E-Book, Deutsch, 252 Seiten
Reihe: Arena Thriller
Brömme Rachekuss
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-401-80216-9
Verlag: Arena
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Arena Thriller:
E-Book, Deutsch, 252 Seiten
Reihe: Arena Thriller
ISBN: 978-3-401-80216-9
Verlag: Arena
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
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1. Kapitel
Auszug aus dem psychiatrischen Gutachten, Prof. Dr. W. Metzler vom 02.12. d. J.
»…Die Patientin berichtet, dass ihr Veränderungen in ihrem Leben schon immer schwer zu schaffen gemacht hätten. Durch plötzliche Neuerungen in ihrer aktuellen Lebensphase spüre sie, wie ihr innerer Druck wachse und das Stressempfinden zunähme. Wie sie diesen Druck sinnvoll und ergebnisorientiert vermindern könne, wisse sie nicht…«
Es war nicht einmal ein Vierteljahr her, dass Flora gemeinsam mit ihrem jüngeren Bruder Lucas und ihrer Mutter in Nürnberg angekommen war. »Ey, krass«, hatte der Elfjährige beim Landeanflug gerufen. »Schaut mal, wie klein das alles ist. Wo sind denn die Häuser? Wohnen da auch irgendwo Menschen oder müssen wir im Wald leben?« Leticia hatte ihm lachend eine Locke aus der Stirn gestrichen und mit ihrer weichen, melodischen Stimme erklärt, dass Nürnberg eben nicht so groß sei wie Rio de Janeiro, wo man den Eindruck habe, der Atlantik gehe einfach über in ein nicht enden wollendes Meer aus Häusern, bevor irgendwann der internationale Flughafen Galeão Antônio Carlos Jobim auf der Gouverneurs-Insel aus dem Wasser auftauchte.
»Papa hätte garantiert wieder gesagt, er würde sich wünschen, dass man in seiner Heimat auch mal einen Flughafen nach einem Musiker benennt so wie in Rio«, lachte Flora.
»Ja«, ergänzte Lucas. »Und dann hätte er dieses langweilige ›Girl from Ipanema‹ gepfiffen und Mama in den Po gezwickt.« Leticia lächelte angestrengt. Für Flora und Lucas war der über zwölfstündige Flug nicht weiter erwähnenswert, Leticia dagegen wirkte wie zerschlagen. Dunkle Ränder gruben sich unter ihren Augen ein, die genauso groß und ausdrucksstark wie die ihrer Tochter waren. Wahrscheinlich hatte sie heute Nacht keine Stunde geschlafen.
»Wann waren wir eigentlich das letzte Mal hier?«, wollte Lucas wissen, während das große Flugzeug mit leichtem Holpern auf der Landebahn aufsetzte.
»Ich glaube, zu Omas Beerdigung vor zwei Jahren«, überlegte Flora und schlagartig wurde ihr klar, dass dies hier kein Flug in die Ferien war. Dies war der Flug in ein neues Leben.
Ohne ein Rückflugticket im Gepäck.
Theo Harnasch stand pünktlich um 6.30 Uhr in der Ankunftshalle mit einem großen Schild bereit, auf das er – oder vielleicht seine Sekretärin? – »Bem Vindos«, herzlich willkommen, geschrieben hatte. Lucas rannte »Papai-Papai« rufend auf ihn zu und fiel ihm um den Hals. Flora entschied sich für eine etwas gemäßigtere Gangart. Ihr Vater sollte nicht glauben, dass sie sich inzwischen mit der Tatsache angefreundet hatte, in Deutschland ihr Abitur zu machen.
