E-Book, Deutsch, 96 Seiten
Brockschnieder Reggio-Pädagogik
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-451-83589-6
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Pädagogische Ansätze in der Kita
E-Book, Deutsch, 96 Seiten
ISBN: 978-3-451-83589-6
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Was in der italienischen Stadt Reggio Emilia als frühpädagogisches Projekt begann, setzt sich auch in Deutschland immer mehr als Konzept durch: die Reggio-Pädagogik. Dieses Buch vermittelt die grundlegenden pädagogischen Ideen und die Praxis dieses Ansatzes. Es verweist auch auf die politische Dimension der Reggio-Pädagogik, die sich in neuen Formen der Elternarbeit, den kollektiven Leitungsstrukturen und der Gemeinwesenorientierung niederschlägt.
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2 Die theoretischen Grundlagen der Reggio-Pädagogik
2.1 Die Reggio-Pädagogik als Erziehungsphilosophie – Zum Selbstverständnis der Reggio-Pädagogik
Die Reggio-Pädagogik ist kein pädagogisches Konzept, sondern eine Erziehungsphilosophie. Diese Feststellung ist für die Begründer:innen und Vertreter:innen der Reggio-Pädagogik von zentraler Bedeutung und daher in den Veröffentlichungen zur Reggio-Pädagogik oft zu lesen. Gleichzeitig irritiert diese Feststellung viele Leser:innen und wahrscheinlich nehmen nur wenige Leser:innen diese Irritation zum Anlass, die Bedeutung dieser Aussage zu klären. Für ein tiefergehendes Verstehen der theoretischen Überlegungen und die Realisierung des praktisch-pädagogischen Handelns ist das Verständnis dieser Feststellung und damit das Erfassen des Selbstverständnisses des pädagogischen Wissens der Reggianer aber von wesentlicher Bedeutung.
Pädagogisches Wissen kann in verschiedenen Formen bereitgestellt werden – etwa als wissenschaftliche Theorie oder als Konzept. In der Elementarpädagogik existieren unterschiedliche Wissensformen, die aber begrifflich nicht immer eindeutig voneinander getrennt werden. Nur selten wird z. B. eindeutig zwischen einer Theorie und einem Konzept unterschieden (Drieschner/Gaus 2017, S. 399).
Geht man von dem nachfolgenden Verständnis des Begriffes „Konzept“ aus, so ist festzustellen, dass in der Frühpädagogik die Fachdiskussion vornehmlich von elementarpädagogischen Ansätzen, die tendenziell als Konzept einzuordnen sind, dominiert wird.
„(…) pädagogische Konzepte (erscheinen) auf einer ersten grundlegenden Ebene als programmatische Verdichtungen pädagogischer Leitideen und Prinzipien zu menschlicher Entwicklung und individuellem Lernen, zu pädagogischen Interaktionen und Organisationen sowie zu Bildern von Kindern, von Klientinnen und Klienten und zur Rolle von Pädagoginnen und Pädagogen. Als solche dienen sie primär Zwecken der Orientierung professionellen Handelns in den jeweiligen pädagogischen Berufspraxen“ (Drieschner/Gaus 2017, S. 400).
Ausgehend von diesem Begriffsverständnis erscheint auf den ersten Blick auch die Reggio-Pädagogik als Konzept einzuordnen zu sein, da sie viele der beschriebenen Begriffsmerkmale aufweist.
Dennoch wenden sich die Reggianer gegen eine solche Einordnung und betonen, dass sie ihren Ansatz im Gegensatz dazu als eine Erziehungsphilosophie verstehen. Damit ist zunächst nur gesagt, was die Reggio-Pädagogik nicht ist: Sie ist kein Konzept und keine wissenschaftliche Theorie. Offen ist aber, was es bedeutet, sich als eine Erziehungsphilosophie zu verstehen, und wieso die Reggio-Pädagogik sich nicht als Konzept versteht, obwohl viele Merkmale des Begriffs „Konzept“ auch auf die Reggio-Pädagogik zutreffen.
Die Reggianer bezeichnen ihren Ansatz als „Reggio Emilia Approach“. „Approach“ bezeichnet in der englischen Sprache einen Zugang, eine Annäherung oder einen bestimmten methodischen Weg. Die Reggio-Pädagogik ist gekennzeichnet durch eine spezifische Art, sich mit Fragen der Erziehung auseinanderzusetzen. Dieser Zugang ist als philosophisch zu bezeichnen und daher verstehen die Reggianer ihren Ansatz als eine Erziehungsphilosophie. Zu klären bleibt, was unter einer Philosophie zu verstehen ist.
In der Philosophie existiert kein einheitliches Begriffsverständnis. Mit dem Begriff „Philosophie“ werden unterschiedliche Bedeutungen verbunden:
- Philosophie als Bezeichnung eines spezifischen Gegenstandsbereichs. Die Philosophie beschäftigt sich z. B. mit Fragen, die nicht durch empirische Wissenschaften geklärt werden können: Was ist gut? Was ist das Wesen des Menschen? Was ist Erziehung? Welche Ziele sollten in der Erziehung angestrebt werden?
- Philosophie als Bezeichnung für die Ergebnisse des Nachdenkens über die spezifischen Fragen: Was ist Erziehung? Welches Bild vom Kind ist angemessen?
- Philosophie als Bezeichnung für die Tätigkeit des Philosophierens. Gegenstand dieser Tätigkeit ist die Klärung von Begriffen, Aussagen oder Erfahrungen (Rosenberg 2009, S. 21).
