E-Book, Deutsch, 616 Seiten
Burgh Wo unsere Herzen wohnen
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-96655-263-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 616 Seiten
ISBN: 978-3-96655-263-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Anita Burgh wurde 1937 in Gillingham, UK geboren und verbrachte einen Großteil ihrer Kindheit in Cornwall. Ihre 24 Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt und feierten international Erfolge. Mittlerweile lebt Anita Burgh mit ihrem Mann und zwei Hunden in einem kleinen Dorf in den Cotswolds, Gloucestershire. Bei dotbooks veröffentlichte Anita Burgh ihrer Romane »Das Erbe von Respryn Hall«, »St. Edith's: Hospital der Herzen«, »Glückssucherinnen«, »Der Weg zum Herzen einer Frau«, »Wo deine Küsse mich finden«, »Das Lied von Glück und Sommer«, »Wo unsere Herzen wohnen« Außerdem veröffentlichte Anita Burgh bei dotbooks ihre Familiensaga »Die Töchter Cornwalls« mit den drei Einzelbänden: »Morgenröte«, »Sturmwind« und »Dämmerstunde«
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Kapitel 1
Der weiße Nebel klebte feucht am Fenster. Julius Westall schob den schweren Brokatvorhang vor dem Fenster zur Seite und spähte hinaus, er erinnerte sich an andere Nebel, andere Tage. Nebel, die ohne warnendes Vorzeichen über den Platz gewogt waren und Menschen und Gebäude mit ihren mächtigen, wirbelnden, gelben Wolken verhüllt hatten. Nebel, schweflig in ihrer Dichte. Nebel, in denen alles passieren, unermeßliche Abenteuer beginnen konnten ...
Er wandte sich abrupt vom Fenster ab. Aus ihm wurde ein alter Mann, der in Tagträumen den Bezug zur Wirklichkeit verlor. Dieser Weg führte in die Senilität, und das Leben war schon kompliziert genug, ohne dem fortschreitenden Alter nachzugeben.
Auf seinem Schreibtisch lag der Geschäftsbericht des letzten Jahres. Er – eine hochgewachsene, aristokratische Gestalt – stand da und blickte auf den glänzenden, schwarzen Aktendeckel hinunter. Sein dichtes Haar, früher blond, war jetzt silbergrau, der einst scharfe Blick seiner blauen Augen war verblaßt und die Iris von einer Aureole des Alters umgeben. Doch seine Haltung war straff, die eines Mannes, der gut in Form war, obwohl er wußte, daß er es nicht war. Eine allgemeine Müdigkeit war sein Problem, dahinter steckte nichts Ominöses, davon war er überzeugt. Müde des Kampfes gegen die Übermacht, müde der Hoffnung, die Bilanzen auszugleichen – was nie geschehen würde –, müde, Geld zu verlieren, müde der Verantwortung für Familienbeziehungen, die er nicht verbessern konnte, müde in jeder verdammten Hinsicht. Er mußte sich an den Gedanken seiner normalen Erschöpfung klammern, um die Angst vor mangelnder geistiger Spannkraft zu verdrängen.
Aus einem Schränkchen neben seinem Schreibtisch – einem schönen Möbel mit marmorierter Platte und Beinen in Form von Goldadlern mit ausgebreiteten Schwingen nahm er ein Glas und eine Flasche Glenfiddich und goß sorgfältig eine reichliche Portion ein.
»Verzichte als erstes auf Whisky und Zigarren, Julius«, hatte Sir Archibald McKinna, sein in der Gesellschaft angesehener und eleganter Arzt aus der Harley Street heute morgen gesagt. Doch Sir Archibald war während seiner Schulzeit »Baldie« genannt worden, und es fiel Julius, der sich noch gut an den rotznäsigen Schüler Archibald erinnerte, schwer, dessen Worte ernst zu nehmen. Oder benutzte er diese Erinnerungen als Ausrede? Hatte er gewußt, selbst als ihm sein alter Freund eine Standpauke hielt, daß er die Ratschläge nicht beachten würde – sich nicht mit den Konsequenzen abfinden konnte?
