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E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2, 240 Seiten

Reihe: Albach und Müller

Bronnenmeyer Zerfall

Albach und Müller: der zweite Fall Frankenkrimi
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-86913-395-9
Verlag: ars vivendi
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Albach und Müller: der zweite Fall Frankenkrimi

E-Book, Deutsch, Band 2, 240 Seiten

Reihe: Albach und Müller

ISBN: 978-3-86913-395-9
Verlag: ars vivendi
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Albach und Müller: ihr erster Fall Als ein hochdekorierter Richter nach langer schwerer Krankheit stirbt, deutet nichts darauf hin, dass er einem Verbrechen zum Opfer gefallen sein könnte. Und doch behauptet seine Tochter genau das. Dumm nur, dass Kommissar Alfred Albach und seine junge türkische Kollegin Renan Müller, die sich des Falls annehmen, erstmal keinerlei Hinweise auf Tatzeit, Tatwaffe oder Tatort finden. Nur ein Tatmotiv scheint recht bald festzustehen: Kurz bevor er wegen seines Gesundheitszustandes den Stuhl räumen musste, hatte der fränkische 'Richter Gnadenlos' noch mehrere junge Graffiti-Künstler verknackt. Die sind aber zu jung, um sich mit den Symbolen linker Polit-Aktivisten auszukennen. Und so bringt ein Blitz in einem Kreis, mit dem das Krankenzimmer des Richters beschmiert wurde, die Ermittler auf die Spur der Nürnberger Massenverhaftungen von 1981. Wurde damals schon das Schicksal des Richters besiegelt?

Veit Bronnenmeyer, geboren 1973 in Kulmbach, ist im Schul- und Bildungsreferat der Stadt Fürth tätig. Bei ars vivendi erschienen bereits seine Kriminalromane 'Russische Seelen', 'Zerfall', 'Stadtgrenze' und 'Gesünder sterben'. 2009 wurde er mit dem Agatha-Christie-Krimipreis ausgezeichnet.
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II. Takt

»Wie viel verdient denn so ein Richter?«, fragte Renan, als sie am Sonntag darauf die Auffahrt zum Bungalow der Familie Rothenberg hinauffuhren.

»Ich denke mal, du kannst dein Brutto verdoppeln«, erwiderte Alfred, »und dann als Netto nehmen.«

»So ein Haufen Schotter dafür, dass er im großen Stil Kids verurteilt?«

»Na ja, in seiner Stellenbeschreibung wird sich das schon etwas anders lesen«, Alfred lenkte seinen Alfa vor die Doppelgarage und stellte den Motor ab, »höre ich da bei dir etwa eine Spur von Neid auf die Besserverdienenden?«

»Und das von einem Alt-68er«, spottete sie, während sie die Beifahrertür aufstieß.

»Also, so alt bin ich nun auch wieder nicht!«

»Ich bin auf jeden Fall der Meinung, dass sich die Bezahlung ein bisschen nach der Leistung richten sollte.«

»Da bin ich ganz bei dir, Müller«, erwiderte Alfred generös, wobei er sich fragte, wie wohl die Leistung eines Richters zu messen sei. Anzahl der Urteile, Anzahl der Freisprüche oder der Vergleiche? Oder Höhe der Strafen?

Der Bungalow stammte offensichtlich aus den späten 70er-Jahren. Die Fassade war mit grobem Reibeputz versehen und weiß gestrichen. Auf der Vorderseite befanden sich nur zwei kleine, dunkelbraun lasierte Holzfenster. Die große Haustür war außen mit geschichteter Bronze verkleidet. Darüber befand sich ein Oberlicht und daneben ein klobiger verkupferter Briefkasten, auf dem der Familienname prangte. Alfred hatte nach dem gestrigen Besuch seiner Kollegin beschlossen, bezüglich der Anzeige von Marion Shelley lieber keine Zeit zu verlieren. Er betätigte den Klingelknopf, doch es dauerte fast eine Minute, bis ihnen die Tochter des Richters öffnete.

Die Familie hatte sich im Wohnzimmer versammelt. Die Witwe stand vor einem spärlichen Kaminfeuer und hielt die Arme vor dem Bauch verschränkt. Ihre Hände umklammerten die Enden einer hellblauen Strickjacke. Die Ähnlichkeit zu ihrer Tochter war trotz des Altersunterschieds nicht zu übersehen, sie hatte das gleiche runde Gesicht. Der Sohn saß in einem Ledersessel und blätterte verlegen in einem Einrichtungsmagazin. Eine großzügige Fensterfront gab den Blick auf eine verlassene Terrasse frei. Dahinter lag ein Garten, etwa von der Größe eines halben Fußballfeldes. An der gegenüberliegenden Wand döste ein roter Cockerspaniel in einem Hundekorb.

