E-Book, Deutsch, 328 Seiten
Buchmann Tiefe Gräben
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98528-023-0
Verlag: Shadodex - Verlag der Schatten
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 328 Seiten
ISBN: 978-3-98528-023-0
Verlag: Shadodex - Verlag der Schatten
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anne K. Buchmann, Jahrgang 1983, studierte Germanistik und Philosophie. Zeitgleich schloss sie einen allgemeinbildenden Studiengang für Examenskandidaten mit dem Schwerpunkt Neuere und Neuste Geschichte ab. Ihre Kurzgeschichten erschienen in verschiedenen Anthologien und Literaturzeitschriften. Mit ihrem Text »Ein Streifzug mit Philosophin« gewann sie den introspektiv Kurzprosapreis 2022. Bisher veröffentlichte Shadodex von ihr die Kurzgeschichte »Das Wesen der Freiheit« in der Anthologie »Hale-Bopp: Im Bann des Kometen« sowie »Die Dunkelheit nach dem Zwielicht«, eine Novelle aus dem Bereich der dunklen Phantastik im Rahmen der Edition Moonflower.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Versprengt
Frankreich, 1916
Noch zwei Männer standen vor ihm. Der erste kletterte bereits auf die schmale Holzleiter, ein Junge, kaum älter als er selbst. Reinhard Sperber kannte ihn nicht. Er war erst vor Kurzem ihrem Zug zugeteilt worden und hatte die Feuertaufe noch nicht hinter sich gebracht.
Der Junge erreichte den oberen Rand des mit Sandsäcken und Brettern befestigten Schützengrabens. Gleich würde er loslaufen, das erste Tageslicht im Rücken, und Reinhard würde ihn aus dem Blick verlieren. Vielleicht liefe er ihm später im Feld noch einmal über den Weg oder er säße am Abend neben ihm in einem anderen Graben, um auf den nächsten Angriff zu warten, oder aber er würde sich zum Rapport bei Petrus melden. Niemand konnte das vorhersagen. Ohnehin war es besser, wenn man sich um seinen eigenen Kram scherte.
Er war der Übernächste. Reinhard atmete tief ein und aus, um seinen jagenden Herzschlag unter Kontrolle zu bringen, und fixierte die abgegriffenen und schmutzigen Holme der Leiter, nach denen Flüger, der Mann vor ihm, nun griff. Maschinengewehre ratterten, dazwischen einzelne Schüsse.
Die erste Welle ist also schon vorn!, schlussfolgerte er.
Unweit explodierte eine Artilleriegranate. Erde und Staub stoben auf. Reinhard duckte sich intuitiv. Jemand griff von hinten nach seinem Koppel.
Eberhard!
»Los, los, los!«, hörte er Vizefeldwebel Schneider brüllen, der schräg neben ihm stand.
Er richtete sich wieder auf, sein Blick streifte das Portepee des Unteroffiziers. Er verzichtete darauf, ihm ins Gesicht zu sehen, das beim Brüllen unter fleckiger Röte immer dieselbe Mimik zeigte: gefletschte Zähne. Seit für ihn der Krieg begonnen hatte, wurde er Schneider, der ihn in unheilvoller Weise an seinen alten Lehrer erinnerte, nicht los.
»Vorwärts!«, bellte der Unteroffizier, und Reinhard bemerkte, dass es nicht weiterging.
Der namenlose Junge hockte noch auf der letzten Leitersprosse und starrte in Richtung Süden über das Schlachtfeld hinweg.
Tu das nicht!, dachte Reinhard, aber der Junge fügte sich nicht seinen Gedanken, sondern ließ sich zurück in den Graben rutschen.
Flüger versuchte einzugreifen. Mit der flachen Seite des Bajonetts schlug er ihm gegen den Hosenboden. »Los mach schon! Du musst nach vorn!«
»Vorwärts, du Feigling!«, brüllte Vizefeldwebel Schneider, dessen Stimme sich vor Wut überschlug.
Eine weitere Artilleriegranate detonierte. Sie war näher als die letzte. Wieder duckte Reinhard sich. Erde und Steine prasselten auf ihn nieder. Eine Kakofonie aus Schreien und Schüssen folgte.
