E-Book, Deutsch, Band 10, 480 Seiten
Reihe: Mercy Thompson
Briggs Stille der Nacht
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-641-20078-7
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mercy Thompson 10 - Roman
E-Book, Deutsch, Band 10, 480 Seiten
Reihe: Mercy Thompson
ISBN: 978-3-641-20078-7
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Patricia Briggs, Jahrgang 1965, wuchs in Montana auf und interessiert sich seit ihrer Kindheit für Fantastisches. So studierte sie neben Geschichte auch Deutsch, denn ihre große Liebe gilt Burgen und Märchen. Mit ihrer Mystery-Saga um die Gestaltwandlerin Mercy Thompson stürmt sie regelmäßig die internationalen Bestsellerlisten. Nach mehreren Umzügen lebt die Autorin heute in Washington State.
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1
Mercy
Es war nicht das erste Mal, dass mich Schokolade in Schwierigkeiten gebracht hat.
Ich starb zuerst, also buk ich Cookies. Die waren an Piratenabenden sehr beliebt, also musste ich eine Menge davon machen. Darryl hatte mir zu Weihnachten eine riesige antike Rührschüssel geschenkt, in die genug Wasser gepasst hätte, um einen Elefanten einen Tag lang zu versorgen. Keine Ahnung, wo er sie aufgetrieben hat. Sollte ich diese Schüssel jemals bis zum Rand füllen, würde ich einen der Werwölfe bitten müssen, sie zu heben. Die achtzehn Tassen Mehl, die ich hineinkippte, füllten sie jedenfalls nicht mal ansatzweise. Die ganze Zeit über erklangen aus den Tiefen des Kellers Piratenschreie.
»Jesse …«, setzte Aiden an, wobei er die Stimme hob, um eine enthusiastisch gepfiffene Version von The Sailors Hornpipe zu übertönen.
»Nenn mich Barbary Belle«, erinnerte ihn meine Stieftochter Jesse.
Aiden mochte aussehen und klingen wie ein kleiner Junge, doch er war schon seit langer Zeit kein Kind mehr. Wir hatten ihn eher assimiliert als adoptiert, da er letztlich Jahrhunderte älter war als Adam und ich zusammengenommen. Es fiel ihm immer noch schwer, sich an manche Aspekte des modernen Lebens zu gewöhnen – wie zum Beispiel den Live-Rollenspiel-Aspekt des Piraten-Computerspiels, das sie gerade spielten.
»Es funktioniert nur, wenn du an mich als Piratin denkst und nicht als deine Schwester«, sagte Jesse geduldig. Sie ignorierte seine Antwort, dass sie nicht seine Schwester war, und fuhr fort: »Solange du mich Jesse nennst, denkst du weiterhin, du hättest es im Spiel mit mir zu tun. Du musst dich aber davon überzeugen, dass ich eine Piratin bin, damit das Spiel funktioniert. Und der erste Schritt dazu liegt darin, mich bei meinem Rollennamen zu nennen – Barbary Belle.«
Es folgte eine Pause im Gespräch, als jemand ein lautes Brüllen ausstieß, das in einem frustrierten Stöhnen ausklang.
»Friss Muschelschalen, du schlickfressender Hanswurst«, gluckste Ben. Sein Rollenname lautete »Sodding Bart«, aber ich musste ihn nicht mehr so nennen, weil ich ja sowieso schon tot war.
Ich holte meine kleinere Rührschüssel heraus – diejenige, die vollkommen ausgereicht hatte, bis ich in ein Werwolfrudel eingeheiratet hatte. Dann füllte ich sie mit weicher Butter, braunem Zucker und Vanille. Während ich alles mixte, entschied ich, dass mein Tod nichts damit zu tun hatte, dass ich eine schlechte Piratin war, sondern damit, dass ich einen taktischen Fehler begangen hatte. Dadurch, dass ich jedes Mal, wenn ich als Erste starb, zuckrige, schokoladige Köstlichkeiten buk, hatte ich mich selbst zur Zielscheibe gemacht.
