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1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-95576-148-6
Verlag: MIRA Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Reihe: MIRA Taschenbuch
ISBN: 978-3-95576-148-6
Verlag: MIRA Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die erfolgreiche Modedesignerin Hannah O'Dowd hat sich entschieden: Mit 29 will sie endlich den Mann nach Maß! Nur: Wo findet sie in Portland ihren Traummann? Im Internet, rät Freundin Cassie. Doch schnell stellt Hannah fest: Im Netz tummeln sich nur Luschen. Wade ist schwul, Pete ein Angeber, und Tyler liebt hartes Körnerbrot. An dem beißt sich Hannah eine Plombe aus, und da kann nur noch einer helfen: der smarte Zahnarztfreund Scott. Schließt er auch die Lücke in ihrem Leben?
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1. KAPITEL
ZIERMÜNZEN UND HAUCHZARTE STOFFE
„Salbt eure heiligen Körperteile“, sagte Sapphire und reichte ein blauweißes, chinesisches Schälchen herum. „Dieses Rosenwasser hier habe ich hergestellt aus Blütenblättern, im heimischen Garten bei Vollmond gepflückt, auf dass die Kraft der Göttin wirksam werde.“
Ich warf Cassie, die im Schneidersitz neben mir auf einem Kissen auf dem Tanzparkett thronte, einen schiefen Blick zu. Sie trug ein knappes Top, das in einem Saum aus glitzernden, silberfarbenen Klimperscheiben unmittelbar unter ihren Brüsten endete; ihr bloßer Bauchansatz wölbte sich über den schweren, münzenverzierten Gürtel, der ihre Hüften umgab. Böse blickte sie zurück, wobei sich ihre etwas schräg stehenden, elfengrünen Augen warnend verengten.
Das Schälchen landete bei mir; das Rosenwasser, ein dunkles Burgunderrot, roch hinreichend harmlos, als ich vorsichtig daran schnupperte. Ich tunkte meinen Finger in die Flüssigkeit, tupfte sie mir wie Parfüm auf Kehle und Handgelenke und gab das Gefäß an Cassie weiter.
Andächtig benetzte sie Brüste und Schamgegend, verneigte sich anschließend mit geschlossenen Augen über dem Schälchen und bot es der nächsten Bauchtanz-Novizin dar.
„Ich wusste gar nicht, dass deine Halbkugeln heilig sind“, flüsterte ich Cassie zu, während Sapphire die Kursteilnehmerinnen zum allseitigen Erfahrungsbericht über die vergangene Woche aufforderte. „Sonst wäre ich ihnen mit gebührender Hochachtung begegnet. Müsstest du dir nicht einen teureren BH anschaffen, wenn du mit ‘nem Sakralbusen rumläufst?“
„Psst!“ zischte Cassie.
Eine wehleidig guckende Dame mit langem Haar setzte zu einem Bericht über den telepathischen Dialog mit ihrem Hund an.
„Du kriegst Flecken auf dem Stoff direkt über den Brustwarzen.“
„Gib Ruhe, Hannah! Du musst dich ihr öffnen, sonst wird sich die Göttin dir nicht erschließen.“
Zu dem Zeitpunkt hörte sich das nicht gerade nach einer allzu schrecklichen Bedrohung an. Der zehn weibliche Wesen umfassende Bauchtanz- und Göttinnenanbetungskurs hockte im Halbkreis um eine kleine Skulptur aus Terrakotta, die Figuren darstellte, welche mit ineinander verschränkten Armen eine brennende Votivkerze umringten. Genau dieses Ding wurde in einem Versandhaus-Katalog angeboten, der uns in der vorigen Woche per Post ins Haus geflattert war.
