E-Book, Deutsch, 1340 Seiten
Broi Virus
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7485-9962-3
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 1340 Seiten
ISBN: 978-3-7485-9962-3
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Alfred Broi wurde 1965 in Clausthal-Zellerfeld geboren, wo er auch heute noch lebt. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne. Seine Geschichten kommen einfach aus dem Bauch und sind pure Fantasie. Bisher sind insgesamt acht Romane veröffentlicht. Stoff für weitere Romane ist vorhanden, sie werden kontinuierlich folgen.
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II
Das dunkle Gefühl in seinem Herzen begleitete Maurizio durch die ganze Nacht. Und da er wusste, dass er so niemals Schlaf finden würde, trieb er sich und seine Männer immer weiter an.
Sie ritten ohne Unterlass und als die Morgendämmerung hereinbrach, hatten sie das östliche Hügelland hinter sich gelassen und ritten in die Ebene ein, in deren nordwestlicher Ecke sich Alimante, die prächtige Hauptstadt des Fürstentums, befand.
Während sie Meile um Meile näherkamen, konnten sie sehen, wie sich die aufgehende Sonne in den Dächern der Stadt spiegelte und sie in ein funkelndes Meer aus tausend Farben verwandelte, das die Männer, obwohl schon etliche Male gesehen, wieder tief beeindruckte, aber auch mit Stolz erfüllte, denn schließlich waren sie alle ein Teil dieses Fürstentums.
Als sie nur noch wenige hundert Meter von der Stadt entfernt waren, gab Maurizio das Zeichen, ihren Ritt zu verlangsamen und er selbst ließ seinen Schimmel locker austraben.
Dabei kam auch sein Geist etwas zur Ruhe und an die Stelle von Nervosität und Unsicherheit rückte die Vorfreude darauf, seine Familie wiederzusehen.
Doch nur einige Augenblicke später konnte er ausmachen, wie das südliche Stadttor geöffnet wurde und ein einzelner Reiter daraus hervorkam, der direkt auf sie zuhielt.
Maurizio blickte mit zunehmender Anspannung auf ihn. Wenig später konnte er ihn erkennen. Es war Moretti, der engste Vertraute des Fürsten und Kommandant seiner Leibgarde. Die Tatsache, dass dieser Mann und dann auch noch allein auf sie zukam, deutete auf eine ernste Angelegenheit hin und Maurizio musste seine Gedanken an seine Familie verdrängen.
Dann hatte Moretti sie erreicht.
Maurizio ließ seinen Trupp anhalten. Er selbst ritt etwa zehn Meter weiter und traf dort auf den Kommandanten der Leibgarde.
Moretti war ein wahrer Bär von einem Mann und mindestens zwei Meter groß. Sein gesamter Körper war austrainiert und übersät mit stahlharten Muskelpaketen. Seinen Brustkorb konnte ein Mann allein nicht umfassen. Dennoch wirkte Moretti nicht ungelenk oder kantig, sondern eher geschmeidig und elegant. Sein weißes Kopfhaar war sehr kurz geschnitten, sein Vollbart, bis auf ein etwas längeres Stück direkt unter dem Kinn, ebenfalls. Seine Haut war olivfarben und glänzte matt im Sonnenlicht. Unzählige Narben waren auf seinem Körper zu erkennen, die sich scharf von seiner dunklen Haut abhoben. Das Gesicht jedoch war ebenmäßig und beinahe makellos, seine Züge wirkten fein und fast schon sinnlich. Aus wachen, eisgrauen Augen sah er zu Maurizio hinüber. Sein Blick war dabei offen, aber ernst.
"Kommandant!" grüßte Maurizio und nickte ihm zu.
"Hauptmann!" erwiderte Moretti mit tiefer Stimme, aber regloser Miene.
"Eure Anwesenheit ist...überraschend!" meinte Maurizio. "Stimmt etwas nicht?"
