E-Book, Deutsch, Band 2, 632 Seiten
Reihe: Die Töchter Cornwalls
Burgh Die Töchter Cornwalls: Sturmwind - Band 2
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96655-467-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, Band 2, 632 Seiten
Reihe: Die Töchter Cornwalls
ISBN: 978-3-96655-467-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Anita Burgh wurde 1937 in Gillingham, UK geboren und verbrachte einen Großteil ihrer Kindheit in Cornwall. Ihre 24 Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt und feierten international Erfolge. Mittlerweile lebt Anita Burgh mit ihrem Mann und zwei Hunden in einem kleinen Dorf in den Cotswolds, Gloucestershire. Bei dotbooks veröffentlichte Anita Burgh ihrer Romane »Das Erbe von Respryn Hall«, »St. Edith's: Hospital der Herzen«, »Glückssucherinnen«, »Der Weg zum Herzen einer Frau«, »Wo deine Küsse mich finden«, »Das Lied von Glück und Sommer«, »Wo unsere Herzen wohnen« Außerdem veröffentlichte Anita Burgh bei dotbooks ihre Familiensaga »Die Töchter Cornwalls« mit den drei Einzelbänden: »Morgenröte«, »Sturmwind« und »Dämmerstunde«
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Kapitel 1
»Falls es Krieg gibt, will ich daran teilnehmen.« Das hatte Grace gesagt, und so hatte sie es gemeint – damals. Zwei Jahre später bereute sie oft, daß sie diese Auseinandersetzung mit ihren Eltern gewonnen hatte.
Es schien eine Ewigkeit her zu sein, nicht nur zwei Jahre, seit sie in New York im Salon ihrer Eltern gestanden und sich gegen sie behauptet hatte. Es war leicht gewesen, ihren Kopf durchzusetzen – wie es immer leicht gewesen war. Mit neunzehn besaß Grace Erfahrung im Umgang mit ihren Eltern, wußte, wann sie überreden, wann sie schmeicheln oder schmollen und wann sie einen Wutanfall vortäuschen mußte, um ihren Willen durchzusetzen.
Grace saß am Schreibtisch, die Petroleumlampe, teilweise abgeschirmt, zischte neben ihr – eine Oase des Lichts in der Mitte des langen, abgedunkelten Raums. Sie saß still da – in einer Insel des Schweigens, doch von atmenden, seufzenden, sich im Schlaf hin und her werfenden, ruhelosen Männern in schwarzen Eisenbetten umgeben. Zum Schutz gegen die kühle Morgenluft hüllte sie sich enger in ihren blutroten Umhang, der einzige Farbfleck in der Finsternis der Nacht.
Ein Geräusch, halb Seufzen, halb unterdrücktes Stöhnen, ließ sie aufblicken. Ihre Ohren waren darin geübt, solche Zeichen von Schmerz von den gewöhnlichen Lauten schlafender Männer zu unterscheiden. Sie stand auf und ließ den Blick über die ihrem Schreibtisch am nächsten stehenden Betten schweifen, in denen die Männer lagen, die nur noch von ihrer Hoffnung am Leben erhalten wurden. Alle schliefen. Sie lauschte aufmerksam. Das Stöhnen wiederholte sich nicht.
Sie wachte als einzige Schwester im Krankensaal, die anderen waren gegangen, um während dieser unerwarteten Ruhepause schnell einen Happen zu essen. Seit Beginn der neuen Offensive hatten sie kaum Zeit zum Essen und Schlafen gefunden. Die Tage der Woche und die Stunden des Tages waren nicht mehr klar abgegrenzt. Jetzt wurde die Zeit durch die Anzahl der durchgeführten und noch anstehenden Operationen bestimmt, die Zahl der Verbände, die gewechselt werden mußten, und die Zahl der Hände von Sterbenden, die tröstend gehalten werden mußten. Woher die Krankenschwestern die Kraft dafür nahmen, war ein fortwährendes Geheimnis. Unzählige Male, wenn die Schwestern vor Erschöpfung am Rande eines Zusammenbruchs standen, fanden sie doch irgendwie genügend Kraft, sich um eine neue Flut von Soldaten zu kümmern, die von den Sanitätswagen gebracht und in ihre Obhut übergeben wurden. Aus qualvollen Augen sahen die Männer sie voller Hoffnung und Dankbarkeit an, und die Müdigkeit der Frauen verschwand sofort, die schmerzenden Füße waren vergessen, und die Arbeit und das Heilen begannen von neuem.
