E-Book, Deutsch, 431 Seiten
Caragiale Humbug und Variationen
Erste Auflage
ISBN: 978-3-945370-98-8
Verlag: Guggolz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 431 Seiten
ISBN: 978-3-945370-98-8
Verlag: Guggolz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ion Luca Caragiale (1852-1912) galt wegen seiner tiefen Verwurzlung in der rumänischen Sprache lange Zeit als unübersetzbar. Mit seinen Erkundungen in die feinsten psychologischen Verästelungen, seinem Abtauchen in die tiefsten menschlichen Niederungen und die abgelegensten sprachlichen Milieus hat Caragiale ein umfassendes Bild einer rumänischen Gesellschaft geliefert, wie es sie heute nicht mehr gibt. Der eigentlich vom Theater stammende Caragiale hat in Kurz- und Kürzesterzählungen - in 'Humbug und Variationen' sind mehr als 60 abgedruckt - seine Mitmenschen und deren soziale Verflechtungen mit einem Feuerwerk an Witz und Sprachlust, an Präzision und Sinn für das entlarvend Absurde porträtiert. Noch heute meint man in seinen Figuren eigene Bekannte und Verwandte zu erkennen, so ewig gültig hat Caragiale ihre Verhaltensmuster und Sprechweisen festgehalten.
Die deutsche Übersetzung von Eva Ruth Wemme, die es an Sprachverspieltheit und Punktgenauigkeit mit Caragiales rumänischen Texten aufnimmt, schenkt uns Lesern Einblicke in Situationen, Anekdoten, Journale, Dialoge, Streitgespräche - Momente und Skizzen (so bezeichnete Caragiale seine Erzählsammlungen) der rumänischen Gesellschaft um 1900 zu gewinnen. In Eugène Ionescus absurden Theaterstücken wie auch in der fabulierenden Großprosa Mircea Cartarescus findet sich ein geistesverwandter Nachhall. Mit Caragiale ist eine Zentralgestalt der rumänischen Literatur zu entdecken, dessen unbändige, feinsinnige, urkomische und einflussreiche Geschichten auch schlicht ein großer Spaß bei der Lektüre und ein berauschendes Fest der Sprache sind.
Ion Luca Caragiale (1852-1912) wurde im kleinen Dorf Haimanale, nahe Ploie?ti, geboren, das heute zu seinen Ehren I. L. Caragiale heißt. Er besuchte Volksschule und Gymnasium und nahm ab 1868 an dem von seinem Onkel Costache geleiteten Konservatorium in Bukarest Schauspielunterricht. Als 1870 sein Vater starb, musste Caragiale für die Familie aufkommen. Er arbeitet als Souffleur am Bukarester Nationaltheater, als Übersetzer und als Journalist bei Zeitungen und satirischen Zeitschriften. Im Literaturzirkel ?Junimea? lernt er Titu Maiorescu kennen. Als dieser 1888 Kultusminister wurde, beförderte er Caragiale zum Generaldirektor für das Theaterwesen. Diese Stellung behielt er allerdings nur für ein Jahr. Zwischen 1878 und 1890 schrieb Caragiale vor allem Dramen, ab dann verfasste er zahlreiche Novellen und Erzählungen. 1891 verweigerte ihm die Rumänische Akademie die Aufnahme. Gekränkt eröffnete er eine Gaststätte im Bukarester Händlerviertel. Aufgrund einer Erbschaft konnte er nach Westeuropa reisen. 1904 zog er mit seiner Familie nach Berlin, wo er weitere Bände mit kurzen Geschichten veröffentlichte. 1912 starb er in Berlin. Sein Leichnam wurde nach Bukarest überführt, zu seiner Beerdigungsfeier kosteten alle Bahnkarten des Landes nur die Hälfte.
