E-Book, Deutsch, 403 Seiten
Brunner MS und Gesund
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-347-58514-0
Verlag: Business Insights by Haufe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wissenschaftlich belegte Empfehlungen für ein aktives Leben mit Multipler Sklerose
E-Book, Deutsch, 403 Seiten
ISBN: 978-3-347-58514-0
Verlag: Business Insights by Haufe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lebe selbstbestimmt - auch mit Multipler Sklerose! Die Diagnose kann erschreckend sein - doch den Kopf in den Sand stecken? Ganz sicher nicht! Denn es gibt viele Möglichkeiten und Wege, wie man auch mit Multipler Sklerose ein erfreuliches und selbstbestimmtes Leben führen kann. Die Frage ist bloß: Wo setze ich an? Welcher ist der richtige Weg für mich? Dieses Buch zeigt übersichtlich, welche Möglichkeiten es zusätzlich zur herkömmlichen Schulmedizin gibt, um den Krankheitsverlauf bei Multipler Sklerose positiv zu beeinflussen und die eigene Gesundheit selbst in die Hand zu nehmen. Alle vorgeschlagenen Maßnahmen sind wissenschaftlich belegt. Außerdem haben sie die Kraft, das eigene Leben über die Krankheit hinaus zu bereichern. Denn MS ist nicht das Ende, es ist der Anfang eines neuen Kapitels! Das erwartet Sie: * 9 umsetzbare Maßnahmen - 'Gesund Leben für ein Gesundes Leben!' Das Buch zeigt 9 selbst umsetzbare Maßnahmen,die den Verlauf der MS positiv beeinflussen können. Es fasst hierbei die Essenz aus mehreren hundert wissenschaftlichen Studien zusammen. Alle Empfehlungen sind einfach verständlich und umsetzbar! * Eine persönliche Geschichte - 'Von der Diagnose bis heute' Begleiten Sie die Autorin durch Ihre eigene Krankheitsgeschichte. Sehrpersönliche Einblicke von der Diagnose bis hin zu Erfahrungen mit Fatigue und Schüben finden Sie speziell markiert immer wieder im ganzen Buch. * Hintergrundwissen - 'Schulmedizin und Lebensstil ergänzen sich!' Daher sollte auch jede/r Betroffene über dieErkrankung Bescheid wissen und Zugang zu Informationen über Behandlungsmöglichkeiten haben. Sie finden Kapitel, die die MS erklären, aber auch verschiedene Basistherapien und deren Wirksamkeit aufzeigen. Nutzen Sie diese Kapitel um Ihr Verständnis von MS zu vertiefen und als Referenz und Grundlage für das Gespräch mit dem/ der behandelnden Arzt/ Ärztin.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1. Einleitung
1.1 Meine persönliche Geschichte mit MS
»Sind Sie verheiratet?«
Das waren seine ersten Worte.
Mit ungläubigem Staunen über die unerwartete Frage schaute ich den Neurologen mir gegenüber an und sagte »Nein.« Aus irgendeinem Grund fuhr er fort: »Dann sollten Sie das bald tun! Sie können auch ganz normal Kinder bekommen. Ich habe zahlreiche Patienten mit Kindern.«
Mir war vollkommen unklar, was diese Worte sollten. Sie passten so überhaupt nicht zu dem, was ich die letzten Tage durchgemacht hatte. Auch war ich weit entfernt von jeglicher Kinderplanung oder dem Wunsch zu heiraten.
Mit meinen 26 Jahren stand ich mitten im Leben. Ich war eine gesunde, junge Frau. Nach meinen Studienabschlüssen hatte ich einige Monate zuvor bei einer Unternehmensberatung angefangen. Mein Wunsch war es, eine Karriere zu haben, viel zu reisen, verschiedenste Kulturen zu erleben und einfach selbstständig und frei das Leben zu genießen.
Seinen unheilvollen Lauf nahm meine Krankheitsgeschichte bei einem Personalgespräch etwa zwei Monate zuvor. Wenig charmant war mir verkündet worden, dass ich meinen Job verlieren sollte.
Im Vorjahr hatte es einen starken Börsencrash in den USA gegeben, auch die Wirtschaft in Deutschland war betroffen. Die Folge waren Massenentlassungen, unter anderem bei Unternehmensberatungen. Ich war eine davon.