Nach dem üblichen Begrüßungsritual und den Beileidsbekundungen nahmen Alfred, Renan und die Tochter auf den wuchtigen Ledersesseln Platz, die um einen Tisch aus Rauchglas gruppiert waren, während die Mutter vor dem Kamin stehen blieb.

»Frau Rothenberg«, eröffnete Alfred die Befragung, »Ihre Tochter war gestern bei meiner Kollegin im Präsidium und hat Anzeige erstattet, weil sie der Meinung ist, dass Ihr Mann ermordet wurde.«

»Stützt die Polizei ihre Ermittlungen jetzt schon auf Meinungen?«, erwiderte sie tonlos.

»Auf Hinweise«, beschwichtigte Alfred, »immerhin gibt es etliche auffällige Graffitis auf dem Arbeitsweg Ihres Mannes zum Justizpalast.«

»Sie sollten sich lieber an die Fakten halten.«

»Die da wären?«, mischte sich Renan ein.

»Mein Mann ist an Krebs gestorben, Frau Kommissarin«, rief die Witwe und drehte sich zum Kaminfeuer um.

»Dass er Krebs hatte, steht sicher außer Frage«, sagte Alfred und zog sein Zigarettenetui aus der Tasche, »darf ich rauchen?«

»Tun Sie sich keinen Zwang an«, beschied Frau Rothenberg gleichgültig, während ihre Tochter auf einen marmornen Aschenbecher auf dem Couchtisch deutete, in dem schon einige Zigarettenkippen lagen.

»Ob das aber wirklich die Todesursache war, können wir nur durch eine Obduktion feststellen.«

»Unterstehen Sie sich«, die Witwe fuhr herum, und der Hund hob ruckartig den Kopf.

»Frau Rothenberg ...«, Alfred hob peinlich berührt die Hände.

»Sie werden meinen Mann nicht aufschneiden, verstanden! Er wird übermorgen beerdigt, das ist mein letztes Wort.« Sie drehte sich wieder zum Feuer. Der Hund kam aus seinem Korb gelaufen und blickte besorgt zu ihr auf.

»Jetzt sei doch vernünftig, Mama«, schimpfte die Tochter und schlug mit der flachen Hand auf die Armlehne, »wir müssen herausfinden, was mit Papa passiert ist. Er hätte das doch auch gewollt.«

»Ja, genau«, die Mutter schaute ihrer Tochter in die Augen und funkelte sie zornig an, »es ist immer nur darum gegangen, was Ludwig wollte. Immer hat sich alles nur um ihn gedreht, seine Arbeit, seine Beziehungen, seine Stellung, seine Clubs – seinen Hund«, sie streichelte dem Tier halbherzig über den Kopf, »aber damit ist jetzt Schluss!«

»Bitte entschuldigen Sie, unsere Mutter ist noch sehr ...«, meldete sich der Sohn zum ersten Mal zu Wort.

»Und du sprich nicht in der dritten Person von mir, wenn ich mich im Raum befinde«, herrschte die Witwe ihren Sohn an.

»Aber Mama ...«, flehte er verlegen.

»Frau Rothenberg«, beschwichtigte Alfred, »Ihre Tochter hat bei uns Anzeige erstattet, und sie hat diese Graffitis entdeckt, die sich genau auf dem Arbeitsweg Ihres Mannes über die ganze Stadt verteilen. Wie Sie sicher wissen, war Ihr Mann sehr aktiv im Kampf gegen jugendliche Sprayerbanden ...«

»Das war wieder so eine fixe Idee von ihm, weil jemand vor ein paar Jahren ›Simone, ich liebe dich‹ auf unsere Mauer gesprüht hatte. Und anstatt einen Maler zu bestellen, musste er einen Kreuzzug beginnen«, unterbrach die Witwe wütend.

»Über die Verhältnismäßigkeit seiner Reaktionen haben wir hier nicht zu befinden«, erklärte Alfred sachlich, »auch nicht über die seiner Urteile. Aber es ist sehr gut möglich, dass wir auf weitere Hinweise stoßen, dass sich einer oder mehrere dieser Sprayer an Ihrem Mann rächen wollten. Eine Obduktion wird sich nicht vermeiden lassen, fürchte ich.«

»Ich habe ›Nein‹ gesagt. Sind Sie schwerhörig?«, fragte sie rhetorisch.

