Cannary | Lassiter 2631 | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2631, 64 Seiten

Reihe: Lassiter

Cannary Lassiter 2631

Kein Engel am Yukon River
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7517-4018-0
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Kein Engel am Yukon River

E-Book, Deutsch, Band 2631, 64 Seiten

Reihe: Lassiter

ISBN: 978-3-7517-4018-0
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Über die geschliffenen Zinnen des Mount Tyndale fegte wehender Schnee hinweg, der Harry S. Yount in die Wangen schnitt und ihm den Bart vereiste. Der Sturm hatte die Kälte tief unter dem Nullpunkt gebracht und den Pfad hinauf zum Seward Creek in eine Eispiste verwandelt. Der Schneeharsch unter Younts Stiefeln knirschte wie zermahlene Knochen.
Fast zehn Unzen Gold hatte Yount in der Woche gemacht. Er hatte in seinem Stollen gehockt, die Hände in den Lederfäustlingen, und Schaufel um Schaufel nach draußen geschafft. Die Stoffsäckchen hatten sich rascher gefüllt, als er es sich erhofft hatte. Er wurde nicht reich dabei, doch es genügte ihm.
Plötzlich blieb Yount wie versteinert stehen. Seine Hütte im Creek war in Sicht gekommen, und aus dem Dach schlugen Flammen...

Cannary Lassiter 2631 jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Kein Engel am
Yukon River

von Marthy J. Cannary

Über die geschliffenen Zinnen des Mount Tyndale fegte wehender Schnee hinweg, der Harry S. Yount in die Wangen schnitt und ihm den Bart vereiste. Der Sturm hatte die Kälte tief unter den Nullpunkt gebracht und den Pfad hinauf zum Seward Creek in eine Eispiste verwandelt. Der Schneeharsch unter Younts Stiefeln knirschte wie zermahlene Knochen.

Fast zehn Unzen Gold hatte Yount in der Woche gemacht. Er hatte in seinem Stollen gehockt, die Hände in den Lederfäustlingen, und Schaufel um Schaufel nach draußen geschafft. Die Stoffsäckchen hatten sich rascher gefüllt, als er es sich erhofft hatte. Er wurde nicht reich dabei, doch es genügte ihm.

Plötzlich blieb Yount wie versteinert stehen. Seine Hütte im Creek war in Sicht gekommen, und aus dem Dach schlugen Flammen...

Von allen Dingen, die Harry S. Yount in seiner Zeit als Wildhüter gelernt hatte, schätzte er am meisten die Einsicht, dass sich die Natur nicht in die Suppe spucken ließ. Sie verrichtete ihr Werk mit Gleichmut und Ruhe, gleich einem Maler, der Jahre im Voraus wusste, was auf seinen Gemälden zu sehen sein würde. Die Wildnis hatte ihre eigenen Gesetze.

Mit einem glatten Durchschuss holte Yount den Falken vom Himmel.

Der Raubvogel hatte über seiner ausgebrannten Hütte gekreist und sich ab und zu in die Tiefe gestürzt, um im kniehohen Schnee ein Kaninchen oder eine Blattmeise zu erbeuten. Er fiel taumelnd und mit fliegenden Federn vom Himmel, schlug auf einen Felsen und rutschte herunter.

Yount sammelte ihn mit den beiden anderen Falken auf.

Er briet ihn am Abend am Spieß, verzehrte das zarte Fleisch mit Genuss und fühlte sich zugleich als Eindringling in einer Natur, die den Menschen nicht brauchte. Er hatte sich bewusst für Alaska entschieden, für das Land der Stille und des Goldes, in dem man mit harter Arbeit zu Vermögen kam oder gar nicht.

Die Hütte war absichtlich angesteckt worden.

Vor der Tür hatten die Reste eine Teerfackel gelegen, ein Stock, der mit einem Tuch umwickelt worden war. Die Nägel hatten herausgeschaut, mit dem der Stoff befestigt worden war. Das Holz war am unteren Ende verkohlt gewesen; offenbar hatte die Fackel nicht mehr rechtzeitig gebrannt.

