E-Book, Deutsch, 672 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 215 mm
Brown Feuer und Wind
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7363-0232-7
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 672 Seiten, Format (B × H): 135 mm x 215 mm
ISBN: 978-3-7363-0232-7
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jen lebt im Island der nicht allzu fernen Zukunft und arbeitet als Expertin an der wirklichkeitsgetreuen Abbildung der Wikingerzeit. Als eines Tages ein Fehler passiert, findet sie sich im echten 10. Jh in Island wieder, an einem Strand, wo sie von einer Gruppe von Wikingern gefunden und verschleppt wird. Der Anführer des Clans, Heirik, ist geachtet und gefürchtet zugleich - denn durch ein Mal, das einen Teil seines Körpers entstellt, gilt der junge Nordmann als verflucht. Jen jedoch ist fasziniert von dem geheimnisvollen Wikinger und fühlt sich zu Heirik hingezogen. Doch die Verbindung steht unter keinem guten Stern: Wird Jen trotz aller Hindernisse und Gefahren den Mut haben, die Zeit zu überwinden und die Vergangenheit zu ihrer Zukunft machen?
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In der Zukunft
Im Innern des Tanks
Der schale Geruch von simuliertem Bier wehte durch die Menge.
Normalerweise sehnte ich mich nach echten, intensiven Gerüchen, aber heute Abend war ich froh, dass das Programmierungsteam nicht in der Lage war, sie richtig hinzukriegen. Mit wirklichkeitsgetreuen Schweiß- und Bierausdünstungen und dem metallischen Geschmack von Blut wäre die Ultimate-Fighting-Simulation nur schwer zu ertragen gewesen.
Eine Wiese wäre schön gewesen. Hätte ich saftiges Gras zwischen meinen Zehen spüren oder wahrnehmen können, wie eine Brise an meinem Kleid zupft, wäre ich jeden Tag in den Tank gekommen. Noch verfügten die Programmierer allerdings nicht über die Fähigkeit, derart gewaltige und kraftvolle Szenerien zu erschaffen, wie es solche im Freien gewesen wären.
Abgesehen davon – wer würde nicht gern einen altmodischen Cage Fight der Jahrhundertwende besuchen, bei dem Männer in mehr als knielangen Hosen, wie sie für die ersten beiden Jahrzehnte des neuen Jahrhunderts so typisch waren, gegeneinander kämpften? Für Jeff war es unvorstellbar, dass jemand sich nicht für diese Simulation begeisterte. Das gesamte Programmierungsteam liebte sie so sehr, dass es das Extraktionssignal aus dieser Art von Wrestling übernommen hatte. Wollte man den Tank verlassen, musste man einfach nur klopfen.
Unsere reale Welt, Island City, befand sich außerhalb dieses Labors. Hier drinnen indes tauchten wir in Kampfarenen, Burgen und grasbedeckte Langhäuser ein. Meine Aufgabe war es, altnordische Stimmen, Gesten und Redewendungen für die High-Tech-Company zu erfinden, die das alles erschuf.
Dabei war es nicht so, dass ich mit Jeffs Kampfsimulation gar nichts anfangen konnte. Einen Aspekt derselben genoss ich sogar sehr, und das waren die Stimmen. Die akustische Färbung dieser Simulation war komplex und nuanciert. Bei dem Schauplatz handelte es sich um Atlantic City in den alten Vereinigten Staaten, und die Sprache war mit einem starken Akzent konzipiert – Wochenendbesucher aus dem Norden. Ich ließ die aggressiven Stimmen, die von heftigen Gesten und dramatisch hochgezogenen Brauen unterstrichen wurden, auf mich wirken.
Der Klang von Unterhaltungen zog mich grundsätzlich an, in welcher Sprache auch immer. Ich genoss die Bewegungen und Rhythmen von Gesprächen, die Spitzen wie auch die Pausen in Auseinandersetzungen, das ruhige Gemurmel von Flirtenden. Ich sehnte mich nach den Geräuschen von verstohlenen, sehnsüchtigen Liebespaaren, den Stimmen und Bewegungen von Menschen, die wütend waren. Als Sprachkünstlerin war es mir fast unmöglich, einfach nur zuzuhören, ohne zu analysieren, aber wann immer ich konnte, stellte ich mir Menschen als Tiere vor. Große Schwärme und Herden, manchmal majestätisch, manchmal beängstigend oder auch abstoßend. Diese Arena klang wie eine Gänseschar.