So plötzlich wie ein Messerstich und genauso scharf fuhr ein furchtbarer Schmerz in meinen Kopf. Ich konnte nicht mehr klar denken und beendete das Gespräch bald. Noch im Büro verlagerte sich der Schmerz hinter mein rechtes Auge. Ein unsägliches Druckgefühl entwickelte sich. Ich musste raus. Ibuprofen und eine Flut an Tränen entspannten mich etwas und so ließ auch der Schmerz nach.
Leider verblieben noch einige Wochen bis zum Vertragsende und so ging ich die folgenden Tage weiter in die Arbeit. Am nächsten Morgen öffnete ich die Tür zum Büro. Wie auf Knopfdruck steigerte sich das Druckgefühl hinter meinem Auge. Diesen und die folgenden Tage verbrachte ich im Büro damit, Stellenausschreibungen zu suchen und Lebensläufe auf teures Papier zu drucken. Dennoch wurde der Schmerz stetig schlimmer.
Allein die Mittagspausen und die Feierabende entspannten meinen Kopf. An jedem restlichen Tag des aktuellen Monats wiederholte sich das Ansteigen von Schmerz morgens beim Gang ins Büro, die kurzzeitige Linderung zu Mittag und die allmähliche Besserung nach Feierabend. Obwohl es diese Phasen der Linderung gab, wurde der Schmerz täglich stärker. Das Druckgefühl hinter meinem Auge nahm stetig zu und ich hatte bereits am dritten Tag nach dem Gespräch das Gefühl, mein Auge würde herausspringen wollen.
Zu diesem Zeitpunkt war mir bereits klar, dass ich unter diesen Umständen nicht die verbliebenen drei Monate durchhalten würde. Zähneknirschend reichte ich meine Kündigung ein, verzichtete auf zwei Monate Gehalt, hatte aber dafür nach weiteren 28 Tagen meine Freiheit – und hoffentlich keine Schmerzen mehr.
***
Da war ich nun, arbeitslos und unter Schmerzmitteln. Die erhoffte Besserung und Entspannung blieben leider aus. Über den Tag verteilt hatte ich nach wie vor deutliche Schmerzen und Druck hinter dem Auge. Zwar war es deutlich besser als noch die Woche zuvor, aber dennoch musste ich wohl einen Arzt aufsuchen. So war mein erster Gang am Montagmorgen zu unserem Hausarzt. Mit der Dia- gnose eines akuten stressbedingten Spannungskopfschmerzes und einer Krankmeldung für den ganzen Monat verließ ich die Praxis voller Hoffnung auf Besserung und mit Tatendrang.
Mein Freund lebte zur damaligen Zeit in New York. Da ich Bewerbungen auch von dort schreiben konnte, war die Entscheidung schnell gefallen. Die folgenden fünf Wochen in New York waren wunderbar, mir ging es besser. Der Schmerz war nicht mehr so häufig und stark. Zudem hatte ich mir kurz vor Abreise beim Optiker noch eine neue Brille machen lassen. Meine Sehschärfe hatte sich offenbar etwas verschlechtert. Und so, vermutete ich, hatten auch die falschen Gläser zu meinen Schmerzen beigetragen.
Leider hatte wohl der Optiker nicht so gut gemessen und schon bald wurden meine Schmerzen wieder häufiger. Auch sah ich zunehmend schlechter mit dem rechten Auge. Den Schluss, dass vielleicht etwas nicht stimmen konnte mit meinem Kopf oder ich krank wäre, zog ich nicht. Selbst der Augenarzt, den ich aufsuchte, bestärkte indirekt meine Annahme, dass ich nichts Schlimmes hatte. Außer trockenen Augen konnte er an meinem Auge nämlich keine Problematik erkennen.
Mit zunehmender Dauer der Schmerzen und einem immer schlechteren Visus, schlich sich das unbestimmte Gefühl ein, dass vielleicht doch etwas Größeres nicht stimmte. Aber noch hielt ich mich an jedem Strohhalm wie dem des Augenarztes fest und benutzte fleißig Augentropfen.
Nur etwa eine Woche nach meiner Rückkehr aus New York begann ich an meiner neuen Arbeitsstelle. Da unmittelbar ein langes Wochenende bevorstand, war ich noch in meiner alten Stadt und der Umzug stand für später auf dem Plan. Mein Freund war mittlerweile auch wieder in Deutschland und wir verbrachten das Wochenende gemütlich in meiner Studentenwohnung.
