E-Book, Deutsch, 270 Seiten
Carroll Die Rose des Lords
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-69076-144-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman - »My fair lady« meets »Bridgerton«
E-Book, Deutsch, 270 Seiten
ISBN: 978-3-69076-144-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Susan Carroll ist eine amerikanische Autorin historischer Liebesromane. Sie studierte englische Literatur und Geschichte und erhielt bereits dreimal den RITA Award der Romance Writers of America. Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin »Die Rose des Lords«, »Die Lady von Windhaven Manor«.
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Kapitel 1
»Aurelia Sinclair liebt Lord Justin Spencer.« Flammende Schamröte durchflutete Aurelias Wangen. In tiefer Demütigung riß sie ihre grünen Augen auf, als sie bemerkte, daß sie diese Worte geistesabwesend auf das Deckblatt ihres neuesten Bandes mit Gedichten Byrons gekritzelt hatte. War es schon dreist genug, bereits im Alter von nur fünfzehn Jahren in solch romantischem Unsinn zu schwelgen, so sollte sie im fortgeschrittenen Alter von dreiundzwanzig Jahren eigentlich klüger sein.
Justin, so machte sie sich in geziemender Selbstzucht bewußt, war heute morgen nicht zum Herrensitz Sinclair Manor geritten, um ihr aus leidenschaftlicher Hingabe einen Heiratsantrag zu machen. Nein, er war nur gekommen, um das zu tun, was die Familien der Sinclairs und der Spencers schon lange von ihm erwartet hatten. Wenn Aurelia bei ihm nach innigeren Gefühlen suchte als denen einer Freundschaft, dann war sie ein Narr.
»Giddings wird Lord Spencer jeden Augenblick heraufführen.« Die piepsige Stimme ihrer ältlichen Gesellschafterin, Mrs. Elfreda Perkins, riß Aurelia aus ihren unglücklichen Träumen. »Sind Sie bereit, meine Liebe?«
Aurelia steckte das Buch tief in ihren Handarbeitskorb, richtete sich auf und hob eine Hand an ihren Hinterkopf. Nicht einmal eine Strähne ihres seidenen kastanienbraunen Haares war aus der Krone von festgeflochtenen Zöpfen herausgerutscht. Sie zupfte an den hochstehenden Rüschen ihres Spitzenkragens, schüttelte die Falten aus ihrem safrangelben Hauskleid und wünschte insgeheim, sie hätte ihr bequemes, schlichtes graue Sergekleid angezogen. Die ellenlang herabhängenden gelben Faltensäume aus Gaze vermochten ihre Figur nicht vorteilhaft zur Geltung zu bringen. Doch dann schnitt Aurelia eine Grimasse, als sie die Hände auf ihre rundliche Taille legte, und dachte bei sich, daß der Stoff erst noch gewebt werden mußte, der dieses Kunststück vollbringen konnte.
»Ich denke, ich bin so bereit, wie ich nur eben bereit sein kann.« Ihr Herz flatterte nervös.
»Gut, dann verschwinde ich ganz schnell«, sagte Effie kichernd. Sie zog die Augenbrauen hoch, um besonders schlau zu wirken, doch sie sah eher aus wie eine überraschte Eule. »Ich wäre hier unendlich de trop, wenn sich Lord Spencer hinkniet und eine bestimmte Frage stellt.«
Effie stellte sich auf die Zehenspitzen und gab Aurelia einen flüchtigen Kuß, ehe sie aus dem von der Sonne erhellten Raum hüpfte. Aurelia zuckte zusammen. Sie fand es geschmacklos, daß Justins Mutter ihr gegenüber ›nur eine Andeutung‹ gemacht hatte, daß Seine Lordschaft unmittelbar nach dem Frühstück um ihre Hand anhalten würde. Doch es hatte den Anschein, als ob von Effie bis hinunter zur kleinsten Köchin jedermann in das Geheimnis eingeweiht war, daß Seine Lordschaft endlich zur Sache kommen würde.
