E-Book, Deutsch, 176 Seiten
Busch Über den Sex, den Romane verschweigen
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-910732-86-5
Verlag: Dittrich Verlag ein Imprint der Velbrück GmbH Bücher und Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 176 Seiten
ISBN: 978-3-910732-86-5
Verlag: Dittrich Verlag ein Imprint der Velbrück GmbH Bücher und Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Stefan Busch, Jahrgang 1966, wurde 1997 in Mainz mit einer Arbeit über die literarischen Aktivitäten von NS-Autoren in der Bundesrepublik promoviert und unterrichtete anschließend als Visiting Fellow und Dozent für Deutsche Sprache und Literatur an der University of Oxford. Nach einem berufl ichen Wechsel ins wissenschaftliche Verlagswesen zog er 2013 mit seiner Familie von England nach Heidelberg.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Das Geheimnis der fehlenden Stellen S. 9
Ein Maß solcher Dinge:
Das Lieben des Odysseus S. 17
Fehlanzeigen: Über Leerstellen
und ihren Sex-Appeal S. 24
In flagranti – Dantes Purgatorium der Liebe S. 29
Die Kunst, vom Sex nicht zu erzählen,
wenn schon das Schweigen zu viel ist S. 35
Wie alle sehen, sieht man nichts:
Emma Bovarys Vögelei im Fiaker S. 41
Kontrolliert und ausgelassen –
die zeitlosen Formen der Ellipse S. 64
So Sachen: Courage und Ökonomie
beim dezenten Herrn Fontane S. 81
Schach von Wuthenow S. 89
L'Adultera S. 99
Irrungen, Wirrungen S. 103
Die drei Auslassungszeichen
und der springende Punkt S. 110
Wenn es die Sprache verschlägt:
Der Fall der Anna Karenina S. 127
Zu viel des Guten? Wie neuere Romane
sich in Zurückhaltung üben S. 135
Literatur S. 161
Zitatnachweise S. 167
Das Geheimnis der fehlenden Stellen
Mysteriöses und oft sehr Trauriges geschah jenseits der holländischen Sandstrände und österreichischen Berge, bis wohin ich in den Sommerurlauben schon vorgedrungen war. Im Wohnzimmer vor dem Plattenspieler sitzend hörte ich immer wieder Heinos Lieder über diese andere, geheimnisvolle Welt. Dort verloren Mütter ihre Söhne an die See und Männer ihre treulosen Frauen an wen oder was auch immer, woraufhin sie – also: die Männer – mit Caramba und Carajo endlich wieder in die Hafenkneipe ziehen durften. Später, das spürte ich, würde auch ich entdecken und am eigenen Leib erfahren, wovon da gesungen wurde. Vieles wirkte düster und bedrohlich, aber es schien in der Welt der Erwachsenen nicht nur Bedrückendes zu geben, wenn auch von manchen dieser schönen Dinge irgendwie nicht offen gesprochen und gesungen wurde. So liefen in den Berghütten, die ich ja schon gesehen hatte und die eigentlich gar keinen so geheimnisvollen Eindruck machten, rätselhafte Dinge ab:
In der ersten Hütte, da haben wir zusammen gesessen,
In der zweiten Hütte, da haben wir zusammen gegessen,
In der dritten Hütte hab’ ich sie geküsst –
Keiner weiß, was dann geschehen ist.
Sitzen, essen, küssen – was kommt danach? Im Laufe der Jahre kam Licht in dieses Mysterium, aber lange Zeit hielt mich die okkulte letzte Zeile gepackt. Sie war ungereimt. Wenn man etwas ausgefressen hatte, hielt man die Klappe und erzählte den Eltern nicht, dass sie ja nicht wüssten, was man getan hatte. Und der Mann schien mit etwas nicht herausrücken zu wollen, sang jedoch vor allen Leuten, dass sie, wie alle anderen auch, keine Ahnung hätten, was da schließlich noch alles passiert war. Es musste etwas Angenehmes gewesen sein, denn er hatte offenbar gute Erinnerungen an das Geschehene, behielt sie auf eine seltsame Weise jedoch lieber für sich.