Moretti schüttelte kaum merklich den Kopf. "Es ist alles bestens!" Seine Miene jedoch blieb weiterhin ernst. "Der Fürst hat mich lediglich beauftragt, dich und deine Männer zu ihm zu bringen!" Dabei deutete er rechts hinter Maurizio.
Als der sich herumdrehte, konnte er in etwa einem Kilometer Entfernung eine Baumgruppe erkennen. Es waren nur wenige Dutzend Exemplare, aber es waren mächtige Eichen mit riesigen Kronen. Maurizio wusste, dass sie einen großen Platz in ihrer Mitte überspannten, in dem seit Jahrhunderten eine kleine, steinerne Kirche stand. Es war die Kapelle der heiligen Katarina, doch bei den Einwohnern von Alimante war sie nur als Kriegskapelle bekannt. Immer dann, wenn dem Fürstentum ein Feind entgegentrat und es zu einer kriegerischen Auseinandersetzung kam, hatten die Fürsten stets in der Nacht vor der Schlacht hier um den Beistand des Herrn gebetet.
Es war eine jahrhundertealte Tradition, doch hatte sie Maurizio noch nie erlebt, denn das Fürstentum lebte nun schon weit über dreißig Jahren in friedlicher Koexistenz mit seinen Nachbarn.
Hat sich daran womöglich während unserer Abwesenheit etwas geändert? fragte er sich insgeheim. Die Tatsache, dass der Fürst dort auf sie wartete, erzeugte eine erneute Unruhe in ihm, doch sprach er Moretti nicht darauf an, sondern gab seinem Trupp Anweisung, dem Kommandanten der Leibgarde zu folgen.
Der Ritt zur Kapelle dauerte einige Minuten, da es Moretti nicht sonderlich eilig zu haben schien. Der Kommandant drehte sich nicht einmal um, doch konnte er sicher sein, dass ihm der gesamte Trupp folgte.
Durch die nahezu komplette Abschirmung durch die mächtigen Eichen konnten sie das kleine Steingebäude erst sehen, als sie quasi schon davorstanden.
Während Moretti anhielt und abstieg, erkannte Maurizio neben dem schneeweißen Hengst des Fürsten, noch ein halbes Dutzend weiterer Pferde. Er wusste sogleich, dass sie den anderen Mitgliedern der Leibgarde gehörten
Irgendetwas stimmt hier nicht, dachte er sofort. Dabei machte ihn nicht die Existenz der anderen Pferde nervös, sondern die Tatsache, dass ihre Besitzer nirgendwo zu sehen waren.
Moretti wartete stumm, bis alle Männer des Trupps eingetroffen und abgestiegen waren, dann sah er Maurizio wieder mit ernster Miene an, nickte ihm zu und deutete schließlich an, dass ihm alle ins Innere der Kapelle folgen sollten.
Alle? Diese Frage schoss ihm sofort in den Kopf. Dabei befiel ihn wieder dieses düstere Gefühl, das ihn schon den gesamten Rückweg begleitet hatte. Gleichzeitig dachte er an seine Familie und an die Vorfreude, die er dabei verspürt hatte. War das zu früh gewesen?
Wenige Augenblicke später betrat er das Innere der Kapelle. Hier herrschte ein wechselhaftes Dämmerlicht. Die Bäume ließen nur wenige Sonnenstrahlen durch ihr Blätterdach, die aber blitzten fast wie Schwertschneiden auf.
Die Kapelle bestand nur aus einem einzigen, großen Raum ohne versteckte Ecken und Nischen. Gegenüber der Eingangstür befand sich ein grober, steinerner Altar, auf dem eine handgefertigte Decke lag. Eine Vase mit frischen Blumen und ein irdener Kelch standen darauf. In der Mitte lag eine aufgeklappte Bibel.
