Calvetti | Lavendelbriefe | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 161 Seiten

Calvetti Lavendelbriefe

Roman | Wenn sich die Liebe zwischen den Zeilen entfaltet
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98952-898-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Roman | Wenn sich die Liebe zwischen den Zeilen entfaltet

E-Book, Deutsch, 161 Seiten

ISBN: 978-3-98952-898-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Zwischen den Hügeln der Toskana und den Lavendelfeldern der Provence ... Die melodischen Klänge des Cellospiels ihres Vaters, einem berühmten Cellisten, noch im Ohr, sortiert Lucrezia dessen Nachlass. Dabei stößt sie auf eine Blechschachtel mit alten Briefen, die von einer geheimen Liebe erzählen, die ihr Vater mit einer Französin verband. Die Briefe - so emotional und poetisch geschrieben - berühren Lucrezia zutiefst. Kurzerhand beschließt sie, in die Provence zu reisen und die geheimnisvolle Dame, die ihre Briefe mit einem »C« unterschrieb, persönlich kennenzulernen. So kommt es, dass Lucrezia und Costanza in einem provenzalischen Landhaus aufeinander treffen. Bei Pfirsichmarmelade und frischen Croissants wird ihr Gespräch zum Beginn einer einzigartigen Freundschaft - und erweckt eine Liebe erneut zum Leben, die jahrzehntelang nur im Schweigen gelebt wurde ... Der gefühlvolle Familiengeheimnisroman für Fans von Nicolas Barreau und Katja Maybach

Paola Calvetti wurde 1958 in Mailand geboren, wo sie auch heute noch lebt. Nach ihrem Studium startete sie ihre Karriere als Journalistin bei der Tageszeitung »La Republica« und schrieb in den folgenden Jahren für viele renommierte Zeitungen und Frauenmagazine bevor sie sich der Schriftstellerei zuwandte. Alle ihre Romane standen in Italien auf der Bestsellerliste und wurden mit Preisen ausgezeichnet. Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin »Lavendelbriefe« und »Der kleine italienische Buchsalon«.
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Freitag


Vormittags habe ich mir vorsichtshalber das Violinkonzert von Felix Mendelssohn Bartholdy angehört, der es mir hoffentlich nachsieht, dass ich seine Musik manchmal als Therapie gegen meine Ängste missbrauche. Die Platte stand im Regal, das ich ihrem Vater gewidmet habe: Brahms, Schubert, Schumann, Mendelssohn, einer neben dem anderen, unschuldige Komplizen romantischer Verirrungen. Musik für Liebesfilme. Eindringlich. Schön. Ein wenig verworren.

Die Platte hatte er mir an einem friedlichen Tag geschenkt. Virtuos von welchem Bogen auch immer gestrichen, ging von der Violine der brillante, gewundene Klang einer Pein aus, die ich zutiefst mit dem Morgen dieses einzigartigen Tages verband. Innerlich bereitete ich mich auf die Begegnung vor, es war die Generalprobe für ein wichtiges erstes Treffen. Die Fragen verfingen sich in meinem Gehirn und sprangen wie Tischtennisbälle hin und her, ein monotones, rhythmisches Geräusch. Wie soll ich sie begrüßen? Was soll ich sagen? Soll ich ihr bis zum Tor entgegengehen, oder wäre es besser, sie an der Tür zu empfangen, die Hände distanziert vor dem Körper verschränkt? Ist eine herzliche Umarmung angemessen oder eher ein höflicher Händedruck? Was will sie überhaupt von mir?

Einer Tochter die körperlichen Vorzüge ihres Vaters zu beschreiben, schien mir unangemessen, aber während ich im Wohnzimmer aus dem Fenster schaute und darauf wartete, dass sie aus der Allee auftauchte, konnte ich an nichts anderes denken. Würde sie es mit einer gewissen Milde ertragen, dass eine alte Dame es bis heute nicht verstanden hatte, sich in Schamhaftigkeit zu üben? Wir Alten können den Jungen vielleicht beibringen, wie man sich in die Arme schließt. »Lange Arme müssen es sein«, würde ich ihr erklären. »Und sensible Finger. Die Handgelenke müssen zart sein. Elegant. Nachgiebig.«

Ich hatte Annette den Besuch eines wichtigen Gastes angekündigt. Einer Italienerin.