Oder zumindest stellte ich mir vor, dass Gänse so klangen. Ich hatte sie in den elektronischen Archiven gesehen. Ich kannte Gänse und Falken und Raben, Hunde und Füchse dank jahrelanger persönlicher Nachforschungen. Tausend Nachmittage hatte ich mir die Nase an einem Archiv-Monitor platt gedrückt und versucht herauszufinden, wie sich die seidige Mähne eines Pferdes anfühlt.
Ich hatte gehört, dass es draußen, jenseits der Gletscher, Höfe geben sollte, auf denen fanatische Realisten lebten. Aber das waren nur Gerüchte. Ich hatte mich davon während eines Flugs selbst überzeugen können.
Morgan beugte sich zu mir und schrie mir regelrecht ins Ohr: »Sie haben immer noch Shorts dazu gesagt. Obwohl sie ihnen in den frühen 2000er Jahren fast bis zu den Knöcheln gingen.« Sie bezog sich auf die Hosen der Wrestler. Die glänzenden Stoffe in knalligem Rot, Grün und Gelb waren so krass, dass sie in ihrer einfältigen Pracht geradezu faszinierend wirkten.
Die Kleidung der Zuschauer war eine etwas komplexere Mischung aus Hoffnungen, Bedürfnissen und sexuellen Einladungen. Es gab Unmengen stolz zur Schau gestellter Tattoos oberhalb der Frauenhintern und gestylte Frisuren zu sehen. Die meisten trugen Westernstiefel und enge Jeans, und die Haut der Frauen schillerte, als hätten sie alle ihr Gesicht in einen sanften Puderregen gehalten – eine Garantie für ein langes Leben und einen kraftstrotzenden Lover.
Morgan – eine Schmiedin, die sämtliche Waffen, Schnallen und Spangen der Wikinger entwarf – konnte sich eigentlich nicht sehr für New Jersey um 2010 interessieren. Allerdings wies sie auf einige erstaunliche Ähnlichkeiten hin, die zwischen den langhaarigen, bärtigen Männern mit den schweren Stiefeln und den Wikingern bestanden. So trugen sie Tätowierungen an den Oberarmen, die an die kostbaren Metallringe der Häuptlinge erinnerten. Um den Hals hatten sie Schmuck, der wie ein Echo der Reife und silbernen Thor-Hämmer der Nordmänner des zehnten Jahrhunderts wirkte. Es war der Schmuck eines Volks von Bauern und Plünderern, die von den Rus-Staaten bis Nordamerika gesiedelt hatten.
»Ist das nicht beeindruckend, Jen?«, schmetterte Jeff mir ins Ohr. »An diesen Stimmen habe ich zusammen mit Shank gearbeitet.«
Im Grunde hatte auch Jeff mit seinen hellen Haaren, der Silberkette und seiner Größe etwas Nordisches an sich. Er trug die Kleidung der zweiten technischen Revolution und um den Hals Kopfhörer – und keine stilisierten Drachen –, aber in seinen Adern floss echtes Wikingerblut. Heute Abend saß er wieder dicht bei mir und berührte mich gelegentlich, als läge das an der engen Bestuhlung der Arena. Natürlich hatten wir die besten Plätze überhaupt, schließlich waren wir die einzigen richtigen Menschen hier. Daher hatten wir auch einen perfekten Blick auf den achtseitigen Käfig.
Ich ließ die Symbole und Statistiken vor meinen Augen auftauchen. Mateus Vida war sogar in gelben Shorts beeindruckend; sie leuchteten regelrecht auf seiner dunklen Haut. Informationen wehten jetzt neben ihm her, verrieten mir, dass er einsachtzig groß war. Neben seinem kahlen Kopf stand in Weiß: Gewicht: 83 kg, Reichweite: 188 cm. Und er hatte eine ganze Reihe von Schwarzen Gürteln: Brasilianisches Jiu Jitsu, Judo, Taekwondo. Er hatte sich auf Muay Thai spezialisiert.
