E-Book, Deutsch, Band 1, 290 Seiten
Reihe: Quercher
Calsow Quercher und die Thomasnacht
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-89425-975-4
Verlag: GRAFIT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Querchers erster Fall
E-Book, Deutsch, Band 1, 290 Seiten
Reihe: Quercher
ISBN: 978-3-89425-975-4
Verlag: GRAFIT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Martin Calsow wuchs am Rande des Teutoburger Waldes auf. Nach seinem Zeitungsvolontariat arbeitete er bei verschiedenen deutschen TV-Sendern in Köln, Berlin und München. Ein langer Aufenthalt im Nahen Osten führte ihn schließlich zum Schreiben. Martin Calsow gehört der Jury des Grimme-Preises an und lebt heute mit seiner Frau am Tegernsee. Quercher und die Thomasnacht ist sein erster Kriminalroman. Weitere Titel um den LKA-Beamten Quercher sind in Planung.
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Kapitel 1
München, Montag, 18.12., 02.45Uhr
Was für ein Scheißleben.
Das war der Satz. Er lief in seinem Kopf hinter den geschlossenen Augen wie ein Laufband in den Nachrichten. Seit seiner Kindheit hatte er sich, wenn er aufwachte, immer erst auf seinen Geruchssinn konzentriert. Das war das Organ, das eigentlich erst sehr spät am Morgen einsetzte zu arbeiten. Aber er hatte sich angewöhnt zu warten, den Nerven ihre Zeit zu lassen. Bis der Duft der Bettdecke oder der nachtwarmen Haut der Frau neben ihm in sein Hirn drang. So war es meistens. Jetzt roch er Kardamom. Doch kein Scheißleben.
»Was machst du denn noch hier?«
Er musste ein Auge öffnen. Sah auf ein Hemd, das einen zu dicken Bauch nicht zurückhalten konnte. Das war, er wusste es, ohne es zu riechen, Faruk. Sein syrischer Kompagnon.
»Du kannst hier doch nicht einfach schlafen.«
Er lag immer noch mit dem Kopf auf der Tischplatte. »Faruk, in Deutschland heißt es ›dürfen‹, nicht ›können‹. Denn dass ich es kann, habe ich bewiesen. Im Übrigen ist das mein Tisch.«
Unter dem Tisch schlief ein Hund mit langen ledrigen Ohren, einer ebenso langen Nase und kurzem Fell.
»Max, bitte. Geh nach Hause. Es spricht nicht für unser Essen, wenn einer der Gesellschafter, auch wenn er nur ein stiller ist, hier schläft. Das ist keine Pension. Das ist ein Restaurant. Du hast den ganzen Tag hier verbracht. Trink deinen Kaffee und geh nach Hause, komm.« Der Syrer zog Maximilian Quercher, den LKA-Polizisten und Restaurantbesitzer, hoch. »Fahr nach Hause, dusch, wisch dir dein Selbstmitleid ab und nimm deinen verdammten Hund mit. Noch einmal: Das ist ein Restaurant und kein Tierheim!«
Faruk hatte kein Mitleid mit Quercher. Der hatte sich vor zwei Jahren in sein arabisches Restaurant eingekauft, ihn damit zweifellos vor der Pleite bewahrt, aber seitdem auch versucht, die arabische Küche mit der süditalienischen zu verbinden. Faruk hatte das Allerschlimmste verhindern können. Und er freute sich auch, wenn Quercher mit seinem Hund in den Laden kam. Er war sich nie zu schade, Teller zu waschen, einzudecken oder zu zapfen. Nur bedienen war nicht seine Stärke. Da konnte er schnell ungeduldig werden. Meist blieb er auch nur ein paar Stunden. Aber heute hatte er den ganzen Abend und die Nacht hier herumgehangen, kein Wort gesagt und dann geschlafen. Faruk wusste, warum. Quercher hatte wieder einmal den Zweitschlüssel seiner Wohnung weggegeben.
»Wer ist es jetzt?«, fragte Faruk leise.