Wollte er den Rest seines Lebens ohne Alkohol, Zigarren und kräftige Speisen, die er so liebte, verbringen? Wozu? Für ein zusätzliches Jahr, vielleicht zwei? Zusätzliche Zeit, um sich Sorgen wegen des Geschäfts zu machen, mit seinen Kindern zu streiten und von seiner Frau ignoriert zu werden.
Natürlich würde er kürzertreten. Er könnte es sogar lernen, Gefallen daran zu finden. Schließlich hatte er seine Rosen, für deren Pflege er gern mehr Zeit aufbringen würde. Merkwürdig, wie er so spät im Leben zur Gartenarbeit gekommen war. Er hatte nie zuvor irgendeine Neigung dazu verspürt und konnte seine Freunde nicht verstehen, deren Leidenschaft es war. Gärten waren Orte gewesen, um die sich andere kümmerten und in denen er gelegentlich saß. Und dann, ziemlich plötzlich, kurz nach seinem sechzigsten Geburtstag, war ihm die Idee gekommen, einen Rosengarten anzulegen, und während der vergangenen fünf Jahre hatte er seine Liebe, Freizeit und Geld dafür verschwendet. Er erkannte jetzt, daß Rosen in den Vordergrund gerückt waren, nachdem Gemma, die letzte einer langen Reihe von Geliebten, ihn wegen eines jüngeren und reicheren Mannes verlassen hatte. In der Vergangenheit hätte er sich aufgemacht und schnell einen Ersatz gefunden; er stellte jedoch fest, daß es ihm nach Gemma nicht mehr der Mühe wert war – daher die Rosen.
Es entbehrte nicht einer gewissen Ironie, daß er nach fünfundsechzig Lebensjahren, Jahren voller amouröser Abenteuer, über seine Liebe für die Blumen nachdachte. Aber andererseits, was oder wen sollte er sonst lieben?
Bestimmt nicht seine Familie. Jane, seine Frau, hatte ihm nach sechs Jahren Ehe und zwei Kindern kalt verkündet, daß es keinen Sex mehr geben würde, als hätte sie durch die Geburt der Kinder ihre Pflicht getan und könnte sich nun auf ihren Lorbeeren ausruhen. Jane hatte natürlich nicht unverblümt von Sex gesprochen. Sie war viel zu vornehm, um die Existenz dieses Wortes, geschweige denn dessen Ausübung, anzuerkennen. Nein, sie hatte ihn eines Abends mit der Tatsache konfrontiert, daß seine Sachen aus ihrem Zimmer entfernt worden waren und daß er jetzt ein eigenes Zimmer habe. Die eigentliche Bedeutung dieser Maßnahme bedurfte keiner Diskussion zwischen ihnen. Er verstand. Und er war nicht überrascht. Was er als rücksichtsvoller Liebhaber auch versucht hatte, nie war es ihm gelungen, Leidenschaft in seiner sonst so perfekten Frau zu wecken. Er hatte Mitleid mit ihr gehabt – damals. Wie trostlos, nie Erfüllung und Entspannung in einer schönen physischen Beziehung zu erfahren. Um ehrlich zu sein, hatte ihn ihre Entscheidung erleichtert, als wäre er für ihre Frigidität nicht länger verantwortlich. Julius hatte das Gefühl des Versagens nicht gemocht, das ihre mangelnde Reaktion in ihm geweckt hatte – es gab ihm das Gefühl, sie im Stich zu lassen –, andererseits jedoch hatte er zu seiner Verteidigung bezweifelt, daß es einen Mann gäbe, der in Jane Gefühle erwecken konnte.
In der Nacht nach seiner Vertreibung aus ihrem Schlafzimmer war er ihr zum erstenmal untreu geworden. Er hielt es für sein gutes Recht; sie nicht. Und als Geliebte auf Geliebte folgte, hatte er beobachtet, wie Janes hübsches Gesicht dünnlippig, verbittert und zänkisch wurde. Sie hatte ihn einmal geliebt, aber Julius hatte beobachtet, wie sich diese Liebe in eiskalten, höflichen Haß wandelte. Jane blieb die letzte Rache – sie verweigerte ihm die Scheidung.