Eine ihrer eigenen Kanonen antwortete donnernd aus Süden, dem Zentrum des Sturmlaufs. Sie befanden sich am Nordflügel.
Als er wieder aufsah, stand der Junge am Boden des Grabens nur einen Meter neben ihm. Flüger kletterte die Leiter empor und verschwand. Im Blick des Jungen schwamm die Frage, die sie sich alle schon gestellt hatten: Was mache ich hier?
Reinhard hatte schnell gelernt, dass es sinnlos war, sich darüber Gedanken zu machen, trotzdem erwischte er sich von Zeit zu Zeit bei einem absurden Gedanken. Er stellte sich vor, dass ihr Vater käme, um ihn und Eberhard abzuholen.
Schneider war außer sich. Im Wechsel bellte er dem Jungen Beleidigungen und Befehle ins Gesicht. Der aber sah ihn nicht einmal an. Der Unteroffizier hatte gut reden. Bis zum Schluss stand er hinten im Graben und überwachte den reibungslosen Ablauf des Angriffs.
Reinhard ahnte, was als Nächstes geschehen würde. Er drehte sich um, griff nach Eberhards Handgelenk und zog seinen Bruder vor sich. »Du gehst zuerst!«
Eberhard sah ihn verwundert an, nickte aber und griff nach der Leiter. Er war groß und dünn, seine Bewegungen wirkten hölzern.
Neben ihnen fiel ein Schuss. Aus dem Augenwinkel bemerkte Reinhard einen Körper zusammensacken. Er sah nicht hin, Eberhard dagegen schon.
»Was …?«
»Los weiter!«, drängte Reinhard.
»Willst du auch so enden?«, schrie Schneider an Eberhard gewandt und hob mahnend die Pistole.
»Nun mach schon!« Reinhards Tonfall ließ keinen Widerspruch zu.
Zu seiner Erleichterung wandte sein jüngerer Bruder sich ab und kletterte die Leiter weiter empor.
Es gab so viele Möglichkeiten, in diesem Krieg zu sterben. Wegen Feigheit vor dem Feind vom eigenen Unteroffizier erschossen zu werden, war es in diesem Moment jedenfalls nicht. Deshalb hatte er Eberhard vor sich selbst in die Reihe gestellt. Wenn er bereits draußen wäre und sein Bruder auf dumme Gedanken käme, könnte er ihm nicht helfen.
Reinhard griff nach der Leiter und kletterte aus dem Graben. Vielleicht würde ihnen das Glück heute hold sein und sie blieben am Leben.
Er nahm den Karabiner mit dem aufgepflanzten Bajonett in den Anschlag und rannte los. Eberhard, der nur wenige Schritte gelaufen war, folgte ihm.
Die Einöde zwischen den Fronten lag unter einer staubigen Dunstglocke, die von der Morgensonne nur spärlich durchbrochen wurde. Unter den Stiefeln knirschten Granatsplitter. Reinhard spurtete an Einschlagstrichtern vorbei, sprang über Ausrüstungsgegenstände und umlief Ballen aus Stacheldraht und dem heimtückischen Bandstacheldraht, der sich wie eine Schlange in Kleidung und Haut verbiss. Auch um die grau-grünen Leichen machte er einen Bogen.
Eine Artilleriegranate schlug irgendwo hinter ihm ein. Dieses Mal legte er nur kurz die freie Hand über den Helm.
An die ersten Meter des Niemandslands zwischen den Fronten konnte Reinhard sich für gewöhnlich später erinnern, aber sobald sie auf die anderen stießen, löste sich die Kausalität der Erinnerungen auf und zurück blieben zusammenhangslose Bilder.
Die Welle der Franzosen tauchte vor ihnen auf. Es war dem ersten Sturm also nicht gelungen, sie in ihren eigenen Gräben zu überrennen.