Des Sängers verschmitzte Andeutung eines grande finale hatte Methode. Rhetorisch und also sehr ernsthaft betrachtet kombiniert das Lied vom blauen Enzian und den ro-ro-roten Lippen an dieser Stelle die Figuren der Aposiopese und der Paralipse: Der »Redner« verliert zuerst scheinbar den Faden und bricht den Satz ab, dann verleiht er dem, was nach dem Gedankenstrich kommt, zusätzliche Bedeutung durch ebenfalls nur scheinbares Verschweigen dessen, was gerade dadurch betont wird, aber ohnehin allen klar ist und auch sein soll. Keiner weiß es, nur alle: In der dritten Hütte (oder doch erst in der vierten?) hatte Heino Sex mit dem Schweizer Madel. Seltsam, aber so ward es gesungen.
So mancher Hitparade-Schlager war auf Schlüpfrigkeit gestimmt. Von Liebe war das Singen und das Schunkeln, aber gemeint war und verstanden wurde immer etwas mehr. Schmierig war’s, aber nicht schwierig: »Manchmal möchte ich schon mit dir«, »Nur eine Nacht dauert die Kur«. In einer Hinsicht zumindest standen Roland Kaiser und Daliah Lavi vor der gleichen Herausforderung wie die Romanciers des 19. Jahrhunderts. Mit Blick auf Anna Karenina notierte Milan Kundera, dass in den Romanen jener Zeit die Liebe auf das Feld beschränkt war, »das sich zwischen der ersten Begegnung bis zur Schwelle des Koitus erstreckte«, und diese Schwelle habe eine »unüberwindliche Grenze« des Erlaubten dargestellt. Doch der Sex gehörte dazu, damals wie zu den Zeiten der Hitparade. Wenn von ihm nicht offen geschrieben und gesungen werden durfte, mussten andere, notwendigerweise etwas umständlichere Formen der Verständigung gefunden werden.
»Um den Sex breitet sich Schweigen«. So Michel Foucaults vielzitierte Formulierung über die Zeit, die als die Viktorianische bekannt ist, und ganz ähnlich stellte Kurt Vonnegut fest: »Victorians misrepresented life by leaving out sex.« Falsch darstellen oder verdrehen kann man Sachverhalte aber nur, wenn man über sie kommuniziert, und kollektives Beschweigen setzt das von allen Gewusste voraus. Wenn jedoch etwas unausgesprochen und fortgelassen ist, von dessen Existenz alle wissen, entwickeln die Kommunikationsteilnehmer große Fertigkeiten, mit den offensichtlichen Lücken nach allgemein anerkannten Regeln umzugehen. Die Leerstellen werden markiert, und das Fehlende wird ergänzt.
Wie also gingen in jenen Jahrzehnten Autoren vor, die von ihrer Zeit und dem Leben darin erzählten, das nun einmal in Wort und Tat ohne Sex nicht zu haben ist? Dass es bei ihm »Schilderungen« gebe, wies Theodor Fontane entrüstet und völlig zu Recht von sich. In seinen Romanen jedoch sind Ehebrüche und andere Liebesakte Teil der erzählten Handlung, sie werden sozusagen live, wenn auch sorgsam kaschiert, vor den Augen der Leser vollzogen. Die Lösungen, die Autoren und Autorinnen angesichts der Gemengelage von Gesetzen und Zensur, von ästhetischer Sensibilität und sittlichem Empfinden, aber auch von Publikumswünschen und ökonomischen Erwägungen fanden, unterschieden sich von Roman zu Roman. Die Lage war prekär, doch selbst Tolstoi kam um Sex und sehr beredtes Schweigen darüber nicht herum.
