E-Book, Deutsch, 260 Seiten
Brothers Niemandsland
12001. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8270-7511-6
Verlag: eBook Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 260 Seiten
ISBN: 978-3-8270-7511-6
Verlag: eBook Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Caroline Brothers, geboren in Australien, hat am University College London in Geschichte promoviert, bevor sie Auslandskorrespondentin der Agentur Reuters in Europa und Lateinamerika wurde. Heute lebt sie in Paris und schreibt für die New York Times und die International Herald Tribune. Als investigative Journalistin recherchiert sie vor allem zu den Themen Migration.
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»Hier haben wir wieder ein paar für euch«, sagt der französische Beamte, als sie die italienische Polizeiwache betreten. Auf einem Computerbildschirm sieht Aryan rote und schwarze, in Reihen angeordnete Spielkarten.
»Und, wo soll’s hingehen?«, fragt der italienische Polizist, als der französische Transporter abgefahren ist. Die Knöpfe seiner Jacke spannen sich über seinen Bauch. Der junge Leutnant neben ihm begutachtet sie mit den Augen eines Frettchens.
»England«, sagt Aryan.
»Wie alt ist er?«, fragt er und nickt in Kabirs Richtung.
»Acht«, sagt Aryan.
Der Mann flucht. »Die werden von Tag zu Tag jünger«, sagt er zu seinem Kollegen. »Ich sperr doch keine Kinder weg.«
Er wendet sich Aryan zu. »Macht, dass ihr hier wegkommt«, sagt er. »Ich will euch nie wiedersehen.«
Aryan schätzt, dass sie sich in einem der kleinen italienischen Grenzorte befinden, die sie aus dem Zugfenster gesehen haben. Vielleicht Ventimiglia, die Stadt, von der Rahim gesprochen hatte. Er weiß, dass es Kabir besser gehen wird, wenn sie etwas zu essen finden.
In einer schmalen Straße entdecken sie einen Imbiss, wo es Pizza und Pommes frites gibt. Aryan zählt seine Münzen und stellt eine Dose Cola aus dem Kühlschrank dazu. Sie setzen sich auf ein Mäuerchen und lassen die Beine baumeln, ohne die Möwen zu beachten, die laut kreischend ihren Anteil der Mahlzeit einfordern.
Kabir leckt sich das Salz von den Fingern und wischt die fettigen Hände an seiner Hose ab.
»Wir werden zu Fuß gehen müssen«, sagt Aryan, »wie Rahim gesagt hat. Schaffst du das?«
»Wie weit ist es?«, fragt Kabir.
»Dieselbe Strecke, die wir im Polizeitransporter zurückgelegt haben.«
Kabir überlegt. »Und was ist mit deinem Knöchel?«, fragt er.
»Wird schon gehen. Wenn ich wieder Schmerzen habe, laufen wir eben langsamer.«
»Wenn wir am Strand entlanggehen, ist es vielleicht kürzer.«
Sie folgen den honigmelonenfarbenen Straßen bis zum Meer. Eine Jacht müht sich, anzulegen. Eine Dreiergruppe Frauen tauscht Tratsch aus, die Verdecke ihrer Kinderwagen sehen aus wie Flüchtlingszelte. Sie knöpfen sich die Strickjacken zu, als der Wind ihnen die Röcke gegen die Beine peitscht.
Niemand beachtet die beiden Jungen.
Es ist das erste Mal, dass sie das Meer sehen, abgesehen von den kurzen Blicken, die sie vom Zug aus darauf erhaschen konnten, und den blauen Küstenstreifen in Genua.
Kabir ist hin und weg. Er prescht durch den Sand und die Kieselsteinbänke. »Wer zuerst am Wasser ist«, ruft er Aryan über die Schulter hinweg zu, und seine zu lange Hose schlackert gegen die zu kurzen Beine.
Am Ufer, wo die rutschigen Steine gegeneinanderklackern, stolpert er über seine eigenen Beine. Stirnrunzelnd rappelt er sich hoch, massiert sich den Abdruck der Kieselsteine aus den Knien.
