Bronnenmeyer | Gesünder sterben | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 4, 270 Seiten

Reihe: Albach und Müller

Bronnenmeyer Gesünder sterben

Allach und Müller: der vierte Fall Frankenkrimi
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-86913-347-8
Verlag: ars vivendi
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Allach und Müller: der vierte Fall Frankenkrimi

E-Book, Deutsch, Band 4, 270 Seiten

Reihe: Albach und Müller

ISBN: 978-3-86913-347-8
Verlag: ars vivendi
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Im Großraum Nürnberg bricht eine Salmonellenepidemie aus. Schnell stellt sich heraus, dass der dafür verantwortliche Salat aus dem Knoblauchsland nicht zufällig verseucht war, sondern dass ein geplanter Anschlag dahinter steckt. Doch wem galt dieser? Der Bevölkerung? Dem Discounter, der den Salat verkaufte? Oder dem Gemüsebauern, der ihn anpflanzte? Unklar ist auch, ob das Motiv in der Politik der Lebensmittelriesen zu suchen ist oder doch eher bei den ausgebeuteten Erntehelfern. Als der Salatbauer mit einem Pfahl im Herzen auf seinem Feld aufgefunden wird und ein rumänischer Saisonarbeiter spurlos verschwindet, beginnt für die Soko 'Kopfsalat'ein Wettlauf gegen die Zeit. Denn der Täter wird erneut zuschlagen, die Frage ist nur, wann und wo.

Veit Bronnenmeyer, geboren 1973 in Kulmbach, ist im Schul- und Bildungsreferat der Stadt Fürth tätig. Bei ars vivendi erschienen bereits seine Kriminalromane 'Russische Seelen', 'Zerfall', 'Stadtgrenze' und 'Gesünder sterben'. 2009 wurde er mit dem Agatha-Christie-Krimipreis ausgezeichnet.
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2. Scharfe Schüsse

»Das war nur ein Klaps«, sagte Ondracek, als Alfred ihn am nächsten Tag nach der Morgenbesprechung endlich in der Kantine gefunden hatte.

»Na ja, bei deiner Statur kann ein Klaps auch schon mal kräftiger ausfallen.« Alfred zog die Stirn in Falten.

»Zur Suspendierung hat’s auf jeden Fall nicht gereicht«, seufzte Ondracek.

Er war tags zuvor mit einer der jungen Anwärterinnen, die Alfred bei der Gründungsversammlung der Soko Kopfsalat in der ersten Reihe ausgemacht hatte, bei der Witwe des Kanufahrers in Laufamholz gewesen. Dort trafen sie auf einen Privatdetektiv, der im Auftrag der Versicherungsgesellschaft ebenfalls in diesem Todesfall ermittelte. Laut Ondracek hatte der Bursche der Witwe schon ziemlich zugesetzt, als sie eintrafen. Die Frau stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Das größere Kind hatte sich schon unter das Sofa verkrochen und das Kleine hatte in seinem Bettchen gelegen und erbärmlich geweint, ohne dass die Mutter in der Lage gewesen wäre, darauf einzugehen. Der Detektiv hatte noch einige Formulare aus der Tasche gezogen und erklärt, wenn Frau Unger die unterschreibe, wäre die Sache erledigt und er bräuchte nicht mehr wiederzukommen. Daraufhin hatte Ondracek dem Mann geraten, das Haus umgehend zu verlassen und seinem Rat mit einer »leichten Berührung am Hinterkopf« Nachdruck verliehen, wie er sich ausdrückte. Dann hatten sie einen Notarzt gerufen, weil die Frau kurz vorm Umkippen war.

Es stand nun zu befürchten, dass der Ermittler oder die Versicherung sich umgehend beim Präsidium beschweren würden. Karla Neumann, die manchmal überkorrekte Dezernatsleiterin, wollte Ondracek daraufhin gleich vom Dienst freistellen. Doch Herbert Göttler hatte das als Kripochef wieder rückgängig gemacht und verfügt, dass Ondracek vorerst im Innendienst bleiben sollte. Normalerweise brauchte Alfred nicht lange überlegen, wen er als Vorgesetzten lieber hatte. Kriminalrätin Neumann war eine integre und kluge Frau mit feinem Humor, Stil und hohen Ansprüchen, auch an sich selbst. Herbert dagegen ein Profilneurotiker und Karrierist, der sein Fähnchen gerne in den für ihn günstigsten Wind hängte. Hohe Ansprüche hatte er auch, aber die galten mehr seinem Status als seinem eigenen Handeln. Aber er konnte auch mal fünfe gerade sein lassen, zumindest wenn es seinen Zielen zuträglich schien. Ob das hier der Fall war, vermochte Alfred nicht zu beurteilen, aber es wäre der schiere Wahnsinn gewesen, bei der aktuellen Lage und Personaldecke auf einen erfahrenen Beamten zu verzichten, nur weil er einen Versicherungsdetektiv am Hinterkopf berührt hatte, sei es nun mit mehr oder weniger Schwung.

