Breuer Im Namen Allahs?
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-451-80398-7
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Christenverfolgung im Islam
E-Book, Deutsch, Band 80398, 192 Seiten
Reihe: HERDER spektrum
ISBN: 978-3-451-80398-7
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Rita Breuer, Dr. phil., geb. 1963, Islamwissenschaftlerin und Volkswirtin, langjährige Entwicklungshilfetätigkeit für den islamischen Kulturraum. Zahlreiche Publikationen, Lehraufträge und Artikel zum Islam und Islamismus in der Gegenwart.
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Islamisierung gestern und heute
Wie der Nahe und Mittlere Osten muslimisch wurde
„Wir waren da, bevor der Islam in unser Land kam. Wir sind keine Fremden. Es ist unser Land.“1 Mit diesen Worten weist Louis Sako, ehemaliger Erzbischof von Kirkuk und amtierender Patriarch der chaldäisch-katholischen Kirche darauf hin, dass die Christen im Irak keine Migranten sind, die es irgendwie zu dulden oder gar zu integrieren gelte, sondern ureigene und jahrtausendealte Rechte haben. In vielen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens schauen die Christen in ihrer großen konfessionellen Vielfalt auf eine lange Tradition zurück, die weit in die vorislamische Zeit zurückreicht, und gedenken mit einer Mischung aus Wehmut und Verklärung der christlich geprägten Geschichte ihrer Heimat. Aus Chaldäa im Gebiet des heutigen Irak kam der Überlieferung zufolge Abraham als der Stammvater der drei monotheistischen Religionen und fand am Ende einer langen Pilgerschaft seine Grabstätte in Hebron, südlich von Jerusalem. Palästina ist die Heimat Jesu mit allen Stätten seines Wirkens, seines Kreuzestodes und seiner Auferstehung. Bethlehem, Nazareth, die Orte am See Genezareth und Jerusalem machen die Region zu einem Anziehungspunkt für christliche Pilger aus aller Welt. Ägypten gilt als das erste vollständig christianisierte Land der Erde, dessen Kirche sich nach der Überlieferung auf den Evangelisten Markus zurückführt. Mit Alexandria als Bischofsstadt und einer um das Jahr 200 vollständig ausgeprägten Kirche wurde Ägypten Mittelpunkt der Auseinandersetzung um die rechte christliche Lehre. Die ersten lateinischen Kirchenväter kamen aus Nordafrika, wo Karthago über Jahrhunderte der bedeutendste unter zahlreichen Bischofssitzen war. Biblische Reisen auf den Spuren des Apostels Paulus führen nach Syrien und in die Türkei. Wenige Beispiele dafür, dass der Nahe und Mittlere Osten von elementarer Bedeutung für die frühe Geschichte des Christentums und seine Verbreitung ist und diese Religion dort über Jahrhunderte eine prägende Rolle gespielt hat. Die kontinuierliche zahlenmäßige Abnahme der christlichen Minderheiten im Nahen Osten hat sich in den letzten Jahrzehnten zwar verschärft und ist allmählich ins Bewusstsein der Öffentlichkeit getreten. Begonnen hat dieses Phänomen allerdings im Grunde mit der islamischen Eroberung im 7. Jahrhundert n. Chr., durch die rechtliche, soziale und wirtschaftliche Bedingungen der Ungleichheit geschaffen wurden, die Christen wie Angehörigen anderer religiöser Minderheiten den Übertritt zum Islam schmackhaft machen sollten und in jüngerer Zeit die Emigration für viele als erstrebenswerte Alternative erscheinen lassen.
