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E-Book

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Callo KulturJongleure

Eine abenteuerliche Reise von Odessa nach Römhild
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7103-5622-3
Verlag: united p.c.
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine abenteuerliche Reise von Odessa nach Römhild

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-7103-5622-3
Verlag: united p.c.
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Spannend erzählt wird das abenteuerliche Leben des kosmopolitischen Ehepaars Pierre und Erato Mavrogordato in turbulenten Zeiten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Als 'Kulturjongleure' zwischen unterschiedlichen Welten beginnt ihre Reise in Odessa und führt über Berlin nach Römhild. Pierre Mavrogordato war ein renommierter Archäologe und Kunsthändler, seine Frau Erato eine bekannte Künstlerin. Beide sind Ehrenbürger der Stadt Römhild in Thüringen.

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Igors Reise 1 An der Stelle, an der das Unglück nahe der Küste von Ceylon geschah, stoppt der Kapitän das Schiff auf offener See für ein paar Gedenkminuten. Es ist um die Mittagszeit und das Wasser liegt tiefblau wie ein Saphir in eigenartiger Stille. „Wo bist du?“ Igor merkt, er will es plötzlich nicht mehr genau wissen, er will nicht mehr wissen, wie das Unglück sich abgespielt hat, erst der fürchterliche Schrecken, dann die Gewissheit eines schnellen Todes. „Ich vermisse dich“, sagt er, „obwohl ich dich nicht kenne. Aber Mama geht es gut. Wir haben dich nicht vergessen. Du stehst als einziger neben ihrem Bett. Und ich soll dir ähnlichsehen.“ Dann schließt er die Augen, während das Schiff der Handelsroute entlang weitersegelt, als wäre nichts Besonderes geschehen. Als er sie wieder öffnet, liegt eine völlig andere Welt vor ihm. Ceylon. Die Insel ist sehr grün und macht auf ihn sofort einen zauberhaften Eindruck. Es dauert eine Weile, bis er zurechtkommt. Doch dann merkt er schnell, wie einfach das Leben hier eigentlich ist, wenn man etwas Geld besitzt. Und mit dem, was er dabeihat, lässt sich einige Zeit gut leben. Er nimmt sich ein Zimmer in Kandy, einem schönen Ort in den Bergen, umgeben von Gewürzgärten Teeplantagen und Elefanten, die zu jedem der Feste wie Götter geschmückt werden. „Elefanten sind Götter“, sagt ihm ein älterer Mann auf einem der hinduistischen Feste, das noch am gleichen Tag gegen Abend dort stattfindet und dessen Zeuge er ist. „Elefanten sind vorübergehend auf Erden, um uns an die Schöpfungsgeschichte zu erinnern, Aufbau und Zerstörung in einem ewigen Kreislauf begriffen. Sie tragen die Zeit auf ihren Rücken und erinnern in ihrer unendlichen Weisheit an den Frieden“. Und just als dem Elefanten die Milch über den Kopf gegossen wird, lernt er als wäre es so vorbestimmt Palmina kennen, die neben dem Mann steht. Ihrem Vater? Ihrem Großvater? Keiner weiß es. Igor nimmt über irgendeinen bewundernden Kommentar Kontakt mit ihr auf, aber sie erzählt nichts von sich. Wie eine Tänzerin im Tempel, voll des Glücks, strahlt sie ihn nur an, eine gefühlte Ewigkeit lang. Seine Verlegenheit ist immens. Aber dann passiert es doch, dass sie miteinander reden, so gut es geht, mit Händen und Füßen. Sie heiße Palmina, er Igor. Wie alt sie ist, ist schwer zu schätzen. Hoffentlich über 20, denkt er. Er ist um die 30. Genau will er es nicht wissen. Denn er taucht in einen zeitlosen Rausch ein, wie er ihn bisher nicht kannte. Was soll das