Der Ofen piepte, um mich wissen zu lassen, dass er die nötige Temperatur erreicht hatte, und ich fand tatsächlich alle vier Backbleche in dem schmalen Schrank, wo sie hingehörten – ein kleines Wunder. Ich war nicht die Einzige, die in diesem Haus regelmäßig Küchendienst hatte, aber ich schien die Einzige zu sein, der es ebenso regelmäßig gelang, die Dinge auch wieder wegzuräumen (an den Ort, an den sie tatsächlich hingehörten). Besonders die Backbleche tauchten oft an den seltsamsten Orten auf. Einmal hatte ich sie in einem der Badezimmer im Keller gefunden. Ich habe lieber nicht nachgefragt – aber ich habe die Schnieptröten mit Bleiche abgewaschen, bevor ich sie das nächste Mal im Ofen verwendet habe.
»Schnieptröte« war ein Wort, das sich beängstigend schnell im Rudel ausgebreitet hatte, nachdem »Sodding Bart«-Ben begonnen hatte, es in seiner Piratenrolle zu verwenden. Ich war mir nicht ganz sicher, ob es ein neu erfundener Fluch war, eines dieser Worte, die in Bens Heimatland England tatsächlich ein Schimpfwort waren (das dort etwas ganz anderes bedeutete als hier), oder ein Ersatzfluch wie »Scheibenkleister«. Auf jeden Fall ertappte ich mich inzwischen dabei, es zu benutzen, wenn ich »Scheibenkleister« zu schwach fand – wie zum Beispiel, wenn ich Backbleche in Badezimmern entdeckte.
Nachdem ich die Backbleche gefunden hatte, dachte ich, ich wäre endlich bereit zum Backen. Doch als ich den Schrank öffnete, in dem eigentlich zehn Beutel mit Schokostreuseln hätten stehen sollen, fand ich dort nur sechs. Ich durchsuchte die Küche und fand noch eine weitere Tüte (geöffnet und halb leer) im obersten Schrank hinter den Spaghetti. Damit hatte ich sechseinhalb Tüten, etwas weniger, als ich für die vierfache Menge gebraucht hätte. Aber es würde schon gehen.
Was allerdings nicht ging, war Backen ohne Eier. Und es gab überhaupt keine Eier.
Ich durchsuchte den Kühlschrank ein zweites Mal, kontrollierte sogar die hintersten Ecken und schob die Milchtüten zur Seite, weil sich dahinter gerne mal Dinge versteckten. Doch obwohl ich erst vor zwei Tagen vier Dutzend Eier gekauft hatte, fand ich kein einziges Ei.
Das war ein normales Risiko, wenn man im Quasi-Clubhaus eines Werwolfrudels lebte. Roastbeef aufzutauen erforderte die Hinterhältigkeit eines heimlichen französischen Spionagenetzwerks des Zweiten Weltkriegs im Hauptquartier der Nazis. Ich hatte die Eier nicht versteckt, weil ich sie aufgrund der Tatsache, dass sie weder süß schmeckten noch bluteten, für ungefährdet gehalten hatte. Offenbar hatte ich mich geirrt.
Der Großteil des Eier und Roastbeef stehlenden Werwolfrudels befand sich gerade im Keller, vollkommen vertieft in Piraterie auf den weiten Gewässern des Computerbildschirms. Es war fast ironisch, dass sie ausgerechnet Piratenspiele so liebten – die Körper von Werwölfen sind ja zu dicht, um zu schwimmen. Kojoten dagegen, sogar Kojoten-Gestaltwandler wie ich, können ganz wunderbar schwimmen – außer vielleicht in Dread Pirate’s Booty-Szenarien, denn allein in diesem Monat war ich vier Mal ertrunken.
Dieses Mal allerdings war ich nicht ertrunken – dieses Mal war ich mit dem Messer meiner Stieftochter im Rücken gestorben. Barbary Belle konnte fantastisch mit Messern umgehen.
