E-Book, Deutsch, 420 Seiten
Cantero Mörderische Renovierung
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-946503-54-5
Verlag: Golkonda Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
E-Book, Deutsch, 420 Seiten
ISBN: 978-3-946503-54-5
Verlag: Golkonda Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Edgar Cantero ist Katalane, Filmjunkie, vertilgt Tonnen von Nudeln, vergöttert Frauen, zeichnet Comics und schreibt Romane. Für die meisten Leute sind nur die letzten zwei Punkte irgendwie von Wichtigkeit. Edgars Muttersprachen sind Spanisch und Katalanisch, und in letzterer machte er auch seine ersten Schritte als Autor. The Supernatural Enhancements (2014) ist der erste Roman, den er auf Englisch verfasst hat. Sein neuester Roman Meddling Kids wird gerade in den USA verfilmt.
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5 .N O V E M B E R
A.’S TAGEBUCH
Trotz meines Widerwillens, mir Kleidung aus Ambrose Wells Garderobe zu borgen, die zur selben Zeit wie Taschenuhren und Luftschiffen aus der Mode gekommen war, schafften wir es, in der Kirche Aufsehen zu erregen. Ich war der Typ, der sich als Geschichtsprofessor aus dem Oxford der Jahrhundertmitte verkleidet hatte. Und Niamh war das Mädchen, das sich die Haare zu einem losen Pferdeschwanz zusammengebunden hatte, der wie eine Explosion blauvioletter Bänder aussah, und das ein grünes Kleid trug, zu kurz für Jahreszeit und Anlass. Während des Gottesdienstes bemerkte ich einige neugierige Blicke, und auf dem Weg nach draußen bildeten sich einige zu kleine Gruppen, in denen die Leute sich mit unnötig leisen Stimmen unterhielten. Niamh grüßte sie alle mit umwerfendem Lächeln und sorgte dafür, dass selbst die verklemmtesten Richter bereit gewesen wären, ihr aus der Hand zu fressen.
Niemand sprach uns in der Kirche an, aber später an diesem Tag erhielten wir drei Besuche.
Die Ersten waren die Brodies, gegen siebzehn Uhr. Ihre Farm liegt südlich und ist von den Fenstern in den oberen Stockwerken sichtbar. Sie sind unsere nächsten Nachbarn. Tatsächlich gehörte ihr Land früher den Wells. Wenn ich es richtig verstanden habe, bestellte Mrs Brodies Familie dieses Land, bevor durch den dreizehnten Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung die Sklaverei abgeschafft wurde, aber ich wagte nicht, genauer nachzufragen, aus Angst, etwas missverstanden zu haben oder unhöflich zu klingen. Die Wahrheit ist, dass ich anfangs Mühe hatte, den sehr ausgeprägten Akzent Mrs Brodies zu verstehen. Doch wie immer es um das Verhältnis zwischen den Brodies und den Wells in früheren Zeiten bestellt war, muss es Ambrose gegenüber ziemlich herzlich gewesen sein, und Mrs Brodie schien sehr daran gelegen, diese Freundschaft aufrechtzuerhalten.
Mr Brodie schien der Besuch bei den neuen Nachbarn nicht ganz so am Herzen zu liegen, aber er taute etwas auf, als Niamh, die ich gebeten hatte, etwas zu trinken zu holen, mit einer halben Flasche 7 UP aus der Küche kam. Da erzählte er, Ambrose hätte immer etwas Bourbon im Arbeitszimmer aufbewahrt.
Er meinte das Büro im Erdgeschoss, das für »öffentliche« Geschäftsangelegenheiten benutzt wurde – eines der Zimmer, die ich nicht mag. Das perfekt symmetrische sechseckige Vorzimmer mit Schaukelstühlen in jeder Ecke und Flügeltüren an jeder Wand ist einfach symmetrisch, und mit der dunklen Wandvertäfelung und den abweisend wirkenden Büchern erinnert das Büro an das Zimmer eines Schulrektors. Brodie wirkte dadurch aber keineswegs eingeschüchtert. Er ging zielstrebig zu den schweren Bänden über amerikanische Geschichte, mit denen Besucher beeindruckt werden sollten. Er zog Champfreys aus dem Regal. In der Wandvertäfelung daneben klickte es, und Brodie entnahm dem sich öffnenden Geheimfach eine Flasche vierzehnjährigen Wild Turkey. Er sagte, Ambrose hätte ihm dieses Geheimnis an dem Tag gezeigt, als sie die Verpachtung des Orangenhaines besiegelten. Ich sagte, falls das Haus noch mehr Geheimnisse berge, sei es wohl eine gute Idee, ihn von nun an öfter einzuladen. Ernst antwortete er: »Ja, die birgt es.«
(Natürlich kennt er sie nicht. Aber sein Glaube daran ist ein ausreichendes Indiz. Ich weiß, wie tief dieser Mann an Dinge glauben kann, die er noch nicht gesehen hat. Ich sah ihn in der Kirche.)
Als er die Klappe in der Wandvertäfelung wieder schloss, bemerkte ich ein Kuvert auf Ambroses Schreibtisch. Ich wunderte mich, dass ich es zuvor nicht gesehen hatte, denn jetzt lag es da so auffällig, dass ich vor lauter Wut, es übersehen zu haben, meinen Kopf gegen die Wand hätte hämmern können. Doch das war überflüssig, denn jemand anderes hatte es bereits gefunden und geöffnet. Das Kuvert liegt jetzt, während ich das hier schreibe, vor mir, leer. »Aeschylus« steht darauf.