Er änderte die Richtung und lief nach Norden, um am äußersten Rand der Nordflanke eine geeignete Stellung zu suchen. Hinter einer aufgedunsenen Pferdeleiche warf er sich auf den Bauch. Es stank erbärmlich auf dem Schlachtfeld. Eberhard kauerte sich neben ihn und würgte. Reinhard schluckte seinen Ekel hinunter und legte den Karabiner an. Ein Schuss, ein Mann fiel. Repetieren. Ein weiterer Schuss. Repetieren. Er musste nicht bewusst mitzählen. Das machte sein Kopf automatisch. Fünf Schuss bildeten den Puls seines Überlebens. Als er das Magazin geleert hatte, übergab er seinem Bruder die Waffe, der nachlud. Derweil schoss Reinhard mit Eberhards Karabiner weiter.
Reinhard warf einen kurzen Blick zurück zu dem Graben, aus dem sie gekommen waren. Die französische Artillerie feuerte nun beinahe pausenlos, ließ Erde und Gliedmaßen aufspritzen und durchtränkte den Dreck mit Blut. Aus dem Dunst wurde ein Nebel, der über die Brüder hinwegkroch. Schlachtfeld und Soldaten verschwammen zu Silhouetten. Von ihrer Position hinter dem toten Klepper aus waren Freund und Feind bald schon nicht länger zu unterscheiden.
»Wir müssen nach Süden und uns den anderen anschließen«, stellte Reinhard fest, als das Artilleriefeuer verstummt war. Er stand auf. Eberhard folgte ihm. Langsam bewegten sie sich durch den Nebel. Der Pferdekadaver geriet außer Sichtweite und Reinhard orientierte sich an den Schlachtgeräuschen.
Die Schüsse der Karabiner wurden lauter, wie auch die Schreie. In einem Granattrichter bemerkte Reinhard einen deutschen Soldaten, der auf dem Bauch lag und die Hände über den Kopf gelegt hatte. Er ließ sich hineinrutschen. »Alles in Ordnung?«
Der Deutsche drehte sich herum. »Bin von den anderen getrennt worden.« Es war Vizefeldwebel Schneider. Seine Stimme zitterte.
Reinhard verkniff sich ein Augenrollen. »Wir müssen weiter, Herr Vizefeldwebel.«
Eberhard hüstelte.
Jetzt habe ich zwei, auf die ich aufpassen muss!, dachte Reinhard, dem augenblicklich klar war, für wen der beiden er sich entscheiden würde, wenn es hart auf hart käme. Blut war eindeutig dicker als Hierarchien.
»Sie haben recht, Sperber!« Schneider kam auf die Füße, überließ aber Reinhard mit breiter Geste den Vortritt.
Er kroch aus dem Trichter. Seine Augen tränten vom Staub, den die Granaten aufgewirbelt hatten. Erneut umlief er Stacheldraht, Metallsplitter und stieg über Leichen. Sie waren frisch. Er ging geduckt voran, den Karabiner im Anschlag, und ignorierte die beginnende Erschöpfung, so gut es ging. Das Gewehr wog beinahe vier Kilogramm, lief er gebückt, schien es an Gewicht dazuzugewinnen. Er hatte das Zeitgefühl verloren und der Sonnenstand ließ sich durch den Nebel kaum ausmachen.
Die Kampfgeräusche beschränkten sich auf vereinzelte Schüsse, auf Rufe und Schreie. Hin und wieder kläffte ein Maschinengewehr. Reinhard vermutete, dass die Infanteristen in der Mitte des Schlachtfeldes aufeinandergestoßen waren und nun hauptsächlich mit den Bajonetten aufeinander einstachen. Aus derlei Schlachten gingen, seiner Erfahrung nach, keine Sieger hervor. Am Ende blieb die Frontlinie, wo sie zuvor gewesen war. Die menschlichen Überreste beider Seiten krochen in den Graben zurück, aus dem sie gekommen waren. Das Kaiserreich und Frankreich hatten eine Menge Munition verschossen und weniger Mäuler zu stopfen. Manchmal fragte Reinhard sich, ob dieser ganze Krieg darauf ausgerichtet war, zwei letzte Überlebende ausfindig zu machen, die dann im pockennarbigen Niemandsland gegeneinander antreten mussten.
Er schob den Gedanken beiseite. Jetzt ging es darum, am Leben zu bleiben.
Ein Soldat kam aus dem Nebel gerannt. Als er der drei gewahr wurde, hockte er sich hin und zielte. Reinhard...