»Ich fahre zum Stop and Rob«, rief ich nach unten. »Braucht irgendwer noch etwas?«
Der Laden hieß natürlich nicht wirklich so – er hatte einen ganz normalen Namen, an den ich mich allerdings nicht erinnern konnte. »Stop and Rob« war eher die allgemeine Bezeichnung für rund um die Uhr geöffnete Tankstellenläden; ein Spitzname, den sie in der Zeit erworben hatten, als ein Angestellter ganz allein die Nachtschicht übernommen hatte, die Kasse gefüllt mit Tausenden von Dollar. Technologie – Kameras, Kassensafes, die sich erst am nächsten Tag wieder öffneten und stille Alarme – hatte die Nachtschicht sicherer gemacht, aber für mich würden die Läden immer »Stop and Rob« bleiben.
»Ahrrr.« Die Stimme meines Ehemannes Adam drang über die Treppe nach oben. »Gold und Frauen und Grog!« Er spielte nicht oft mit, aber wenn er es tat, dann mit Inbrunst und Herzblut.
»Gold und Frauen und Grog!«, echote ein ganzer Chor von Männerstimmen.
»Hört euch das an«, höhnte Mary Jo. »Gebt mir einen Mann, der weiß, was er mit dem anfangen soll, was der gütige Gott ihm gegeben hat, statt einen dieser ahnungslosen Taugenichtse, die beim ersten Blick auf eine echte Frau den Schwanz einziehen.«
»Ahrrr«, stimmte Auriele zu, während Jesse kicherte.
»Schrubbt das Deck, ihr Tölpel, damit ihr nicht im Blut ausrutscht und euch eure Holzschädel aufschlagt«, rief ich. »Und was immer ihr auch tut, lasst Barbary Belle nicht aus den Augen.«
Zustimmendes Brüllen erhob sich, und Jesse kicherte wieder.
»Und, Captain Larson«, sagte ich, womit ich Adam ansprach – mein Gefährte hatte sich den Namen aus Jack Londons Seewolf geliehen – »du kannst Gold haben, und du kannst Grog haben. Aber wenn du eine andere Frau anfasst, wirst du einen blutigen Stumpf zurückziehen.«
Es folgte ein Moment der Stille.
»Argh«, tönte Adam dann mit neuem Schwung. »Ich hab ’ne Frau. Was will ich mit mehr? Die Frauen sind für meine Männer!«
»Argh!«, brüllten seine Männer. »Bringt uns Gold, Grog und Frauen!«
»Männer!«, sagte Auriele mit süßer Stimme. »Bringt uns ein paar gute Männer.«
»Idioten«, knurrte Honey. »Sterbt!«
Dann folgte ein allgemeiner Aufschrei, denn anscheinend ereilte ein paar der Anwesenden das erwünschte Schicksal.
Lachend verließ ich das Haus.
Nach kurzem Nachdenken nahm ich Adams SUV. Ich würde mir bald überlegen müssen, welche Art von Auto ich mir für die ganz alltäglichen Fahrten anschaffen wollte. Mein geliebter Vanagon Syncro hatte langsam zu viele Kilometer auf dem Tacho, und sein Getriebe wurde auf dem Gebrauchtteilemarkt quasi für sein Gewicht in Gold gehandelt. Ich hatte ihn benutzt, seitdem mein armer Käfer zu Schrott gefahren worden war, und der Van wurde immer reparaturaufwendiger. Vor ein paar Tagen hatte ich mir einen 87er Jetta mit kaputtem Motor angeschaut. Die Verkäufer wollten zu viel dafür, aber vielleicht würde ich eben einfach dafür blechen müssen.
Der SUV brummte die paar Kilometer zu dem Laden, der um einiges näher am Haus lag als alle anderen Geschäfte, die zu dieser Nachtzeit noch geöffnet hatten. Der Verkäufer räumte gerade neue Zigaretten ein und sah nicht mal auf, als ich an ihm vorbeiging.
Ich holte zwei Dutzend überteuerte Eier und drei ebenso überteuerte Tüten mit Schokoladenstreuseln und stellte sie vor der Kasse ab. Der Verkäufer wandte sich von den Zigaretten ab, drehte sich zu mir um und erstarrte. Er schluckte schwer, dann wandte er den Blick ab – und scannte die Eier mit einer Hand, die...




