E-Book, Deutsch, Band 1, 322 Seiten
Reihe: Die Saga vom Heldenlied
Buchecker Blutfuchs' Pfad
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-5500-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Saga vom Heldenlied Band 1
E-Book, Deutsch, Band 1, 322 Seiten
Reihe: Die Saga vom Heldenlied
ISBN: 978-3-6957-5500-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Marvin Buchecker wurde 1993 in Essen geboren und lebt heute im Münsterland. Seit seiner Jugend schreibt er Geschichten: düstere Novellen, Horror oder auch mal einen Thriller, inzwischen aber vor allem Fantasy. Neben dem Schreiben arbeitet er als Sozialpädagoge und leitet die Offene Kinder- und Jugendarbeit in Rhede. Dort entwickelt er gemeinsam mit seinem Team Projekte, die auf Inklusion, Chancengleichheit und politische Bildung abzielen. Das Schreiben ist für ihn der Ausgleich zum Alltag: Hier darf er Fragen stellen, die ihn schon lange beschäftigen: über Mut, Herkunft und die Grausamkeit der Welt, aber auch über die Hoffnungsschimmer, die uns im Alltag begegnen, wenn wir die Augen nur aufhalten.
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KAPITEL 1 – Mägius
Der See leuchtete in einem grünlichen Schimmer. Grauer Nebel waberte über seine Wasseroberfläche, während das Gemurmel der Seelen im Reich der Anderswelt wie ein Echo erklang.
Mägius saß steif auf dem schmalen Ruderboot. Die Paddel seiner beschworenen Knochendiener tauchten rhythmisch ins Wasser. Das Eintauchen blieb lautlos, als würde jeder Ton an diesem Ort sofort ersticken, ehe er überhaupt ertönen konnte. Nur das Gemurmel der Seelen jener Verstorbenen, die nicht den Weg in das Nest der Schlachtenkrähe gefunden hatten, hauchte über den See, verlor sich in den Weiten der tiefen Schwärze der Anderswelt, dem Unterreich der Toten.
Mägius zog die schwarze Kapuze seiner Totenbeschwörerrobe zur Seite. Lang gewundene Kordeln, an denen Ledersäckchen unterschiedlicher Größe befestigt waren, hingen wie freies Gedärm an seiner Robe. Über der Robe trug er einen langen, zerfetzten Mantel aus tiefschwarzem Stoff, der ihm bis zu den Knöcheln reichte. Auf dem Stoff war ein mit roter Seide gestickter Totenschädel zu sehen. Der Mantel wirkte, als wäre er aus Schatten selbst gewebt, und seine Ränder schienen in der Dunkelheit zu verschwimmen. An den Ärmeln seiner Kleidung waren ebenfalls alte, unheimliche Runen gestickt, die im schwachen Licht des neonleuchtenden Sees blass schimmerten.
Der Nekromant reckte seinen Schädel nach vorne und schnupperte mit seiner Hakennase die Luft des Ortes. Es war der Geruch des Todes und doch völlig anders als jener aus der Welt der Lebenden. Es roch nicht nach fauliger Verwesung oder brennender Süße, sondern nach einer Emotion. Je tiefer er die kühle Luft einatmete, desto mehr wurde sein Körper von einer Schwermut umhüllt, die ihm jegliches menschliche Gefühl abtrünnig werden ließ. Zwar hatte Mägius sich durch seine Magie des Wurmes, so wurde die Nekromantie von ihren Anwendern bezeichnet, bereits seit fünfhundert Jahren vor dem Tod bewahrt, doch trotz dieser unmenschlichen Lebensspanne war er immer noch ein Sterblicher. Trotz der vielen Rituale und Experimente ein Mensch. Nekromanten bekämpften nämlich nicht den Tod, sondern bedienten sich seiner Macht und umgingen die Gesetze und Regeln der Natur, an die sich die drei hellen Götter und sogar der gefallene Gott hielten. Daher schützte ihn die Macht des Wurmes vor dem Einfluss der Schwermut der Anderswelt.
Doch der Preis war hoch: Er und seinesgleichen waren verachtet von jedem sterblichen Wesen, egal ob Elf oder Werwolf. Wer sich einmal der Magie des Wurmes bediente, hatte jegliches irdische Recht und sämtliche göttlichen Gesetze gebrochen und somit seine Existenz verspielt.
Doch dieser Konsequenz war sich Mägius bewusst gewesen. Er hatte sie gekannt und akzeptiert. Kein Preis, kein Verlust wäre ihm zu hoch gewesen, um die Macht des Wurmes zu ergreifen. Doch nicht um der Macht willen, nicht um Gewalt und Zerstörung zu bringen. Nicht wegen Reichtums. Es war die Liebe, die ihn einst dazu bewegte. Jene Liebe, die er heute noch zu fühlen glaubte, auch wenn sie in seiner verzerrten Seele nur noch eine Perversion der wahren Liebe war. Ein Absurdum, das er selbst nicht mehr zu erkennen wusste.
Es war dieses Gefühl, das Mägius an jenen Ort trieb. Sein Ziel definierte eines, das er mit allen Mitteln des Wurmes bereit war zu erreichen. Daher war er hier, auf diesem See, dem See der Schädelleserin. In dessen Mitte befand sich eine kleine Insel aus schwarzem Sand, beleuchtet von ewig brennenden Feuerschalen mit bläulichen Flammen, umgeben vom Gesang und Klagen der Seelen jener Verdammten, die niemals Frieden finden würden.
Mägius nahm einen weiteren tiefen Atemzug, um die Schwermut aufzusaugen. Ob die Seelen seiner Frau und Tochter ebenfalls unter der Wasseroberfläche des Sees trieben?
