E-Book, Deutsch, Band 3, 480 Seiten
Reihe: Rheintal Krimi
Buslau Das Gift der Engel
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-86358-339-2
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 3, 480 Seiten
Reihe: Rheintal Krimi
ISBN: 978-3-86358-339-2
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Oliver Buslau wurde 1962 in Gießen geboren. Er wuchs in Koblenz auf und studierte in Köln und Wien Musikwissenschaften und Germanistik. Heute lebt er als freier Autor, Redakteur und Journalist in Bergisch Gladbach
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1
Von irgendwoher fiel Licht durch das Fenster, und Alban bemerkte, wie dunkel es bereits geworden war.
Der Bewegungsmelder am Tor ist angegangen, dachte er. Jemand hatte also das Grundstück betreten. Sicher ein Austräger, der Werbung in den Briefkasten werfen wollte – nur um dann festzustellen, dass dort ein großes Schild »Keine Reklame« angebracht war. Hoffentlich hielt er sich daran.
Alban knipste die große Schreibtischlampe mit dem birnenförmigen Porzellanfuß an, die seine Schreibunterlage, ein Blatt Papier und einen scharf gespitzten Bleistift sofort in gelbliches Licht tauchte. Der Rest des Raumes versank in diffuser Dämmerung. An der gegenüberliegenden Wand waren schwach die digitalen Ziffern eines Zählwerks zu erkennen, das stetig aufwärtslief – fast im Takt der Mozart-Sinfonie, die das Arbeitszimmer erfüllte. Das Kammerorchester auf der CD arbeitete sich gerade den letzten Takten des Finales entgegen. Ein paar Sekunden noch, und das Stück war zu Ende.
Alban nahm den Bleistift und schrieb.
Der erste Akkord ist unsauber, ebenso wie der letzte. Dazwischen herrscht nichts als Langeweile. Viel zu viel Vibrato in den Streichern. Das Andante zu langsam.
Nachdenklich griff er zu der CD-Hülle und betrachtete das Bild auf dem Cover. Etwas lenkte ihn ab, und er blickte auf. Weiter hinten im Raum, im Sessel in der Ecke neben dem Konzertflügel, regte sich ein kleiner dunkler Haufen Fell. Er hob sich, dann wurden Pfoten sichtbar, und das Ganze wurde ein ausgewachsener schwarzer Kater, der gähnend sein rosa Mäulchen aufsperrte.
Zerberus hat das einzig Richtige getan, dachte Alban. Er hat die Musik verschlafen.
Er stand auf, holte die CD aus dem Player, drückte sie in das Plastikgehäuse und legte sie auf den Stapel, durch den er sich bereits gearbeitet hatte. Gleich daneben wuchs ein weiterer quadratischer Turm aus dem Perserteppich. Er war deutlich höher. Das war die Musik, die es noch zu hören galt.
Alban beschloss, einen Moment die Ruhe zu genießen. Wenn er zwei schlecht gespielte Mozart-Sinfonien hinter sich hatte und dann sofort eine unter Umständen mittelmäßige CD auflegte, konnte es sein, dass ihm der tief empfundene Wunsch nach schöner Musik einen Streich spielte. Es konnte geschehen, dass ihm die neue Aufnahme viel besser vorkam, als sie es war. So wie kaltes Wasser warm wirkt, wenn man sich vorher eisig abgeduscht hat.
Unter Zerberus’ trägem Blick ging Alban ans Fenster und blickte auf die herbstlichen alten Bäume in seinem Garten. Das Unterholz am Rande des Rasens verdeckte die Grenze zum Godesbach und zu den anderen Grundstücken, die nur einen Steinwurf entfernt lagen.
