E-Book, Deutsch, 341 Seiten
Brockhaus Attraktion der NS-Bewegung
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8375-1310-3
Verlag: Klartext
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 341 Seiten
ISBN: 978-3-8375-1310-3
Verlag: Klartext
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Bis heute überschattet Entsetzen über Völkermord und Vernichtungskrieg die Frage nach der Anziehungskraft der NSDAP, die ab 1930 massenhafte Zustimmung bei Wahlen fand. Welche Themen der Ideologie, welche Praxis, welche Erlebnisangebote und Bilder überzeugten? Worin bestand die emotionale Anziehungskraft der NS-Bewegung? Wie bezog sich diese Attraktion auf die Bedürfnisse und Ängste, die nach der Weltkriegsniederlage in den Dauerkrisen der Weimarer Republik entstanden? Der Band beleuchtet die Ursachen der Zustimmung zur NS-Bewegung aus sozial- und kulturgeschichtlicher Sicht. Sozialpsychologische und psychoanalytische Beiträge ergänzen die historischen Perspektiven, um besser zu verstehen, wie sich die geschichtlichen Ereignisse in subjektives Erleben umsetzen und die NS-Angebote attraktiv werden lassen. Die Erosion von gesellschaftlichen Strukturen und Perspektiven verstärkte Bedürfnisse nach einer radikalen Erneuerung, gewaltsamer Expansion und Verfolgung der "Schuldigen". Gleichzeitig beförderten die Krisen auch diametral entgegengesetzte Wünsche nach Sicherheit, Harmonie und exkludierender Ordnung in einer autoritär geführten Volksgemeinschaft. In drei abschließenden Arbeiten weisen die Autoren - bei allen Unterschieden - vergleichbar widersprüchliche Muster im aktuellen Rechtsextremismus nach.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Alexander Meschnig
Die Sendung der Nation
Vom Grabenkrieg zur NS-Bewegung
Stellungskrieg
Im September 1914 scheitert der deutsche Angriffsplan 50 Kilometer vor Paris an der Marne. Die vom feindlichen Widerstand überraschten Armeen ziehen sich nach furchtbaren Verlusten an das Flüsschen Aisne zurück. Von diesem Moment an beginnt, zunächst von den Generalstäben beider Seiten noch uneingestanden, der für die westliche Front des Ersten Weltkriegs so typische Verlauf, der die Bilder dieses Krieges bis heute bestimmt: von Kratern und Granattrichtern übersäte Landschaften, Erdfontänen, Gasschwaden, Grabensysteme, Stacheldraht und Schlamm. Aufseiten der Soldaten und der militärischen Führung: frontale Massenangriffe mit Tausenden von Toten, von Granatsplittern zerstörte Körper, endloses Warten in dreckigen Unterständen, vollkommene Ungewissheit der einzelnen Einheiten über den Gesamtverlauf der Schlachten.
Das über die Jahre immer besser ausgebaute Graben- und Verteidigungssystem ließ alle Offensiven an der Westfront mit blutigen Verlusten scheitern. Abermillionen von Granaten und Tausende von Geschützen, an die Front geschafft in der Hoffnung, den Gegner durch die Anhäufung von Material schier erdrücken zu können, sollten die verfahrene Lage ändern. Der englische Historiker Eric Hobsbawm beschreibt die aus dem Abnutzungskrieg entstehenden Verhältnisse in seinem Buch in eindringlichen Worten:
Die klassische Kriegskunst war mit der Aufbietung immer noch größerer Material- und Soldatenmassen an ihr Ende gelangt. Wilhelm Ritter von Schramm, Offizier und Militärhistoriker, hat in der von Ernst Jünger 1930 herausgegebenen Anthologie die Veränderungen der Kriegführung aus der Sicht des einfachen Soldaten eindringlich beschrieben:
[…] 2
1914 war man – nicht nur auf deutscher Seite – in der Hoffnung auf eine schnelle militärische Entscheidung in den Krieg gezogen. Niemand dachte daran, einen langen und zermürbenden Verschleißkrieg zu führen, eher sah man eine Wiederholung der Ereignisse von 1870/71 als wahrscheinlich an. Kein Verantwortlicher, ob Politiker oder Militär, wusste, was ein Länder umspannender Krieg im Industriezeitalter bedeutete; die wenigen kritischen Stimmen wurden gemeinhin ignoriert. Die führenden Offiziere waren, mit einzelnen Ausnahmen, noch ganz den alten Traditionen verhaftet und erst die zunehmend sichtbaren Realitäten des Krieges führten zu einem langsamen Umdenken, das aber zu spät kam, um noch Wirkungen zu zeitigen:
Als die verzweifelten Versuche, die Länge des Krieges zu begrenzen, die Freisetzung aller nationalen Energien notwendig machte, konnten sich diejenigen Stimmen vermehrt Gehör verschaffen, die schon längere Zeit vom totalen Staat, totaler Politik und totaler Kriegführung träumten.
