Capek | Meine schönsten Erzählungen | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 380 Seiten

Capek Meine schönsten Erzählungen


1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8496-2361-6
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 380 Seiten

ISBN: 978-3-8496-2361-6
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Karel Capek gilt als einerder wichtigsten tschechischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Sein Werk umfasst futuristische Romane, Detektivgeschichten, Märchen und Schauspiele. In diesem Sammelband finden sich die Erzählungen: Die große Polizei-Geschichte Die Post-Geschichte Die Geschichte vom Wassermann Die Räuber-Geschichte Die Hunde-Geschichte Der gestohlene Kaktus Die Erzählung des alten Zuchthäuslers Das Verschwinden des Herrn Hirsch Tschintamanin und Vogel Vom Kassenknacker und vom Brandstifter Der gestohlene Mord Der Fall mit dem Kind Die Gräfin Die Geschichte des Dirigenten Kalina Der Tod des Barons Gandara Die Geschichte vom Heiratsschwindler Die Ballade vom Juraj Cup Schwindel Die Ohrenbeichte Vom lyrischen Dieb Das Gericht des Herrn Havlena Die Nadel Das Telegramm Der Mann, der nicht schlafen konnte Die Briefmarkensammlung Ein gewöhnlicher Mord Der Geschworene Die letzten Dinge des Menschen Hordubal

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Das Verschwinden des Herrn Hirsch



»Was Sie da erzählt haben«, meinte Herr Fuchs, »ist ja sehr nett, aber der Fall hat einen großen Fehler: er ist nicht in Prag passiert. Wissen Sie, ich bin der Meinung, daß auch in Kriminalsachen man Rücksicht auf die Heimat zu nehmen hat. Was geht uns schließlich Palermo oder sonst ein entlegenes Nest an? Nichts! Aber wenn einmal so ein besseres Verbrechen hier in Prag gelingt, so bin ich geradezu stolz; dann wird in der ganzen Welt von uns gesprochen und so was macht mir halt warm, so bin ich schon. Außerdem sagt einem doch der nackte Verstand, daß in einer Stadt, in der so eine wirklich große Sache vor sich geht, geschäftlich doch manches los sein muß; man hat den Eindruck von ›großem Stil‹, nicht wahr, und die Welt faßt Zutrauen zu unserer Stadt. Aber nur, wenn man den Täter auch erwischt.

Ich weiß nicht, ob Sie sich an den Fall mit dem alten Hirsch aus der Langengasse erinnern. Der hatte dort ein Fellgeschäft, aber gelegentlich handelte er auch mit Perserteppichen und dergleichen orientalischem Zeug. Vorher hatte er nämlich viele Jahre lang in Konstantinopel gelebt; dort hat übrigens seine Leber Schaden genommen, er sah immer krank aus, war mager wie eine krepierte Katze und seine Haut war braun, als käme sie direkt aus der Gerberlohe. Zu ihm also kamen diese gewissen Teppichhändler aus Armenien oder aus Smyrna, und mit diesen Leuten verstand er sich so gut, wie sich eben Diebe miteinander verstehen. Das sind gewaltige Gauner, diese Armenier, vor denen muß sich sogar ein Jude gehörig in acht nehmen. Der Hirsch hatte seine Felle im Erdgeschoß liegen, und von dort führte eine Wendeltreppe in sein Kontor. Hinter dem Kontor war die Wohnung, und in der Wohnung saß immer Frau Hirsch. Die war nämlich so dick, daß sie überhaupt nicht gehen konnte.

