E-Book, Deutsch, 212 Seiten
Carl / Unzicker Anders wird gut
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-86793-985-0
Verlag: Verlag Bertelsmann Stiftung
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Berichte aus der Zukunft des gesellschaftlichen Zusammenhalts
E-Book, Deutsch, 212 Seiten
ISBN: 978-3-86793-985-0
Verlag: Verlag Bertelsmann Stiftung
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Verena Carl, geboren 1969 in Freiburg/Breisgau, studierte in den Neunzigerjahren in München BWL und absolvierte anschließend ein journalistisches Volontariat mit Zusatzausbildung an der Deutschen Journalistenschule. Seit 2004 lebt sie als freie Journalistin und Autorin mit ihrer Familie in Hamburg, verfasst unter anderem Beiträge für Die Zeit, Hamburger Abendblatt und Brigitte und hat eine Reihe von Sachbüchern, Romanen und Hörspielen geschrieben. Für ihre schriftstellerische Arbeit gewann sie unter anderem zwei Mal den Hamburger Förderpreis für Literatur. Mehr über Verena Carl unter www.verenacarl.de Kai Unzicker, geboren 1978 in Bad Wildungen, studierte Soziologie, Psychologie und Philosophie an der Philipps-Universität Marburg und promovierte 2010 an der Universität Bielefeld in Erziehungswissenschaft. Seit 2011 ist er bei der Bertelsmann Stiftung tätig. Dort hat er zunächst mit Expert:innen ein Messinstrument für gesellschaftlichen Zusammenhalt entwickelt und in zahlreichen Studien auf internationaler, nationaler und lokaler Ebene angewendet. Er hat 2018 als Projektleiter den Reinhard- Mohn-Preis zu kultureller Vielfalt betreut und ist heute Co-Leiter des Projekts Upgrade Democracy, das sich digitalen Chancen und Risiken für die Demokratie widmet. Vor seiner Zeit bei der Bertelsmann Stiftung war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung in Bielefeld.
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TEIL 1
WANDEL ALS WORST CASE, WANDEL ALS WACHSTUM – WAS UNS BEWEGT
Um dieses Buch zu schreiben, haben wir einen langen Weg zurückgelegt. Das gilt zuallererst für die Themen, um die es auf den nächsten 200 Seiten gehen wird. Denn obwohl sie einen gemeinsamen Nenner haben – die Umbrüche einer krisenhaften Gegenwart –, könnten sie nicht unterschiedlicher sein.
Wir haben uns mit einer Gesellschaft beschäftigt, in der vieles gleichzeitig wächst: sowohl die soziale und wirtschaftliche Ungleichheit als auch das Selbstbewusstsein marginalisierter Gruppen. Wir erzählen von einem Land, das in einer globalisierten Welt zunehmend auch Schauplatz globaler Krisen ist. Ob ganz unmittelbar durch den Klimawandel, in Form von Dürren und Flutkatastrophen, durch die Folgen der Corona-Pandemie – oder auf Umwegen, etwa durch gestiegenen Migrationsdruck, die Rückkehr des Krieges nach Europa und das Erstarken rechtsextremer Kräfte fast überall in der westlichen Welt.
Wir haben die Herausforderungen für Demokratie und Zivilgesellschaft in den Blick genommen: die wachsende Entfremdung von der Politik und die Veränderungen im Parteiensystem, den demografischen Wandel, die strukturellen Umbrüche auf dem Arbeitsmarkt, eine neue Art des Medienkonsums und der Informationsweitergabe. Und wir haben dabei immer wieder gefragt: Sind wir zwangsläufig in einer Negativspirale gefangen – oder haben wir im Gegenteil eine Menge Stellschrauben zur Verfügung, mit denen wir den Wandel zum Guten wenden, Transformation kreativ gestalten können?
Betrachtet man den Diskurs, ob medial, politisch oder privat, dominiert die Farbe Dunkelgrau: Endzeitstimmung und Niedergangsängste machen sich breit. Oft scheint es, wenn überhaupt, nur die Wahl zwischen unterschiedlich katastrophalen Szenarien zu geben. Zum Beispiel: Entweder wir hinterlassen kommenden Generationen verwüstete Landschaften, weil es uns nicht gelingt, den Klimawandel zu bremsen – oder wir geben den Wirtschaftsstandort Deutschland auf und begeben uns zurück in eine steinzeitliche Selbstversorgergesellschaft.