Die Reggio-Pädagogik ist eine Erziehungsphilosophie in diesem dreifachen Sinne:
- Sie beschäftigt sich mit Fragen, die im Kern erziehungsphilosophischer Natur sind, und nicht mit Fragen, die durch eine empirische Wissenschaft beantwortet werden können: Was ist Erziehung? Welche Ziele sollen in der Erziehung verfolgt werden? In welchem Verhältnis sollten Theorie und Praxis stehen?
- Sie formuliert ihren Wissenstand bezüglich dieser Fragen: Sie versteht z. B. Erziehung als ein experimentelles Handeln.
- Sie versucht, fortlaufend die Bedeutung bestimmter Aussagen und Erfahrungen zu klären. Sie betreibt Philosophie im Sinne einer Tätigkeit.
Darüber hinaus ist die Reggio-Pädagogik auch in dem Sinne eine Erziehungsphilosophie, als das Philosophieren als Tätigkeit nicht nur im Rahmen der Klärung der Erfahrungen durch die Erwachsenen genutzt wird, sondern auch im Erziehungsprozess mit den Kindern philosophiert wird. Die Reggio-Pädagogik ist also nicht nur eine Philosophie im Hinblick auf die Art des Nachdenkens über Erziehung, sondern das erzieherische Handeln selbst besteht zu einem wesentlichen Teil in der Tätigkeit des Philosophierens.
Auf der Basis dieser Ausführungen zur Erziehungsphilosophie wird verständlich, dass die Reggianer ihr pädagogisches Wissen nicht als ein Konzept verstehen, obwohl inhaltlich ihre Aussagen mit den Inhalten vieler Konzepte übereinstimmen, da die Mehrzahl der Konzepte oft auch erziehungsphilosophische Überlegungen wie z. B. Überlegungen zu den Zielen der Erziehung beinhalten.
Der entscheidende Unterschied – und damit die Begründung für die Ablehnung der Einordnung als Konzept – ist also nicht vornehmlich im Inhalt selbst, sondern im Entstehungs- und Geltungszusammenhang der Inhalte zu suchen. Das pädagogische Wissen der Reggianer ist entstanden aus der Reflexion ihrer spezifischen Erfahrungen, die sie philosophisch reflektiert haben und die sie permanent weiterentwickeln. Die Reggio-Pädagogik ist eine Pädagogik, die einer ständigen Veränderung unterliegt. Es ist eine Pädagogik des Werdens. Die Inhalte haben also nur eine Geltung für einen begrenzten historischen und gesellschaftlichen Bereich.
Die in diesem Buch beschriebenen theoretischen und praktischen Elemente der Reggio-Pädagogik stellen dementsprechend den momentanen Stand der pädagogischen Erkenntnisse unter bestimmten historischen und gesellschaftlichen Bedingungen dar. Daher sind die Erkenntnisse der Reggianer, im Gegensatz zu den Konzepten, nicht mit dem Anspruch verbunden, konkret die Richtung professionellen Handelns zu bestimmen. Sie können zwar als Anregungen für das eigene Philosophieren dienen, aber sie können und dürfen das eigene Philosophieren und damit die Entwicklung eines eigenen Konzeptes nicht ersetzen.
Die Reggio-Pädagogik ist also kein pädagogisches Konzept, sondern eine Anleitung zum Nachdenken über Erziehung. Beispielhaft zeigen und begründen die Reggianer, welche Fragen pädagogisch relevant sind, wie diese Fragen geklärt werden können und zu welchen Ergebnissen sie gekommen sind. Stets verbunden mit dem Hinweis, dass ihre Ergebnisse Ergebnisse sind und nicht im Sinne eines Konzepts unreflektiert übernommen werden können.
2.2 Das Erziehungsverständnis der Reggio-Pädagogik
2.2.1 Erziehung als gesellschaftliche Aufgabe
„Um ein Kind zu erziehen, bedarf es eines ganzen Dorfes.“ (Afrikanisches Sprichwort)
Paolo Freire behauptet, Erziehung sei niemals neutral, sie diene entweder der Befreiung oder der Unterdrückung des Menschen (vgl. Freire 1984, S. 13). Damit weist er auf die große gesellschaftliche und politische Bedeutung von Erziehung hin. Die Reggianer teilen diese Auffassung. Für sie ist der Zusammenhang von Erziehung und Gesellschaft ein zentraler Aspekt ihrer pädagogischen Tätigkeit und Reflexion. Erziehung als gesellschaftliche Aufgabe zu begreifen, bedeutet für sie dreierlei: Aufgabe der Erziehung ist es erstens, mitzuwirken an der Entwicklung einer menschenwürdigen Gesellschaft. Zweitens soll sie die gesellschaftlichen Bedingungen und deren Veränderungen in der pädagogischen Arbeit berücksichtigen und drittens soll die Gesellschaft die Erziehung unterstützen und als wichtige öffentliche Aufgabe begreifen.
Erziehung muss neben der umfassenden Förderung der einzelnen Kinder auch eine positive Entwicklung der Gesellschaft anstreben. Dies bedeutet, gesellschaftliche Verhältnisse anzustreben, die durch ein hohes Maß an Humanität, Demokratie, Solidarität und Frieden gekennzeichnet sind, anzustreben.
Die Reggianer wollen auf zwei Wegen einen Beitrag zur Erreichung dieser Ziele leisten: erstens, indem sie im pädagogischen Alltag danach trachten, wesentliche Werte zwischenmenschlichen Zusammenlebens zu fördern, und zweitens, indem sie die Zusammenarbeit mit allen an der Erziehung beteiligten Erwachsenen dazu nutzen, suchen, um solidarische und demokratische Formen gesellschaftlichen...