Eines schönen Tages gegen Mittag geht der eine der Gehilfen hinauf ins Kontor, um Herrn Hirsch zu fragen, ob man einem gewissen Weil in Brünn Felle auf Kredit überlassen könne. Aber Herr Hirsch war nicht im Kontor. Der Gehilfe war überrascht, aber er sagte sich: Herr Hirsch wird vielleicht zu Frau Hirsch hineingegangen sein. Nach einer Weile erschien aber unten das Dienstmädchen; Herr Hirsch möge zum Essen hinaufkommen, sagt sie. ›Wieso hinaufkommen‹, fragt der Gehilfe, ›Herr Hirsch muß doch oben in der Wohnung sein!‹ – ›In der Wohnung?‹ meinte das Mädchen, ›Frau Hirsch sitzt doch den ganzen Tag gleich neben dem Kontor, und sie hat Herrn Hirsch seit früh nicht gesehen.‹ – ›Und wir‹, sagt der Gehilfe, ›wir haben ihn auch nicht gesehen, nicht wahr, Herr Wenzel?‹ – Der Wenzel war der Geschäftsdiener. – ›Um zehn Uhr habe ich ihm die Post gebracht‹, erzählte der Gehilfe, ›und Herr Hirsch hat mich noch angefahren, weil ich dem Lemberger wegen der Kalbsfelle nicht genug aufs Genick gestiegen bin. Seitdem hat er die Nase nicht mehr aus dem Kontor herausgesteckt.‹ – ›Jesusmariaundjosef!‹ sagte das Dienstmädchen, ›er ist aber nicht im Kontor! Ist er vielleicht in die Stadt gegangen?‹ – ›Durch den Laden nicht‹, antwortete der Gehilfe, ›sonst hätten wir ihn unbedingt sehen müssen, nicht wahr, Wenzel? Aber vielleicht durch die Wohnung?‹ – ›Ausgeschlossen, sonst hätte ihn doch Frau Hirsch gesehen!‹ – ›Also warten Sie mal‹, meinte der Gehilfe, ›als ich ihn sah, da war er im Schlafrock und in Pantoffeln; gehen Sie hinauf und sehen Sie nach, ob er Schuhe, Galoschen und Winterrock genommen hat.‹ – Es war nämlich November, müssen Sie wissen, und es hatte stark geregnet. – ›Wenn er sich angezogen hat‹, sagte der Gehilfe, ›dann ist er bestimmt in die Stadt gegangen; wenn nicht, so muß er hier im Haus stecken, das ist doch klar!‹

Gesagt, getan. Das Dienstmädchen sauste also hinauf und kam nach einiger Zeit ganz verstört von oben zurück. – ›Um Gottes Christi willen, Herr Hugo, der Herr Hirsch hat keine Schuhe angezogen, auch sonst hat er nichts genommen, und Frau Hirsch sagt, er kann einfach nicht durch die Wohnung weggegangen sein, er hätte doch durch ihr Zimmer gehen müssen.‹ – ›Durch den Laden ist er aber auch nicht gegangen‹, meinte der Gehilfe, ›er ist heute überhaupt nicht im Laden gewesen; er hat mich nur wegen der Post ins Kontor gerufen. Wenzel, kommen Sie, wir müssen ihn suchen!‹

Sie liefen zuerst ins Kontor. Dort war nicht die geringste Unordnung. Nur lagen in der Ecke ein paar zusammengerollte Teppiche, und auf dem Tisch lag ein angefangener Brief an den besagten Lemberger; über dem Tisch brannte die Gasflamme. – ›Eines steht also fest‹, urteilte Herr Hugo, ›Herr Hirsch ist nicht fortgegangen. Wäre er fortgegangen, so hätte er die Lampe ausgelöscht, nicht wahr? Er muß also irgendwo in der Wohnung sein.‹ – Sie durchsuchten die ganze Wohnung, aber sie fanden ihn nicht. Frau Hirsch saß in ihrem Lehnstuhl und weinte. Der Herr Hugo erzählte später, sie habe ausgesehen wie ein Haufen zitternder Sülze. – ›Frau Hirsch‹, sagte Herr Hugo, ›Frau Hirsch, weinen Sie nicht! Durchgegangen ist der Herr Hirsch einmal bestimmt nicht; Häute gehen jetzt gut und Außenstände hat er jetzt keine einkassiert. Irgendwo muß der Herr Chef schließlich sein. Bitte, wenn er sich bis zum Abend nicht findet, so melden wir es der Polizei, aber nicht früher: wissen Sie, Frau Hirsch, solche Sachen schaden einem Geschäft!‹