Es war ein Samstag, an dem ich wieder über sehr starke Schmerzen klagte. Mein rechtes Auge fühlte sich an, als ob es aus der Augenhöhle gedrückt würde. Gleichzeitig konnte ich mit diesem Auge keine Bücher mehr lesen. Es war alles vollkommen verschwommen. Nach und nach sah ich auch verschiedene Rottöne auf meinen Augen. Am linken Auge schönstes Feuerrot, am rechten eher ein sumpfiges Braunrot. Ich war verzweifelt und wie gelähmt.
Mein Freund traf schließlich die Entscheidung und zwang mich, unmittelbar zum Arzt zu gehen. Wir fuhren direkt in die Augenklinik nach München und kamen um 17 Uhr dort an. Das Warten im Krankenhaus fühlte sich ewig an und schließlich bescheinigte mir der Arzt einen Visus von unter 60% und Fehlfarben. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits in Tränen aufgelöst und flehte ihn an, er solle mir sagen, was ich denn hätte. Die einzige Antwort war, er müsse sich mit dem Oberarzt besprechen. Wieder warten. Schließlich wurde ich hereingerufen und mir in Kürze mitgeteilt, dass ich entweder eine Entzündung des Sehnervs hätte oder »Etwas« auf diesen drücke. Ich solle auch unmittelbar in die Uniklinik fahren, vielleicht könne ich ja »heute noch in die Röhre geschoben werden«.
Zu diesem Zeitpunkt konnte ich schon nicht mehr klar denken. Ich flehte nur meinen Freund an, er sollte etwas tun, ich will keinen Tumor in meinem Kopf …
Er behielt die Nerven und wir fuhren unmittelbar in die Uniklinik nach Großhadern. In der Notaufnahme warteten wir sehr lange in einem trostlosen Raum mit hässlichen Gängen. Die folgenden Stunden sind für mich wie mit einem Schleier versehen. Heute kann ich mich nur noch an wenige Details erinnern. Zum Beispiel, dass mein Freund den Befund aus dem CT aufriss, damit ich keine Sekunde länger warten musste. Dass er mir um 2 Uhr morgens einen Burger besorgte und wie der Neurologe mir Nervenwasser entnahm.
Schließlich hieß es, ich hätte eine Sehnerventzündung und ich solle die kommenden Tage zur Infusion wiederkommen. Mit den Worten:
»Suchen Sie sich einen niedergelassenen Neurologen« wurde ich letztlich entlassen.
Und hier waren wir nun. Nach einem Besuch beim Radiologen (»Ach Sie haben eine Verlaufskontrolle«) saßen wir gegenüber des Herrn Privatdozent Dr. Neurologie. Nach der einleitenden Frage, ob wir denn verheiratet wären, folgte ein trockenes: »Sie haben eine chroni- sche Entzündung des Zentralnervensystems. Ich gebe Ihnen mal ein paar Broschüren mit, da können Sie dann über Therapien nachlesen.«
Keine fünf Minuten hat das gedauert.
Dieser Moment ist in meinem Kopf haften geblieben wie ein Film in verlangsamten Bildern.
Ich stand auf. Er hatte schwarze Design-Plastikstühle in der Praxis. Der Fußboden antik und aus dunklem Holz. Ich drehte mich zur Tür. Genau über der Türschwelle senkte ich meinen Blick auf die Broschüren in meiner Hand.
»Leben mit MS« stand darauf. Filmriss …
Ich kannte damals MS nicht. Für mich war es eine nebulöse Krankheit und ich wusste nicht viel mehr, als dass es unheilbar ist und die Menschen im Rollstuhl sitzen. Trotz allem versuchte ich meinem Freund zu erklären, dass ich jetzt ganz froh sei. Jetzt wüsste ich we- nigstens, was ich habe.
Nach dem Termin suchte mein Freund für mich einen spezialisierten Neurologen in der Gegend. Dieser Termin stand nicht in weiter Ferne und war kein Vergleich zu meinem ersten Besuch beim Neurologen. Der Arzt nahm sich 1,5 Stunden Zeit, uns die Krankheit, den Verlauf, die...




