E-Book, Deutsch, Band 3, 351 Seiten
Reihe: Quercher
Calsow Quercher und der Totwald
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-89425-178-9
Verlag: GRAFIT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 3, 351 Seiten
Reihe: Quercher
ISBN: 978-3-89425-178-9
Verlag: GRAFIT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Martin Calsow wuchs am Rande des Teutoburger Waldes auf. Nach seinem Zeitungsvolontariat arbeitete er bei verschiedenen deutschen TV-Sendern in Köln, Berlin und München. Ein langer Aufenthalt im Nahen Osten führte ihn schließlich zum Schreiben. Martin Calsow gehört der Jury des Grimme-Preises an und lebt heute mit seiner Frau am Tegernsee und in den USA. Quercher und der Totwald ist der dritte Band einer Serie um den sperrigen LKA-Beamten Max Quercher. Weitere Titel der Reihe sind in Planung.
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Kapitel 1
Tegernsee, acht Tage später, 16.08., 08.45Uhr
Prustend und japsend tauchte Max Quercher aus dem Wasser auf, in das er eben, wie er fand, todesmutig gesprungen war. Er biss die Zähne zusammen. Natürlich war das Wasser nicht sehr warm. Aber jetzt, Ende August, fiel die Temperatur des Sees immerhin nicht unter neunzehn Grad.
Quercher hatte die Nacht auf seiner Hollywoodschaukel verbracht. Lumpi hatte sich zu seinen Füßen zusammengerollt, die Wärme des Terrassenbodens genossen. Sie hatte Quercher bewacht, der wie sie zuweilen auch ein wenig schnarchte.
Quercher wechselte vom Kraul in die Brustlage, schwamm einige Züge unter Wasser, tauchte wieder auf und fühlte nach wenigen Minuten nicht nur, wie die Wärme in seinen Körper zurückkehrte, sondern auch die gute Laune. Als er den Wendepunkt im See erreicht hatte, verweilte er und betrachtete das beeindruckende Massiv der Blauberge, das im Morgenlicht glitzerte. Dort oben wäre er vor drei Jahren fast von einer Lawine getötet worden.
Er hörte das Läuten der Klosterkirche in Tegernsee und kraulte zurück. Nicht weit von ihm schwamm eine Frau, genau wie er auf dem Rückweg zu der Badestelle in Holz. Quercher badete immer nackt. Das war sein persönlicher Widerstand gegen das hier zwar nicht ausgesprochene, aber mehrheitlich gelebte Textilgebot.
Als er noch ungefähr hundert Meter vom Ufer entfernt war, vernahm er plötzlich die Rufe der Frau. Er stoppte, drehte ihr seinen Kopf zu und hob die Hand.
»Ich habe einen Krampf«, rief sie.
Er änderte die Richtung und schwamm zu der Frau.
Sie war nicht älter als als Mitte vierzig. Dunkle Haare hingen in Strähnen über dem vor Schmerz verzerrten Gesicht. Sie trieb auf dem Wasser, bemüht, ihr rechtes Bein in die Höhe zu halten. Es gab schönere Positionen beim ersten Kennenlernen.
»Warten Sie, ich helfe Ihnen.« Irgendwo in Querchers Hirn waren aus alten Fußballtagen noch Wissensreste über Krämpfe erhalten.
»Ist die Wade, verdammt. Das passiert mir sonst nie!«, rief die Dame fast vorwurfsvoll.
Quercher bemerkte, dass auch die Frau das Baden ohne Textilien bevorzugte. »Legen Sie sich auf den Rücken und breiten Sie Ihre Hände aus. Ich nehme Ihren Fuß.«
Was an Land sehr einfach war, erwies sich im tiefen Wasser als eine akrobatische Herausforderung. Mehrfach tauchte Quercher bei dem Versuch, nach dem Fuß zu greifen, unter, schluckte Wasser und prustete. Sie fluchte. Quercher entschuldigte sich, griff mit der rechten Hand erneut nach dem Fußgelenk der Frau und suchte mit der linken Hand Halt an ihrem Knie, um so ihre Wade zu strecken. Dabei paddelte er wie ein Pudel mit seinen Füßen herum, um sich über Wasser zu halten.