Just als sie die Kantine wieder verlassen wollten, kam Karina herein, die Anwärterin. Offenbar hatte sie früher einmal einer jener Jugendkulturen angehört, die bevorzugt schwarze Mäntel, Stiefel und Haare trug, sich blass schminkte und kiloweise Blech am Körper befestigte. Natürlich war das heute nicht mehr so, aber ihr Teint war schon noch ziemlich weiß und das Make-up vor allem um die Augen noch ziemlich schwarz. Die dunkle Haarfarbe schien auch nicht ganz natürlich zu sein, und die Ringe in der Nase und an der Augenbraue waren im Polizeidienst zumindest unüblich. Alfred nötigte es einen gewissen Respekt ab, dass sich die junge Frau nicht völlig verbogen hatte.

»Gut, dass ich Sie treffe«, wandte sie sich an Ondracek. »Ich wollte nur sagen, dass ich Sie Frau Neumann gegenüber nicht reingeritten habe. Ich habe ihr gesagt, dass ich in dem fraglichen Moment nicht hingeschaut habe, weil ich durch das Kind unter dem Sofa abgelenkt war.«

»Ist schon recht, Madla«, lächelte Ondracek. »Und du kannst immer noch Karl zu mir sagen.«

»Eine Dienstaufsichtsbeschwerde haut den nicht mehr um, zehn Monate vor der Pensionierung«, erklärte Alfred.

»Neun«, korrigierte Ondracek.

»Es war jedenfalls sehr klug, dass Sie sich da rausgeredet haben«, wandte Alfred sich an die junge Kollegin. »Gerade als Anfängerin ist man da natürlich in einem Dilemma …«

»Das war aber auch ein Arschloch hoch zwei«, erklärte sie. »Der ist doch tatsächlich in das Arbeitszimmer des Toten rein und hat rumgeschnüffelt. Die Frau ist total kollabiert. Der Notarzt wollte sie gleich ins Klinikum mitnehmen. Aber das ging ja nicht, wegen der Kinder.«

»Der hat ihr eine Spritze verpasst und nach fünf Minuten war die im Tiefschlaf«, ergänzte Ondracek. »Gerade dass wir sie noch ins Bett gekriegt haben.«

»Und was dann?«, fragte Alfred. »Die Kinder waren doch immer noch da.«

»Wir haben die Großeltern verständigt«, erklärte Karina. »Karl ist zurück ins Präsidium zum Bericht schreiben und ich habe so lange auf die Kleinen aufgepasst.«

»Da sieht man mal wieder, wie viel Abwechslung unser Beruf mit sich bringt.« Alfred nickte anerkennend.

»Sie war wirklich gut«, lobte Ondracek. »In null Komma nix war da Ruhe.«

»Und wie haben Sie das angestellt? Zwei völlig aufgelöste Knirpse.« Alfred suchte präventiv nach seinem Zigarettenetui.

»Das Kleine hat ja nichts mitgekriegt und hätte auch nichts verstanden, außer dass die Mama so arg weint«, erklärte Karina. »Das habe ich halt ein bisschen rumgetragen und dem Buben habe ich erst mal die Dienstwaffe zum Spielen gegeben …«

»Äähhh …«

»… ohne Magazin, natürlich.«

»Und der Ermittler hat ihr wahrscheinlich erklärt, dass die Versicherung nicht an einen Unfall glaubt und deswegen nicht zahlen will«, erkundigte sich Alfred, als sie die Kantine verließen.

»So ungefähr.« Karina zuckte mit den Schultern. »Ich habe mal kurz die Papiere überflogen, die sie hätte unterschreiben sollen. Sie sollte auf jede Forderung verzichten, dann hätten sie ihr 25.000 Euro auf Kulanz gezahlt.«

»Und was würde sie kriegen, wenn es wirklich ein Unfall war?«

»Davon war da leider nichts gestanden.«

»Habt ihr die Unterlagen mitgenommen?«, fragte Alfred.

»Nein, das haben wir leider vergessen«, gab Karina zögernd zu.

»Da muss eh noch einmal jemand hin.« Ondracek winkte ab.