Sie warteten also bis zum Abend und suchten alles ab, von Herrn Hirsch aber fanden sie keine Spur. Zur gewohnten Stunde schloß Herr Hugo den Laden, ging zur Polizei und zeigte dort an, daß Herr Hirsch verlorengegangen sei. Die Polizei schickte Detektive, Sie wissen ja, wie diese Leute alles durchstöbern – aber sie fanden nicht den kleinsten Anhaltspunkt. Sie schnüffelten sogar auf dem Fußboden nach Blutspuren, aber nichts, nichts war da. Vorerst blieb nichts übrig, als das Kontor zu versiegeln; dann verhörten sie Frau Hirsch und das Personal über die Vorgänge am Morgen. Niemand hatte was Besonderes zu erzählen. Nur Herrn Hugo fiel ein, daß gegen Viertel elf der Reisende Herr Lebeda zu Herrn Hirsch gekommen war und etwa zehn Minuten mit ihm gesprochen hatte. Sie suchten also diesen Herrn Lebeda und fanden ihn selbstverständlich im Café Bristol beim Ramschl-Spiel. Herr Lebeda ließ schnell die Bank unterm Tisch verschwinden, aber der Detektiv sagte: ›Heute kommen wir nicht wegen Ramschl, Herr Lebeda, heute handelt es sich um den Herrn Hirsch; der Herr Hirsch ist verschwunden, und Sie sind der letzte, der ihn gesehen hat.‹ Gut und schön – aber der Herr Lebeda wußte ebenfalls nichts zu sagen. Er war in Angelegenheit von Riemen bei ihm gewesen; aufgefallen war ihm gar nichts, höchstens, daß Herr Hirsch noch magerer ausgesehen habe als sonst. ›Wie Sie aber abnehmen!‹ hatte er Herrn Hirsch gesagt. ›Mager‹, sagte der Kommissar, ›magerer, am magersten – aber so mager kann er doch nicht gewesen sein, daß er sich in Luft verflüchtigt hat! Etwas müßte doch von ihm zurückgeblieben sein – ein Knochen, oder die Zähne, nicht wahr? Und daß Sie ihn in der Aktentasche weggetragen haben, ist auch nicht gut möglich.‹

Aber jetzt passen Sie einmal auf, jetzt gehen wir an den Fall sozusagen von einer anderen Seite heran. Sie kennen doch die Gepäckaufbewahrungsstellen auf den Bahnhöfen, wo die Reisenden ihre Koffer und allerhand Kram deponieren. Zwei Tage waren seit dem Verschwinden des Herrn Hirsch vergangen, da sagte eine Bahnhofsgarderobefrau zu einem Dienstmann, da sei ein Koffer, der wolle ihr gar nicht recht gefallen. ›Ich weiß nicht, warum‹, sagte sie, ›aber ich fürchte mich geradezu vor dem Koffer.‹ Der Dienstmann sah sich den Koffer näher an, beroch ihn und meinte: ›Wissen Sie was, Mutterl, rufen Sie auf alle Fälle die Bahnhofspolizei!‹ Man brachte also einen Polizeihund an den Koffer heran, und der hatte das Ding kaum beschnuppert, als er auch schon zu knurren und die Haare aufzustellen begann. Das war auffallend genug, man brach den Koffer auf, und in den Koffer eingezwängt fand man die Leiche des Herrn Hirsch, im Schlafrock und in Pantoffeln. Die Sache war so sehr ruchbar geworden, weil der Arme doch leberleidend gewesen war. In einer tiefen Rinne rund um den Hals lag noch eine starke Rebschnur; man hatte ihn erdrosselt. Es blieb nur erstaunlich, wie er, in Schlafrock und Pantoffeln, aus seinem Kontor in den Koffer und im Koffer auf den Bahnhof gelangt war.

Den Fall bekam der Inspektor Mejzlik zur weiteren Behandlung. Der sah sich die Leiche an und stellte sofort fest, daß auf dem Gesicht und an den Händen eine Menge grüner, blauer und roter Flecken waren. Auf der braunen Haut des Herrn Hirsch sah das ganz besonders seltsam aus. ›Sonderbare Verwesungsmerkmale –‹, meinte Herr Mejzlik und fuhr mit seinem Taschentuch kräftig über eine dieser Stellen – und der Fleck verschwand. ›Wissen Sie, was das sein kann?‹ sagte er zu den Leuten, die herumstanden. ›Anilin! Ich muß mich noch einmal im Kontor umsehen!‹

Im Kontor suchte er zuerst nach irgendwelchen Farben. Doch er fand nichts dergleichen. Plötzlich fielen ihm die zusammengerollten Teppiche in die Augen. Er hob einen von ihnen auf und rieb mit dem angefeuchteten Taschentuch über eine blaue Stelle des Musters; auf dem Tuch zeigte sich ein blauer Fleck. ›Ein verdammter Schund, diese Teppiche!‹ sagte der Herr Inspektor und suchte weiter. Auf...



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