»Sie müssen das Bein strecken.«
»Mach ich doch«, kam es pampig zurück.
Er hatte keine Lust und Zeit für Diskussionen. Mit einem Ruck hob er das Bein der Frau an und versuchte, es gerade zu drücken. Dabei rutschte seine linke Hand ab und sein Mittelfinger stieß in ihre Scham.
Die Frau zuckte zurück, ging unter, kam wieder an die Oberfläche und prustete lediglich ein schnelles »Schon weg, der Krampf!«.
Querchers Gesichtsfarbe glich der einer Boje.
Schweigend schwammen sie zum Ufer zurück. Dort rafften sie ihre Sachen zusammen, ohne sich auch nur noch eines Blickes zu würdigen. Lumpi hatte sich auf Querchers Klamotten gelegt und betrachtete die Frau neugierig, die eilig in einen Bademantel schlüpfte und den Hang hinauf zum Parkplatz eilte.
Quercher sah zu seinem Hund, der ihn scheinbar fragend anblickte. »Frag nicht, La Lump. Jede gute Tat wird bestraft!«
Es hatte sich viel verändert in Querchers Leben. Das Wichtigste für ihn: Seit einem Jahr fuhr er ein neues Auto, einen Ford Pick-up. Ökologisch ein Desaster, wie ihm seine Kollegin Arzu vorwarf, aber der Wagen war ausgesprochen praktisch. Quercher hatte das Monster von einem befreundeten Schrauber aus Wiessee erworben, nachdem ihn zuvor vierzehn Jahre lang sein alter Benz Kombi begleitet hatte.
Im Herbst hatte er sich an der Hüfte operieren lassen müssen. Lange hatte er sich dagegen gesträubt, eine künstliche Hüfte als üblen Einstieg in das Alter angesehen. Aber nachdem ihn sogar sein Freund und Arzt Manfred Appel als ›Glöckner vom Tegernsee‹ bezeichnet und ihn quasi in die Vollnarkose gequatscht hatte, war es passiert. Mittlerweile war er sogar froh. Er schwamm regelmäßig, machte seine Yogaübungen und fühlte sich besser als je zuvor. Man sah es ihm auch an. Die Angst vor dem Alter war vergangen. Erst sind noch andere dran, dachte er, als er wieder im Auto saß und nach München fuhr.
Heute war Pollingers letzter Tag. Sein alter Chef und Freund würde mit allem Pomp aus dem LKA verabschiedet werden. Es kamen die üblichen Schranzen aus Politik und Verwaltung. Der Lotse geht von Bord, hatte er in seiner letzten Mail an die Kollegen geschrieben. Pollinger hatte zwar seine Krebserkrankung überwunden, war dem Alltagsgeschäft der Behörde jedoch nicht mehr gewachsen. Der Alte wollte sich, so hatte er es Quercher erzählt, auch am See niederlassen. Hier sollte ein neuer Lebensabschnitt beginnen, hatte er mit Pathos in der Stimme erklärt.
Die Gebäude des LKA Bayern lagen im Westen der Stadt München, typische Architekturwarzen der Neunzigerjahre. Quercher verzichtete darauf, sich die Festrede im Innenhof anzuhören, ging stattdessen direkt in den Fahrstuhl und stieg im obersten Stockwerk wieder aus. Das Büro des LKA-Chefs ging zur Marsstraße hinaus. Handwerker hatten Pollingers extravagante Einbauten – Zirbelholz aus den Alpen und eine Sitzecke wie in einem Egerner Bauernhaus – bereits herausgerissen. Die Reste lagen in einem Container unten im Hof. Es roch nach Zigarre und einem selten gelüfteten Raum. Quercher hatte hier in seiner schlechten Zeit sogar einige Nächte verbracht. In einer Ecke auf dem Sofa.
Mit Pollinger ging auch etwas von ihm selbst, dachte Quercher gerührt. Das Kumpelhaft-Mackerartige wurde langsam, aber sicher wie das Zirbelholz hinausgeworfen. Pollingers Büro war mehr als nur ein Raum gewesen. Es war das letzte Rückzugsgebiet männlicher Polizeiarbeit.