Basierend auf seinen Kriegserlebnissen als Frontoffizier hat Ernst Jünger in einem 1930 erschienenen Aufsatz zur »Totalen Mobilmachung« das Prinzip einer solchen Bewegung beschrieben: jegliche individuelle Äußerung, das gesamte gesellschaftliche Leben, Krieg und Frieden, alles wird zum partiellen Ausdruck einer Totalität des Krieges und der Arbeit, die sich selbst als Krieg (Produktionsschlacht) versteht. Nichts soll mehr existieren, das nicht zugleich produktiv machen und Kräfte für die kommende große Auseinandersetzung bereitstellen kann. Die »technische Seite der totalen Mobilmachung«, so Jünger, »ist indessen nicht die entscheidende. Ihre Voraussetzung liegt vielmehr, wie die Voraussetzung jeder Technik, tiefer: wir wollen sie hier als die bezeichnen.«5 Was dem Krieg von 1914–1918 also auf deutscher Seite gefehlt hatte, war ein Glaube oder eine innere Bereitschaft für die totale Mobilisierung. Diese war in Deutschland nicht vorhanden und so musste der Krieg verloren werden. Adolf Hitler hatte zu dem Zeitpunkt, als Jünger diese Zeilen schrieb, bereits die gegründet, die in der Tat die ganze Welt – und nicht nur Deutschland – mobilisieren sollte. Die frühesten Mitglieder der NSDAP, der SA und SS stammten, wie Hitler selbst, meist aus der »verlorenen Generation« des Materialkrieges und der Freikorps, unfähig sich nach Kriegsschluss in die zivile Ordnung zu integrieren.
Kriegserlebnis
Der Nationalsozialismus ist notwendig aus dem Krieg der Jahre 1914–1918 als politische Bewegung hervorgegangen. Geschichte – und das zeigt der Nationalsozialismus deutlich – ist immer auch kontingent. Die kaiserliche Politik und Kriegführung, schließlich die Niederlage und der Versailler Vertrag – alle diese Elemente waren zwar entscheidend, sind aber für sich genommen nicht alleiniger Auslöser für den Aufstieg Hitlers und der NSDAP. Die Wurzeln des Nationalsozialismus sind wesentlich älter und reichen weit in das 19. Jahrhundert zurück. Imperialismus und Rassismus, sowie die gegen den Marxismus gerichtete Doktrin eines national-revolutionären Sozialismus der reinen Volksgemeinschaft sind Produkte des 19. Jahrhunderts.
Der wichtigste Bezugspunkt und die entscheidende Komponente für den Sieg des Nationalsozialismus über alle anderen politischen Kräfte Anfang der 1930er Jahre waren aber, trotz aller notwendigen Relativierungen, der Krieg und die mit ihm verbundene Niederlage.6 Die Enttäuschung über den verlorenen Krieg war die emotional stärkste und zeitlich nächste Empfindung eines großen Teils der deutschen Gesellschaft. Für den Nationalsozialismus war das der zentrale Ausgangspunkt für die Gründung der Bewegung und die Politisierung seiner Führer. »Der Nationalsozialismus war«, so der Historiker Karl Dietrich Bracher in seinem Standardwerk , »wie Hitler ein Produkt des Ersten Weltkrieges.«7 Ähnlich der Kulturwissenschaftler Wolfgang Schivelbusch: »Für den Faschismus und den Nationalsozialismus war das Kriegserlebnis der alles bestimmende Schöpfungsakt.«8
Der Erste Weltkrieg und die Niederlage Deutschlands symbolisierten für die »Männer der Front« und für einen Teil der bürgerlichen Jugend, die die...