Aryan lacht. »Schöner Abgang!«, ruft er.
»Ich hab gewonnen!«, sagt Kabir, nachdem er wieder Atem geschöpft hat, und als Aryan hinzukommt, reckt er triumphierend die Faust in die Höhe. »Meinst du, das ist echtes Salzwasser?«
»Probier’s und sag mir Bescheid.«
Kabir spuckt das salzige Wasser wieder aus und verzieht das Gesicht.
»Jetzt kannst du auch gleich ganz reingehen«, sagt Aryan mit Blick auf die Hochwassermarke an Kabirs Jeans.
»Brrrrr – viel zu kalt!«, sagt er. »Warum hat das Meer zwei verschiedene Blautöne?«
»Weiß ich nicht«, sagt Aryan. »Vielleicht lauern im dunklen Teil die Haie und warten, dass du ins Wasser kommst.«
»Oder auf dich, weil ich dich zuerst reinschubse!«
Sie balgen im Sand, wo die Kieselsteine aufhören, und Kabir verdreht Aryan die Finger, um die Oberhand zu gewinnen. Doch Aryan kann ihm mit Leichtigkeit sein Knie gegen die Brust drücken.
»Gnade, bettelst du um Gnade?«, fragt Aryan. »Oder soll ich dich an die Haie verfüttern?«
»Niemals!«, sagt Kabir und windet sich.
Aryan drückt mit seinem Knie noch fester zu. »Willst du Sand fressen?« Er formt die Hand über Kabirs Gesicht zum Trichter.
Kabir dreht den Kopf von Seite zu Seite. »Friede!«, sagt Kabir. »Friede! Du hast gewonnen.«
»Versprichst du, mein Sklave zu sein?« Die Hand schwebt über ihm.
»Ja, alles, was du willst!«, sagt Kabir.
»Sag es!«
»Ja, ja, ich verspreche, dein Sklave zu sein!«
»Für immer?«
»Ja, ja, ich verspreche, für immer dein Sklave zu sein!«, ruft Kabir.
Aryan lockert den Griff.
Keuchend richtet Kabir sich auf und zieht eine Schneckenmuschel unter seinem Rücken hervor.
»Reingefallen!«, sagt er. »Ich werde niemals dein Sklave sein!«
Aryan wirft ihn erneut zu Boden und kitzelt ihn aus, bis sie sich der Jacht zuwenden, der es endlich gelungen ist, im seichten Wasser vor Anker zu gehen.
Es ist Spätnachmittag, als sie loslaufen. Gelegentlich sehen sie einen Zug zwischen den Häusern hervorblitzen oder mit silbern zuckendem Schwanz in einem Tunnel verschwinden.
Die Brise wird steifer und setzt dem blauen Meer weiße Schaumkronen auf.
Es ist anstrengend, durch den Sand zu gehen. Ihre Schuhe laufen voll und jeder Schritt ist mühsamer, als sie gedacht hatten. Nach einer Weile besteht der Strand nur noch aus Kieseln, doch ihre Schritte sind wacklig auf den klackernden Steinen und Aryan hat Angst, dass er sich wieder den Knöchel verstaucht.
Als sie an ein Flüsschen kommen, das Abwasser ins Meer leitet, verlassen sie den Strand und laufen durch die ruhigen Straßen, vorbei an den Ferienhäusern. Der Sommer neigt sich dem Ende zu, viele der Häuschen sind schon mit Brettern vernagelt.
Als es Abend wird, holen sie ein paar späte Tomaten aus einem unbewachten Gemüsegarten und bauen sich ein Nest aus Zeitungspapier und getrocknetem Gras.
Aryan träumt. Es ist Nacht und er steht allein vor einer fremden Villa hoch über dem Meer.
