E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Brinkmann Liebesgeschwüre
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-939239-81-9
Verlag: UBOOKS
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-939239-81-9
Verlag: UBOOKS
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Manchmal wäre es besser, wenn es keine Hoffnung mehr gäbe, dann könnte man einfach sterben und das Leid hätte ein Ende. Wer gewonnen hat, ist mir egal! Davon verstehe ich sowieso nichts ... Aber ich entscheide mich jetzt! Ein Junge, der eigentlich nie eine Chance hatte. Ein Junge, der allein durch den Glauben an seine geliebte Schwester sein Leben erträgt. Diese Liebe frisst ihn am Ende auf wie ein Metas-tasen bildender Krebs. Ina Brinkmanns zweiter Roman ist ein sprachlich sowie erzählerisch beeindruckendes Werk, in dem zwei Erzählstränge kunstvoll zu einer Geschichte verwoben sind. Damit bringt die Autorin uns den menschlichen Abgründen der Liebe näher, einer Liebe die uns aber auch dazu antreiben kann, weiterzugehen.
Autoren/Hrsg.
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2.
Wer ist jetzt schuld?
Ich, du oder die Tür?
Rosis Blick ist trübe und ich glaube, sie hat wieder Rückenschmerzen. In den letzten Wochen ist sie immer wieder vollkommen fertig deswegen. Stöhnt beim Putzen, und die Mangelware Freundlichkeit wird noch rarer. Trotzdem schleiche ich mich zu ihr in die Küche, wo sie gerade ein Zahlenrätsel löst und mit zusammengekniffenen Faltenlippen und strengem Stirnrunzeln immer wieder zur beigen Deckenlampe stiert, als stünde die Lösung auf den Flecken am Schirm.
«Ros…», setze ich an, nehme einen strafenden Blick in Empfang und versuche es versöhnlicher mit «Ma?»
Sie legt den Stift beiseite und stützt das Kinn in die kleinen, aber kräftigen Hände. «Was ist, Junge? Hunger?»
Ich nicke und setze mich vorsichtig auf das weiche Stuhlpolster ihr gegenüber.
«Magst ’ne Stulle? Oder Nudeln?»
«Brot reicht, danke.» Gedankenversunken betrachte ich sie, wie sie Käse aus dem Kühlschrank und Brot aus dem Kasten holt, mit Teller und Messer klappert und sich hin und wieder den Rücken reibt. Vielleicht mag ich sie gerade. Aber ich kann mich nicht so recht entscheiden.
«Der … Besuch … Also der von heute, der Neue …», druckse ich herum und schiele auf die Rätselzeitschrift.
«Der junge Bursche? Was ist mit dem? Habt ihr euch vertragen?»
Meine Hände schwitzen und ich ärgere mich über diese dumme Unsicherheit. Wahrscheinlich leuchten auch meine Ohren feuerrot. «Nein. Eigentlich nicht. Der wollte nicht … also der hat kein …»
«Kein was? Jetzt lass dir nicht alles aus der Nase ziehen. Willst du mit Butter oder Mayo?»
«Butter.»
«Du isst eh zu wenig. Du wirst mir noch ganz dürr.»
«Ich wachse. Das ist normal.»
«Von mir aus kannst du das auch lassen … Also, was hat der Bursche gemacht? Oder nicht gemacht?»
«ErwolltekeinGummi», nuschle ich mit gesenktem Blick, dass es klingt wie ein langes Kaugummiwort.
«Manuel, mach’s Maul auf! Deutlich!»
«Er. Wollte. Kein. Gummi.»
Roswitha klatscht ein paar Scheiben Käse aufs Brot, einen Augenblick vertieft in die Wandfliesen vor sich.
Ich betrachte ihren breiten Rücken, die kurzen fetten Waden, die unten aus dem Hauskleid lugen und in zwei klumpigen Füßen enden. Sie trägt Schlappen, die immer ein bisschen klatschen, wenn die Ferse auf das dunkelgeschwitzte Leder kommt.
