Kapitel 8
Leander betrat die Arztpraxis mit gemischten Gefühlen: Einerseits hatte ihn der morgendliche Vorfall in Unruhe versetzt, andererseits kam er sich wie ein Hypochonder vor, der nur wegen einer Kreislaufschwäche und Kopfschmerzen gleich zum Arzt rannte.
Die Praxis wirkte hell und freundlich. Hinter dem Empfang arbeiteten zwei junge Frauen. Die eine erklärte der anderen gerade etwas anhand einer Patientenakte, als er näher trat.
Die jüngere der beiden nickte nun verstehend. »Mit Dokumentationen kenne ich mich aus«, sagte sie. »Das wird kein Problem sein.«
Die andere zog skeptisch die Augenbrauen zusammen, wandte sich aber dann Leander zu und sah ihn fragend an.
»Leander. Ich habe einen Termin um vier.«
»Waren Sie schon einmal bei uns, Herr Leander?«
»Nein.«
»Dann füllen Sie das hier mal sorgfältig aus.« Sie reichte ihm ein Klemmbrett mit ein paar Zetteln und einen Kugelschreiber. »Kassenpatient oder privat?«, fragte sie.
»Beihilfe und private Kasse«, antwortete Leander.
Die junge Frau reichte ihm einen weiteren Bogen. »Dann brauchen wir noch eine Kostenübernahme-Erklärung von Ihnen für alles, was die Beihilfe nicht anerkennt.«
Leander nahm das Brett entgegen und ging ins Wartezimmer. Neben dem Fenster war noch ein Stuhl frei, sonst waren alle belegt – mit überwiegend alten Männern, wie Leander missmutig feststellte. Ein weiterer Beleg dafür, dass er hier nicht hingehörte!
Er setzte sich und machte sich daran, die zahlreichen persönlichen Daten einzutragen und die Gesundheitsfragen zu beantworten. Was man alles haben konnte! Und dass er das alles noch nicht gehabt hatte, war ausgesprochen beruhigend. Als er mit den Bögen fertig war, brachte er das Klemmbrett zurück. Die Arzthelferin nahm es entgegen, zog den Bogen mit den persönlichen Angaben ab und reichte ihn an die jüngere Kollegin weiter.
»Du legst jetzt die digitale Patientenakte an. Wie das geht, habe ich dir ja eben erklärt. – Und Sie«, sie blickte Leander an, »können direkt zu Dr. Hecht reingehen.« Sie lief mit dem Klemmbrett und einer neuen Patientenkarte voraus und legte beides dem Arzt auf den Schreibtisch.
Während sich Leander noch fragte, ob er angesichts des vollbesetzten Wartezimmers in dieser Praxis als Privatpatient bevorzugt wurde, stand der Arzt auf und kam seinem Patienten ein paar Schritte entgegen. »Herr Leander. Schön, Sie kennenzulernen.« Er deutete auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. »Sie sehen blass aus. Was fehlt Ihnen?«
Leander wusste zunächst nicht, wie er sein Erlebnis vom Morgen beschreiben sollte, ohne sich lächerlich zu machen, zumal der Arzt für ihn vollkommen fremd war. Dann gab er sich einen Ruck: »Heute Morgen habe ich gedacht, ich müsste sterben.«
»Das hört sich schlimm an.« Dr. Hecht sah ihn mit großen Augen an.
Leander berichtete von seinem Erwachen, davon, dass sein Herz eine Zeit lang nicht geschlagen, die Atmung nicht mehr funktioniert hatte. »Ich war wie gelähmt.«
»Gab es einen Auslöser?« Der Arzt blätterte in Leanders Angaben zu den früheren Krankheiten vor und zurück, als suchte er nach einem Hinweis auf ähnliche Vorfälle, und schüttelte den Kopf.
»Keine Ahnung.«
Dr. Hecht faltete seine Hände über dem Schreibtisch und beugte sich etwas vor. »Wie lange hat dieser Atemaussetzer angehalten?«
»Schwer zu sagen. Zwei oder drei Minuten vielleicht.« In Wahrheit war ihm die Zeit sehr viel länger vorgekommen, aber es schien ihm unmöglich, mehr als drei Minuten ohne Atmung überlebt zu haben.
»Und was hat ihn wieder gelöst? Hat jemand Sie berührt oder geschüttelt? Oder haben Sie an etwas Bestimmtes gedacht?«
Leander zögerte, weil ihm die Antwort zu albern vorkam. Da der Arzt ihn aber in seiner Not tatsächlich ernst zu nehmen schien, räusperte er sich und antwortete: »Ich habe ein Gesicht in der Maserung meiner Schlafzimmerdecke gesehen und an meine Freundin gedacht.«
»Und dann haben Sie einfach wieder geatmet?«
»Nein, nicht einfach so. Es gab ein Poltern oder Rumpeln in meiner Brust, so, als hätte mein Herzschlag plötzlich wieder eingesetzt. Wie ein abgesoffener Motor, verstehen Sie? Und dann konnte ich auch wieder atmen.«
»Hatten Sie so etwas vorher schon einmal?«
»Nein, noch nie. Ehrlich, Herr Doktor, ich war mir sicher, dass ich sterben würde.«
»Dann verdanken Sie Ihrer Freundin Ihr Leben.«
Leander suchte im Gesicht des Arztes nach Hinweisen dafür, dass er sich lustig machte. Aber er fand keine. Mit ernstem Blick studierte der die persönlichen Daten auf dem Kopf des Fragebogens. Dabei nickte er leicht.
