Calsow | Atlas - Alles auf Anfang | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1, 256 Seiten

Reihe: Atlas

Calsow Atlas - Alles auf Anfang


1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-89425-189-5
Verlag: GRAFIT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 1, 256 Seiten

Reihe: Atlas

ISBN: 978-3-89425-189-5
Verlag: GRAFIT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Als seine Tarnung auffliegt, muss sich Undercover-Ermittler Andreas Atlas Hals über Kopf vor den Killerkommandos eines mexikanischen Drogenkartells in Sicherheit bringen. Am geeignetsten erscheint ihm dafür ausgerechnet seine alte Heimat im Teutoburger Wald, wo ihn alle für einen gescheiterten Animateur und Barbesitzer halten und er nicht gerade mit offenen Armen empfangen wird. Atlas hat insgeheim vor, sich mit einem unterschlagenen Millionenvermögen nach Südamerika abzusetzen und dort ein neues Leben anzufangen. Doch dann holt ihn seine Vergangenheit ein: Gesa, die Schwester einer Freundin, verschwand vor vielen Jahren spurlos, die Sache wurde nie geklärt. Als Atlas glaubt, Beweise für einen Mord gefunden zu haben, geraten seine Zukunftspläne ins Wanken. Viel Zeit, sich zu entscheiden, hat er nicht - denn die Mexikaner sind ihm bereits auf den Fersen ...

Martin Calsow, geboren 1970 in Münnerstadt (Unterfranken), wuchs als Sohn eines Polizisten am Rande des Teutoburger Waldes auf. Nach einem Studium der Soziologie absolvierte er ein Zeitungsvolontariat. Es folgten Stationen bei den Fernsehsendern Vox und SAT1 als TV-Journalist, bis 2009 war er Filmchef bei Premiere. Ein langer Aufenthalt im Nahen Osten führte ihn schließlich zum Schreiben. Martin Calsow gehört der Jury des Grimme-Preises an und lebt heute am Tegernsee.
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2

Es regnete. Dieser Wetterzustand gehörte zu diesem Ort wie Ebbe und Flut zur Nordsee. Der Teutoburger Wald war ein Höhenzug, der sich vom Münsterland bis nach Paderborn zog. Dort lag er wie ein müder grüner Leguan, stoppte die fetten Regenwolken vom Atlantik und ließ sie über dunklen Äckern und Buchenwäldern abregnen.

Es war die Heimat von Andreas Atlas – für siebzehn Jahre seines nunmehr dreiundvierzig Jahre währenden Lebens. Ein Leben, das einige gern schnell, andere sehr langsam und qualvoll beendet hätten.

Er hatte sich direkt bei seiner Ankunft am Osnabrücker Bahnhof zu einem wenige Hundert Meter entfernten Autohändler aufgemacht. Das Amt hatte vorgesorgt: Am Ende war es ein zehn Jahre alter Passat in Babyblau geworden. An der Hecktür klebten noch die Namen der bislang darin transportierten Kinder und ein Aufkleber der Feuerwehr Bohmte.

Der türkische Autoverkäufer konnte sein Glück kaum fassen. Es war zwar ein Sonntag und erst sechs Uhr morgens, denn diesen Termin hatte der Mann gestern am Telefon verlangt. Aber der Verkäufer wollte sich den Deal dennoch nicht entgehen lassen. So hatte er also schon früh mit einem Tee in seinem kleinen Büro auf den ungewöhnlichen Kunden gewartet. Der Wagen war ein Unfallwagen, rostete und roch im Innern streng nach vielen Kindern mit Hygienedefizit. Aber dem Kunden schien das egal zu sein. Aus Mitleid legte ihm der Verkäufer neben die roten Kennzeichen noch zwei Duftbäume.

Später, als er die CD seiner Überwachungskamera wechselte, war der Verkäufer erstaunt, dass sich der hagere Mann entweder geschickt oder nur zufällig von der Kamera weggedreht hatte. Sein Gesicht war nicht ein einziges Mal zu erkennen.

Bis Hannover hatte ihn die Kollegin aus Wiesbaden begleitet. Die drei Abteile des ICE waren zuvor von ihr reserviert und mit Zivilbeamten besetzt worden. Atlas wusste, dass das vor allem zu seiner Beruhigung geschah. Denn wer ihn im Zug tatsächlich erkannte, würde nicht lange observieren. Er war madera muerta, totes Holz.

Jede Bewegung außerhalb sicherer Gebäude hatte ihn verängstigt. Ein Gefühl, das er erst nach dem Entzug kennengelernt hatte.

Sie hatten lange überlegt, ihn in Spanien zu parken. Aber nach dem, was passiert war, konnte man keinem Menschen mehr trauen. Die Familie des Mexikaners hatte auch im alten Europa ihre Zuträger.

