E-Book, Deutsch, Band 2, 260 Seiten
Reihe: Die Hutton Family
Brooks Beyond Love
3. Auflage 2022
ISBN: 978-3-96797-141-5
Verlag: MORE by Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wyatt und Kara
E-Book, Deutsch, Band 2, 260 Seiten
Reihe: Die Hutton Family
ISBN: 978-3-96797-141-5
Verlag: MORE by Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wyatt Huttons blaue Augen rauben mir den Atem - sie schauen direkt in mein Herz. Aber es darf nicht sein, denn uns trennt nicht nur der Altersunterschied. Uns trennt auch die Vergangenheit. Sein Vater war ein Trinker und Betrüger. Und meine Mutter? Dessen Geliebte.
Doch das Leben scheint andere Pläne mit uns zu haben, denn er ist der Einzige, an den ich mich wenden kann, als ich nicht mehr weiter weiß. Wir kämpfen gegen unsere Gefühle. Wir kämpfen gegen unsere Familien. Aber wie lange halten wir das noch durch?
Abby Brooks ist amerikanische Romance Autorin und lebt mit der Liebe ihres Lebens und ihren drei Kindern in einer Kleinstadt in Ohio. Sie liebt es, in der Küche zu tanzen, zu lachen und bis spät in die Nacht zu lesen.
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Kapitel 1
Wyatt
In meiner Kindheit war das Büro meines Vaters der unheilvollste Ort im ganzen Haus. Es herrschte eine düstere, stressige Atmosphäre voll mit Männlichkeitsgebaren und striktem Kinderverbot. Über die Schwelle zu treten, galt als Hausfriedensbruch und wurde mit der ganzen Härte des Gesetzes bestraft. Als ich älter wurde und sich unser Haus von einer charmanten Bed-and-Breakfast-Pension zu einem florierenden Hotel auswuchs, war ich ein gern gesehener Mitarbeiter im Büro, doch selbst als Erwachsener ertappte ich mich immer noch dabei, wie ich auf der Türschwelle innehielt und auf die Erlaubnis einzutreten wartete.
Mein Vater stand hinter dem Schreibtisch vor dem Fenster, das Jackett über die Lehne seines Schreibtischstuhls gehängt, die Hemdsärmel bis zu den Ellenbogen hochgekrempelt. Ohne mich zu bemerken, nippte er an seinem Whisky und blickte hinaus aufs Meer hinterm Haus. Das Sonnenlicht, das zum Fenster hereinfiel, verfing sich in seinen grau melierten Haaren, doch sein Gesicht blieb im Schatten.
Das erschien mir wie eine passende Metapher.
Die Dunkelheit besiegte das Licht.
Der Vater, der er gewesen war, vernichtet von dem Trinker, zu dem er geworden war.
Massive Möbel nahmen den Raum ein. Ein imposanter Schreibtisch – dunkles Holz und scharfe Kanten, mit einem mächtigen Sessel aus schwarzem Leder dahinter. Die Wände säumten hohe Regale voller Bücher, von denen ich bezweifelte, dass er sie überhaupt gelesen hatte. Mom hatte versucht, mit Pflanzen und Blumen den Raum einladender zu gestalten, als könnten Farbkleckse und Leben die Finsternis vertreiben, doch es änderte nichts. Die Dunkelheit siegte immer.
»Herrje, Wyatt. Rein oder raus.« Dad nippte an seinem Drink, ohne den Blick vom Fenster abzuwenden. Seine Körperhaltung drückte Verachtung aus. Egal, welche Entscheidung ich treffen würde, es wäre die falsche. Falls ich ins Büro käme, wäre ich die lästigste Unterbrechung des Tages. Falls ich einen Rückzieher machte, würde er mich für einen Feigling halten, der seine Zeit nicht wert war.
Ich verspürte den heftigen Drang, ihm den Stinkefinger zu zeigen, zur Haustür hinauszumarschieren und einfach weiterzugehen, bis ich irgendwo anders war – egal wo. Diesen Drang verspürte ich seit Jahren. Aber der Gedanke, Mom, Eli und Harlow mit Dad alleinzulassen, hielt mich immer wieder davon ab. Für sie blieb ich hier, stellte mich wie ein Puffer zwischen meinen Vater und den Rest der Familie. Wenn ich ginge, würden sie sich mit dem Arschloch herumschlagen müssen, zu dem er geworden war, und das hatten sie nicht verdient. Also schob ich die düsteren Gedanken beiseite und konzentrierte mich auf all das, was mich zum Lächeln brachte: Gesundheit, Wohlstand und eine (größtenteils) glückliche Familie.
