Campbell | Der Junge aus Ness | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 139, 288 Seiten

Reihe: Transfer Bibliothek

Campbell Der Junge aus Ness


1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-99037-077-3
Verlag: Folio
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, Band 139, 288 Seiten

Reihe: Transfer Bibliothek

ISBN: 978-3-99037-077-3
Verlag: Folio
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Idyllische Küsten, raue Natur, entbehrungsreiche Jahre: Ein Inseljunge auf der Suche nach seiner Identität. Colin wächst in den 1950er-Jahren auf den Äußeren Hebriden auf, einem der entlegensten Winkel Schottlands. Torfmoore und grenzenlose Einöde bilden den Rahmen eines ereignislosen Insellebens, in dem er seinen eigenen und den durch die Geistergeschichten der Erwachsenen ausgelösten Ängsten ausgeliefert ist. Ein Pfarreronkel ermöglicht ihm das Studium auf dem Festland in Aberdeen. Doch dort erwarten ihn eine andere Enge und der Verlust seiner Identität; vergebens versucht er diese in Hafenkneipen, bei Whisky und alten Liedern wiederzufnden. Mit feiner Ironie und voller Empathie und doch schonungslos porträtiert der gälische Autor Alasdair Campbell ein Leben am Rande, das zugleich das Leben von vielen ist - den Leser erwartet eine einzigartige Geschichte, die ihm lange im Gedächtnis bleiben wird.

Alasdair Campbell alias Alasdair Caimbeul, geboren 1941, aufgewachsen in Ness am nördlichen Ende der Insel Lewis auf den Äußeren Hebriden, ist diesen Inseln bis heute treu geblieben. Autor zahlreicher Theaterstücke, Kurzgeschichten und Romane in gälischer Sprache. Auf Englisch erschienen: The Nessman (2000), Visiting the Bard (2003).
Campbell Der Junge aus Ness jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


Der Hammel von Borve


Colin und Großonkel Norman standen beim Scheunentor. Sie warteten auf Onkel John. Drinnen war der Hammel angebunden, an einem Metallring in der Mauer.

Auf Gälisch hieß die Scheune das alte Haus. Sie lag gegenüber von Normans Haus auf der anderen Straßenseite. Maggie lebte auch in Normans Haus. Sie war seine Schwester.

Das Haus von Norman hatte die Nummer 14. Nebenan, in Nummer 13, lebten Chrissie Alan und ihre Mutter und ihre Schwester Catherine. Flory und der alte Mann lebten in Nummer 12. Sie würden alle ein Stück vom Hammel kriegen, Flory und der alte Mann außerdem die Hachsen. Sie aßen die Waddell-Wursträdchen ungekocht.

Im alten Haus hatten Norman und William und sein Großvater und Maggie gelebt, als sie jung gewesen waren.

William lebte in einem großen, weißen Haus, der Nummer 23. Er saß die ganze Zeit über am Feuer. Auch er war sein Großonkel.

Sein Großvater war im Ersten Weltkrieg ertrunken, am dritten März 1915, auf der HMS Clan MacNaughton. Seine Großmutter kriegte deswegen eine Rente von der Regierung, die bekam sie noch immer. Und der König, George V, hatte ihr eine runde, schwere, rotbraune Scheibe geschickt, die wie eine große Medaille aussah. Regelmäßig poliert glänzte sie auf der Anrichte, der Name seines Großvaters stand drauf – Murdo Maclean – und dann noch . Außerdem war eine Frau mit einem Helm und einem Schild und einem dreizackigen Speer und einem Löwen zu ihren Füßen drauf, sie schaute auf die See hinaus. Vielleicht hatte auch die Königin die Scheibe geschickt. Queen Mary. Die andere Seite des Ordens war so flach und glatt wie der Boden eines Kochtopfs.

Im Schlafzimmer seiner Mutter hing an der einen Wand eine Fotografie seines Großvaters, als er mit den Seaforth Highlanders in Ägypten gekämpft hatte. Sie war in Kairo aufgenommen worden. Auf der Fotografie starrte sein Großvater mit unbewegter Miene geradeaus. Er hatte einen Schnauzer. Er war Sergeant.