Als ich mit Brodie dort drin war, schob ich es unter einen Stapel Papiere und entschied, später weiter darüber nachzudenken. Es wäre unhöflich gewesen, die Frauen zu lange warten zu lassen, auch wenn Mrs Brodie offenbar zu der Sorte Mensch gehörte, die stundenlang reden können, ehe ihnen auffällt, dass ihr Gegenüber stumm ist.
Sie hatte es gerade herausgefunden, als wir uns im Musikzimmer wieder zu ihnen gesellten (langer Raum neben der Eingangshalle, fast ein Saal, mit Klavier, Hi-Fi und Fernseher.) Als wir eintrafen, sagte sie gerade den mir wohlvertrauten Satz: »Aber hören können Sie mich?«, mit sehr lauter Stimme, wobei sie sorgfältig jedes Phonem mit den Lippen formte (was ihr wegen des schon erwähnten Akzents einige Mühe bereitete). Und ich bekam wieder einmal Gelegenheit, Niamh nicken und lautlos lachen zu sehen, ehe ich die üblichen Erklärungen gab: dass sie stumm ist, nicht taubstumm; dass es sich nicht um eine angeborene Behinderung handelt; dass ihr Englisch besser als meines ist, weil sie aus Dublin stammt, während ich es erst in der High School lernte, als ich die Klassiker las; dass sie durch Gesten, Lippenbewegungen oder Schreiben kommuniziert, außerdem durch einen Pfeif- und einen Klopf-Code; dass sie immer Notizblock und Stift bei sich trägt und die Abende damit verbringt, die Leerzeilen zwischen ihren eigenen Zeilen mit dem zu füllen, was ihre Gesprächspartner sagten, und auf diese Weise mit nur fünfzig Prozent Zusatzarbeit lange Dialoge schriftlich festhält; dass sie auf diese Weise vollständig über alle Gespräche Buch führt, die sie je hatte, und auf jeder Notizblockseite notiert, wo das Gespräch stattfand, wann und mit wem; und dass es keine ruhigere Nachbarin gäbe als Niamh.
Letzteres sagte ich wohlüberlegt, und es sorgte für ein unbehagliches Schweigen. Mrs Brodie schlich auf Zehenspitzen um das Thema herum. Ich beschloss, einige der existierenden Gerüchte anzusprechen: Halblügen im Austausch gegen Halbwahrheiten. Ich zählte Ambroses seltsame Gewohnheiten auf, die sonderbaren Geräusche, die Lichter, die im Haus abgehaltenen Rituale. Ganz nebenbei erwähnte ich sogar die Geister. Mr Brodie sagte rasch: »Das mit den Geräuschen stimmt nicht.«
Seine Frau nahm Ambrose Wells regelrecht in Schutz, und man merkte ihr an, dass sie es ehrlich meinte. Die »Leute in der Stadt« hätten ihn für einen Eigenbrötler gehalten, aber sie wäre immer für ihn eingetreten und hätte die anderen darauf hingewiesen, dass seine Tür immer offenstand und er den Brodies gegenüber großzügig war. Wörtlich sagte sie zu uns: »Er hat aus den Fehlern seines Vaters gelernt.« Dann sah man, dass sie diesen Satz schon in der nächsten Sekunde bereute, als sie an Ambroses Ende dachte.
Ich nutzte die Gelegenheit, sie nach John, Ambroses Vater, zu fragen. Darauf antwortete sie wörtlich:
»John war ein noch besessenerer Forscher. Er lebte ganz für seine Studien.«
»Und für seinen Sohn«, ergänzte Mr Brodie. »Wobei aber selbst der erst an zweiter Stelle kam.«
Ich fragte, welche Art Forschungen John Wells und sein Sohn denn betrieben hätten. Sie zögerten. Dann erwähnten sie einige breit gestreute Disziplinen: Geschichte, Geographie … Anthropologie? Mrs Brodie sagte, Ambrose hätte häufig lange Reisen unternommen. »Er war in Asien und Afrika. Erst als sein Rheuma schlimmer wurde, gab er das Reisen auf.«
»Sein Vater interessierte sich auch für Mathematik«, sagte ihr Mann, als sei ihm plötzlich etwas Widersprüchliches aufgefallen. »Er war im Zweiten Weltkrieg Kryptograph.«
Ich brachte noch einmal die sonderbaren Gewohnheiten und Rituale zur Sprache. Wieder wirkten die Brodies peinlich berührt. Wieder betonte Mrs Brodie, jeder könne doch zu Hause tun und lassen, was er wolle, solange der Frieden in der Gemeinde dadurch nicht gestört wurde. »Aber …?«, versuchte ich, ihr mehr zu entlocken.
Schließlich gab sie nach, was ihrem Mann sichtlich missfiel: »Die Wells feierten stets eine Art Jahrestreffen. Im Dezember. Ich denke, daran war überhaupt nichts Sonderbares. Nur weil sie während des restlichen Jahres kaum Besuch hatten, erregte es die Aufmerksamkeit der Leute, dass während dieses alljährlichen Treffens plötzlich viele Autos vor dem Haus parkten. Manche verfuhren sich, landeten auf unserer Farm, und wir erklärten ihnen den Weg. Es handelte sich immer um Männer, die allein anreisten. Sie blieben dann für zwei oder drei Tage.«
»Bis Weihnachten?«
»Nein, sie reisten kurz vor Weihnachten wieder ab.«
Niamh sah mich an und formte mit den Lippen das Wort .
»Vielleicht feierten sie ja Ambroses Geburtstag«, sagte ich.
Sie dachten über diese Möglichkeit nach, doch dann erinnerte sich Mr Brodie, dass diese Tradition...