Das Geräusch von Schritten auf dem Absatz der Marmortreppe brachte Aurelia deutlich zu Bewußtsein, daß Justin nicht mehr fern war. Schnell setzte sie sich auf das rote Samtsofa mit der hohen Lehne, holte ihren Stickrahmen aus ihrem Handarbeitskorb und versuchte den Eindruck zu erwecken, als würde sie an nichts anderes denken als an die Altardecke, die sie gerade stickte und der Kirche stiften wollte.
Wenn du nur ein Gramm Stolz hättest, Aurelia Sinclair, dachte sie, dann würdest du ihn abweisen. Einen Mann, der nur kommt, weil seine Mutter ihn darum gebeten hat!
Doch all diese Gedanken waren wie weggeblasen, als die Tür aufging und der Umriß von Justins imposanter Erscheinung im Türrahmen zu erkennen war. Er grinste sie an. Sein braunes, vom Sonnenlicht gebleichtes Haar setzte sich angenehm von seiner braungebrannten Haut ab.
»Guten Morgen, Aurelia.«
Noch ehe sie antworten konnte, stürzte sich Giddings in das Zimmer. Auf seinen würdevollen Gesichtszügen lag noch der Hauch tiefer Kränkung. In seinem frostigsten Tonfall verkündete er: »Lord Spencer, Miß.« Aurelias Puls raste. Sie stand halb auf und streckte die Hand aus.
»Und«, fuhr Giddings mit mißbilligender Miene fort, »Mr. Everard Ramsey.«
Aurelia sank auf das Sofa zurück und war, wie Giddings, entsetzt über die Gegenwart des makellos gekleideten, dunkelhaarigen Gentleman, der Justin in das Zimmer folgte. Wie oft hatte Justin ihr von Everard Ramsey vorgeschwärmt, dessen Vorliebe für gute Kleidung nur mit seiner Rücksichtslosigkeit an Spieltischen verglichen werden konnte! Aber warum war Justins Freund so unverschämt, sie ausgerechnet an diesem besonderen Morgen zu besuchen, da Justin die Absicht hatte, ihr einen Heiratsantrag zu machen?
Justin jedoch schien Ramseys unpassende Aufwartung nicht im Geringsten zu stören. Während er sich umdrehte und seinen Freund geradezu erfreut begrüßte, mußte Aurelia alle Energie aufbringen, um ihre bittere Enttäuschung zu unterdrücken.
»Ich habe versucht, diesen Burschen abzuwimmeln«, flüsterte Giddings betont laut. »Doch als er in den Hof kutschierte, sah er Lord Spencers Pferd und wußte, daß Sie ihn heute empfangen ...«
»Danke schön, Giddings«, sagte Aurelia schnell, denn sie fürchtete, Ramsey könnte ihn hören. »Würden Sie bitte Erfrischungen für meine Gäste besorgen?«
»Sicherlich, Miß.« Der alte Mann begab sich würdevoll aus dem Zimmer und murmelte, wie gut ein Glas Arsen gewissen Leuten tun würde, die nicht den Verstand besaßen, zu erkennen, daß ihr Kommen völlig unangebracht war.
Aurelia warf den beiden Männern ein sanftes Lächeln entgegen. »Ich, ich fürchte, Giddings wird mit zunehmendem Alter immer exzentrischer.«
Diese unerwartete Wendung der Ereignisse hatte sie vollkommen aus der Fassung gebracht. Sie schüttelte Justin die Hand, ehe sie Mr. Ramsey leise begrüßte. Sie konnte den Mann mit einem Mal überhaupt nicht mehr ausstehen, obwohl sie ihn erst am Abend zuvor beim Abendessen kennengelernt hatte. Der Geck aus London hatte sie über den Tisch hinweg mit seinem Lorgnon inspiziert und studiert, bis Aurelia sich genötigt sah, ihm zuzusäuseln: »Ach, Mr. Ramsey, geht es Ihnen auch wirklich gut? Mein lieber Papa pflegte mich auch auf ebendiese glasige Weise anzustarren, als ihn dann plötzlich ein Gichtanfall niederstreckte.«
Der Mann hatte nicht einmal die Güte, rot zu werden, doch immerhin hatte ihre Bemerkung die Wirkung, daß er seinen Blick woandershin wendete, obwohl sie das unbehagliche Gefühl nicht los wurde, daß er jedes Wort verfolgte, das sie mit Justin, ihrem Tischpartner, wechselte.