Es war Atlas selbst, der seine alte Heimat, das Osnabrücker Land, als Zielort vorschlug. »Auch wenn ich da vor über zwanzig Jahren das letzte Mal war, kenne ich die Menschen und die Gegend und die kennen mich. Es ist mir vertraut. Und jeder, der von außen kommt, wird von mir schneller als Fremdkörper erkannt als in einem Nest in der Extremadura oder in Kastilien. Vor allem aber weiß dort keiner auch nur ansatzweise irgendetwas von mir. Ich bin dort immer noch Andreas Atlas. Und nur der.«

»Und die glauben dir deine Lebensgeschichte?«

»Die ist ja nicht neu. Die wenigen Male, die ich mit meinen Verwandten sprach, habe ich sie aufrechterhalten.«

»Andreas, es ist ein Unterschied, ob man so etwas für ein paar Minuten am Telefon erzählt oder ob man das die nächsten Monate, vielleicht auch Jahre durchhält. Da muss alles stimmen.«

Atlas hatte stumm genickt. Es war wirklich eine ziemlich dämliche Legende, die er sich ausgedacht hatte.

Er verließ Osnabrück in Richtung Süden und drehte auf dem Autobahnkreuz ein paar Extrarunden, um zu sehen, ob ihm jemand folgte, ehe er auf der Bundesstraße bei Oesede den letzten Bergrücken hinauffuhr. Er nahm die rechte Spur und stoppte den Wagen kurz hinter der Kuppe auf dem Parkplatz eines Ausfluglokals, das schon in seiner Kindheit dort gestanden hatte.

Hier wurden die Feiern des hiesigen Lebens gefeiert. Leipziger Allerlei, Salzkroketten und müde Reden begleiteten Taufe, Erstkommunion, Hochzeit, Silberhochzeit und Leichenschmaus. Von der Geburt bis zum Tod gab es Schweinekotelett, dachte er, als er den Geruch von Frittierfett trotz der frühen Morgenstunde schon in seinem Wagen wahrnahm.

Er stieg aus und sah im Regen hinunter in die Ebene. Da lag der Ort, der jetzt wieder zu seiner Heimat werden sollte. Sauber und ordentlich, ruhig und sicher. Es war ein kurzes Gefühl der Zuversicht, das Atlas in den Kopf kletterte. Alles, was vor ihm lag, war das Gegenteil dessen, was er in den vergangenen zwei Jahrzehnten erlebt hatte. Er erfreute sich an den grauschwarzen Regenwolken, die über das Münsterland zu ihm kamen, die das Land grün machten. Da, wo er bislang gelebt hatte, schoben die Menschen den Kopf in den Nacken, wenn nur wenige Tropfen vom Himmel fielen. Hier war das normal.

Atlas empfand die sorgfältig gesetzten Beete des Gasthofs, den extrem kurz geschnittenen Rasen dahinter und selbst den Geruch des reichhaltigen Essens als eine Bestätigung seiner Entscheidung. Zumindest wünschte er sich, dass sie sich als richtig herausstellen würde. Ordnung war sein letzter Anker, denn allem, was jetzt auf ihn zukommen würde, war er wie ein führerloses Schiff ausgesetzt.

Er würde bei seiner Schwester beginnen. Seine Mutter musste warten. So viel Elend konnte er sich noch nicht am frühen Morgen antun.

Inmitten des Kurorts erhob sich ein alter Burgberg. Vor Jahrhunderten war dort ein Schloss errichtet worden, der ganze Stolz der Stadt. In diesem Bauwerk verbarg sich, sozusagen als katholischer Mittelpunkt, die Klosterkirche, zusätzlich hatte sich, wie eine kleine Warze am Po, auch noch eine evangelische Kirche hineingezeckt, lange ein Außenposten protestantischer Gesinnung. Denn von hier bis zur holländischen Grenze, irgendwo hinter den riesigen Windrädern und Klinkerdörfern am Horizont, war alles fest in der Hand der heiligen römisch-katholischen Kirche. Wenn er sich recht erinnerte, begann in einer Stunde das Hochamt. Dann würde seine Schwester in der ersten Reihe des Seitenschiffs sitzen.

Aber noch würde sie schlafen, hatte sie ihm im trotzigen Ton der jüngeren Daheimgebliebenen am Telefon gesagt. Er solle Brötchen mitbringen, wenn er sie schon belästigen müsse. Warmherzig ging anders, hatte er gedacht. Aber wer sollte sich auch auf ihn freuen?

Unterhalb des Gasthofs lag eine weiß gekalkte Kapelle. Atlas kannte sie. Die Eltern seiner Mutter Adelheid hatten das Kirchlein einst für die Wallfahrer nach Telgte errichten lassen.