»Dann mache ich Spaghetti mit Tomatensoße. Und Kotelett«, sagte sie mit ihrer schrillen Stimme und bemühte sich vergeblich, eine Vertrautheit wiederherzustellen, die mit der Zeit brüchig geworden war. Freundschaft hatte uns nie verbunden, allerdings sind wir auch nie wie Hausherrin und Bedienstete miteinander umgegangen. Ihrer notorischen Aufdringlichkeit wegen haben wir uns oft gestritten, aber immerhin ist sie Teil dieses Hauses, seit sie mit der Blumenfrau aus Saint-Rémy hier aufgekreuzt ist, die Hände mit den ungepflegten Fingernägeln herrisch in die breiten Hüften gestemmt, einen Ausdruck von unendlicher Traurigkeit in den Augen. Der einzige Mensch, der ihr geblieben war, ein alter und – wenn man ihr Glauben schenken durfte – mürrischer Ehemann, hatte sich mit einem Bauerntölpel aus dem Staub gemacht. Nach Jahren des Zusammenlebens war diese unglückselige Stimme mit dem unverkennbar elsässischen Akzent immer noch ein Ärgernis, das ich nur ertrug, wenn ich mit dem richtigen Fuß aufgestanden war. Wie an diesem Tag. Dass Thierry verreist war, erfüllte mich mit Erleichterung. Obwohl er jeden Winkel meiner Existenz kennt, hätte ich nicht gewusst, wie ich sie ihm hätte vorstellen sollen. Heute Morgen ist er nach Paris aufgebrochen und hat eine verdächtige Sehnsucht nach seinem Sohn Maurice und Seezungen »Isidore« aus dem Artois vorgeschoben. Als ich aufgewacht bin, lag ein Zettel auf dem Kopfkissen: »N’oublie pas. Je reviens.« Vergiss nicht, ich komme wieder. Dann das übliche hochwillkommene »Ich liebe dich«.

Sie kam am Nachmittag. Aus unerklärlichen Gründen war es schon dunkel. Hier unten ist der Himmel nie ganz finster, nicht einmal während der strengsten Winter. Wenn man genau hinschaut, findet man immer einen zaghaften Stern, der ein Fleckchen am Firmament erleuchtet. An diesem Tag nicht. Ich würde mit einer unbekannten Person allein sein und nicht auf den geringsten Trost hoffen dürfen. Als ich den Wagen hörte, ging ich hinunter, um an der Tür auf sie zu warten. Auf dem Beifahrersitz lag ein schwarzer Cellokasten, und ich musste sofort daran denken, dass sich Musiker nie von ihrem Instrument trennen. Ganz allmählich wird es zur natürlichen Fortsetzung ihres Körpers. Ein Kind. Ein Geliebter. Die Sicherheit, irgendwohin zu gehören.

Die üblichen Förmlichkeiten brachten wir mit einem Händedruck hinter uns. Keinerlei Zaghaftigkeit lag darin. Das war hilfreich, um ein unterschwelliges Unbehagen aufzulösen. Ich hatte mich nicht gegen die Erinnerungen gewappnet, Gabriella, und dieses Mädchen zog mich sofort in seinen Bann. Ihr Blick war fiebrig. Sie war auf der Suche nach Sicherheiten, nach Antworten, nach einer Geschichte. Dass die Zeit tröstliche Schleier über das legt, was wir Wahrheit nennen, war ihr nicht bewusst. Nach nur wenigen Minuten fiel mir nichts Besseres ein, als ihr ein warmherziges Lächeln zu schenken, womit ich sonst zu geizen gelernt habe. Ich musste mich dazu zwingen, nicht ständig auf diesen Leberfleck zu starren, der schelmisch über ihrer Oberlippe thronte. Ein kleiner dunkler Fleck, den du für einen Makel halten würdest und der mich um mindestens dreißig Jahre zurückwarf. Das unscheinbare Detail übte eine unerklärliche Faszination auf mich aus und erwischte mich mit einer Kraft, als hätte mich eine plötzliche Böe umgeweht.

Sie steckte ihre Nase in mein Arbeitszimmer, das mit lauter sinnlosem Zeug vollgestopft ist. Man musste nur die Plakate und die alten Fotos von den Opern sehen, um sich anhand dieser bunten Ansammlung einen Eindruck von meinen Theaterjahren zu machen. Die Bilder meiner Erinnerung waren ein guter Ausgangspunkt für Erzählungen, ohne in eine eitle Auflistung von Lebensdaten zu verfallen. Sie saß im Sessel neben dem Fenster, hatte die langen Beine in der schwarzen Strumpfhose übereinandergeschlagen und begann zögernd.