werden? Kann man je wieder aus der Zeitlosigkeit erwachen? Hat er sie nicht schon einmal gesehen, auf einem Plakat im Hafen? Eine der drei barbusigen Frauen am SikiriaFelsen, von dessen Fläche oben sich weit in alle Richtungen des Landes schauen lässt, an den Baumwipfeln entlang und in die Nischen hinein, in denen große Buddha Statuen thronen und ruhen? Natürlich ist sie es. Wenn nur Pierre hier wäre und das sehen könnte! Sehen könnte, wie wunderbar die Insel ist mit ihren Menschen. Palmina zeigt ihm stolz die Sehenswürdigkeiten ihrer Insel, unendlich weit weg von den politischen Bedrohungen seiner Heimat. Auf dem Hügel mietet er ein kleines Bambushaus bei Kandy, einem Ort, in dem auch die meisten Engländer leben, hauptsächlich des Teehandels wegen. Es gibt dort auch eine Bücherei, was natürlich für ihn sofort attraktiv ist. Und er kann dort auch wieder stundenweise arbeiten, denn er hat inzwischen etwas Ahnung von den Werken, die bei den Frauen der Kolonialherren ein besonderes Interesse erzeugen. Dazu gehören auch die inzwischen sehr populären Übersetzungen eines Sigmund Freuds aus Wien und dessen Versuch, die Träume der Frauen zu deuten, selbst derer in den Tropen. Doch es kommt der Tag, an dem alles Glück für ihn plötzlich zu Ende ist, es ist der Tag, an dem er von Pierre, dem er seine Adressen gegeben hat, ein Telegramm erhält, das tiefschwarze Dunkelheit in ihm auslöst. Igor liegt in prächtigen Kissen auf der schattigen Terrasse seines Bambushauses, als er es liest, und das Blatt fällt ihm sofort wie welk aus der Hand auf die Holzdielen. Wenige Meter um ihn herum ein lichtdurchfluteter Palmenpark, den er plötzlich nicht mehr sehen kann, weil sich seine Augen eintrüben. Das Bunte ist erblasst, die Muster auf den Bezügen verschwinden und der blühende Strauch neben der Treppe wird zu einem vertrockneten Gerippe. Die Nachricht vom plötzlichen Tod seiner Mutter raubt ihm den Atem. Die heiße, feuchte Luft schmerzt in den Lungen. Palmina sitzt gerade am Rand des Betts und schaut in sein Leid. Sie ist nur bei ihm und verdrängt ganz, was das auch für sie bedeutet. Sie will bei ihm sein, doch sie sieht, er spürt ihren Blick nicht mehr, nicht mehr das Mitleid in ihren Augen. Die Berührungen, die ihn trösten sollen, erreichen keine seiner Nerven, sondern werden von der Haut abgestoßen und fließen mit dem Schweiß vermischt auf das Laken, in dem sie verschwinden. Die Wände der Zellen seines Körpers lösen sich vom Boden, auf dem sie standen, und mit ihnen entweicht die Festigkeit aus den Gelenken. Der Sinn, der bislang in seinem Herzen wohnte, ist eine weiße Wand ohne jegliche Muster. Er muss nach Hause, er muss Palmina in ihrer Sehnsucht nach dem täglichen Glück zurücklassen. Sie wird ihm nicht folgen, wird seinen Willen ertragen müssen, dass er den Rückweg allein antreten wird. Er weiß, er könnte sie nicht zwingen, weil sie nichts verstehen würde, nicht verstehen, in welche Fremde es ihn weg von ihr zieht, dorthin zurück, wo es Schnee gibt, den sie nie gesehen hat und dessen Kälte sie ins Unglück stürzen würde. Im Grunde wusste sie von Anfang an, dass der Tag kommen wird, an dem das Ungleiche zwischen ihnen trotz aller Zuneigung sichtbar wird. Und nun ist er da, dieser Moment. Ihre Heimat ist nicht die seine und seine nicht die ihre. Die Liebe schwebt nur zum Schein hoch darüber hinweg und umkreist ihre Körper in aufregenden Bahnen. Sie zeigt ihnen zwar die Erfüllung, ohne sie jedoch erlösen zu können. Diese Liebe muss immer wieder auf der Erde landen, muss die Fersen