Brinkmann | Herzmassaker | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Brinkmann Herzmassaker


1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-939239-96-3
Verlag: UBOOKS
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-939239-96-3
Verlag: UBOOKS
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'Gelangweilt warf ich das sterbende Ding in die Büsche, lehnte mich zurück und wartete - auf den Regen, der nicht kam.' Patrick Fechner bekommt Hausverbot im städtischen Schwimmbad und will dafür Rache nehmen. Ob Rasierklingen in Wasserrutschbahnen versteckt wirklich das ultimative Blutband anrichten würden? 'Aber die Welt ist für die Lebenden gedacht. Tote tun nichts. Das ist ein Problem. Denn wer sich nicht bewegt, über den gibt es nichts zu sagen. 'Hast du das von dem toten Herrn Dingens gehört?', ist nicht sehr lange interessant.' Patrick ist der Schrecken der Kleinstadt, schafft es aber immer wieder, die Leute um den Finger zu wickeln; er ist clever, gerissen und scheut auch vor großen Aufgaben nicht zurück. Zum Beispiel wenn es darum geht, es dem Mädchen heimzuzahlen, das eigentlich ihm gehört ... 'In mir ist alles ruhig. Das Wunderland schweigt. Ich freue mich auf das Fegefeuer.'

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II


Somewhere, between the sacred silence and sleep

Disorder, disorder, disorder!

(System of a Down – Toxicity)

Die letzten Tage verlieren sich in meinem Gehirn in einem Meer aus dumpfen Trommelschlägen, die über meinen Schädelknochen pulsieren. Ich liege im Pool hinten im Garten, sauge Luft in die Lungenflügel, bis sie fast bersten, und lasse mich treiben. Das kühle Wasser verstopft meine Ohren, und weil ich die Backen wie ein Hamster aufplustere, sorgt der Druck dafür, dass die Welt substanzlos wird, während ich gefangen bin in einem schweren Wasserkokon. Als gäbe es nur noch mich und meine Gedanken. Sonst nichts. Keine Menschen – keine Probleme.

Die Sonne knallt heiß auf mich runter, doch ich kann das Brennen genießen, das sich auf der aufgerauten Haut in meinem Gesicht ausbreitet. Irgendwie habe ich im Gesicht ständig Sonnenbrand. Nur dort. Ich werde immer schnell braun, habe eh einen dunklen Teint, weil meine Mutter Halbportugiesin war. Außerdem war sie mit Carlos irgendwie über neunzig Ecken verwandt. Rot werde ich auf jeden Fall nur im Gesicht. Seit gestern liege ich schon im Pool. Pisse ins Chlorwasser und bewege mich nur, wenn ich Hunger bekomme. Die Nacht über war es sehr kalt. Meine Haut ist aufgeweicht und fühlt sich an wie ein totes, gerupftes Huhn – doch das Karussell ist weg. Immer wieder tauche für ein paar Sekunden ab, halte die Luft an und lasse dann den Druck aus meiner Brust in kleinen Blubberblasen wieder entweichen. Im Wasser sind meine Gedanken wieder so kalt und klar wie die jetzt ruhige Pooloberfläche, und auch wenn meine Sicht wegen des Chlorwassers schon milchig getrübt ist, scheine ich einiges klarer erkennen zu können. Zum Beispiel, dass Frankys Stoff scheiße war, und ich ihm ordentlich die Meinung geigen werde, falls ich irgendwann doch aus dem Wasser steige. Und auch, dass es eigentlich Simons Schuld war. Der ganze verdammte Tag ging doch erst schief, weil er so ein Weichei ist. Vielleicht ist er auch nicht schuld, und der einzige Grund für meinen Absturz war, dass ich nicht zum Wichsen gekommen bin. Hab’s aber nachgeholt.

Selbst Dad, dem es nicht im Geringsten gepasst hatte, dass ich die Nacht im Schwimmbecken hinter unserem Haus herumlag, hat nach ein paar kläglichen Versuchen, mich mit einer Eisenstange aus dem Becken zu fischen, wobei er ein paar Mal hart meine Schultern mit dem kalten Metall erwischte, aufgegeben und war kopfschüttelnd im Haus verschwunden.

