusagen. Als sie saßen, hat er zunächst einmal artig, denn am liebsten wäre er gleich mit der Tür ins Haus gefallen, um den heißen Brei herumgeredet und sie wissen lassen, was sie ohnehin weiß. Er aber weiß auch, dass Personen, die im Rampenlicht stehen, auf Bestätigung angewiesen sind. Darum hat er sich in wohlgesetzten Worten darüber ausgelassen, wie klug und originell er ihre Antworten und Redebeiträge fand, wie gut es ihr als Soziologin gelungen sei, dem heute mehr denn je von Ausuferung bedrohten Thema Freiheit pragmatische Zügel anzulegen und die Diskussion immer wieder auf die Beziehung von Individuum, Staat und Gesellschaft zurückzuführen, jene konfliktgeladene Verflechtung, die beinahe jede denkbare Freiheitsmöglichkeit in den Kanal der Berechnung, in die laufende Mühle egoistischer Machtinteressen zwängt. Dann aber hat er endlich, als wollte er es ihr schenken, und in gewisser Weise wollte er es ja auch damals schon und will es heute inniger denn je, sein Leben vor ihr ausgebreitet, Studium, Beruf, fünf Jahre Malta als beratender Wissenschaftler bei einem groß angelegten internationalen tierpsychologischen Projekt. Wie sie ihn ansah, während er redete, mit ihren Augen voller Neugier, ihrem Blick, in dem der klare Wunsch zu verstehen und das unklare Interesse an ihm als Mensch, als Mann, eine hinreißende Verbindung eingegangen waren, hat sie alle möglichen Bekenntnisse zum Leben, zur Liebe, ja auch zu den Frauen und zur Sexualität aus ihm herausgelockt. Das eine weiß sie also bereits, dass für ihn Natürlichkeit wichtig ist. Ein prägender Eindruck, den das Leben auf Malta in ihm hinterlassen hat. Seitdem betrachtet er hier manche Leute und deren Verhalten mit verwunderten Augen. Avantgarde! Ein Reizwort für ihn. Mit Natürlichkeit meine er allerdings nicht das distanzlose Draufgängertum im Käfig der Leistungsgesellschaft, ganz im Gegenteil. Natürlichkeit bedeutet für ihn eher eine Fähigkeit zur Geduld. Die Begabung, die Dinge des eigenen Lebens und des der anderen gelassen anzugehen. Kindern müsste man als Erstes beibringen zu warten, statt ihnen irgendwelche Wünsche zu erfüllen, ehe sie überhaupt ahnen können, was sie sich wünschen. Was für eine Frau. Wie wach sie ihm zugehört hat, als er seine doch noch recht unausgereiften pädagogischen Ideen vor ihr ausbreitete. Gekichert hat sie, als er unter einschießendem Herzklopfen, von dem sie hoffentlich nichts bemerkt hat, bekannte, wie erotisch er sie fände. Wenn er die Augen schließt, spürt er noch immer die Wirkung ihres Gesichtsausdrucks, als er sie, während sie aufstand und ihm ihre Hand zum Abschied reichte, um ihre Karte bat. Ein leises Widerstreben in den Augen, auf der Haut ihrer Stirn. Das richtige Verhalten für eine Frau, die einem Mann ohne Worte sagen will, dass sie alles andere als leicht zu haben ist. Sie hat den Kopf gesenkt und in ihrer Tasche gesucht. Hat ihre Karte herausgeholt und sie ihm in die Hand gegeben. Falls sie trotz des gemeinsamen Essens – man weiß ja, dass in teuren Restaurants mehr fürs Auge als für den Magen geboten wird – noch Appetit verspürt, hat er zwei Telefonnummern notiert und den Zettel aufs Regal in der Diele gelegt, Pizza oder thailändisch, je nach Wunsch. Für den ganz kleinen Hunger wird es ohne Aufwand Baguette mit Käse geben. Der Sofatisch ist leer geräumt von Zeitungen und Werbematerial. Harri starrt auf den Monitor und wundert sich, dass er heute ein paar Stunden...



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