Irgendwo hatte sich Yount Feinde gemacht.

Er war selten unten in Eagle, das aus kaum mehr als ein paar Holzhütten bestand und von den Dampfern lebte, die den Yukon heraufkamen. Sie hatten in jüngster Zeit sogar ein Inn gebaut, das Commeau Inn, in dem Handelsreisende abstiegen, die auf dem Weg nach Kanada waren.

»Wem machst du etwas vor?«, flüsterte Yount dem Falken zu, dessen Flügel traurig vom Spieß hingen. Er verzehrte das Fleisch ohne rechte Lust. »Du bist allein, und zum Dank zündet man dir die wenige Habe an, die du noch besitzt.« Er biss ein Stück ab. »Ich muss mir nichts vormachen, mein Freund.«

Einige Meilen nordöstlich lag die Tlingitsiedlung, die Yount häufiger aufsuchte und von der er wusste, dass sie den Bewohnern von Eagle und den anderen Einheimischenstämmen in der Gegend ein Dorn im Auge war. Er kannte die fünf Familien inzwischen gut und hatte ihnen einen Teil seines Goldes überlassen.

Gegen Mitternacht ging Yount schlafen.

Er wickelte sich in das Grizzlyfell, das den Brand weitestgehend überstanden hatte, und lauschte dem Sturm, der behäbig über den Berg zog und abflaute. Er musste an die Gämsen denken, die er im Frühjahr gesehen hatte und die ihm so majestätisch vorgekommen waren.

Erst im Morgengrauen wurde Yount wieder wach.

Er war von einem Blinken in der Sonne geweckt worden, eine Spiegelung auf dem Berggrat, die er zunächst für ein Schneebrett oder eine Eisscholle gehalten hatte. Er war aufgestanden und auf den Hügel hinter der Hütte gestiegen.

Doch das blinkende Licht war keine Eisscholle.

Es kam von der Linse eines Fernrohrs, das ihn und die Hütte beobachtete und eilig verschwand, als Yount in dessen Richtung spähte. Der frühere Wildhüter watete durch den Schnee zu seinem Gewehr, ging hinter der rußschwarzen Giebelwand, die noch zur Hälfte unversehrt war, in Deckung.

»Verschwindet!«, schrie Yount voll Zorn und gab einen Schuss ab. »Verschwindet! Geht fort! Ich knalle euch ab!«

Er hatte derbere Flüche auf der Zunge, schmutzige Worte, die ihm in den Sinn kamen, obwohl er Jahre nicht an sie gedacht hatte. Er wollte die Männer dort oben als Hurensöhne, Bastarde und Hunde verhöhnen, wollte seiner Furcht einen Ausdruck geben, seiner nackten, pulsierenden Angst in den Adern.

Die Fremden schossen nicht.

Sie blieben in respektvollem Abstand zu ihm, schlichen den Grat hinauf und beobachteten ihn abermals mit dem Fernrohr. Yount hielt sie für Goldprospektoren, für Minenleute, die sich für seinen Claim interessierten und ihn deshalb belagerten. Er würde ihnen kein Zollbreit Land verkaufen, mochten sie seine Hütte noch so oft niederbrennen.

Er würde Alaska nicht wieder verlassen.

Seine Anstellung als Ranger im Yellowstone-Park lag vier Jahre zurück, und er hatte den Schluss gezogen, dass es die glücklichste und zermürbendste Zeit seines Lebens zugleich gewesen war. Er hatte in einer Hütte am Lamar River gelebt und das Soda Butte Valley durchstreift, oft ganze Tage und Nächte hindurch.

Er war froh gewesen, sobald ihm in der Dämmerung Hirsche begegnet waren, und hatte zerknirscht vor Seen gekniet, aus denen jeder einzelne Fisch verschwunden war. Er hatte vergeblich Verstärkung angefordert, hatte Briefe über Briefe geschrieben. Gegen die Wilderei hatte er als einzelner Mann nichts ausrichten können.