Grace blickte auf den Notizblock auf ihrem Schreibtisch und betrachtete stirnrunzelnd den Brief, den sie versuchte zu schreiben. Es gab nichts, was sie nach Hause schreiben könnte. Es fehlte ihr die Fähigkeit, das immer schlimmer werdende Blutbad, die Greuel zu beschreiben. Jedenfalls hatte sie nicht länger das Bedürfnis, ihren Eltern davon zu erzählen. Was hier geschah, war ihre Welt, die nur ihr, den Patienten und den Mitgliedern des Ärzte- und Pflegepersonals gehörte. Die andere, die behagliche Welt, in der ihre Eltern lebten, hatte für sie keine Bedeutung mehr. Wie konnte sie den entsetzlichen, stinkenden Horror dieses Krieges schildern? Wie würden sie reagieren, während sie im Luxus ihres Salons, elegant gekleidet, nach einem vorzüglichen Dinner mit einem guten Claret dasaßen? – Mit Unverständnis.
Sie las, was sie geschrieben hatte, daß es Nacht war, daß sie allein war, daß ein Mann eben gestöhnt hatte ... Um zu überleben und nicht den Verstand zu verlieren, hielt Grace es für das Beste, sich nur auf den Augenblick zu konzentrieren. Es war besser, nicht über das Geschehene oder darüber nachzudenken, wen die Sanitätswagen heute nacht bringen könnten.
Sie hörte das Sperrfeuer in der Ferne. Das war jetzt die Hintergrundmusik in ihrem Leben. Sie hatte fast vergessen, wie es klang, wenn ein Vogel sang, denn hier gab es keine Vögel, die sangen, nur das Donnern der großen Kanonen an der Somme, die nichts als Tod und Zerstörung brachten.
Erst kürzlich war ihr der Gedanke gekommen, daß sie außerhalb dieses Lazaretts in Frankreich weder eine Vergangenheit noch eine Zukunft hatte. Es war ihr unmöglich, sich an die Wärme und Behaglichkeit ihres Zuhauses zu erinnern. Es gab Zeiten, da war sie überzeugt, das Leben sei nur ein Traum und daß sie ihr ganzes Leben hier, in dieser Hölle, verbracht hätte.
Das Stöhnen ließ sie wieder aufhorchen. Dieses Mal hatte sie sich nicht geirrt. Sie nahm ihre Lampe und ging leise zwischen den Bettreihen hindurch. Als sie die Lampe hochhielt und das Licht auf die Betten fallen sah, wußte sie genau, welche Vision sie zu ihrem mutigen Entschluß veranlaßt hatte – sie hatte sich als moderne Florence Nightingale gesehen. Niemand hatte sie vor dem Blut, dem Eiter, dem Wundbrand, dem Gestank und der schrecklichen Angst der Patienten in dem großen Saal gewarnt.
»Haben Sie schlimme Schmerzen, Captain?« fragte sie flüsternd den Patienten, der vor zwei Tagen mit einem zerschmetterten Bein und blind eingeliefert worden war. Sie beugte sich über ihn, glättete sein Bettuch und hob sanft seinen Kopf, um das Kissen umzudrehen. Er war ein großer, muskulöser Mann, und sie fragte sich, wie er unter dem Verband über seinen blinden Augen aussah. Ihre Brüste streiften ihn. Er griff nach ihrer Hand.
»Ich habe schreckliche Angst, Schwester. Wo bin ich?«
»Sie sind in Sicherheit, Captain. Es gibt keinen Grund, sich zu fürchten. Ich bin bei Ihnen«, tröstete sie ihn, ein junges, einundzwanzigjähriges Mädchen, selbst so voller Angst, daß sie ihr den Schlaf raubte. Und einem Zusammenbruch so nahe, daß sie regelmäßig am ganzen Körper zitterte, ehe sie ihren Dienst antrat. »Ich werde mich um Sie kümmern«, sagte sie automatisch.
»Er war einer von uns. Ich habe ihn getötet.«
»Ganz ruhig, das haben Sie bestimmt nicht getan«, sagte Grace in dem mechanischen, beschwichtigenden Tonfall ihres Berufs.