«Wenn du in dem Drecksding verreckst, ist das dein Problem. Aber geh zum Pissen gefälligst ins Haus!», rief er mir später von der Terrasse aus zu. Ich genoss es, noch während er sprach, die ganze Urinsuppe aus meiner Blase ins Wasser zu lassen, und nickte dabei brav.

Das Haus kehrt mir seit Samstag den Rücken zu, worüber ich nicht traurig bin.

Ich denke daran, wie ich Simon das erste Mal gefickt habe, und muss grinsen. Das war im Schwimmbad, und eigentlich kann man sagen, dass diese Nacht dafür gesorgt hatte, dass ich endlich meinen eigenen Pool bekam.

Der Sommer hier ist jedes Jahr gleich. Zumindest in den paar wirklich heißen Tagen, die es noch gibt.

Die Sonne fließt dann zähflüssig vom Himmel und das Ozon wabert durch die Luft, dass man es riechen und schmecken kann. Jede verfluchte Bewegung treibt einem den Schweiß aus den Poren und der Absatz von Kopfschmerzmitteln nimmt drastisch zu. Ich mag diesen kurzen, aber megaintensiven Sommer sehr. Er ist pur. Zeigt die Leute so, wie sie sind. Empfindlich. Unter der Kleidung ist man nackt, logisch. Doch wenn der Schweiß in jede Klamottenfaser sickert, sieht man die Körper der Leute anders. Sie riechen auch anders. Man ist nackter als sonst. Körperlicher.

Im letzten Sommer fing ein neuer Bademeister im örtlichen Freibad an, im Grunde ist der Penner ganz allein schuld daran, dass die Anlage noch vor Ende der Hitzeperiode schließen musste.

Am 30. Juni letzten Jahres waren Simon und ich, wie fast jeden Tag, mit unseren Schwimmsachen losgelatscht. Simon hasst Menschenmengen und er geht auch nicht schwimmen. Er hasst es, so viele Leute um sich zu haben, die wild herumwuseln und laut und hektisch wie ein Mückenschwarm um ihn herumflattern. So saß er also unter einem Baum auf der Liegewiese, las ein Buch und passte auf unsere Sachen auf, während ich einer meiner Lieblingsbeschäftigungen nachging. Ich mag Rituale. Mein Schwimmbadritual war jeden Sommer dasselbe. Zuerst ging ich einmal um die drei Schwimmbecken herum und über die Liegewiese. Dabei beobachtete ich, welcher Badeanzug seinen Hintern auf welchem Handtuch parkte, und merkte mir, welche Handtücher oder Liegestühle gerade frei waren. Wer seine Handtasche liegen ließ oder wer seine Sachen unter das Handtuch schob, in der Meinung, auf eine unheimlich exklusive und sichere Geheimtippidee gekommen zu sein. Dann sprang ich ins große Becken. Kopfsprung, direkt dort, wo die tiefste Stelle und somit das kälteste Wasser ist. Simon meint, davon könne man einen Herzinfarkt bekommen; doch ich steh drauf zu spüren, wie die Kälte über meine Haut zieht und wie tausend Nadeln auf die Nerven einsticht, so dass man sich für einen Augenblick nicht, aber auch gar nicht bewegen kann. Nicht einmal die Gedanken rühren sich. Erst dann wieder, wenn man an die Oberfläche kommt und hastig einatmet, bis es ganz dumpf wird im Kopf.

Während ich dann durchs Becken schwamm und wieder Leben in meine Muskeln schoss, sah ich mich nach ein paar der Badeanzüge um, die sich von ihren Handtüchern erhoben hatten, um etwas herumzuplanschen. Wenn ich welche fand, kletterte ich wieder aus dem Becken und bediente mich an ihren Geldbörsen und Picknickkörben auf dem Weg zum Kinderbecken. Dort spielte ich das «Wie lange kannst du noch?»-Spiel mit ein paar japsenden Kids, nachdem ich mein Diebesgut bei Simon abgeladen hatte. Zum Schluss kamen die Sprungtürme und die Rutsche, dann wieder ein paar Runden spielen.