Für einen Moment denke ich an Sarina und ihre schlanken Beine, wie sie immer von einem Fuß auf den anderen gehüpft ist oder sich mit den Zehen an den Schienbeinen gekratzt hat, wenn sie Sandwiches schmierte. Diese Frau da, vor den braunen Wandfliesen, hat so wenig Ähnlichkeit mit meiner Schwester, dass es wehtut. Aber als sie sich umdreht, zu mir kommt und das Brett mit dem Essen vor mir auf den Tisch stellt, mir mit der strengen Hand durch die Haare fährt, dass es mir fast tatsächlich mütterlich vorkommt – ist es okay und der Hunger ist ehrlich.
«Ist das so?», fragt sie und schiebt ihre Lesebrille ins Dekolleté.
«Ja. Er hat’s ohne gemacht. Tut mir ehrlich leid, aber ich konnte nichts dagegen machen … Tut mir leid.»
Bo sitzt wie immer im Wohnzimmer und glotzt in den Kasten. Rosi ruft nach ihm und schüttelt verärgert den Kopf, als er nicht reagiert.
«Na, geh zu deinem Pa. Iss in Ruhe und dann geht in den Garten. Da stimmt schon wieder was nicht mit der Regenrinne. Für heute hast du frei. Ich kümmere mich schon um den Bengel.»
Sie schüttelt noch einmal den Kopf und schnalzt mit der Zunge, dann widmet sie sich wieder ganz der Zeitschrift und den vollkommen falschen Lösungen des Zahlengitters.
Bo erwartet nicht, dass ich ihn Pa nenne, aber wenn wir im Garten sind, mag ich es gerne sagen.
Manchmal verirren sich Spaziergänger auf den Schotterweg, der am Haus vorbeiführt, und sie schieben ihre Kinder vorwärts, halten sich gegenseitig an den Händen, wenn es Pärchen sind, oder spornen sich gegenseitig an, in den Wald zu gehen, um ein paar Joints zu rauchen, wenn es Teenies sind. Dann sehen sie einen Jungen und seinen Pa. Ein Vater-Sohn-Gespann, das die Regenrinne repariert oder den alten Geräteschuppen vorm Vom-Wind-weggepustet-Werden rettet.
Einen echten Pa hatte ich nie. Mario war ja nicht mal ein Kumpel, geschweige denn ein Pa, und wer auch immer sein Sperma in Anna gepumpt und mich fabriziert hat, war verschwunden, ehe ich überhaupt die ersten Hirnzellen entwickeln konnte.
«Der Baum muss weg.» Bos Stimme ist leise und ein wenig dumpf, weil er den riesigen Kopf in den wulstigen Nacken legt und in die Kastanienäste schielt.
«Es ist das elende Laub. Jedes Jahr aufs Neue verstopft es mir die Rinne und fault. Dann kommt das Ungeziefer. Das richtet den größten Schaden an. Der Baum …», ein paar pralle Kastanien im Stachelmantel knallen ploppend auf den feuchten Boden und hüpfen über die grünbraune Wiese vor unsere Füße «… muss weg!»
Die Tatsache, dass der Baum schon dort gestanden hat, ehe überhaupt jemand daran dachte, hier ein Haus hinzusetzen, geht mir durch den Kopf. Der Garten gehört dem Baum. Und das Haus ist eine Art Gast, dem es gerade mal gestattet ist, hier einen Platz zu beanspruchen. Und das Haus gehört Rosi und Bo und ich gehöre ihnen auch. Aber den Baum besitzen sie nicht. Der darf bleiben. Der MUSS bleiben.
«Den kannst du nicht einfach fällen, Pa. Der gehört doch schon immer hierher.»
«Ach papperlapapp. Der kommt weg und gut ist’s. Vielleicht schaffen den schon ein paar rostige Bolzen. Was meinst du?»