Die Sorgen sind nachvollziehbar. Aber sind sie auch realistisch? Läuft wirklich alles auseinander oder erleben wir nur eine – zugegeben radikale – Veränderung? Und haben wir nicht wirksame Instrumente in der Hand, sie zu steuern? Jenseits von blindem Zweckoptimismus wollen wir uns die Fragen stellen: Wie kann eine andere Gesellschaft, ein anderes Land auf neue Weise gelingen, was kann uns alle miteinander resilient machen für eine ungewisse, herausfordernde Zukunft?
Als Stiftung haben wir diese Fragen schon lange im Fokus. Seit 2012 beschäftigt sich die Bertelsmann Stiftung intensiv mit dem Thema »sozialer Zusammenhalt«. Im Jahr 2013 wurde unsere erste Studie dazu veröffentlicht, der zahlreiche weitere folgten.1 Seitdem haben wir verschiedene Einzelaspekte genauer untersucht, mal thematisch, mal bezogen auf eine Region oder ein Bundesland. Insbesondere drei Studien sind es, die mit seismografischer Genauigkeit die Stimmung in Deutschland zusammenfassen und konkrete Handlungsempfehlungen daraus ableiten. Da diese eine wichtige Grundlage für die kommenden Kapitel bilden, seien sie hier kurz skizziert:
Kürzlich haben wir das Thema »Gesellschaftlicher Zusammenhalt und seine Veränderungen im Zuge der Pandemie« am Beispiel des Bundeslandes Baden-Württemberg herausgearbeitet, doch die Ergebnisse lassen sich auf die Gesamtbevölkerung übertragen. In dieser Studie haben wir für das Bundesland die Werte von 2017, 2019 und 2022 untersucht und verglichen, wobei die Zahlen von 2022 den aktuellen Forschungsstand natürlich am besten wiedergeben. Der Einfachheit halber bezeichnen wir diese Studie im Weiteren als »Pandemiestudie«.2
2020 führten wir eine bundesweite Studie zum Thema »Gesellschaftlicher Zusammenhalt in Deutschland« durch. Ursprünglich als Längsschnittvergleich geplant, fiel die Erhebung ebenfalls in die erste Pandemiewelle, sodass wir die aktuellen Veränderungen mitaufnehmen konnten. Grundlegend ging es dabei um die Fragen, wie sich das Empfinden für Zusammenhalt bei verschiedenen Bevölkerungsgruppen im Dreijahresvergleich verändert hat und welchen Einfluss Infrastruktur – also etwa die Besiedlungsdichte – und andere Faktoren auf das eigene Empfinden haben. Wenn wir uns auf diese Erhebung beziehen, sprechen wir im Weiteren von der »Zusammenhaltsstudie«.3
Die dritte Studie, auf die wir öfter zurückkommen werden, ist von 2021 und beschäftigt sich mit dem individuellen Gerechtigkeitsempfinden, quotiert nach Alter, Geschlecht, Bildung und Wohnort. Wie wir noch sehen werden, ist dieser Aspekt eine wichtige Stellschraube etwa für die Einstellung gegenüber Politik und die Bereitschaft, sich zivilgesellschaftlich zu engagieren. Referenzen darauf sind unter dem Label »Gerechtigkeitsstudie« zu finden.4
So weit die Themen und die Forschungsansätze. Dass wir für dieses Buch einen langen Weg zurückgelegt haben, stimmt auch ganz konkret, das heißt geografisch. Denn wir – das gilt in erster Linie für die Autorin der Reportagen, Verena Carl – wollten den akademischen Erhebungen Geschichten gegenüberstellen, im Sinne einer Probebohrung: Wer sind die Menschen hinter den Zahlen und wie gehen sie in ihrem Alltagsleben mit den Herausforderungen um, vor die unsere krisenhafte Gegenwart sie stellt?