»Sie sind Jahrgang neunundsechzig«, stellte er fest. »Das heißt, Sie sind jetzt in einem gefährlichen Alter. Zwischen fünfundfünfzig und fünfundsechzig ist die Gefahr eines Herzinfarktes besonders hoch.« Er erhob sich und umrundete den Schreibtisch. »Was machen Sie beruflich?«
»Ich war Polizist und bin seit ein paar Jahren Frühpensionär.«
»Dann haben Sie das Gröbste doch schon geschafft.« Dr. Hecht lachte und erklärte auf Leanders fragenden Blick: »Mit dem Berufsleben ist das, als müsste man durch einen riesigen See schwimmen. Man strampelt sich Jahrzehnte lang ab und die Rente ist das rettende Ufer. Ein Drittel der Schwimmer säuft ab, wenn es in Sicht kommt. Ein weiteres Drittel erreicht das Ufer, ist aber zu schwach, um aufzustehen und weiterzugehen, und verreckt am Strand. Sie glauben gar nicht, wie viele Menschen ein Jahr nach dem Eintritt in den Ruhestand sterben. Und das letzte Drittel marschiert los und hat noch etwas von der Rente – so wie Sie. Und das ist dann auch die gute Nachricht.«
»Ich weiß nicht, ob mich das wirklich beruhigt.«
»Machen Sie sich mal obenrum frei und setzen Sie sich auf die Kante der Liege dort.«
Leander folgte der Anweisung.
»Sie haben natürlich Recht: Mit so etwas ist nicht zu spaßen«, fuhr Dr. Hecht fort, kontrollierte zuerst den Puls, setzte dann sein Stethoskop auf und begann, Leanders Brust abzuhorchen. Wieder nickte er, als finde er eine Vermutung bestätigt. Dann trat er hinter seinen Patienten und horchte die Lunge ab. Als er schließlich wieder in Leanders Blickfeld erschien, rollte er das Stethoskop zusammen und steckte es in die Kitteltasche. »Sie können sich wieder anziehen.« Er setzte sich hinter seinen Schreibtisch und notierte etwas in die Karte. Dann legte er seinen Stift beiseite, faltete die Hände auf dem Tisch und blickte Leander direkt in die Augen.
»Die gute Nachricht ist: Sie leben noch. Eine wirklich schlechte gibt es nicht, aber eine Auffälligkeit: Ich habe deutliche Herzgeräusche gehört. Außerdem schlägt Ihr Herz sehr unregelmäßig. Das muss nichts heißen, kann aber ein Warnsignal sein. Gibt es in Ihrer Familie derartige Krankheitsbilder? Herzinfarkte? Herzrhythmusstörungen? Herzklappenfehler? Etwas in der Art?«
Leander schüttelte den Kopf. »Nicht, dass ich wüsste.«
»Haben Sie aktuell sehr viel Stress?«
»Auch das nicht.«
»Gut, dann wollen wir jetzt auch nicht die Pferde scheu machen. Wir machen erst einmal ein Belastungs-EKG und die üblichen Laboruntersuchungen. Sie haben heute sicher schon etwas gegessen, nehme ich an?«
»Nein, ich habe nichts runterbekommen.«
»Das ist gut. Dann sind Sie nüchtern und wir können die Blutabnahme direkt vornehmen. In Ihrem Fall schlage ich vor: das volle Programm. Sie sind doch Privatpatient?«
»Beamter im Vorruhestand.«
»Also Beihilfe und private Krankenkasse.« Dr. Hecht sagte das, als sei damit ein entscheidendes Hindernis aus dem Weg geräumt.
»Wollen Sie mich nicht lieber an einen Kardiologen überweisen?«
Der Arzt schüttelte beruhigend den Kopf. »Das ist nicht nötig. Bevor ich diese Praxis übernommen habe, war ich jahrelang Oberarzt in der Kardiologie einer großen Klinik in Kiel. Ich bin durchaus in der Lage, eine Diagnose zu stellen. Wenn es sich tatsächlich um Herzrhythmusstörungen handeln sollte, was ich stark vermute, dann werden wir das medikamentös einstellen. Am Anfang bedeutet das Kontrolluntersuchungen in kurzen Abständen. Die machen wir doch besser hier vor Ort. Oder wollen Sie jede Woche nach Flensburg oder Kiel fahren?«
»Nein, wenn es nicht sein muss.«
»Vertrauen Sie mir, Herr Leander, ich kenne mich mit solchen Krankheitsbildern bestens aus. Sie sind also in guten Händen. Und ich betreue nicht nur in meiner Praxis, sondern auch in der Nordwind-Klinik einige Patienten mit...