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(Anlage) DER VERDREHTE MENSCH CANUSCHKE
Es war einmal ein Mensch, der sich sein ganzes Leben nicht mit der Welt vertragen konnte – ein verdrehter Mensch. Seine Mutter kam es an, ihn grade über den Aschermittwochstag vor dem großen Fasten zu gebären, als ein furchtbarer Schneeregen losging. Ostern fiel in diesem Jahr vollends in den Winter. Sein Vater fuhr schnell mit dem Pferdewagen zur Hebamme ganz am anderen Ende des Dorfes. Die Hebamme schlief; sie war grade erst vom Pächterhof gekommen, da hatte es ein Fest gegeben. Es brauchte einige Zeit, bis sie aufwachte, sich anzog, in den Wagen stieg. Das Kind wartete, so lange es konnte, und bevor seine Mutter, die schrecklich jammerte, die Geduld verlor, verlor es seine und kam so, ohne langes Nachdenken, heraus in die Welt, grade als das Glöckchen am Wagen seines Vaters an der Eingangstreppe zu hören war. Nach ungefähr vier Wochen war es Zeit, ihn zu taufen: Radu, Raducanu, oder eben Canuschke – ohne Schutzheiligen im Kalender. Nachdem der Pate sich für ihn dreimal vom Satan abgewendet hatte, nahm der Dorfpope das Kind in die Hände und tunkte es ins Taufbecken: »… im Namen des Vaters! …«, das Kind hielt es aus; dann nochmal: »… und des Sohnes …«, das Kind begann zu brüllen vom kalten Wasser, als hätte man es ins Feuer gesteckt: als man es zum dritten Mal eintunkte: »… und des heiligen Geistes! …«, da wand sich das Kind aus den Fingern des Popen wie ein Aal und schnippte auf den Grund des Taufbeckens. Der Pope hob seine nackten Hände aus dem Wasser, und die Patin fing an zu schreien: »Er ertrinkt, Vater, das Kind! … Was machst du denn!« Der Pope krempelte fix die Ärmel hoch und holte ihn so schnell er konnte heraus an die Luft. Der Kleine war blau wie die Leber eines alten Büffels; nicht mal Miau sagte er mehr; er blinzelte nur mit seinen verhangenen Äuglein wie ein verreckender Frosch. Sie packten ihn an den Beinen, drehten ihn um, schüttelten ihn, rieben ihn, bis sich seine Seele wieder in ihm eingefunden hatte. »Meensch!«, sagt der Pope, »viele Kinder hab ich getauft, seit ich Pope bin … lang soll er leben! aber so ein verdrehtes Kind habe ich noch nie gesehen!« Canuschke war bereits elternlos, als er gerade erst ein Schulkind geworden war … Einerseits besser für sie: Viel Freude hätten sie nicht an ihm gehabt. Die Großmutter väterlicherseits nahm ihn an Kindes statt zu sich in die Vorstadt und gab ihn in die Schule. Canuschke lernte, wie er konnte, bis er mit Hängen und Würgen in die vierte Klasse kam. Eines Tages kam der Lehrer, ein strenger Mann, ganz verärgert zur Schule. Als er vor die Klasse trat, setzte er sich mit gerunzelter Stirn aufs Pult, ratterte die Liste der Schüler herunter und dann: »Canuschke!« »Anwesend!« »Wie viele Herrscher hatte die Walachei?« »Viele, Herr Lehrer!« »Viele, viele! aber wie viele jetzt? … Volltrottel!« »… wie viele denn, Herr Lehrer?« »Also, fragst du mich jetzt? oder ich dich, Dorfdepp!« »Dann zählen wir sie doch, Herr Lehrer …« »Was hast du denn bis jetzt gemacht, du Trampel!« »Ich hab Ar’thmetik gelernt, Herr Lehrer.« »Zurück auf deinen Platz, Schwachkopf. Nächstes Mal zählst du.« Canuschke ging zurück auf seinen Platz und fing an zu zählen und wieder zu zählen. Am nächsten Tag kam der Lehrer noch schlechter gelaunt zur Schule: »Canuschke!« »Hier.« »Wie viele komplexe Zahlen haben wir?« »Viele, Herr Lehrer.« »Wie viele, Hornochse?« »Wie viele denn, Herr Lehrer?« »Antworte du, du Rindvieh!« »Zählen wir sie doch, Herr Lehrer!« »Jetzt willst du zählen? Was hast du denn bis jetzt gezählt, du Esel?« »Ich habe die Herrscher gezählt, Herr Lehrer!« »Setzen, du blöder Esel! Nächstes Mal zählst du sie!« Wieder ging er zurück auf seinen Platz und fing an zu zählen, wie viele Arten komplexer Zahlen wir hätten. Am dritten Tag kam der Lehrer ganz wütend herein: »Canuschke!