Der Hagere hatte hinter zwei Tannen gewartet. Atlas war er nicht aufgefallen. Das war nicht ungewöhnlich. Die längste Zeit seines Lebens hatte dieser Mann damit zugebracht, andere Menschen zu beschatten. Daraus war eine Kunst geworden. Er wurde nicht mehr wahrgenommen.

»Schön ist anders.«

»Meinst du mein Gesicht oder den Ort?«

»Beides.«

»Na ja, die Karibik ist es nicht. Aber Badeseen gibt es hier immerhin«, erklärte Atlas leise.

»Ich habe für dich alles vorbereitet. Es liegt in der Kiste.«

»Danke.«

Der andere zuckte mit den Schultern. »Wird ja bezahlt. Wie lange willst du bleiben?«

Atlas und der Hagere kannten sich seit einem Jahrzehnt, ohne etwas von der Herkunft des jeweils anderen zu wissen. Ihre eigentliche Verbindung lag auf einer weitaus bedrohlicheren Ebene.

»Ich muss mich anmelden, um die feste Adresse zu bekommen. Das ganze deutsche Prozedere eben.«

Der Hagere wischte sich den Regen aus dem Gesicht. »Luxemburg setzt in vier Wochen auf biometrische Erkennung. Dann wirst du nicht mehr an das Schließfach kommen. Es ist alles da – noch!«

Er zog einen kleinen Zettel hervor und gab ihn Atlas, der ihn kurz überflog.

Vierundsechzig Millionen Euro in Devisen, Diamanten und Goldmünzen. Leicht transportierbar. Unauffällig. Erst recht, wenn man das Ganze auf einem holländischen Frachter von Europa nach Südamerika bringen wollte.

»Unsere Kollegen arbeiten deinen Fall gerade mit viel Druck in der Pipeline auf. Dein Abgang war zu laut. Dir bleibt nicht viel Zeit. Eine Familie solltest du hier nicht gründen.«

»Ich weiß. Im Winter sehen wir uns in Valparaíso.«

Der Hagere deutete auf die Kapelle. »Das ist dein Notfallplan. Die Pfeifen vom BKA ahnen noch nichts. Vier Wochen, nicht mehr! Hol das Zeug aus dem Schließfach. Ich suche noch einen Frachter, der in Rotterdam liegt und Kurs auf Brasilien nimmt. Sobald ich einen gefunden habe, melde ich mich. Dann muss es schnell gehen. Du musst das Geld haben und nach Rotterdam kommen. Das wird eine Sache von wenigen Stunden, verstehst du? Lass mich jetzt nicht im Stich. Valparaíso, mein Freund. Vergiss das nicht!«

Atlas blickte zu der Kapelle, und als er sich wieder umdrehte, war der Hagere bereits in der Tannenschonung verschwunden.

»Valparaíso«, murmelte Atlas wie ein Mantra.

Es dauerte einige Minuten, bis er auf der Rückseite der Kapelle den versetzten Stein fand, der den Eingang zu einer Metallkiste bildete. Er öffnete sie und fand alles sorgfältig verpackt vor: Geld in verschiedenen Währungen, eine Beretta, einen Pass, zwei USB-Sticks. Er verschloss die Kiste wieder, warf etwas Erde darüber und wuchtete zum Schluss den schweren Stein darauf.

Atlas stöhnte, als er sich erhob. Er lehnte sich an die weiß gekalkte Hinterwand der Kapelle, der Kapelle, die seinem Vater so wichtig gewesen war. Dem Mann aus Galicien, von der rauen Atlantikküste als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen, waren die Eigenarten, die dieser Landstrich bot, zwar fremd, aber auf eine skurrile Art nah gewesen. Miguel Atlas, der in Spanien das Studium eines Ingenieurs abbrechen musste, fand als Kellner im Kurhaus eine Anstellung und verliebte sich in die besonders blonde Bedienung Adelheid. Zwei Kinder bekamen sie. Andreas und die jüngere Tochter Astrid. Nichts sollte mehr an die spanischen Wurzeln erinnern. Miguel war...


Martin Calsow, geboren 1970 in Münnerstadt (Unterfranken), wuchs als Sohn eines Polizisten am Rande des Teutoburger Waldes auf. Nach einem Studium der Soziologie absolvierte er ein Zeitungsvolontariat. Es folgten Stationen bei den Fernsehsendern Vox und SAT1 als TV-Journalist, bis 2009 war er Filmchef bei Premiere. Ein langer Aufenthalt im Nahen Osten führte ihn schließlich zum Schreiben. Martin Calsow gehört der Jury des Grimme-Preises an und lebt heute am Tegernsee.



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