So ein blöder kleiner Penner fing an, aus der Nase zu bluten, als ich ihn mit dem Kopf ein paar Sekunden zu lang ins Chlorpissewasser des Kinderbeckens drückte, und er verlor kurz das Bewusstsein. Anstatt anzuerkennen, dass ich ihn sofort hochhievte, nachdem ich bemerkt hatte, dass er aufgehört hatte zu zappeln, entwickelte der Bademeister eine schier sardonische Freude daran, mich vor versammelter Mannschaft vollzukeifen. Pitschnass und stinkwütend warf er mich raus. Hausverbot auf Lebenszeit und «... gefälligst froh sein, dass ich die Bullen nicht rufe ... du kleiner Bastard!» Was er nur nicht tat, weil er dann seinen Job genauso an den Haken hätte hängen können.

Simon brauchte geschlagene zweieinhalb Stunden, um mein Fehlen zu bemerken, und ich saß zitternd vor Ärger und auch ein wenig fröstelnd vor dem Drehtor und starrte es an, als wäre es persönlich für diese Scheiße verantwortlich.

Mit unseren Sachen unterm Arm kam er schließlich gemütlich herausgestakst und schien über den Rand seiner Sonnenbrille starrend meinen Blick für das Tor auf mich zurückreflektieren zu wollen.

«Verdammte Wichser!», schrie ich ihm entgegen, und er zuckte ein wenig zusammen, nahm aber seinen verfluchten Anklageblick nicht von mir.

«Was glaubt der eigentlich, wer er ist? FUCK!»

Ich war aufgesprungen und trat schwungvoll barfuß gegen die Mauer, die das Freibad umschloss. Tat weh. War mir egal.

Simon zuckte nur mit seinen schmalen Schultern und starrte mich weiter an. Ätzend! Allerdings war das der Moment, als der Plan, an dem ich schon eine Weile gedanklich gefeilt hatte, endgültig Gestalt annahm, somit wurde ich ein wenig ruhiger. Eins war mal klar: DAS wollte ich nicht auf mir sitzen lassen – ich mochte das verdammte Freibad und hatte schon sehr viel Eintrittsgeld investiert. Im Grunde GEHÖRTE mir mindestens das verfickte Pisschlorkinderbecken zur Hälfte. Die würden es noch bereuen, mich einfach so rausgeworfen zu haben ...

«Ja, das bereuen die!»

«Das ist keine gute Idee, Patrick!»

Aus dem Augenwinkel konnte ich Simons Gesicht sehen, das so ausdruckslos wie immer war. Im Mondlicht sah es fast kitschig und puppenhaft aus, und seine Augen, die wie immer hinter seiner Sonnenbrille verborgen waren, würden ohne sicher wie blaue Murmeln glänzen. Ich schnaubte verächtlich, während ich auf den Sattel meines Fahrrades kletterte, um mich von dort aus am Mauersims hochzuziehen. Es war halb ein Uhr nachts und vor einer Stunde waren die Bademeister und dann auch die Putzkolonne verschwunden. Das Freibad lag jungfräulich hinter der roten Backsteinmauer und glitzerte ruhig vor sich hin. Nur eine kleine Notlampe flackerte noch schwächlich am Sprungturm, ansonsten war es düster. Ich kletterte also fix die Mauer hinauf, streckte Simon, der nun auch wackelig auf dem Sattel stand, meine Hand hin, um ihn unsanft zu mir heraufzuziehen. Dass er sich dabei die Knie aufschürfte, war halb eingeplant und brachte mich zum Lachen. Schnell schubste ich ihn, dann meinen Rucksack auf die Rasenfläche auf der anderen Seite und hörte beides dumpf aufschlagen.

«Das hätte ich auch noch alleine geschafft. Autsch!»

Simon wischte sich die Hände an der Hose ab und rappelte sich auf. Ich sprang hinterher und warf ihn dabei noch mal zu Boden.

«Ähm, mir ist klar, dass dir das hier Spaß macht», zischte er mir zu, «doch wenn man...



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