fest auf den Boden drücken. Das kennt sie. Doch diese Verbundenheit zur Erde gab nur ihrer Seele Geborgenheit, nicht der seinigen. Der Kontakt verlieh nur ihr die Festigkeit, die sie brauchte, um zu wissen, wohin sie gehört, nicht ihm. Ihn hat sie nicht in ihren Garten ziehen können. Von Anfang an wusste sie, dass er eines Tages zurück in seine Heimat muss, dorthin, wo sie nicht mit ihm gehen kann. Und darum verändert sich alles ebenso schnell wie es begann. Sie küsst ihn und berührt ein letztes Mal den roten Punkt auf seiner Stirn, als kenne sie den Abschied genau, und geht dann aufrecht hinaus in ihre Welt. Ohne zurückzuschauen verschwindet sie einfach hinter der Tür, neben der ein kleiner Altar mit Räucherstäbchen steht, die noch eine Weile glühen, damit die Götter die Fäden für Palminas Leben neu spinnen können. 2 Die Verbindungen nach Odessa sind umständlich, sie führen über viele Häfen und die Schiffe halten sich dort auch länger auf, darum entschließt er sich, auch wenn das beschwerlich ist, einen Teil über Land zu reisen, vom Ende des arabischen Golfs aus auf einem Zweig der Seidenstraße in Richtung Mittelmeer. Die Strecke soll nicht ungefährlich sein, aber er braucht eine Herausforderung, die ihn ablenkt. Wieder versinkt eine Küste im Meer und mit ihr Erinnerungen an Vergangenes, die ihn erfahrener machten. Aber erst in der Kabine hüllen ihn die Bilder wie plastische Gebilde ein. Die Nächte mit Palmina, in denen sie ihn im Schein des Mondes in die unendliche Kunst der Liebe einführte, die geheimnisvollen Berührungen und Zeremonien. Palmina arbeitete tagsüber an den Hängen der grünen Berge, wo der Tee gepflückt wurde, und sie mitten drin in bunte Tücher gehüllt, mit einem Korb auf dem Rücken, die Teeblätter pflückte und sie hinter sich dort hineinwarf. „Wir bringen sie zum Trocknen in das große Bambushaus. Es hat 4 Stockwerke, und der Boden ist wie ein Sieb. Wenn man ihn mit einem Besen kehrt, bleiben die großen Blätter oben liegen und die kleineren fallen durch das Sieb nach unten. Dadurch entstehen die verschiedenen Qualitätsgrade. Ganz unten ist dann nur noch der Staub übrig.“ Und während sie das mit einem spitzbübischen Lächeln auf den Lippen sagt, schaut sie um sich, ob niemand zuhört: „Dust for the English tea bags.“ Igor hatte inzwischen etwas Englisch gelernt, genug, um sich zu verständigen. Russen hat er bislang keine getroffen, nur einige Deutsche. In den Buchladen kamen in Begleitung ihrer indischen Bediensteten, hauptsächlich Engländerinnen, die dank ihrer Männer unter der schützenden Hand des britischen Gouverneurs sehr wohlhabend leben konnten. Palmina gehörte nicht zu ihnen. Ihre Familie lebte eher in ärmlichen Verhältnissen in Colombo. Die Frauen der Kolonialherren waren sehr an englischer Literatur interessiert. Durch den regen Schiffsverkehr aus England gab es auch relativ viel Auswahl: Jane Austen, Charles Dickens, George Elliot, die eigentlich Mary Ann Evans hieß, Thomas Hardy und natürlich Daniel Defoe. Philosophische Werke waren weniger vertreten, immerhin aber hin und wieder Hölderlins Hyperion und tatsächlich auch eine Übersetzung von Schopenhauers Aphorismen, von dessen destruktiver Färbung er nichts hielt, im Gegensatz zu manchen Deutschen, die sich auf der Insel niedergelassen hatten. Wäre er denn für immer geblieben? Die unbegrenzte Aufenthaltserlaubnis im Paradies hat auch andere Seiten. Sie führt zu einer immer größer werdenden Überhöhung oder besser Verklärung...



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