« »Anwesend! … die komplexen Zahlen …« »Ich frag dich nicht nach den komplexen Zahlen …« »… die Herrscher der Walachei …« »Warte, bis ich dich frage, Nichtsnutz … Wie viele Flüsse hat Europa?« »Ich gehe zählen, Herr Lehrer …« Und Canuschke ging. Er ging zu seiner Großmutter nach Hause und sagte, er würde nicht mehr zur Schule wollen, sie sollte ihn eher schlachten. Die Großmutter rannte zum Lehrer und der Lehrer sagte: »Alte, gib ihn zum Handwerk. Vielleicht gibt ihm das Handwerk einen Sinn, er ist nichts für die Schule, ein verdrehtes Kind, du fragst ihn was, und er antwortet was anderes.« Die Alte grämte sich, aber sie dachte: Wer weiß? nicht jeder ist dafür geschaffen, in der Schule was zu werden … ich geb ihn zu einem Herrn; vielleicht findet er da sein Glück. Sie gab Canuschke zu einem Händler. Der Junge diente, soweit er konnte, mal besser, mal schlechter. Eines Abends belud der Händler einen großen Korb mit allerlei Fleischwaren und ungefähr zwanzig Flaschen Wein, um ihn zu einem Käufer zu schicken. Draußen war schlimmes Glatteis. Canuschke bückte sich und konnte das Gewicht schon drinnen im Laden kaum heben. »Wirst du nicht damit ausrutschen, du?«, fragte der Herr. »Tja, Herr, weiß ich’s?« »Kannst du den tragen?« »Er ist schwer …« »Los!«, blaffte der Herr. »Aber schlafen und essen kannst du, du fauler Hund!« Canuschke versuchte, den Korb anzuheben, aber er konnte nicht. Um ihn aufzumuntern, verpasste ihm der Herr einen Faustschlag in den Nacken; dann hoben der Herr und ein anderer Junge die Last an und setzten sie Canuschke auf den Rücken. Hölzern machte der Junge ein paar Schritte bis zur Straßenecke, bis wohin die Händler Asche vor ihre Läden gestreut hatten; aber als er in eine weniger begangene Gasse einbog, um den Weg abzukürzen, kam dort gerade eine Kutsche mit Pferden, die aus Furcht davor, auszurutschen, ganz breitbeinig gingen. Der Junge rettete sich schnell auf die Seite und plötzlich, Klapperklapper! Kling! … Canuschke auf die eine Seite und die Last auf dem Rücken zur anderen. Der Junge stieß sich den Ellenbogen, dass ihm ganz anders wurde; doch er stand hastig wieder auf, um nachzusehen, was mit dem Korb geschehen war. Er packte ihn kraftvoll am Henkel, riss eifrig daran. Komische Sache! Der Korb war jetzt leichter. Als er ihn von der Erde aufhob, fing es an, aus dem Korbboden zu fließen wie aus einer löchrigen Gießkanne: Die Flaschen waren zerbrochen, und jetzt rieselte der Rest Wein heraus. Was sollte er tun? Zu dem Kunden konnte er mit den Flaschenscherben nicht mehr gehen. Weglaufen? Wohin sollte er? … Zurück in den Laden! … Man würde ihn wohl schon nicht umbringen. Umgebracht hat sein Herr ihn auch nicht, weil der Herr kein gar so schlechter Mensch war … Aber … »Wo bist du hingefallen, du Lump?« »An der Ecke, in der Gasse.« »Warum bist du in die Gasse gegangen, du Halunke? Konntest du nicht auf dem Mogosoaia-Steg gehen, wo gefegt ist und mit Asche gestreut? He?« »Damit ich keinen Umweg mache, Herr!« »Keinen Umweg machen? … Du bist zu faul zum Laufen, du Holzkopf! … Vierzig Franken! … Ist deine Haut so viel wert, wie du mir an Schaden gebracht hast?« Und schlägt und schlägt ihn … Er schlug ihn so sehr, dass der arme Canuschke, nachdem der Laden schloss, nicht einmal mehr aß. Er legte sich angezogen auf seine Strohmatte und schlief wie erschlagen bis zum nächsten Tag, als hätte er ein Fest gefeiert. Drei Abende später schickt man ihn noch einmal mit Ware zu einem anderen Kunden. Jetzt war der Korb sehr leicht. »Duuu, und komm mir ja schnell wieder!« »Ich komme, Herr«. »Pass bloß auf du, wenn noch mal was zerbricht!« … Nach ein paar Minuten kommt eine Dame in den Laden und kauft alle möglichen Dinge für zu Hause...