»Sie … sind … nicht … hier …«, sagte die unmenschlich verzerrte Stimme des Apostels des Wurmes in seinem Kopf. Ein tausendfüßlerähnliches, weißfarbiges Wesen. Es war keine Einbildung, der Parasit befand sich wirklich im Inneren seines Schädels, teilweise mit Mägius' Gehirn über die Jahrhunderte verwachsen. Dieser Parasit war ein Medium, das Mägius mit der Dimension des Wurmgottes verband, sodass er die Macht der Nekromantie nutzen konnte.
»Und du wirst mir nicht sagen, wo sie sind«, sagte Mägius.
»In der Tat«, antwortete der Apostel des Wurmes.
»Unwichtig. Wir haben den Kessel und schon bald die tausend Seelen geerntet«, entgegnete Mägius und spürte, wie der Wurm in seinem Schädel sich zu winden begann, wie die Kneifzangen des Parasiten sich etwas tiefer in das Gewebe seines Gehirns pressten.
»Das … ist … richtig.«
»Dann wird dieser Albtraum endlich zu Ende sein«, flüsterte Mägius und schnippte mit den Fingern. Die stummen Ruderer erhöhten das Tempo. Ihre leeren, schwarzen Augenhöhlen schienen Mägius melancholisch anzustarren, während das ewige Grinsen des Todes ihre blanken Knochenschädel zierte. Vielleicht spürten sie, dass ihre Seelen hier waren, denn er hatte sie vor hundert Jahren gewaltsam von ihren Körpern getrennt und an die Anderswelt gebunden. Ihre Namen hatte er nie vernommen. Sie waren unglückliche Schatzsucher gewesen, die sich während einer Expedition in seinem Versteck verirrt hatten. Mägius blickte auf die kleinen, lila schimmernden Geisteskristalle, die er in ihre Stirn geschlagen hatte. Diese Kristalle bannten ihren Geist vom Körper und unterwarfen ihn seinem Willen. So konnte er ihre Körper kontrollieren, während ihr Verstand in dem kristallisierten Gefängnis eingesperrt war – und ihre Seelen, die jegliche Moral, Emotion und Persönlichkeit beinhalteten, rastlos durch die Anderswelt wanderten.
»Vielleicht … willst du ja auch unsere Verbindung aufrechterhalten …, sobald … du … den Kessel aktiviert hast …«. Der Apostel des Wurmes wand sich erneut in seinem Schädel.
»Wir haben einen Pakt. Du kannst mich nicht hintergehen …«, sagte Mägius kühl, und der Apostel antwortete mit seiner verzerrten Stimme: »«
»Du brauchst mir nicht den Schwur in Erinnerung zu rufen. Ich weiß, was der Wurmgott für mich getan hat, was er für mich tut und was er tun wird.« Als Antwort wand sich der Apostel des Wurmes.
*
Vor ihrem Boot tauchte plötzlich, im grünlich schimmernden Nebel, die schwarze Sandbrandung der Insel der Schädelleserin auf. Es kam ihm vor, als wäre er Wochen auf dem Ruderboot gewesen – was durchaus sein konnte, denn in der Anderswelt verging die Zeit anders. Sie orientierte sich an den Regeln und Gesetzen des Reiches des Todes. Das Reich, das im Volksmund der Völker von Mandorgard als das Nest der Schlachtenkrähe bezeichnet wurde. Die Behausung eines mystischen Wesens, das über das Reich des Todes wachte.
Einem Feind des Wurmgottes.
Mägius gebot den Knochendienern, beim Ruderboot zu warten, ehe er aus diesem stieg und die Insel betrat. Hunderte Feuerschalen waren als eine Art Wegmarkierung für einen Pfad angeordnet. Ihr Licht war kalt, begleitet von Trauer und Tod.
Seine Lederstiefel sanken bei jedem Schritt tief in den sandigen Untergrund ein. Selbst für ihn, den mächtigsten Nekromanten seiner Zeit, wurden die Schritte auf der Insel schwerer. Es war nicht die Angst, die ihm den Weg erschwerte – dieses Gefühl kannte er schon lange nicht mehr –, nein, es war, als würde eine unsichtbare Kreatur von titanenhafter Größe vor ihm mit den Flügeln schlagen, und die Wucht jener Schläge drohte, ihn niederzuringen, wenn er nicht mit aller Kraft dagegen ankämpfte. Er war hier am richtigen Ort, im Totenreich, fernab von Raum und jeglichem Leben. Wieder kam ihm der Weg unendlich lang vor. Kein Zeitgefühl regte sich in ihm, als sich vor ihm der Nebel lichtete und einen Steinkreis offenbarte.
Die Formation bestand aus gleichförmig behauenen Marmorquadern, die ihn an Größe überragten. Auf den Quadern standen ebenfalls entzündete Feuerschalen. In der Mitte des Kreises befand sich ein riesiger Schädel, dessen Herkunft Mägius unbekannt war. Der Nekromant spürte, wie der Apostel des Wurmes in seinem Kopf unruhiger wurde. Es schien ihm fast, als hätte der Parasit Angst vor der uralten Macht dieses Schädels.
»Schau nur, Kiras, wie er sich windet … dieses Ungeziefer!« Vor ihm materialisierte sich eine großgewachsene Frau mit langem Hals. Sie trug ein Kleid aus weißen Federn, und Mägius erkannte, dass auch aus dem Fleisch ihrer blassen Haut Federn sprossen.
»Erst in vielen hundert Jahren wird solch ein Ungeziefer uns erneut aufsuchen, Swansit.« Eine weitere Frau erschien vor ihm. Sie war jung, hatte dunkle Haut und trug ebenfalls ein Federkleid, doch dessen Farben waren dunkelblutrot.
»Einst wäre dieses faule Fleisch niemals an diesen Ort gelangt … Lange schon ist ihm das Nest der...