Alban bemerkte Simone, die im letzten Licht des Tages unten auf dem Rasen stand, gestützt auf ihren Rechen, mit dem sie einen großen Haufen Laub zusammengescharrt hatte. Ihr Blick ging in Richtung des Eingangs, und sie sprach mit jemandem, der vor der Haustür stand. Alban konnte nichts verstehen, und er sah auch nicht, wer es war. Vielleicht der Werbeausträger. Simone schüttelte ein paarmal den Kopf und schien über etwas zu diskutieren. Offenbar wollte der Mann nicht einsehen, dass man hier keine Reklame wünschte.
Alban wandte sich wieder den beiden CD-Stapeln zu. Zerberus kauerte im Sessel und beobachtete ihn aufmerksam.
Womit soll es weitergehen?
Ein buntes Stillleben mit Blumen schmückte das Cover. Der Grafiker hatte zwischen die Blüten geschickt den Namen »Georg Philipp Telemann« eingearbeitet.
Als Alban sich bückte, um die Compact Disc einzulegen, hörte er Simone unten im Flur. Ihre Stimme klang laut und aufgeregt. Dazwischen war eine weitere Person zu hören, offenbar ein Mann.
Er schüttelte den Kopf. Was war dort unten nur los?
Mehrmals wöchentlich, immer zwischen sechzehn und neunzehn Uhr, beschäftigte sich Alban mit dem, was die Schallplattenindustrie an klassischer Musik herausgab. Nach und nach, mit unerbittlicher Präzision, und das nicht etwa aus finanziellen Gründen, sondern aus purer Leidenschaft für die Musik. In dieser Zeit konnte Bonn im Rhein versinken – Alban wünschte auf keinen Fall gestört zu werden. Er hatte es Simone immer wieder gepredigt.
Der Schlitten mit der aufliegenden Silberscheibe fuhr mit einem leisen schleifenden Geräusch ins Innere des Players. Alban drückte die Starttaste, kehrte an seinen Schreibtisch zurück und setzte sich in den lederbezogenen Sessel. Getragene, ernste Musik erfüllte den Raum. Zwei Violinen erklangen, begleitet vom Streichorchester und den weich gezupften Akkorden von Laute und Cembalo.
Ausgewogenes, reizvolles Klangbild, notierte Alban.
Der zweite Satz begann – ein temperamentvolles Allegro, das Alban wieder zu einer Notiz inspirierte.
Hochvirtuos!
Zerberus schien das schnelle Stück Energie verliehen zu haben. Er sprang von seinem Schlafplatz, lief durch den Raum und war mit einem Satz auf der Fensterbank, wo er schlagartig zur Statue erstarrte und sich auf den Garten konzentrierte.
Voller Bewunderung verfolgte Alban die Dialoge der beiden Violinen im Wechsel mit den Orchesterpassagen, als plötzlich von außen gegen die Tür geklopft wurde. Noch bevor er etwas sagen konnte, steckte Simone den Kopf herein.
Er warf ihr einen unmissverständlichen Blick zu. Es war noch nicht sieben, noch lange nicht.
Simone sagte etwas, doch das Streicherensemble brach gerade in rasende Läufe aus. Die Hoffnung, dass sie wieder gehen würde, wenn sie sah, dass er in seine Arbeit vertieft war, schmolz dahin, als Simone in ihrer schmutzigen grünen Arbeitshose und mit dicken grauen Socken an den Füßen das Zimmer betrat, schnurstracks auf den CD-Player zuschritt und ihn ausschaltete. Telemanns Musik erstarb. Wie ein abgebrochener Zweig.
»Ich habe gesagt, da ist Besuch für dich!«, schrie Simone, als müsse sie immer noch gegen die Musik ankommen.
Alban schnaufte. »Ich arbeite!«
»Ich weiß, aber da ist jemand, der dich unbedingt sprechen will. Er sagt, er sei ein Bekannter. Ich hab keine Lust, mich weiter mit ihm herumzuärgern. Schließlich hab ich auch meine Arbeit zu machen.«
»Wer ist es?«
»Ein Herr Zimmermann.«
»Kenne ich nicht, und außerdem …«
Alban verstummte, als sich die Tür ein Stück weiter öffnete und ein junger schmächtiger Mann sichtbar wurde. Kurzes Haar umschloss wie dunkler Flaum den runden Kopf.