»Entschuldigung«, Renan sprang nun auf und ging forsch auf die Witwe zu, »wir opfern hier unser Wochenende, um den Tod Ihres Mannes aufzuklären, und Sie können mir glauben, dass uns das alles auch keinen Spaß macht. Aber die Entscheidung darüber, wie es weitergeht, müssen Sie schon uns und der Staatsanwaltschaft überlassen.«

Die Rothenberg war etwa Mitte 50 und fast so groß wie Renan. Sie musterte die junge Polizistin von oben bis unten. Es entstand eine bedrückende Stille im Raum, die nur durch das leise Knistern der Kaminglut und das Ticken einer Wanduhr gestört wurde. Schließlich trat die Witwe an eins der großen Fenster, die zum Garten hinausgingen, und begann, leise zu sprechen: »Die Staatsanwaltschaft. Recht und Gesetz. Strafe. Härte ... das hat alles schon viel zu lange gedauert ... genau wie diese Ehe!« Sie wandte sich ab und verließ das Zimmer, der Spaniel trottete hinter ihr her.

»War das denn unbedingt nötig?«, fragte Alfred vorwurfsvoll, als sie sich wieder im Auto befanden.

»Was denn?«, entgegnete Renan gereizt.

»Dass du die Witwe so angehst«, erwiderte er lauter werdend, »das ist doch nicht dein erster Fall. Etwas mehr Takt bitte, Renan!«

»Takt. Takt.«, sie verzog das Gesicht. »Wenn ich nicht Klartext mit ihr geredet hätte, würde sich das Gespräch jetzt noch immer im Kreis drehen!« Sie zog eine Nagelfeile aus der Tasche und begann, sich mit ihrem rechten Daumennagel zu beschäftigen.

»Türen muss man nicht immer aufsprengen, die meisten lassen sich nämlich öffnen«, grollte er, »ich dachte, das hättest du langsam kapiert!«

»Das war keine verheulte, trauernde Witwe, Alfred«, konterte Renan, »außerdem sind wir ziemlich unter Zeitdruck, wenn der Richter tatsächlich übermorgen unter die Erde kommen soll.« Sie bemerkte mal wieder, dass eine Auseinandersetzung mit ihrem Kollegen wesentlich weniger befriedigend war, wenn er damit anfing, und dachte angestrengt darüber nach, weshalb sie sich überhaupt auf Rechtfertigungen einließ. Empathie war eben nicht unbedingt ihre größte Stärke, na und?

»Wo fährst du überhaupt hin?«, fragte sie, als sie einen Blick aus dem Fenster warf.

»Wir gehen jetzt mal eine Runde spazieren«, beschied Alfred und parkte den Alfa am alten Kanal.

Sie gingen auf der rechten Seite des Kanals Richtung Südwesten. Es war später Vormittag, grau und unangenehm nasskalt, sodass fast keine weiteren Spaziergänger unterwegs waren.

Nachdem Mutter Rothenberg das Wohnzimmer verlassen hatte, konnten Alfred und Renan wenigstens noch die grundlegendsten Fragen mit deren Kindern klären. Rothenberg war seit 1978 Richter am Nürnberger Amtsgericht gewesen. Unterbrochen wurde diese Tätigkeit nach der Wiedervereinigung, als er freiwillig für mehrere Jahre nach Sachsen ging, um dort beim Aufbau des Justizwesens zu helfen. 1998 war er schließlich wieder in die Heimat zurückgekehrt, um kurz darauf als Jugendrichter seinen Kampf gegen Sprayer, jugendliche Dealer und andere Kleinkriminelle sowie gegen jede andere Art von Störung der öffentlichen Ordnung aufzunehmen. Die Liste seiner harten Urteile war kilometerlang, nicht auszudenken, wenn alle Verurteilten Verdächtige wären. Der Sohn hieß Martin und war der ältere der Geschwister. Er hatte Geographie studiert und leitete nun einen Teil der Universitätsbibliothek in Bochum. Er hatte den ausdrücklichen Wunsch seines Vaters, ebenfalls Jurist zu werden, ignoriert und sich in sein vergeistigtes Schneckenhaus zurückgezogen. Seit er in Bochum lebte, pflegte er kaum noch Kontakt zu den Eltern – alles in allem war er eine ziemliche...


Veit Bronnenmeyer, geboren 1973 in Kulmbach, ist im Schul- und Bildungsreferat der Stadt Fürth tätig. Bei ars vivendi erschienen bereits seine Kriminalromane 'Russische Seelen', 'Zerfall', 'Stadtgrenze' und 'Gesünder sterben'. 2009 wurde er mit dem Agatha-Christie-Krimipreis ausgezeichnet.



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