»Bald bin ich 18 und dann kann ich gehen, wohin ich will!«, hatte sie immer wieder erklärt. Doch Theo hatte sie mit diesem überheblichen Lächeln gemustert, das er sonst nur unfähigen Assistenten gegenüber aufsetzte, und erwidert: »Und wer soll deinen Unterhalt zahlen? Rio – so wie du es gewohnt bist – ist teuer.« Und damit war das Gespräch für ihn beendet. Flora hasste an ihrem Vater nichts mehr als sein Talent, Diskussionen ins Leere laufen zu lassen. Sie konnte insistieren, immer wieder neue Fakten ins Feld führen, gurren, schimpfen – er wandte sich einfach einem ihm genehmeren Thema zu und die Sache war für ihn erledigt.
»Ich finde es toll, dass du auf meiner alten Schule dein Abi machen wirst«, hatte er gestrahlt. »Du wirst es lieben. Du kannst Theater spielen und Musik machen. Ich freu mich so, wenn du deine Klarinette wieder auspackst.«
»Schade, dass du trotz musischem Gymnasium so ein langweiliger Ingenieur geworden bist«, giftete Flora. »Sonst wärst du jetzt Musiker in Brasilien und dabei würde es einfach bleiben. Scheißkarriere!« Dann hatte sie ihm den Rücken zugekehrt und das Zimmer verlassen.
Als sie ihm nun am Flughafen gegenüberstand, spürte sie zu ihrer Verwunderung, wie froh sie war, ihn wiederzusehen. Theo Harnasch war bereits vor drei Monaten in seine alte Heimat Erlangen zurückgekehrt, wo er nach 23 Jahren in Brasilien jetzt als CEO der Abteilung »Erneuerbare Energien« in den Mutterkonzern berufen worden war. Flora hatte sich nie so recht vorstellen können, was ihr Vater den ganzen Tag lang tat – aber er musste wohl viel zu tun haben, denn er war selten zu Hause gewesen. Und in Erlangen würde sich das mit Sicherheit nicht bessern, jetzt, wo er weiter aufgestiegen war.
»Minha princesa«, begrüßte er sie und nahm sie fest in den Arm. »Es tut so gut, euch wieder bei mir zu haben!«
Flora machte sich los. Ihre Freude war augenblicklich eingedämmt. Am liebsten hätte sie ihm ihren Ärger vor die Füße gespuckt: »Wie’s uns dabei geht, ist dir natürlich egal.« Aber sie schwieg. Ihre Mutter hatte sie während des Fluges mehrmals gebeten, doch bitte schön nicht gleich wieder einen Streit vom Zaun zu brechen, sobald sie deutschen Boden betraten. Flora solle Deutschland eine Chance geben, hatte Leticia sie beschworen. Und weil Flora wusste, wie sehr ihre Mutter darunter litt, wenn es zwischen Vater und Tochter krachte, hielt sie sich zurück. Noch.
Durch strömenden Regen hasteten sie mit riesigen Gepäckladungen zum Auto. Flora fröstelte. Obwohl es erst Anfang September war, hatte sie das Gefühl, dies müsste schon der berüchtigte deutsche Herbst sein, über den ihre Großmutter immer gejammert hatte. Er krieche einem nass und kalt unter die Haut und piesacke die Knochen, hatte sie behauptet. Jetzt verstand Flora, wie sie das gemeint hatte. Und in Brasilien begann bald der Frühling.