Auf insgesamt 4.892 Bahn- und Pkw-Kilometern hat uns diese Reise an ganz unterschiedliche Orte geführt: vom Dorf in der Lausitz bis in die Hauptstadt Berlin, von einer bayerischen Kleinstadt bis in einen niedersächsischen Landkreis, insgesamt in neun von sechzehn Bundesländer.
Wir haben Aktivist:innen und Ehrenamtler:innen getroffen, engagierte Privatpersonen ebenso wie Politiker:innen, Polizist:innen und eine Schulleiterin. Wir sind Menschen und Initiativen begegnet, die sich auf ihre Weise dem sozialen Wandel stellen, Altes neu denken, auf ungewöhnlichen Wegen die vielfachen Herausforderungen unserer modernen Gesellschaft angehen. Etwa den Kampf gegen Demokratiemüdigkeit, für bürgerschaftliches Engagement, Generationengerechtigkeit und mehr Diversität, die Frage nach Chancengerechtigkeit. Oder danach, was in einer mobilen Welt als sozialer Kitt taugt.
Die Antworten sind so unterschiedlich wie die Menschen, die sie geben. Zum Beispiel eine Frau, die in Bremen mit Nachbar:innen freiwillig den Müll einsammelt, den andere achtlos fallen lassen. Ein Mann, der in Ludwigsfelde/Brandenburg in einem informellen »Bürgerrat« Ideen für die Lokalpolitik zusammenträgt. Zwei Freundinnen, die mit einem nicht kommerziellen Dorfcafé in Sachsen einen Begegnungsort in einer Gemeinde schaffen, in der Enttäuschungen groß sind und politische Meinungen weit auseinandergehen. Last, but not least eine Gruppe junger migrantischer Erwachsener, die nach dem Terroranschlag von Hanau in einer antirassistischen Bildungseinrichtung mitarbeiten und dabei selbst neues Vertrauen zu ihren Mitmenschen fassen.
Und so unterschiedlich die Menschen und ihre Geschichten sind, so unterschiedlich sind auch die Formen, die wir für unsere Texte gewählt haben: mal klassische Reportage, mal Interview, mal Tagebuch, mal eine Reihe von Statements von Personen, die gemeinsam um einen Konsens zu einem Thema ringen.
Immer wieder haben wir Gespräche geführt und Situationen erlebt, die mehrere Deutungen zulassen. Fangen wir mit den negativen an. Ja, die sich mal abwechselnden, mal überlagernden und gegenseitig verstärkenden Krisen unserer Gegenwart können lähmend wirken. Etwa die Herausforderung durch den russischen Überfall auf die Ukraine und die daraus folgende Inflation. Der Umgang mit Geflüchteten, die sich verschärfende soziale Frage, der Hass gegen marginalisierte Gruppen, der Vertrauensverlust in politische Akteur:innen. Und schließlich, als Megakrise des 21. Jahrhunderts, der menschengemachte Klimawandel.
Die Fülle dieser Herausforderungen kann zu Entsolidarisierung führen, zu verstärkten Verteilungskämpfen, zu politischer Apathie oder einer Neigung zu den radikalen Rändern. Steffen Mau, Professor für Makrosoziologie an der Berliner Humboldt-Universität, spricht treffend von »Veränderungserschöpfung«,5 im Osten Deutschlands aus historischen Gründen stärker verbreitet als im Westen.
Aber an vielen Stellen ist dennoch eine positive, eine hoffnungsfrohere Deutung möglich, die am Ende dazu geführt hat, dass wir mit großer Gewissheit auch sagen können: »Anders wird gut!« – wenn wir es richtig machen. Denn vieles bewegt sich in eine wünschenswerte Richtung, hin zu mehr Zusammenhalt, besserer Kommunikation, innovativem Denken. In mancher Hinsicht ist das, was wir gefunden haben, eine Art deutsches Hoffnungspuzzle: Initiativen, die Bürgerbeteiligung neu denken, die Dialog zwischen verhärteten Fronten wieder möglich machen; Einzelpersonen, die sich engagiert um ihre Mitmenschen, ihr Lebensumfeld bemühen oder gemeinsam Gruppen eine...