Marian war nun schon das vierte Jahr zur Saisonarbeit auf dem Stauderhof, aber so was hatte er noch nie erlebt. Zuerst war alles so gelaufen wie immer. Sie hatten im Frühjahr mit dem Pflanzen begonnen, erst in den Gewächshäusern, dann auf den Feldern. Immer schnell, schnell. Und ja nicht hinknien, weil das zu lange dauert. Immer nur bücken, bis der Rücken kracht. Dann hatten sie mit der Ernte begonnen: Spargel, Rettich, Tomaten. Von früh um sechs bis abends um sechs, dazwischen eine Stunde Pause. Mehr gab es nicht, da war der Bauer hinterher. Und immer schnell! Dann war der Chef an einem Tag überhaupt nicht aufgetaucht und am nächsten war er aufs Feld gekommen und hatte getobt. Marians Deutsch war nicht gut, er hatte nur irgendwas von »alle heimgehen« verstanden und »Ende« und »ruiniert«. Aber Hans, der Meister, hatte gesagt, sie sollten weitermachen. Dann waren immer mehr Fremde gekommen, mit Kitteln und Computern und Papieren. Und dann wurde die ganze bisherige Ernte abgeholt. Seitdem pflanzten sie wieder. Der Chef ließ sich kaum noch blicken.

Adam, der Pole, sprach gut deutsch, auch wenn er es sich nicht anmerken ließ. Der hatte ihnen abends im Wohncontainer erzählt, dass sie im Gemüse vom Stauderhof Gift entdeckt hätten oder irgendwas anderes, was die Leute krank machte. Das wiederum erklärte auch die vielen Autos mit den Parabolantennen auf den Dächern und die Leute mit den Kameras und Mikrofonen. Die waren seit zwei Tagen fast dauernd auf der Straße vor dem Hof. Man kam kaum noch hinaus oder hinein, auf die Salatfelder fuhren sie von der Rückseite des Hofes aus, da hatte Hans ein großes Loch in den Zaun geschnitten. In den Gewächshäusern bekamen sie nicht viel davon mit. Aber allen war aufgefallen, dass sie plötzlich langsamer arbeiten konnten, ohne dass jemand deswegen zu toben begann.

Dass nun gar keiner mehr arbeitete, lag an den Gewehrschüssen, die sie vor zehn Minuten gehört hatten, erst zwei, dann noch mal zwei, dann einer. Dazu hatten sie den Chef brüllen hören, natürlich auf Deutsch. Marian hatte nur »Verschwindet!« verstanden und »Sofort weg!«. Daraufhin waren sie aus dem Gewächshaus gelaufen und hatten den Chef mit dem Jagdgewehr am Dachfenster gesehen. Hans war gekommen und hatte sie weggescheucht, sie sollten auf der Rückseite des Hauses warten.

»Das war’s«, brummte Adam, während er sich eine Zigarette anzündete. »Morgen ist hier nix mehr mit Arbeit!«

»Ob er schon einen getroffen hat?«, fragte Viktor auf Bulgarisch. »Glaube nicht«, antwortete Adam.

Alle zehn drückten sie sich am Hauseck herum und versuchten, doch noch etwas von dem Schauspiel mitzukriegen. Nur der Deutsche lag im Gras, die Mütze über die Augen gezogen.

Am Anfang hatte Johann Stauder noch an einen Albtraum geglaubt, aus dem er sicherlich bald erwachen würde. Nach dem ersten Besuch des Gesundheitsamtes hatte er noch auf einen bösen Scherz gehofft. Auch als sie wiederkamen und schließlich das Ordnungsamt mitbrachten, als die ganze Ernte beschlagnahmt und vernichtet wurde, hatte er noch seine Frau beruhigt und gemeint, dass alles wieder in Ordnung käme. Die Versicherung würde zahlen, der Verdacht würde aufgeklärt und im Herbst wären sie wieder im Geschäft. Sie würden mit einem blauen Auge davonkommen. Das alles hatte er noch zu verarbeiten versucht, fernzuhalten von der Familie. Er war immer ein Fels gewesen. Das musste man auch sein, im Gemüseanbau. Nur die...


Veit Bronnenmeyer, geboren 1973 in Kulmbach, ist im Schul- und Bildungsreferat der Stadt Fürth tätig. Bei ars vivendi erschienen bereits seine Kriminalromane 'Russische Seelen', 'Zerfall', 'Stadtgrenze' und 'Gesünder sterben'. 2009 wurde er mit dem Agatha-Christie-Krimipreis ausgezeichnet.



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