Die Fahrt vom Nürnberger Flughafen hinüber ins nahe gelegene Erlangen besserte ihre Stimmung um keinen Deut. Die Autobahn schlängelte sich an aufgeräumtem, ödem Nadelwald und großen Feldern vorbei, bevor sie sich über den Frankenschnellweg den ersten Häusern näherten. Gesichtslose Reihenhaussiedlungen und Vorgartenidyllen reihten sich aneinander. Flora versuchte, der Trostlosigkeit durch Augenschließen zu entkommen. Doch die Bilder, die hinter ihren Lidern auftauchten, machten sie noch trauriger. Sie sah sich am Strand von Rio mit seinem Himmel voller unglaublicher Wolkenformationen über den Gipfeln der »Zwei Brüder«, sie sah das Leuchten der untergehenden Sonne, die alles, die Hochhäuser, den Strand und die üppige Vegetation, in ein unwirkliches Licht versetzte. Keine 48 Stunden war das her. Die halbe Schulklasse war nach Ipanema gekommen, um sie am Posto neun, ihrem liebsten Strandabschnitt, zu verabschieden. Ana-Sophia, Christina und Luisa, ihre engsten Freundinnen, aber auch die Jungs, die im Laufe des letzten Jahres fast so etwas wie große Brüder für sie geworden waren, Joao, Guilherme, Joao Filipe. Und Elizeu, der ein bisschen mehr war als ein Bruder. Denn seine Küsse schmeckten so unglaublich süß. Zunächst saßen sie alle etwas beklommen im warmen Sand, kauften den Strandhändlern kaltes Bier ab und Dosenchampagner und schwiegen, den Blick fest aufs Meer geheftet. Später, nachdem die Jungs beim Surfen ihr Bestes gegeben hatten, als wollten sie Flora damit ein Abschiedsgeschenk machen, zündeten sie ein Lagerfeuer an und verteilten die Leckereien, die Flora unterwegs eingekauft hatte. Natürlich das brasilianische Nationalgericht – kräftig gewürzte »Acarajé«, ausgebackene Kroketten, die aus Bohnenmus bestanden, Garnelenspieße und fischgefüllte Tapioka-Fladen, Floras Favoriten »Vatapá«, Pasteten mit scharfer Soße, und für die Mädchen, die essen konnten, ohne zuzunehmen, »Pão de Queijo«, warme Käseteigkugeln. Doch eigentlich war das nebensächlich.
Flora war ungewohnt still, weil sie immer befürchtete, in Tränen auszubrechen, wenn sie etwas sagen wollte. Elizeu und Luisa bemühten sich, kleine Witze zu reißen, sie mit Anekdoten von schrecklichen Lehrern und dämlichen Klassenkameraden zum Lachen zu bringen. Aber irgendwann saßen sie zu dritt dicht nebeneinander, die Hände verschlungen und allen drei liefen Tränen die Wangen hinunter.
»Hey«, protestierte Ana-Sophia. »Es gibt inzwischen günstige Flüge hierher – und bis zum Abi ist es nicht mal mehr ein Jahr. Und dann kommst du wieder!«
»Hoffentlich«, flüsterte Flora.
»Außerdem können wir chatten und twittern und skypen und simsen und was weiß ich«, ergänzte Christina. »Und jetzt kommt – dahinten steppt der Bär.« Flora ließ sich mitziehen zu der Samba-Gruppe, die wenige Meter neben ihnen zu spielen begonnen hatte. Sie reihte sich in den Kreis der Tanzenden ein, spürte Elizeus warme Hände auf ihren nackten Schultern, tauchte ein in den Rhythmus der Töne und beschloss, ab jetzt nicht mehr zu denken. Lauthals sang sie die alten Verse mit, die ihr schon das Kindermädchen vor über zehn Jahren vorgesungen hatte: »A vida é uma praia longa«. Das Leben ist ein langer Strand.
Im ersten Moment hatte Flora das Haus ihrer Großeltern in der Hofmannstraße nicht wiedererkannt. Früher war es in einem schmuddeligen Gelbbraun gestrichen gewesen, nun strahlte es beinahe so weiß wie ihr Haus in Urca. Ein riesiger, akkurat gepflegter Garten mit einem gewaltigen Kirschbaum in seiner Mitte umgab das Gebäude. Flora erinnerte sich, wie sie als kleines Mädchen mit ihren Cousinen hier im Sommer herumgetollt war.
Auch innen hatte Theo Harnasch ganze Arbeit leisten lassen. Die großen, schweren altdeutschen Möbel waren verschwunden, aus kleinen Räumen war ein großer geworden und das Dachgeschoss ausgebaut. Überall gab es leichte helle Möbel, die noch mehr Weite suggerierten. Für Leticia hatte der Vater im Souterrain ein Atelier einrichten lassen, das zu einer eigenen Terrasse in den Garten...