Die parapsychische Hundehalterin kam zum Schluss, und schluchzend meldete sich eine Frau mittleren Alters, bei der sich knapp fünfundzwanzig Kilo Übergewicht zwischen Rock und rückenfreies Oberteil zwängten. „Diese Woche musste mein Verlobter vor Gericht. Meine Nachbarin wirft ihm exhibitionistische Handlungen vor; sagt, er hätte in unserem Vorgarten gestanden und sich ihr in schamverletzender Weise gezeigt. Aber nackt war er nicht, und mit Absicht hat er’s schon gar nicht getan! Trug halt Damenschlüpfer und Strümpfe mit Strapsen und wollte einfach schnell die Zeitung holen, mehr nicht!“
Sapphire gab ein paar tröstende Laute von sich, während der Rest des Damenzirkels mit Gemurmel und erstaunten Ausrufen reagierte.
„Wenn die es mit der Göttin hat – wieso gibt sie sich dann mit ‘nem Perversen ab?“ fragte ich Cassie.
„Hannah!“
Ich zuckte die Achseln. So abwegig schien mir die Frage eigentlich nicht.
„Zeit fürs Mantra“, sagte Sapphire, und alle falteten die Hände senkrecht vor der Brust. Von Mantra hatte Cassie kein Wort gesagt. Ich legte die Handflächen zusammen und versuchte angestrengt, mir nicht wie beim Beten vorzukommen.
„Es sind die Gaben der Göttin“, rezitierte die Damenriege im Chor und führte die betenden Hände zu Stirn, Lippen und Herz, „zu denken, zu sprechen, zu fühlen und zu erschaffen.“ Die Fingerspitzen kehrten sich nach unten, fuhren abwärts zwischen die Schenkel und zwängten sich in den mit allerlei Flitterzeug besetzten Schritt. Die Frau mit dem Verlobten in Damenunterwäsche musste die Beine etwas spreizen, um ihre Hände unterzubringen.
Ich nahm die Finger weg. Ich wollte mit meinen Lenden nichts erschaffen, jedenfalls nicht, solange ich noch unverheiratet war. Ja, großer Gott, wozu hatte ich denn sonst die letzten elf Jahre die Pille genommen? Vermochte die Göttin nichts vorzuschlagen, das man per Hirn oder Herz erschaffen konnte? Oder mit den Händen? Hauptsache, man lässt mir meine Gebärmutter in Ruhe, zumindest, bis ich einen Ehemann geangelt hatte.
Genau aus diesem Grund nämlich tat ich mir Cassies Kombi-Kurs in Bauchtanz mit gleichzeitiger Göttinnenverehrung an.
„Kommst du mit der Göttlichen Weiblichkeit in dir in Kontakt, dann spüren die Kerle das“, hatte sie mich belehrt. „Du setzt die Energien in deinem Chakra frei und bringst sie zum Fließen. Die Männer können ihre Blicke überhaupt nicht mehr von deinem Unterleib, dem Zentrum deiner sexuellen Kraft, losreißen; die umschwärmen dich hinterher nur noch so.“
Klang nicht schlecht. Ich war neunundzwanzig, und mittlerweile war es ein halbes Jahr her, dass ich zuletzt Sex gehabt hatte. Es bestand dringender Handlungsbedarf.
Zwar war mir unerfindlich, ob die Freisetzung meines Chakras viel bringen würde, doch irgendwo im Hinterkopf taumelte ein Trugbild meiner selbst in einem Aufzug aus durchsichtigem Fummel, eine Kette aus winzigen Glöckchen um die Hüften gewunden, das Schamhaardreieck schattenhaft durch den Stoff schimmernd und über den Brüsten weiter nichts als massige, mit Klunkern besetzte Ketten. Irgendein fremdartiges, von stampfenden Rhythmen unterlegtes Gejaule ertönte im Hintergrund, während ich für meinen Mr. Right ganz privat die Hüften kreisen ließ, bis ihm vor reproduktivem Drang der Schaum vorm Munde stand.
Sapphire konnte von mir aus labern, so viel sie wollte: über Bauchtanz als Direktverbindung mit der Göttin oder als Entdeckung meines inneren Ichs; ich hatte meinen Traumtypen schon im Telekolleg gesehen. Anthropologisch betrachtet, das war mir klar, sollte das ganze Hüftkreisen einem Mann nur demonstrieren, dass ich jung und gesund genug war, um ihm Nachwuchs zu gebären.
Dagegen war auch nichts einzuwenden.