Quercher sah ihn müde an, schloss die Augen und murmelte was von »… die Nele …« oder »Na ja, die halt … Du weißt schon, die aus dem …«
Quercher wollte nicht alt werden. Seit der Scheidung ließ er es krachen. Ging in Klubs, für die er zu alt war. Zog sich Hosen und Hemden an, für die er zu alt war. Und zeigte ein Sexualverhalten, für das er zu alt war. Fand Faruk.
»Wie alt?«
»Die …«, Max räusperte sich. »Die … also die … Nele?«
»Ja, die Nele!«
»Na ja, wie alt wird sie sein? So um die fünfundzwanzig oder so.«
Faruk schüttelte den Kopf. »Der hast du den Schlüssel zu deiner Wohnung gegeben und die schläft da jetzt?«
»Ja, sie hat sich wohl mehr versprochen …«
Faruk öffnete die Tür zum Hinterhof. Kälte strömte herein.
Quercher verspürte ein Frösteln.
»Geh, und schmeiß sie raus. ›Sag ihr: Du bist schön und jung und klug. Und du findest was Besseres.‹«
Quercher nickte, nahm sich eine Kardamomkapsel, steckte sie in den Mund, schnipste mit dem Finger und ging mit dem Hund hinaus in die Winternacht. Der Syrer sah den beiden kopfschüttelnd hinterher. Nie würde er die Europäer verstehen können, die diese an Scheiße schnüffelnden Tiere so nah an sich heranließen.
Kaum hatte Faruk die Tür geschlossen, rutschte Quercher hinter den Mülltonnen aus, fiel nach hinten und schlug mit dem Kopf gegen einen Einkaufswagen, den jemand hier abgestellt hatte. Der Schmerz durchzuckte sein Gehirn. Zorn brannte in ihm auf. Der Hund sah ihn mit schief gelegtem Kopf interessiert an, streckte sich, machte aber keine Anstalten, sich weiter hinaus in den Schnee zu begeben. Quercher richtete sich mühsam wieder auf, trat gegen den Wagen, rutschte erneut und konnte sich nur knapp vor dem Hinfallen retten. Der Hund stand immer noch unter dem Vordach.
In einer Woche war Quercher auf der Insel.
Sein Mercedes, ein T-Modell, war komplett eingeschneit. Als er das Auto vom Schnee befreit und die Fahrertür geöffnet hatte, war der Hund, eine Bayerische Gebirgsschweißhündin, die widersinnigerweise auf den Namen ›Lumpi‹ hörte, sofort mit spitzen Pfoten auf die Rückbank gesprungen und hatte sich dort geschüttelt, ehe sie sich auf einer alten Decke einrollte. Lumpis Name war nicht einfallsreich. Aber immer noch besser als ›Hund‹. Das war Querchers erster Vorschlag gewesen, als er das Tier von seiner Mutter geschenkt bekommen hatte.
Es dauerte lange, bis er aus der Parkbucht herauskam, schlitternd und mit durchdrehenden Reifen.
Quercher hasste Kälte. Das müde Gebläse seines immerhin schon dreißig Jahre alten Benz’ blies lediglich weiter kalte Luft in das Innere des Wagens.
Seine Wohnung lag an einem Friedhof, nur wenige Straßen vom Restaurant entfernt. Er teilte sie sich mit einem schwulen Barbesitzer, der den Winter über im thailändischen Phuket lebte. Als Quercher die Treppen zum dritten Stock emporstieg, sehnte er sich nach jeder Form von Wärme. Er schloss auf. Der Hund ging schnurstracks auf das Bett zu, schnüffelte daran und tippelte dann mit hängendem Kopf zu seinem eigenen Schlafplatz, einem großen Weidenkorb. Vorsichtig stieg er hinein, drehte sich zwei Mal um die eigene Achse und rollte sich erneut ein.
Sie lag in einem überhitzten Zimmer auf dem Rücken und schien ihn gehört zu haben. Die Musik lief in einer Dauerschleife. Es war Angela McCluskey. Echte Bettmusik. Ihr angewinkelter Arm drehte sich nach oben. Ohne den Kopf zu bewegen, winkte sie ihn zu sich. Und dann war da die Wärme des Bettes, ihres Körpers. Und er schloss die Augen.
»Du findest was Besseres«, flüsterte er noch.