Scheidung. In der heutigen Zeit wäre eine Scheidung keine Affäre mehr gewesen und hätte seinem Ansehen überhaupt nicht geschadet. Doch Julius war mit den alten Werten aufgewachsen, eine Scheidung stand für sie außer Frage. Der äußere Schein hatte gewahrt werden müssen, und jetzt war es zu spät, sich darüber Gedanken zu machen. Er hatte die Grundregeln ihrer beider Beziehung akzeptiert – die Fassade, daß alles in Ordnung war, aufrechtzuerhalten –, wenn er jedoch an die verlorenen und leeren Jahre dachte, fragte er sich, warum und für wen er es getan hatte.
Zwangsläufig waren seine Liaisons bekannt geworden und hatten ihm den Ruf eines Lebemannes eingetragen. Unfair, da er sich doch immer nur eine glückliche, liebevolle Ehe gewünscht hatte. Jane jedoch, die nicht sehr beliebt war – ihres schwierigen Charakters wegen fiel es niemandem leicht, sie zu mögen –, begegnete man als betrogener Ehefrau mit Sympathie. Julius hatte die wahren Umstände keiner Menschenseele erzählt, nicht einmal seinem Heer von Geliebten. Das war nicht seine Art.
Und seine beiden Kinder? Er kannte sie nicht einmal, er wollte sie jetzt auch nicht mehr kennenlernen. John, sein Sohn und Erbe, hatte den Beruf des Verlegers verschmäht und war ins Bankgeschäft eingestiegen. Jetzt war er fast vierzig, ein aufgeblasener Wichtigtuer, der genug verdiente, um vor der Welt zu prahlen, wie erfolgreich er war. Caroline war eine bigotte Frau und lebte mit ihrem Mann, einem unbedeutenden »Landadeligen«, der sich als Herr der Gemeinde aufzuspielen versuchte, auf dessen Grundbesitz. Julius hatte einmal zufällig ein Gespräch mit angehört, in dem jemand behauptete, es sei möglich, seine Kinder nicht zu mögen, aber nichts könne einen daran hindern, sie zu lieben. Nun, diese Hypothese kann ich Lügen strafen, dachte er, goß sich noch einen Whisky ein und prostete stumm Sir Archibald zu.
Ihm lagen nur dieser Raum, der Verlag und seine Rosen am Herzen. Er lehnte sich in dem hochlehnigen Ohrensessel zurück und betrachtete zufrieden sein Büro, wie so oft in den dreißig Jahren, seit er es von seinem Vater geerbt hatte. Er hatte immer lange Arbeitstage gehabt – war ausnahmslos morgens als erster gekommen und abends als letzter gegangen – und hatte von Anfang an beschlossen, diesen Raum, in dem er mehr Zeit verbringen würde als zu Hause, so schön und behaglich wie möglich einzurichten. Daher dieser kostbare Schreibtisch, die beiden riesigen George-III.-Vitrinen-Schränke, in dem jedes Buch, das er je verlegt hatte – in bestes Marokko-Leder gebunden – stand, das Chippendale-Büchertreppchen, der herrliche Amritsar-Teppich und die Bilder. Ah, diese Bilder, sein Stolz und seine Freude. Sutherland, Hitchens, Bacon, Spencer, jedes mit Liebe gekauft und jetzt ein kleines Vermögen wert.
Der Verlag Westall and Trim war von seinem Ur-Ur-Großvater im Jahr 1859 gegründet worden. Jede folgende Generation hatte mit Stolz ihr »Haus« weitergeführt. Trims Nachkommen hatten schon vor langer Zeit ihre Teilhaberschaft an Julius' Vorfahren verkauft. Als er den Verlag übernommen hatte, war der Name nur noch ein Teil des Firmenemblems. Westall war ein Name, auf den man in der Welt der Literatur stolz sein konnte, ein Name, den jeder gern weiterführen würde – jeder, außer seinem Sohn, der mit seinem unbarmherzigen Buchhalterblick die Bilanzen geprüft hatte und in das für ihn sicherere Bankwesen eingestiegen war.
In dieser Hinsicht mußte Julius zugeben, daß John recht hatte: Gegen diese Entscheidung gab es keine Einwände. Für Westall zu arbeiten, hätte es ihm nicht ermöglicht, das schöne Haus in der Ebury Street, die kleine Farm in Sussex und den Schlupfwinkel in der Dordogne zu kaufen. Aber das Bankgeschäft konnte John nie die Aufregungen bieten, die Julius...