Hinter dem Altar gab es eine deckenhohe, massive Holzwand, auf der einige Szenen aus der Bibel malerisch dargestellt waren. Die satten Farben und die sehr sorgfältige und gelungene künstlerische Ausgestaltung waren mittlerweile verblasst.
Vielleicht sollten diese Bilder mal wieder erneuert werden, dachte Maurizio, während sein Blick auf die Tür fiel, die nach hinten abgewinkelt in der Holzwand eingearbeitet war und hinter dem Altar einen kleinen abgeschiedenen Raum erzeugten.
Da Maurizio den Fürsten nirgendwo sehen konnte, nahm er an, dass er sich dort drinnen aufhalten musste.
Doch etwas Anderes verstärkte den Kloss in seinem Hals zusätzlich: Es war schon über ein Jahr her, dass Maurizio diese Kapelle mit seiner Familie besucht hatte, doch war er sicher, dass in diesen Raum vor den Altar Sitzbänke gehörten. Jetzt aber war nichts davon zu sehen, der komplette Raum war absolut leer. Wieder dachte er an seine Familie und an die Freude, sie wiederzusehen. War er zu voreilig damit gewesen?
Mittlerweile waren alle Männer von Maurizios Trupp in der Kapelle versammelt.
Als Moretti dies beinahe ausdruckslos registrierte, wandte er sich an Maurizio. "Folge mir!" sagte er. "Du und deine Offiziere!"
Maurizio war nicht wirklich überrascht, denn er hatte nicht damit gerechnet, dass der Fürst jetzt hier in diesen fast schon überfüllten Raum treten würde, um mit ihnen zu reden. Dass aber nicht nur Maurizio, sondern auch seine vier Offiziere, Moretti folgen sollten, irritierte ihn.
Doch er hatte keine Zeit für weitere Überlegungen, denn schon hatte Moretti die Tür seitlich des Altars erreicht und öffnete sie. Maurizio deutete dem Rest des Trupps an, hier zu warten, dann trat er mit seinen vier Offizieren an Moretti vorbei, der reglos dastand und ausdruckslos in die Kapelle zurückschaute. Erst, als die fünf Personen an ihm vorbei waren, gestattete er sich eine Regung. Deutlich sah man, wie sich sein Blick noch einmal verdunkelte und seine Kiefer aufeinander mahlten. Dann kräuselte er die Lippen, als habe er auf eine Zitrone gebissen.
Schließlich wandte er sich ab, folgte den Männern in das Innere des kleinen Zimmers und schloss die Tür hinter sich.
Der Raum besaß keine Fenster, dafür aber eine gläserne Kuppel, deren Scheiben zwar verschmutzt waren, aber dennoch für einigermaßen ausreichendes Licht sorgten, dass der einzige Anwesende am anderen Ende zu erkennen war.
Fürst Kuja stand ihnen abgewandt, mit gesenktem Kopf und mit auf dem Rücken verschränkten Händen vor einem alten, massiven Holztisch, auf dem etliche Utensilien für durchzuführende Messen lagen, die allesamt deutlich verstaubt waren. Er trug eine dunkle Reiterhose, sowie ein leichtes, weißes Leinenhemd. Ein dünnes Wams aus dunkelblauem, edlem Stoff hing über einer Stuhllehne neben dem Tisch, ebenso wie der Gürtel mit dem Säbel des Fürsten.
"Exzellenz?" sagte Moretti.
Für einen Augenblick schien es, als würde der Kommandant keine Reaktion erhalten, als der Fürst doch plötzlich seinen Kopf anhob. "Moretti?"
"Ich bringe euch Maurizio und seine Offiziere, wie ihr befohlen habt!"
Fürst Kuja drehte seinen Kopf ein wenig und ein knappes Nicken war zu sehen. Daraufhin trat Moretti zwei Schritte zurück.
Direkt vor die Ausgangstür, erkannte Maurizio, doch dann hörte er deutlich einen langen, tiefen Atemzug des Fürsten, kurz bevor der sich zu ihnen...