Bo schiebt die Ärmel seines zerschlissenen Karohemdes in die Ellenbeuge und stemmt dann die Arme in die breite Hüfte. Vorsichtig mache ich einen Schritt nach vorne, neben ihn, und wage es, mich unsicher ein bisschen an ihn zu lehnen. Durch das Blickdreieck, das sein angewinkelter Arm freilässt, betrachte ich den massiven Baumstamm der Kastanie und lächle.
«Du kannst es ja versuchen, Pa. Aber ich glaub nicht, dass ein paar Bolzen den schaffen. DEN schaffst du nicht, der ist stark.»
Ein paar Augenblicke stehen wir in einer ungeheuer drückenden, zwiegespaltenen Einigkeit – die sich so paradox anfühlt wie frittiertes Eis – einfach da und sehen den Ästen beim Windwippen zu. Nur für sich nickt Bo in die Baumkrone, sieht zum Küchenfenster hin, in dem sich Rosis rundes Gesicht schimmernd weichzeichnet, und gurrt leise wie eine Taube. Dann schubst er mich zur Seite und zieht eine Gartenkralle aus der Arschbackentasche seiner Jeans, um sie mir zuzuwerfen.
«Die Rinne muss sauber werden. Hau rein, Kurzer, bald wird es regnen.»
Rosi holt mich mitten in der Nacht. Der Regen schlägt ans Fenster und ein starker Wind rüttelt an den Holzrahmen. Als die Tür aufgerissen wird, falle ich vor Schreck fast aus dem Bett und die Kälte, die mit ihr hereinhuscht, schmeißt sich über mein Gesicht.
Ich huste, kralle mich an der Matratze fest und fahre hoch. «Huch.»
«Pass mal auf, du Plage. Hoch mit dir. Da ist Besuch. Und da ist was zu klär’n. Mach hinne!», rotzt Rosi mir entgegen.
Ich höre, wie sauer sie ist, und sehe im Lichtschein aus dem Flur, dass sie selbst nur ein Nachthemd und ihren dunkelbraunen Bademantel anhat.
Nicht schnell genug setze ich einen Fuß vorsichtig auf die kaltrauen Dielen, da ist sie schon bei mir, greift nach meiner Schulter und bekommt mich am Stoff des alten Schlafanzugs zu fassen. Ein mintgrünes Stück Frottee, das auf der Haut kratzt, aber warmhält. Meine Zehen knicken ein und der Fuß schlurft mit der Oberseite über den Boden, der andere stolpert nach und ich fluche leise, während ihr harter Griff mich auf die Tür zu zerrt.
«Ist ja gut, ist ja gut. Ich komm doch schon», jammere ich protestierend und versuche mit meiner Hand ihre zu lösen.
Doch sie zieht einfach weiter, schleift mich auf die Treppe zu, an deren oberster Stufe ich wieder den Halt verliere und meine Hacken schmerzhaft über die Kante gleiten, wobei sich die Haut brennend nach oben schiebt, wie bei zu kleinen Schuhen, die man zu lange trägt.
«Aua. Rosi, ich komm doch, bitte. Loslassen. MA!?»
Roswitha bleibt stehen und ich stoße mit der Nasenspitze gegen ihre fleischige, in den Bademantel gehüllte Arschbacke. Dann zieht sie mich vor sich und gibt mir einen Stoß, dass es mich die letzten Stufen hinunterschleudert. Am Fuß der Treppe lande ich auf dem Po, halte mir den Ellenbogen, der dumpf gegen eine Geländerstrebe geschlagen ist, und blinzle mit Tränen in den Augen in die Diele.
Auf einem der beigen Ledersofas, auf denen normalerweise nie einer sitzt und deren Sitzflächen eh immer kalt sind, weil sie in der Diele stehen, thront Bo – wie ein Pascha – mit breiten Beinen und den brachialen Armen auf der Rückenlehne, sodass der linke lose um den Hals des zweiten Sitzenden liegt und jederzeit herunterschnellen könnte, um den Hals des Typen zu...