Marshall hatte sich geändert. Früher hatte er nur mit dem Hedonismus gespielt, jetzt war er jedoch fest entschlossen, sich Hals über Kopf in ein Leben voller Zügellosigkeit zu stürzen – wenn er wieder gesund war.
In den Wochen seiner Verwundung hatte sein Leben nur aus einer Reihe von Bruchstücken bestanden, manche strahlend und klar, andere trübe und undeutlich. Am Anfang hatte er um seine Erinnerung gekämpft, hatte verzweifelt versucht, die Stücke zusammenzufügen, ihnen einen Sinn zu geben. Doch jetzt hatte er sich mit dem Gedanken abgefunden, den Rest seines Lebens mit diesem unfertigen Puzzle in seinem Kopf existieren zu müssen.
Er fragte sich, ob sein Erinnerungsvermögen besser werden würde, wenn er wieder sehen konnte – wenn er wieder sehen würde – fügte er in seinen Gedanken beschwörend hinzu, so als berührte er einen Talisman oder klopfte auf Holz. Eigentlich dumm, ein Verhalten, als ob ein Gedanke die Fähigkeit eines Chirurgen beeinflussen oder den Schaden an seiner Bindehaut mindern könnte.
Er hatte die Dunkelheit immer gehaßt. Jetzt lebte er in einer dunklen Welt und mit der Bedrohung, daß sie ewig dauern könnte. Er hatte gleich zu Anfang beschlossen, was er in dem Fall tun würde – eine Kugel in die Schläfe, schnell und sauber. Kein Blindenstock für ihn, kein blindes Tasten durchs Leben. Wenn er keine hübsche Frau mehr sehen, den Wein im Glas nicht mehr bewundern, seinem Golden Retriever nicht mehr zusehen und die Tautropfen auf einer Spinnwebe nicht mehr bestaunen konnte dann wollte er nicht mehr leben.
»Zeit für Ihre Medizin, Captain Boscar.« Die Krankenschwester berührte leicht seinen Arm, um ihm zu zeigen, daß sie da war. Er richtete sich im Bett auf, verfluchte den Schmerz, der durch sein zerschmettertes Bein schoß.
»Aber, aber, Captain. Keine unflätigen Ausdrücke an einem so schönen Tag«, sagte die Krankenschwester mit ihrer monotonen Stimme, als würde sie mit einem Kind reden. Am liebsten hätte er sie frohen Herzens umgebracht, wenn sie so mit ihm sprachen. Wie kamen Schwestern nur zu der Annahme, daß es Patienten nichts ausmachte, wie Schwachsinnige behandelt zu werden?
Er haßte den Gedanken, daß »Schöne Brüste« so mit ihm reden könnte. Das war eine seiner glücklichsten Erinnerungen, das wundervolle, sanfte Nachgeben einer jungen Brust, die ihn berührte, als die Schwester sich über ihn gebeugte hatte, um sein Bettuch zu glätten. Gewiß würde eine Frau mit einem solchen Busen nicht mit ihm wie mit einem Idioten reden? Aber er hatte keine Ahnung, welche Krankenschwester es gewesen oder in welchem Krankenhaus es geschehen war. Es hatte zu viele gegeben. Das war das Problem mit den Bruchstücken, er konnte sie nie logisch zusammenfügen.
Er lag ruhig da und wartete auf die Wirkung des Morphiums. Viermal am Tag gaben sie ihm eine Dosis – einen Segen für die nächsten paar Stunden, wenn die Droge seine Qual zu einem dumpfen Schmerz verringerte.
Er wußte über sein Bein Bescheid. Er wußte, daß die Ärzte es gerettet hatten – gerade noch; daß ein weiterer Monat vergehen würde, bis er stehen konnte; daß er immer hinken würde. Das alles konnte er akzeptieren, wenn nur der Schmerz aufhören würde. Aber keiner konnte ihm sagen, ob das je der Fall sein würde.
Als er sich entspannt auf das Kissen zurücklegte, wußte er, daß es wieder passieren würde, noch ehe es geschah. Es war, als würden Blätter in seinem Gehirn rascheln – und dann, wie immer, aus dem Nichts, hörte er es: »Rosemary!« rief die Stimme in seinem Kopf. Er zuckte zusammen. Dieses Fragment seiner Erinnerung haßte er...