»All dieser Schnee in der Provence ist merkwürdig. Von diesem Flecken kennt man vor allem sonnige, lichtüberflutete Bilder. Schreiben Sie hier Ihre Briefe, Signora? In diesem Zimmer mit all seinen Erinnerungen?«

Für einige Augenblicke war ich in Gedanken versunken gewesen. Ich müsste schleunigst den Sessel zum Polsterer bringen. Das Ockergelb der Lilien war verblasst, und die Armlehnen waren von Minous Krallen nachhaltig ruiniert. So hatte sie sich verewigt, bevor sie verschwunden war – auf der Suche nach Liebe.

»Sind die Plakate heute noch genauso, wissen Sie das?«

Das Theater wäre ein Thema ohne Fallstricke, eine Gemeinsamkeit, welche uns vor dem Unbekannten, das hinter diesem riskanten Gespräch lauerte, retten könnte. Als hätte sie meinen Gedanken im selben Moment, in dem er in meinem Kopf aufgetaucht war, gelesen, hatte sie Interesse an der Wand mit den alten Plakaten vorgetäuscht, hatte sich dann gleichgültig dem Plakat vom Umbau zugewandt, um schließlich die perfekte Ruhe der Szene zu stören und mich in die Wirklichkeit zurückzuholen.

»Oh ... Ja. Sogar die Farben sind noch dieselben, Lucrezia. Der rote Hintergrund, die braunen Titel, das Rot des Stadtwappens. Nicht einmal die Schrift hat man verändert. Das Theater ist seinem Äußeren treu geblieben, finden Sie nicht? Es hat sich hier und dort ein bisschen frische Farbe gegönnt, aber aus lauter Stolz – oder vielleicht auch aus Angst – hat es sich seine faszinierende Erscheinung bewahrt. Ich habe es sehr geliebt, Lucrezia. So wie man eine unerreichbare Mutter liebt, von weitem und ohne große Hoffnungen.«

Elegant und diskret habe ich sie mir gewünscht. Und einzigartig. Unverwechselbar. Das habe ich meiner Mutter nie gestanden. Eltern und Kinder haben damals nicht viel miteinander geredet, sie waren geheimnisvolle Inseln, Schauplätze unkontrollierter Wut. Und doch war das Theater mein Leben. Bis es sich in eine böse Stiefmutter verwandelt hat.

Das Schweigen hing in der Luft, verbreitete sich in dem kleinen Zimmer und ließ die Worte, mit denen ich mich ihr unbeholfen zu nähern versuchte, farblos erscheinen. Mit leicht abweisendem Blick hörte sie zu. Zerstreut. Als würde sie die Sehnsucht hinter meinen Worten nicht spüren. Die berührte eine Dreißigjährige vielleicht nur, wenn sie bereits Bekanntschaft mit ihr gemacht hatte. In meinem Fall war es nicht so, das muss ich Dir nicht erklären, aber was wusste sie schon von mir? Ich habe sie heimlich beobachtet, wie sie sich in diesem Raum mit den Relikten meiner Vergangenheit bewegte, unbekümmert, leicht. Sie spielte mit den Dingen, um sich dieser Welt zu bemächtigen, fuhr mit dem Finger über die doppelte Reihe der Namen von Mitwirkenden, lächelte, wenn sie sich an mittlerweile verstorbene Bühnenbildner, Regisseure und Sänger erinnerte, als wären sie nicht der Zeit zum Opfer gefallen.

Der gleiche elegante Gang wie der Vater, trotz der Körpergröße, die mich wider Erwarten in dieser heiklen Situation nicht einschüchterte. Schöne, schlanke Hände mit langen Fingern. Vorsichtig berührten sie die Gegenstände und strichen über die Bücher und Zeitschriften, die jeden Winkel verstopften. Langsame Gesten, nachdenklich, wohlerzogen. Ich zeigte ihr die Programmhefte von den Opern, die der Maestro dirigiert hat. Nur diese habe ich aufbewahrt. Und eine gerahmte Karte. Die einzige, die er mir in all den Jahren kindlicher Verehrung geschrieben hat.

»Für diese Reliquie habe ich noch keinen Platz gefunden. Keiner meiner Enkel empfindet für Musik eine solche Begeisterung wie ich.«

Der Versuch, es in einen nüchternen Satz zu packen.

»Jedes Werk, Lucrezia, ist mit einer Empfindung verbunden. Jedes Konzert ein Seelenabenteuer. Dieses Theater war ein Verhängnis, es hat jeden angesteckt, der für eine Weile dort war. Ihr Vater hat Ihnen sicher davon erzählt. Ich habe meine Leidenschaft im Schatten ausgelebt.«

»Im Schatten?«

»Vor und während der Orchesterproben. Das war für mich die Musik....



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