»Ich gehe dann mal wieder«, sagte Simone und drängte sich an dem jungen Mann vorbei nach draußen. Dann hörte Alban ihre gedämpften Schritte auf der Treppe.
So viel zu meinem dringenden Wunsch, bei der Arbeit auf keinen Fall gestört zu werden, dachte er und presste die Kiefer aufeinander. Er bemühte sich, seinen Zorn im Zaum zu halten.
»Kommen Sie doch bitte herein«, sagte Alban gequält.
»Es tut mir furchtbar leid, wenn ich störe«, sagte der Mann. »Arne Zimmermann. Es dauert nur eine Minute.«
»Kennen wir uns?« Alban war aufgestanden. Er wies auf Zerberus’ Schlafplatz und forderte den Besucher auf, sich zu setzen. Alban war sicher, dass er den jungen Mann noch nie gesehen hatte. Und plötzlich ahnte er, was hier los war. Zimmermann musste ein Musiker sein. Einer von den Unbekannten, die sich nach eigener Ansicht am Beginn einer großen Karriere befanden. Die bei irgendeinem Minilabel eine CD herausgebracht hatten und von Alban beurteilt werden wollten. Vielleicht fand auch in den nächsten Tagen in irgendeiner Kirche oder in einem kleinen Saal hier in der Nähe ein Konzert statt, zu dem man Alban einladen wollte. Und man versprach sich etwas davon, Albans Wohlwollen zu gewinnen.
Normalerweise wurde man als Kritiker mit solchen Angeboten postalisch überhäuft. Dass jemand zu ihm nach Hause kam, und das auch noch unangemeldet, war neu. Aber es passierte ja alles irgendwann zum ersten Mal.
»Was kann ich für Sie tun?«, fragte Alban und machte sich bereit, den Mann sofort abzuwimmeln. Er betrachtete Zimmermanns Hände, die eine schmale Aktentasche festhielten. Darin befanden sich aller Voraussicht nach eine Mappe mit Lebenslauf, ein paar bescheidenen Kritiken, einer CD vielleicht. Was für ein Instrument er wohl spielte? Die Finger waren lang und dünn. Vielleicht war er ja auch Sänger.
»Kennen Sie Wolfgang Joch?«, fragte Zimmermann.
Alban stutzte. »Wie bitte? Joch? Wer ist das?«
Lag es an der schwachen Beleuchtung, dass ihm Zimmermann so blass vorkam? Seine Lippen schienen unnatürlich rot zu sein. Er sieht krank aus, dachte Alban. Auf jeden Fall übermüdet. Die Haut wirkt wie aus Wachs.
»Wolfgang Joch«, wiederholte der Mann. »Denken Sie doch bitte einen Moment nach. Wolfgang Joch …«
Vielleicht war dieser Joch sein Hochschullehrer, und der junge Mann würde ihm gleich ein Zeugnis oder ein Empfehlungsschreiben präsentieren. Dumm nur, dass Alban der Name gar nichts sagte.
Zimmermann drehte den Kopf und sah sich in Albans Arbeitszimmer um. Sein Blick fiel auf die hohen Regale mit Büchern, Schallplatten, CDs und Noten. Er streifte den schwarz glänzenden Steinwayflügel hinten in der Ecke, und ihm blieben auch die Fotos nicht verborgen, die gleich neben Albans Schreibtisch auf einem Beistelltischchen standen. Sie zeigten Alban mit seiner verstorbenen Frau, der Pianistin Lea Rosemann, und ihn als jungen Violinstudenten, noch mit ganz dunklem Haar, in der Hand die Geige.
»Wolfgang ist Abonnent der Konzerte des Beethovenorchesters. Dort sind Sie doch auch regelmäßig. Ich dachte, Sie kennen ihn vielleicht. Er ist Arzt im Ruhestand …« Zimmermann...