»Das ist Kickboxen«, erklärte Jeff und deutete auf den Käfig.
Alle Kämpfer trugen Beinamen im Wikingerstil, so wie Aud der Tiefsinnige oder Eirik Blutaxt. Im Augenblick kämpften Vida die Heuschrecke und sein Gegner Yusef »Superior« Cruz, dessen Name ich aufgeblasen fand. Mit seiner Größe von einsachtzig, den 93 Kilo und ähnlich vielen Schwarzen Gürteln war er meiner nichtfachmännischen Einschätzung nach ein angemessener Gegner für Vida.
Es gab auch Augenblicke, die ich nicht scheußlich fand. Die Zeit schien sich zu dehnen, und ich konnte sehen, wie der eine wie ein Tänzer von dem anderen hochgehoben wurde, wie er sich mitten in der Luft im Kampf überschlug. Oder das mürrische Gesicht eines Schiedsrichters, der mich zwischen den Beinen eines Kämpfers hindurch ansah. Solche klaren Momentaufnahmen waren allerdings selten. Meistens lagen sie auf dem Boden, grunzten und schlugen bösartig aufeinander ein. Manchmal schleuderten sie einander auch gegen die Seite des Käfigs direkt vor uns, und eine Adrenalinwoge ließ meine Hände und Füße prickeln. Ein Sprühnebel aus Blut und Spucke verfehlte uns nur knapp. Ich tat, als wäre er echt. Ich ließ die Statistiken in sich zusammenfallen und beobachtete die Männer.
Es war ein kurzer Kampf. Nur drei Minuten umkreisten sie einander, schlugen aufeinander ein und forderten einander mit gebleckten Zähnen heraus. Es gab ein paar schreckliche Hiebe, die so hart und derb waren, dass ich mir nicht vorstellen konnte, wie ich nach auch nur einem einzigen solchen Treffer in der Lage hätte sein sollen, wieder aufzustehen, ganz davon zu schweigen, so etwas mehrmals zu schaffen. Cruz umkreiste seinen Gegner, wartete, wollte zuschlagen, ihn niederringen. Und dann trat Vida ihn.
Es war nicht einfach nur ein Tritt gegen das Schienbein oder die Brust. Aus dem Stand trat er ihm heftig ins Gesicht. Die Wiederholung lief jetzt in Zeitlupe. Ein eleganter Kick. Vidas Tritt war ein Gedicht, präzise gezielt, sodass sein Fußballen von unten gegen Cruz’ Kinn traf. Dessen Gesicht verzog sich wie Gummi.
Dann lief die Zeit wieder normal weiter, und Cruz knallte auf die Matte, verlor das Bewusstsein. Jetzt sprangen alle auf, regelrecht wahnsinnig vor Erschrecken, Wut und Schadenfreude. Große, jubelnde Menschen bedrängten mich von allen Seiten. Nur noch mit Mühe konnte ich den Käfig sehen. Vida wirbelte im Kreis herum, ekstatisch und die Hände triumphierend zu Fäusten geballt. Er sah aus wie ein riesiger Eiskunstläufer, der sich in einer Pirouette herabsinken ließ. Auf die Matte. Auf die Knie.
Da spaltete ein metallisches Kreischen meinen Kopf – als würde etwas in meinem Hirn brutal reißen. Ich presste die Hände auf die Ohren, aber das zermürbende Geräusch war in meinem Innern. Ich konnte es nicht beeinflussen. Etwas unbeschreiblich Zartes riss. Ich schloss die Augen.
Als ich sie wieder öffnete, sah ich den Ozean.
Die grünen Wellen waren fast schwarz, gekrönt von weißer, vom Mondlicht beschienener Gischt. Ich kniete nieder, grub meine Hände in den kalten, feuchten Sand. Jedes einzelne Korn fühlte sich scharf umrissen an. Die letzten Kräuselungen einer Welle kamen dicht an mich heran, schienen sich wie Finger nach meinen Knien auszustrecken. Ein Glühen tauchte den Strand in ein bläuliches Weiß. Ich drehte mich zu der Quelle des Lichts um und war wie...