Als ich über die Schwelle trat, drehte Dad sich um. »Setz dich.« Er deutete auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch und ließ sich mit finsterer Miene auf seinem eigenen nieder.
Burke Hutton wurde zu einem Raubtier, wenn er zu viel Zeit mit Jack Daniels verbrachte. Seine Handlungen waren nicht versehentlich grausam. Sie waren vorsätzlich bösartig. Mit der einzigen Absicht, eine Schwäche auszunutzen – eine, die er persönlich geschaffen hatte – und so kraftvoll zuzuschlagen, dass es mich aus dem Gleichgewicht brachte. Im Laufe der Jahre hatte ich gelernt, seine Körpersprache zu lesen, das Kräuseln seiner Lippen, das Funkeln in seinen Augen. Seine Haltung, als er mich über den Schreibtisch hinweg betrachtete, warnte mich, sie riet mir, mich auf das Schlimmste gefasst zu machen.
»Mit einundzwanzig bist du fast Manns genug, um die Welt so zu sehen, wie sie ist. Grausam und hart.« Als er die Augen zusammenkniff, fragte ich mich, ob ihm klar war, dass diese Beschreibung auch auf ihn zutraf. »Nicht die Märchenwelt, in der deine Mutter lebt«, fügte er beinahe tonlos hinzu.
Früher hatte Dad Moms unerschütterlichen Optimismus bewundert. Doch im Laufe der Jahre und mit zunehmendem Alkoholkonsum begann er, ihre Fähigkeit, in allem etwas Gutes zu sehen, zu verachten. Er behauptete, sie mache sie schwach. Verletzlich und leicht auszunutzen. Ich fragte mich oft, ob seine Wut aus dem Bewusstsein erwuchs, dass er derjenige war, der sie ausnutzte. Es war sicher einfacher, seinen Hass nach außen zu richten, anstatt sich selbst zu betrachten.
Dad räusperte sich und verlangte meine Aufmerksamkeit. »Es ist an der Zeit, dass ich dich in ein kleines Familiengeheimnis einweihe.«
Doch als er zu seiner Geschichte ansetzte, wurde mir klar, dass es kein Familiengeheimnis war.
Es war sein Geheimnis.
Und es war schrecklich.
Schockiert hörte ich zu, wie mein Vater mir von der Geliebten erzählte, die er seit drei Jahren unterhielt. Eine Geliebte mit einer Tochter – nicht seiner, Gott sei Dank – und einem exquisiten Geschmack. Als er den Zorn bemerkte, der in mir brodelte, hielt er lange genug inne, um zu lachen, und der Laut bohrte sich bitter in meine Eingeweide.
»Sitz du nur auf deinem hohen Ross«, sagte er, während sich Wolken vor die Sonne schoben und den Raum in Schatten hüllten. »Aber warte nur ein paar Jahre. Die Ehe ist ein Gefängnis, und Männer – echte Männer – sind für die Freiheit geschaffen.« Er kippte den Rest seines Drinks hinunter und ließ das Glas auf dem Tisch kreiseln. »Ich sterbe einen langsamen Tod mit deiner Mutter.«
»Du stirbst einen langsamen Tod, weil du zu viel trinkst.« Meine Mutter war eine wunderschöne Frau mit einem großen Herzen, eine Frau, die keine Mühen scheute, um anderen zu helfen. Sie war viel zu gut für meinen Vater, und das wussten alle – sogar er selbst, auch wenn er das niemals zugegeben hätte.
Burke zog die Augenbrauen bis zum Haaransatz hoch, und ich stellte mich auf eine gehässige Erwiderung ein. Doch er grinste nur und schenkte sich nach. »Tja, dann sollte ich mich besser beeilen, was?«
Vermutlich dachten wir das alle manchmal, auch wenn wir es niemals zugegeben hätten. Es war schrecklich zu wissen, dass man Hass im Herzen trug, wenn es doch hätte randvoll mit Liebe sein sollen. Stattdessen planten wir, uns in alle Winde zu verstreuen, sobald wir konnten, und die Bande zu kappen, die uns, als wir jünger gewesen waren, so viel Kraft gegeben hatten.