Diese Probleme gehören der Vergangenheit an. Seit einigen Jahrzehnten hat niemand mehr Grund, sich mit andeutenden Auslassungen in alten Romanen oder auch nur mit der verklemmten Andeuterei der Schlagerwelt zufriedenzugeben. Vom weltweiten Angebot wird reger Gebrauch gemacht. Was den Pornografiekonsum angeht, nehmen die Deutschen eine führende Position im internationalen Ranking ein. Selbst im Tatort, dem wöchentlichen Länderspiegel deutscher Befindlichkeiten, gibt es nun mehr zu sehen als weiland Schimanski in der Dusche und mit Handtuch um die Hüften. In der Literatur wurden mehr oder weniger breit und gekonnt ausgeführte Sexszenen zur Regel. Am unteren Ende der Dichterskala ist nur das Eine zu holen, aber spannend wird es gerade dort, wo der ästhetische Anspruch an Texte und die Erwartungen der Kunstschaffenden an sich selbst hoch sind. Dann besteht nämlich beträchtliche Gefahr, dass die Darstellung der Liebeshandlungen missglückt, und es kann heiter werden.
True to style machen die Briten daraus eine jährliche Show. Seit 1993 wird von der Zeitschrift Literary Review der Bad Sex Award für herausragende Leistungen bei der Produktion geschmackloser und überflüssiger Sexszenen in ansonsten zumindest soliden Romanen verliehen. Großmeister Tom Wolfe sowie Wortschmied und Schmerzensmann Morrissey zählen zu den Preisträgern. John Updike darf selbstverständlich nicht fehlen. Zwar gelang es ihm trotz mehrfacher Nominierungen in keinem Jahr, die Konkurrenz entscheidend zu unterbieten, 2008 erhielt er aber immerhin eine Auszeichnung für seine literarische Lebensleistung. Manchen Autoren und Autorinnen gelingt der Sprung auf die Shortlist, weil in den einschlägigen Passagen ihrer Werke die Maßstäbe für die Größe von Körperteilen fehlerhaft erscheinen; ebenfalls gute Aussichten für eine Nominierung eröffnen die unter Originalitätsdruck geschehenen Fehlgriffe bei der Auswahl der Metaphorik. Die sprachlichen Bilder sollen nämlich sowohl die Ekstase der Akteure erfahrbar machen als auch künstlerisch überzeugen. Das folgende, eher harmlose Beispiel stammt aus dem 2019 für die Bad Sex-Auszeichnung nominierten Roman City of Girls von Elizabeth Gilbert:
Then I screamed as though I were being run over by a train, and that long arm of his was reaching up again to palm my mouth, and I bit into his hand the way a wounded soldier bites on a bullet.
Es darf als sicher gelten, dass diese Vergleiche zuvor noch nicht verwendet worden waren, um den Leserinnen und Lesern weibliche Empfindungen auf dem Höhepunkt eines Liebesaktes nahezubringen. Leicht löst der anspruchsvolle Wunsch, dass die Vorgänge heftig, die literarischen Mittel aber apart sein sollen, ein zweischneidiges Schwert aus, bei dem der Schuss nach hinten losgeht.
Vor einigen Jahren legte Rainer Moritz mit seinem Buch Matratzendesaster eine kommentierte Sexstellenrundschau für die Gegenwartsliteratur vor. Für eine Reihe von Autoren konstatiert Moritz eine post-agonale Vermeidungs- oder Verweigerungshaltung, was Sex in ihren Texten angeht. Sie schildern keinen Sex, nicht – oder weniger – aus Prüderie, sondern entweder, weil Sex nicht mehr länger als Baustein einer Befreiungstheologie überhöht wird, oder um sich dem Leerlauf der Überbietungen und des modischen Zwangs zu Novitäten zu entziehen. Seit dem großen sexuellen Aufbruch in den sechziger Jahren wurde es in der Literatur zunächst möglich, dann beinahe verpflichtend, den Körpersäfteaustausch der Protagonisten zu beschreiben. Einige wenige Autoren und Autorinnen waren vielleicht versucht, entzogen sich aber dem Trend. So fasste Max Frisch den Entschluss, die Finger davon zu lassen, nachdem ihm seine Schreibexperimente in dieser Richtung als missraten erschienen. Der alternde Martin Walser hingegen entschied sich, noch einmal mitzumischen. In Angstblüte (2006) findet sich folgender stichomythischer Wechselgesang:
Hast du den Steifen drin.
Ich habe den Steifen drin.
Ist deine...