Nur wenige Tage vor seinem Tod war er in Sichtweite daheim vorbeigesegelt, als die Clan McNaughton auf ihrem Weg nordwärts Richtung Scapa Flow durch die blau und grün und grau aufgewühlten Wasser vor der nördlichsten Spitze von Lewis gedampft war. In seinem letzten Brief nach Hause hatte er geschrieben: …

Maggie erzählte ihm manchmal Geschichten über Norman und William und den Großvater und über das alte Haus, in dem sie alle gelebt hatten, als sie jung gewesen waren. Ihr Vater – Colins Urgroßvater – hatte später auf einem Stück Land auf der anderen Straßenseite ein neues Haus gebaut. Nummer 14, Dell, Ness. Er hatte Balken und Steine über die Straße gekarrt und geschleppt und im neuen Haus verbaut, und vom alten Haus blieb gerade mal die Scheune stehen. Genauer gesagt die Hälfte der Scheune. Die Mauer auf der Südostseite wurde nie wieder aufgebaut und auch nicht geschlossen. Es blieb also ein Durchbruch, der war einen Meter breit und etwas mehr als einen Meter hoch und von innen mit einem alten Wagenrad ohne Radkranz verrammelt. Da pfiff zwar der Wind durch, aber seinen Zweck erfüllte es bestens. Jahre später bauten sie auf der Längsseite der Scheune einen kleinen Pferch. Zum Desinfizieren der Schafe betonierten sie eine im Boden versenkte Rinne, die auf beiden Seiten Platz für zwei Männer in Ölzeug bot. Am Ende der Mulde gab es eine zementierte Rampe, die hatte ungefähr alle dreißig Zentimeter eine Stufe und führte in einen ummauerten Pferch. Der Pferchboden war ebenfalls zementiert und fiel leicht ab. Wenn die tropfnassen Schafe mit durchweichtem Fell und grüne Kötel fallen lassend verzweifelt die Rampe hochgekraxelt und zur Einfassung gelangt waren, lief so der dunkelgelbe Wasserschwall zurück in die Rinne. Von dort (das Wagenrad zur Seite gerollt, Colin und Roddy Macleod passten an der Lücke auf) wurden sie in die düstere, feuchte, nach Teeröl riechende Scheune getrieben, um sich trocken zu schütteln.

Onkel John hätte um elf Uhr mit dem Messer und dem Schlachttisch da sein sollen. Die Wannen, zwei emaillierte Kübel und das Seil zum Zusammenbinden der Hammelbeine lagen auf der windabgewandten Seite des Torfstapels bereit. Maggie hatte sie selbst hingebracht, war in ungeschnürten Männerstiefeln und ihrer Juteschürze, von einer gackernden Schar brauner und weißer Hühner begleitet, über die Straße gestapft.

„Schöner Morgen!“, verkündete Chrissie Alan vor der Tür von Nummer 13.

„Lass den Hund nicht aus dem Haus“, sagte Norman zu Maggie, „bevor wir hier draußen fertig sind.“

Die Scheune hatte keine Fenster. Nur durch die Speichen des Wagenrads vor der Lücke fiel ein Streifen Licht auf den Boden. Durch einen Spalt in der morschen grünen Tür warf Colin einen Blick auf den Hammel. Er war schon seit gestern Abend dort drin angebunden. Er stand da und rieb sich die Nase an einer Korngarbe, die an einem faserigen Strick von einem zweiten Eisenring an der Mauer hing. Im Halbdunkel sahen seine Augen aus wie Murmeln.

Onkel Johns Messer war scharf wie eine Rasierklinge. Ein Mann von der Westseite der Insel hatte es ihm gegeben. Der hatte es aus Südgeorgien mitgebracht, vom Walfang. Es sah aus wie jedes andere Messer. War es aber nicht.