Grinsend erinnerte sich Quercher daran, dass Pollinger auf eigene Kosten sogar einen Zapfhahn mit Tegernseer Bier, in einem Erker versteckt, hatte installieren lassen.
Doch das war die alte Zeit gewesen. Pollingers Nachfolgerin, Constanze Gerass, hatte schon ihre Möbel hierher gebracht. Langweilige Meterware aus einem Designerhöllenkatalog. Quercher sah sich um. Vierundzwanzig Jahre hatte Pollinger die Behörde geleitet. Hatte in die Abgründe der organisierten Kriminalität, der Kinderpornoringe, des Terrorismus sehen müssen. Pollinger war für Menschen, die ihn kaum kannten, der kauzige und joviale Behördenchef. Diese Rolle hatte er immer perfekt gespielt. Nur wenige, wie sein Freund Quercher, wussten, dass Pollinger auch ein extrem harter und machtbewusster Chef war.
Quercher hörte Schritte.
»Ich habe dich da unten auf meiner Beerdigung vermisst.«
»Ferdi, du bist nicht tot, nur pensioniert worden.«
»Du sehnst dich schon seit Jahren nach deiner Frühpensionierung, Max. Aber für mich wartet jetzt nur noch ein langes Sterben im Tegernseer Tal. Das werde ich nicht aushalten.« Pollinger kraulte Lumpi, die zwar widerrechtlich, aber noch geschützt von Pollingers letzten Machtminuten das leer geräumte Büro erschnüffelte.
»Du kannst ja den Schatzmeister bei den Rottacher Gebirgsschützen machen oder den Hausmeister bei der CSU in Wildbad Kreuth. Da müsste mal renoviert werden.«
Pollinger schüttelte den Kopf. »Nein, ich habe etwas anderes vor.« Er reichte Quercher die Kopie eines Dokuments.
»Was ist das?«
»Lies.«
Quercher überflog das Blatt und lachte. »Du willst dich selbstständig machen? Nach gefühlt zwei Jahrhunderten als Beamter? Beratung für Sicherheit und Kontrolle – BSK? Ist dir das im Suff eingefallen?«
»Ach Max, du weißt genau, dass ich nicht der Erste aus dem Laden hier wäre, der in der freien Wirtschaft noch etwas mitnähme. Klar, die Pension ist recht hoch. Aber vielleicht reicht das nicht.«
Max wurde misstrauisch. Pollinger ging mit erheblichen Ersparnissen in den Ruhestand. Was verheimlichte er ihm? »Hast du Schulden?«
Pollinger sah ihn mitleidig an. »Im Gegensatz zu dir kann ich mit Geld umgehen, kaufe mir keine Pick-ups aus Amerika oder Immobilien in Italien.«
Der Alte spielte auf Querchers Haus auf Salina, einer Insel vor Sizilien, an, das erhebliche Kosten verursacht hatte. Obwohl er es lange vermietet hatte, konnte Quercher nie nur annähernd schwarze Zahlen erzielen – ein teures Hobby. Aber es war Querchers einzige Möglichkeit, der Alpenidylle zumindest in den Frühlings- und Herbsttagen zu entfliehen. In wenigen Wochen wäre es wieder so weit. Die Touristen mit ihren scharfen Parfums wären dann verschwunden. Die Kapernernte würde beginnen. Er könnte den Sommer verlängern.
»Ich störe ungern.«
Pollinger und Quercher drehten sich ruckartig um.
Im Türrahmen stand Constanze Gerass, die neue Chefin. Sie durfte Pollinger schon einmal während seiner Krankenzeit vertreten. Jetzt hatte der Innenminister sie trotz internen Widerstands auf den hochrangigen Posten befördert. Quercher hatte seit der Entführung der Kinder am See und den damit verbundenen internen Verwicklungen im vorletzten Jahr ein nüchternes, aber nicht schlechtes Verhältnis zu ihr. Sie hatte nach anfänglichem Zögern Pollingers Rat angenommen und versprochen, Quercher auch weiterhin nur die sperrigen Fälle zu geben. Aufträge, die diskret und ohne Personalaufwand durchgeführt...