Sobald Feierabend war mit dem Göttinnen-Mumpitz und es endlich mit dem Tanzen losging, machte die Sache doch allmählich Spaß. Sapphire demonstrierte Bewegungen wie „Schlangenarme“, „Ägyptischer Gang“ oder „Lotushände“ sowie ein unnatürliches, fließendes Rollen der Bauchmuskulatur, das mir irgendwie zu liegen schien. Attraktiv sah es zwar nicht aus, aber ich wusste, es kam einem vielleicht bei Partys zupass, wenn andere mit Ohrenwackeln angaben oder sich die Beine hinter dem Schädel verknoteten. „Na schön“, konnte ich vielleicht zukünftig kommentieren, „du kommst mit der Zunge bis an die Augenbrauen. Aber das hier – kriegst du das auch hin?“ Wenn ich dann mein Hemd hob, würden sie angesichts des Wellengangs auf meinem Bauch große Augen machen. In drei versetzten Reihen standen wir einer verspiegelten Wand gegenüber und ahmten nach, was Sapphire uns vorturnte. Im Vergleich zu meinen Nachbarinnen wirkten meine Übungen ungelenk, und meine Gliedmaßen bewegten sich etwa so locker wie die eines Senators. Ich gehöre schon seit jeher zu denen, die beim Tanzen ständig aus dem Takt geraten, weil mir jedes Gefühl für Rhythmus abgeht. Konnte schon sein, dass mein Sex-Chakra blockiert war.
Am Ende der Stunde wurde das Mantra wiederholt, und als Hausaufgabe trug Sapphire uns auf, im Alltagsleben auf Kreisförmigkeit zu achten, dann endlich waren wir draußen und marschierten Richtung Auto. Sapphires Haus mit dem Tanzstudio lag am südöstlichen Stadtrand von Portland, dort, wo die Vororte allmählich in offene Landschaft übergehen, und in der frühlingshaften Abendluft ließ sich das konzertante Quaken der Frösche vernehmen.
„Wozu hatte Sapphire sich denn eigentlich diesen blauen Zierkiesel zwischen die Augenbrauen geklebt?“ fragte ich Cassie auf dem Heimweg.
„Wusste gleich, ich hätte dich besser zu Hause gelassen. Du klopfst wahrscheinlich die nächsten anderthalb Wochen deine Sprüche über den Kurs, was?“
Sie kannte mich gut. „Und was war mit den Pünktchen und Glitzerdingern neben den Augen? Ich meine nur – was sollen die denn für eine Bedeutung haben? Die sieht doch wie ‘ne Spielkarte damit aus!“
„Brauchst ja nicht mehr hinzugehen!“
„Und mein Chakra ist auch nicht lockerer geworden, glaub ich.“
„Ist sowieso nicht die einzige Blockade bei dir!“ sagte Cassie und stellte das Autoradio an, damit sie meinem Gequatsche nicht länger zuhören musste.
Völlig für die Katz war die Tanzstunde allerdings nicht gewesen. Angesichts der graziösen Sinnlichkeit, mit der die Perversen-Braut sich bewegte, hatte ich mir vorgestellt, wie sich ihr Speckbauch allmählich von einer entstellenden Bürde zu einer Art symbolischen Darstellung von Mutter Erde und deren üppiger Hingabe wandelte. Ihrem miserablen Männergeschmack zum Trotz bewies der elegante Fluss ihrer Bewegungen, dass sie sich auf eine Weise im Einklang mit sich selbst befand, die man von mir weiß Gott nicht behaupten konnte.
Das indes wollte ich vor Cassie nicht eingestehen, widersprach es doch meiner entschiedenen Abneigung gegenüber der locker-flockigen Substanzlosigkeit des New-Age-Zeitalters und gegenüber allem Vegetariertum. Und dass mir inmitten all der Damen vor der Spiegelwand aufgefallen war, dass ich weder so dick noch so groß war, wie ich mir bislang immer eingebildet hatte, das behielt ich ebenfalls lieber für mich. Ich war ein Gutteil kleiner geraten als...