„John? Der hat keine Eile“, antwortete Großonkel Norman auf eine Frage Chrissie Alans. „Er hat sich Zeit gelassen, als er zur Welt gekommen ist, und er lässt sich Zeit beim Gehn.“

Willie der Fuhrmann hatte über John mal gesagt: „Hat dem eigentlich mal einer verklickert, dass das Fest irgendwann zu Ende ist?“

Norman und William waren die Onkel von Onkel John. Maggie war Onkel Johns Tante. Colins Großvater war Onkel Johns Vater.

Der Rest der Familie – mütterlicherseits – waren: Tantchen Annie, seine Mutter, Tantchen Isobel und Tantchen Margaret.

Normans Haus – das Haus, das Urgroßvater Murdo gebaut hatte – war ein Haus mit dicken Trockensteinmauern (unter dem steinernen Türsturz über dem Eingang fanden drei Schafe Unterschlupf), einem Reetdach und einer in den Boden eingelassenen Feuerstelle. Ein kleines viereckiges Fenster saß tief in der Mauer, dort nisteten die Hühner. Quer über die Scheibe verlief von innen gesehen unten links bogenförmig ein Riss. Von beiden Seiten war Kitt draufgedrückt worden, um den Wind auszusperren. Aneinandergereiht überlappten sich kreisrunde Fingerabdrücke im ausgehärteten Kitt und das Glas selbst war inzwischen rauchgelb wie die Windschutzscheibe von Charlies Lastwagen. Weiter gab es eine Holzbank, eine Haferflockenkiste, Maggies Alkoven und eine mit Geschirr gefüllte Anrichte. Und es gab einen Amboss. Vor Maggies Alkoven hingen schwere violette Vorhänge mit gelber Borte. Das war das Wohnzimmer. Oberhalb vom Wohnzimmer folgte ein abgetrennter Bereich, ein Kämmerchen, und oberhalb vom Kämmerchen war Normans Schlafzimmer. Dort bewahrte er seine englischen und gälischen Bücher auf (die alle in braunes Papier eingeschlagen waren und nach Torfrauch und Moder rochen, die „Geschichte der Clans“ war am Rücken mit Zwirn zusammengenäht), seine Seemannskiste, seinen Werkzeugkasten und in einem Rahmen über seinem Kopf die Urkunde von König Neptun, dem König der Polargebiete, der Meerjungfrauen und der Eisbären und Eisberge.

Statt mit einer richtigen Tapete waren die Wände des Wohnzimmers stellenweise mit verschmierten und rauchgeschwärzten Zeitungsseiten aus dem schottischen ‚Daily Express‘ zugekleistert. Auf der einen war ein Bild vom Torwart Bobby Brown von den Glasgow Rangers zu sehen, wie er im Sprung den Ball abwehrte. Colin saß auf dem Amboss und wollte dieses Bild mehr als alles andere auf dieser Welt. Maggie gab es ihm einfach nicht. Sie wollte kein Loch ins Papier machen. Ein roter Kater lag zusammengerollt auf ihrem Schoß. Sie summte vor sich hin:

,

Auf dem Boden waren überall dreizehige Fußabdrücke der Hennen – Jojos und Light Sussexes –, die in die Asche und wieder hinaus führten. Maggie bückte sich und versuchte mit einem Besen aus gebundenen Heideruten rudernd die Hennen zu verscheuchen.

Sie mochte den König und die Königin – King George VI und Queen Elizabeth – und den Rest der königlichen Familie. Aber am besten gefiel ihr die alte Queen Mary. Ihre Lieblingsprinzessin war Princess Louise. Innen an der verglasten Tür der Pendeluhr in der Wandnische klebte ein Bild aus der ‚Illustrated London News‘, das Queen Mary und Edward, den Prince of Wales, zeigte. Unten in der Mitte hatte jemand ein kleines Quadrat ausgeschnitten, so konnte man trotzdem innendrin die goldene Scheibe des...


Alasdair Campbell alias Alasdair Caimbeul, geboren 1941, aufgewachsen in Ness am nördlichen Ende der Insel Lewis auf den Äußeren Hebriden, ist diesen Inseln bis heute treu geblieben. Autor zahlreicher Theaterstücke, Kurzgeschichten und Romane in gälischer Sprache. Auf Englisch erschienen: The Nessman (2000), Visiting the Bard (2003).



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.