Er ist über die Mauer geklettet, über den Stolperdraht gestiegen und knirschend über den Kies gelaufen, unbeeindruckt vom jähen Aufblitzen der Flutlichter, ein Eindringling auf einem Kontinent, der nicht sein eigener ist. Das Heulen der Nachbarshunde erfüllt die duftgeschwängerte Nachtluft, aber sie sind zu weit weg, um ihm jetzt noch etwas anhaben zu können. Gesprenkelt von Flecken künstlichen Lichts steht er im Schatten eines Magnolienbaums; umspült von dessen Duft hängt er seine Kleider wie eine Opfergabe über den Strauch. Seine nackte Haut zieht sich in der kühlen Nachtluft zusammen; die Fliesen sind glatt unter seinen wundgelaufenen Füßen. Er steht am Rand und hält inne, für den Augenblick eines Herzschlags, für einen Atemzug. Mit einer einzigen verschwenderischen Bewegung wölbt er sich und springt kopfüber, zerschlägt die silberne Bläue und die Angst, die inzwischen ein Teil von ihm geworden ist, in Tausende Splitter zuckenden Lichts.
Der Schock des Wassers nimmt ihm den Atem. Er hat nie schwimmen gelernt, dennoch schwimmt er; nur wenn er in Bewegung bleibt, werden seine Muskeln ihm vorgaukeln, dass er die Kälte nicht spürt. Luftbläschen umsprudeln seine Hände wie Quecksilbertropfen. Der Schmutz, der in allen Poren zu sitzen scheint, löst sich zusammen mit seiner Erschöpfung auf, so dass alles, was in ihm wehtut, vorübergehend gelindert wird. Er spürt, wie die Müdigkeit von ihm abfällt und entschwebt wie der Geist eines Toten. Das Becken wird durch gewölbte Fischaugenfenster beleuchtet; dort, wo der gekachelte Boden tiefer wird, scheint es ihm, als würde er hinauf durch den Weltraum und mit aller Kraft auf das Licht ferner Sonnen zuschießen.
Er ist früh wach und setzt sich auf, den Rücken gegen die knorrige Rinde eines Baums, er beobachtet die Ameisen, wartet, bis Kabir die Augen aufschlägt. Die runden Wangen seines Bruders sind feucht von seinem Atem. Die frühe Morgenluft ist durchdrungen von Jod und dem Duft von Tomatenblättern.
Eine Raupe faltet und streckt sich entlang eines Zweigs wie ein Maßband mit gewagtem Streifenmuster.
Nicht der Traum selbst, doch das Gefühl des Traums kommt schwebend zu ihm zurück, während sich der Tag entfaltet; er war der Schwimmer, aber gleichzeitig war es auch nicht er selbst – wie eine fremde Stimme aus der Zukunft scheint es Aryan eine Ahnung desjenigen Menschen zu sein, zu dem er noch werden sollte.
Dieses Gefühl begleitet ihn durch den ganzen Tag, die Gegenwart seines künftigen Ich. Es geht neben ihm her, während sie der Straße über die Grenze nach Frankreich folgen, vorbei an den schroffen Hügeln, deren Aufschlüsse sich ins Meer ergießen.
Wachhunde bäumen sich auf und brechen in wütendes Gebell aus, als sie vorbeigehen.
Am Nachmittag erreichen sie den Stadtrand von Nizza.
Sie folgen den Straßenbahnschienen, vorbei an orangefarbenen Wohnblocks und gepflegten Parks, wo Palmen und Pinien miteinander konkurrieren. Aryan kommt nicht dahinter, welches Klima hier herrscht, mit Wüstenpflanzen und Gebirgsbäumen Seite an Seite, als wüsste das Land selbst nicht genau, ob es ein Ort der Hitze oder des Eises sei.
Durch eine Lücke in den Wohngebäuden beginnt der Himmel auf einmal weit zu werden; dahinter, so ahnt er, muss das Meer sein.
Eine kalte Brise zerrt an ihrer Kleidung und peitscht die Flaggen der Hotels. Leere weiße Liegestühle aalen sich in Reihen auf den Kieseln und warten auf bessere Tage. Aryan staunt, dass sie noch niemand gestohlen hat; kein einziger ist festgemacht.
Aryan hat keinen Plan. Er will einfach nur unsichtbar sein, während sie erkunden, wie man zum Bahnhof...