Draußen tanzten die Flocken vor dem Fenster, beschienen von den Laternen und dem ersten Morgenlicht. In einer Woche war Weihnachten, dachte Quercher, als er mit einem geöffneten Auge das auf dem Parkett tanzende Handy beobachtete. Die Vibration des Telefons ließ es wie einen verstörten Roboter über das Holz brummen.
Nele hatte sich an seinen Rücken geklammert wie ein Koalabär. Er spürte ihre Jugend – und er spürte sein Alter. Seine Figur war immer noch sportlich. Sooft er konnte, setzte er sich an sein Rudergerät. Aber der Alkohol, der fehlende Schlaf und die Panikattacken ließen aus seinem Gesicht langsam eine einzige Furche werden. Die blonden dünnen Haare waren an viel zu vielen Stellen schon weiß durchsetzt.
Eine der unzähligen Frauen, die – wie Nele jetzt – hinter ihm gelegen hatte, erwischte ihn eines Morgens dabei, wie er die Fleischrolle unter seinem Nabel gegriffen und mit trübem Gesichtsausdruck in den Spiegel geblickt hatte. »Kommt vom Saufen, geht nicht weg, kannst du aber wegsaugen lassen.« Er hatte sie wortlos rausgeworfen und sie hatte daraufhin unten im Hof den Seitenspiegel seines Autos weggetreten.
»Quercher.«
»Büro Dr.Pollinger. Der Chef will Sie sprechen. Es gibt Weißwürste.«
Quercher musste würgen. »Kann das nicht warten?«, antwortete er genervt.
»Nein.«
»Ich hatte eine schlimme Nacht. Und im Übrigen habe ich heute einen freien Tag …«
»Herr Quercher, welchen Teil von ›Nein‹ verstehen Sie nicht?«
»Ich komme.«
Er duschte, zog sich an, machte der jungen Frau einen Kaffee und legte etwas von Sade auf.
»Wer ist das denn?«, fragte sie, ohne die Augen zu öffnen.
Er war zu alt, dachte er. Sekunden später hörte er ihr Schnarchen. Er schrieb auf einen Zettel, dass er den Schlüssel gerne wiederhätte, rief leise nach Lumpi und verschwand.
Früher hätte jetzt Marille an der Tür gestanden und ihn verabschiedet. Doch mittlerweile lebte seine Exfrau mit seinem Exfreund Picker in seinem Exhaus im Stadtteil Solln. ›Was solln das?‹, der müde Scherz seiner alten LKA-Kollegen aus Düsseldorf, fiel ihm jetzt ein und ließ seine Gedanken noch düsterer werden. Er hatte sie gehasst, die geduckten Doppelhäuser, die brav in Hanf eingewickelten Rhododendren, die Klingelschilder aus Salzteig. Hier hatte er kaum Luft bekommen. »Ein einziger Swingerklub ist das hier«, hatte er damals in den Jahren des scheinbaren Glücks besoffen auf einem Grillfest gerufen. Danach wurden sie nie wieder eingeladen.
Das Handy klingelte. Schon wieder Pollinger. LKA-Direktor und der einzige Mensch, den Quercher als Chef akzeptierte, auch wenn Picker offiziell sein Vorgesetzter war. Pollinger war ein guter Mann. Hatte nur einen Fehler, er mochte Querchers Exfrau, die früher im LKA als Psychologin und Profilerin gearbeitet hatte. Hatte Quercher quasi mit ihr verkuppelt. Als sie sich wegen der Sache mit Picker trennten, konnte der Alte das nicht verstehen. Er war eben sentimental, dachte Quercher. Dann hatte Pollinger ihn nach Düsseldorf vermittelt. Und ihn wieder zurückgeholt, als die Zeiten nach Querchers Alleingang in der Junktim-Affäre auch dort schwierig wurden. Jetzt arbeitete Quercher als eine Art ›Ermittler zur besonderen Verfügung‹. So was ging noch beim LKA, Abteilung Staatsschutz. Quercher sprach vier Sprachen. Kannte sich bei den Sandnegern und Turbanträgern, wie sie hier sagten, gut...