»Verschwindet!«, brüllte Yount am Mittag erneut und schoss. Er vertrieb die Männer fürs Erste und schnürte sein Bündel. Er wollte die Fallen unten am Ausgang des Creeks leeren. »Verschwindet von meinem Land.«

Später am Nachmittag zog ein weiterer Sturm auf.

Er war milder und weniger garstiger als der erste, doch er genügt, um Schwaden von Schnee über die Berghänge zu treiben, bis zum Yukon River hinunter, dessen Ufer zu frieren begannen. Sie konnten den Fluss noch ein oder zwei Wochen schiffbar halten, bevor sie die Schlitten nehmen mussten.

In einer der Fallen hing ein Hase.

Er war steifgefroren, steckte mit den Ohren im Schnee und war von einem anderen Tier ausgeweidet worden. Der Bügel hatte sich in seinen Bauch geschnitten, und Yount brauchte eine Weile, um ihn freizubekommen. Er sprach dem Hasen im Stillen Dank für dessen Leben aus, wie er es immer tat, wenn er ein Tier töten musste.

Yount schulterte sein Bündel und setzte den Abstieg fort.

?

Wenige Tage vor Weihnachten war Regen über die Sümpfe von Louisiana hinweggezogen und hatte aus dem ohnehin nassen Land einen morastigen Tümpel gemacht. Zwar waren die Moskitos verschwunden, die jeden in den Wahnsinn trieben, der zum ersten Mal in den Süden kam, dafür hing in eine Feuchte in der Luft, die einem den Atem nahm.

Der Mann am Stadtrand von Bayou Crossing störte sich nicht daran.

Er war breitschultrig, hatte stechend blaue Augen und lehnte mit gekreuzten Beinen am Depot der Southern Louisiana Railroad, mit der er aus Washington D. C. gekommen war. Er trug ein Holster mit einem .38er-Remington darin, darüber einen Gehrock aus feinem Jersey und eine Weste mit einer Uhrenkette daran. Man hätte ihn für einen Handelsreisenden halten können, wären seine wilden Gesichtszüge nicht gewesen, und genau darin bestand die Absicht des Fremden.

»Bayou Crossing?«, sprach ihn der Schaffner der Southern Louisiana an. »Wollten Sie nach Bayou Crossing?«

Fast die ganze Zugfahrt hinunter in den Süden war der Angestellte der Eisenbahngesellschaft um seinen seltsamen Fahrgast herumgeschlichen, der nur einen einzigen Tee geordert und sonst nichts gewollt hatte. Er war bestrebt gewesen, aus dem Passagier im Abteil 22b etwas herauszubekommen, doch dieser hatte stoisch geschwiegen.

»Bayou Crossing«, bekräftigte Lassiter und nickte dem Schaffner zu. »Ich bin am Ziel, Mr. Matthews.«

Der Angesprochene verabschiedete sich mit einer leichten Verbeugung, und als er gegangen war, entschloss sich Lassiter zu einem Gang durch die Stadt. Er war eine ganze Stunde zu früh in Bayou Crossing, jenem Städtchen, das man ihm telegraphisch als Treffpunkt genannt hatte. Er sollte um genau vier Uhr nachmittags – also in einer guten Stunde – zur Kirche der Siedlung gehen.

Der Regen tat dem Mann der Brigade Sieben gut.

Er hatte die letzte Woche im staubtrockenen Nueces County verbracht, in dem über hundert Grad Fahrenheit geherrscht hatten. Die Mexikaner, mit denen er gewohnt hatte, waren in ihren Hütten geblieben, so heiß hatte die Sonne gebrannt. Die Frauen hatten ihm eine Mischung aus Lehm und Ei auf die Haut geschmiert, als er nach Houston aufgebrochen war.

Die Presbyterianerkirche von Bayou Crossing war ein imposanter Ziegelbau, dessen Turm von weißen Zinnen bekrönt war. Sie stand auf einer Anhöhe nördlich der Stadt und war über einen Karrenweg zu erreichen, der von Pappeln gesäumt war. Die Bänke hatten Holzschnitzereien an der Gangseite, und Lassiter betrachtete jede einzelne...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.