Mein ältester Bruder Lucas hatte so dringend weggewollt, dass er sich direkt nach der Highschool den Marines angeschlossen hatte. Mein jüngerer Bruder Caleb war ausgezogen, kaum dass er achtzehn geworden war, und finanzierte sich sein letztes Schuljahr mit einem Teilzeitjob in einem Fast-Food-Restaurant. Eli zählte die Tage, bis er es ihm gleichtun konnte. Und die arme Harlow hatte sich quasi in sich selbst zurückgezogen, zeichnete, schrieb oder spielte Gitarre, als hoffte sie, eine Möglichkeit zu finden, ausschließlich in ihrem Kopf zu leben.
Während ich mich in Gedanken verlor, schwafelte Dad weiter von seiner Geliebten und ihrer Tochter – Madeline und Kara. Ich hoffte, er würde bald zum Punkt kommen, damit ich entscheiden konnte, was ich mit diesem Wissen anfangen sollte.
»Junge … diese Kara …« Dad musterte mich messerscharf, während er meine Reaktion vermaß. »Das Mädchen ist echt eine Nummer. Sechzehn. Clever. Talentiert. Gut in allem, was sie tut.« Mit genau diesen Worten hätte er auch Harlow beschreiben können, aber Dad behandelte seine eigene Tochter stets so, als wäre es ihm lieber, wenn sie gar nicht existierte. Er kräuselte die Lippen und setzte zum Todesstoß an. »Du könntest eine Menge von ihr lernen. Sie hat mehr Arsch in der Hose, als du jemals haben wirst.«
Außerdem besuchte sie offenbar eine Privatschule, die finanziert werden musste. Ein Luxus, den Dads leibliche Kinder nie genossen hatten, da wir, seiner Meinung nach, eine ordentliche Portion Wirklichkeit gebrauchen konnten, die uns nur eine öffentliche Schule bot.
»Warum erzählst du mir das?«, fragte ich, auch wenn ich annahm, dass er sein Gewissen erleichtern wollte. Mich da hineinzuziehen war bloß das Sahnehäubchen auf der Torte. Ich war halb Beichtvater, halb Mitverschwörer – indem er mich in seine Verbrechen verwickelte, sollte ich ihn von seinen Sünden freisprechen.
»Je älter ich werde …«, Dad unterbrach sich, um einen Schluck zu trinken, »umso schwerer fällt es mir, das alles zu vertuschen. Vor allem die finanziellen Aspekte. Deine Mutter ist einfach viel zu intelligent.«
Mit je älter ich werde meinte er wohl eher je mehr ich trinke. »Und du willst, dass ich dir dabei helfe.« Die Erkenntnis war wie ein Eimer Eiswasser, der mir über den Kopf geschüttet wurde. Ich war für Lügen und Betrug nicht geschaffen. Sie pflanzten Sorgen in meinen Bauch, deren Wurzeln sich schmerzhaft in meine Knochen gruben. Liebe und Vertrauen mussten geehrt und nicht wie Abfall in die Gosse geworfen werden.
»Meine Damen und Herren: mein Sohn.« Dad hob sein Glas. »Ein Mensa-Anwärter.«
Ich ließ die Stichelei an mir abperlen wie Wasser. Wenn ich mir anmerken ließ, dass er einen wunden Punkt getroffen hatte, würde ich Dad bloß einen Angriffspunkt fürs nächste Mal liefern, und mittlerweile war ich ziemlich gut darin, einfach über seine Beleidigungen hinwegzulachen. »Das werde ich nicht tun«, erklärte ich. »Ich kann Mom nicht anlügen. Und meine Geschwister. Das ist deine Angelegenheit. Kümmere dich selbst darum.«
Der Mann, der mir gegenübersaß, war einmal alles gewesen, was sich ein Junge von seinem Vater wünschen konnte. Freundlich und liebevoll. Bereit, sich mit Schweiß und harter...