Nach diesem Vorfall hatte sie eigentlich geglaubt, daß es Mr. Ramsey nicht im Traum einfallen würde, sie zu besuchen. Daß sie sich in diesem Punkt gewaltig getäuscht hatte, bewies seine Gegenwart.
Ramsey machte eine kurze Verbeugung, seine versteckt liegenden, blauen Augen wirkten ein wenig spöttisch. Seine vollendet geformte Kieferpartie, seine hohen Wangenknochen, seine dunklen, gewölbten Augenbrauen verliehen dem Mann den Ausdruck einer behutsam ausgebildeten Arroganz. »Wie ich sehe, überrascht Sie mein Besuch, Miß Sinclair.« Er holte aus der Tasche seiner geblümten Seidenweste einen Fächer hervor. »Sie haben dies hier gestern abend bei meiner Tante liegengelassen, und sie hat darauf bestanden, daß ich dafür Sorge trage, es Ihnen zurückzubringen.«
»Was! Die ordentliche, tüchtige Miß Sinclair vergißt ihre Habseligkeiten«, kicherte Justin. »Das paßt aber gar nicht zu der Reely, die ich kenne.«
Aurelia quittierte diese Hänselei mit einem Lächeln, doch sie spürte, daß ihre Wangen erröteten. Würde es ihr je gelingen, Justin davon abzubringen, diesen schrecklichen Spitznamen aus ihrer Kindheit zu benutzen?
»Danke schön, Mr. Ramsey«, sagte sie und faßte den Fächer am Elfenbeingriff. »Aber Sie hätten sich nicht die Mühe zu machen brauchen, den Fächer so fort zurückzubringen. Besonders wenn ich bedenke, daß Sie heute morgen noch so viele wichtige Dinge zu erledigen haben.«
»Hier, in der Wildnis von Norfolk, Miß Sinclair?« Eine dunkle Augenbraue Ramseys schoß nach oben. »Nein, ich kann Ihnen versichern, daß ich mich um keine dringlichen Geschäfte kümmern muß. Wenn ich ehrlich bin, so können Sie über meinen ganzen Tag frei verfügen.«
Er schritt weiter in das Zimmer hinein, zog seine gelben Glacéhandschuhe aus und verbreitete ungeniert den Eindruck, als wolle er noch eine ganze Weile dableiben. Aus seinen blauen Augen funkelte ein Blick, den Aurelia für die Boshaftigkeit in Reinform gehalten hätte, wenn es sich nicht um den halsstarrigen Mr. Ramsey gehandelt hätte.
Justin drückte ihr ein Päckchen in die Hand. »Ein kleines Geschenk«, sagte er, »aber ich weiß genau, daß es dir sehr gefallen wird.«
Als Aurelia die Schnur löste und das Geschenkpapier zur Seite schob, entdeckte sie eine Schachtel Pralinen. Für Süßigkeiten hatte sie schon immer eine Schwäche, aber ihr Magen war so verkrampft, weil sie ängstlich und frustriert war, daß es ihr Schwierigkeiten bereitete, Justins Geschenk mit großer Begeisterung zu quittieren. Glaubte Justin denn allen Ernstes, daß Pralinen ihr im Leben das meiste bedeuteten? Eben diesen Gedanken mußte offenbar der unerträgliche Mr. Ramsey in diesem Augenblick haben, denn er ließ seine zynischen Augen von der Schachtel auf ihre Taille wandern. Aus reinem Trotz schob sie eine Praline in ihren Mund, ehe sie den Gentlemen auch eine anbot. Doch sie lehnten beide ab.
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