Kurz nach dem Tod Mohammeds 632 n. Chr. kam es 633/34 zu ersten Einfällen in das persische Sassaniden-Reich und in das byzantinisch kontrollierte Südpalästina. 635 folgte die Einnahme von Damaskus, 636 der entscheidende Sieg über Sassaniden und Byzantiner, der zur Einnahme der sassanidischen Hauptstadt Ktesiphon und zur Islamisierung Syriens und Palästinas mit der Einnahme Jerusalems führte. Die dort auf dem Tempelberg errichtete Umar-Moschee, benannt nach dem muslimischen Eroberer Kalif Umar (reg. 634–44), steht bis heute für die Zugehörigkeit Jerusalems und Palästinas zum Islam. In den Folgejahren gelingt es, fast ganz Persien unter muslimische Kontrolle zu bringen und Ägypten zu unterwerfen, das nun Ausgangspunkt für die Eroberung und Islamisierung Nordafrikas wird. Mehrere Expeditionen ab 650 enden mit dem Abzug der letzten Byzantiner aus Karthago im Jahre 700. Einige Jahre später erreichen die Muslime dann den indischen Subkontinent im Osten und vorübergehend Spanien und Frankreich im Westen. Mitte des 8. Jahrhunderts flaut die Eroberungstätigkeit ab, und die Sicherung der nun erreichten Expansion sowie die innere Organisation des Reiches treten in den Vordergrund.
In weniger als hundert Jahren war es den Muslimen also gelungen, ihren Machtbereich von der seinerzeit völlig bedeutungslosen Arabischen Halbinsel aus bis nach Nordafrika und Spanien im Westen sowie das heutige Indien im Osten auszudehnen, und zwar überwiegend auf Kosten einer bis dato christlichen Prägung. Die vorangegangenen jahrelangen Kriege zwischen dem christlich-byzantinischen Großreich und dem persisch-sassanidischen Reich, die beide Seiten militärisch, wirtschaftlich und moralisch geschwächt hatten, ebneten diesem beispiellosen Eroberungszug den Weg. Hinzu kam, dass die Steuerlasten, die die Bevölkerung in den Provinzen zu tragen hatte, oft ungleich schwerer wogen als das, was die muslimischen Eroberer in Aussicht stellten. Schließlich verfuhren sie mit der einheimischen Bevölkerung nach dem bewährten Prinzip des Propheten, Christen und Juden gegen die Zahlung der Jizya, die höher lag als die Almosensteuer der Muslime, ihren Glauben zu lassen. Einerseits ein Anreiz zur Konversion, der zudem die Höherstellung der Muslime unterstrich, andererseits führte dies aber auch dazu, dass die Eroberer oft kein großes Interesse daran hatten, dass die Christen allzu bald in Scharen Muslime wurden – der steuerliche Schaden wäre zu groß gewesen. Tatsächlich haben die Christen über lange Zeit durch die Zahlung ihrer Kopfsteuer erheblich zur Finanzierung der Verwaltung und weiteren Ausdehnung des Kalifenreiches beigetragen. Die begrenzte religiöse Toleranz gegenüber der Bevölkerung nach schweren Konflikten mit der byzantinischen Staatskirche ließ die neuen Herrscher stellenweise sogar als Befreier erscheinen.
Dieser begrenzten religiösen Toleranz, bei gleichzeitiger Dominanz vonseiten der Muslime, ist es geschuldet, dass bis heute in nahezu allen Ländern des Nahen und Mittleren Osten christliche und teilweise auch jüdische Bevölkerungsgruppen leben, im Laufe der Jahrhunderte allerdings zu Minderheiten geschrumpft und heute oftmals in großer Bedrängnis.
Das schlichte frühislamische Weltbild, das auf die stete Erweiterung des islamischen Machtbereiches und die Eindämmung und Eliminierung aller anderen Einflüsse ausgelegt war, machte auch vor den christlichen Eroberungsgebieten nicht Halt. Christen konnten geduldete Bürger im islamischen Staat mit gewissen Rechten sein, aber nicht mehr selbst einen Staat prägen und dominieren. Die Islamisierung des Nahen und Mittleren Ostens war also zunächst ganz überwiegend eine politische Unterwerfung unter den Machtbereich der Muslime.
Ganz offensichtlich ist es in der Folgezeit zu einer weiteren Islamisierung im Bezug auf die Religionszugehörigkeit gekommen, was aus muslimischer Sicht fast ausschließlich durch die Überzeugungskraft der neuen Religion zu erklären ist. In manchen Fällen wird dies gewiss so gewesen sein; gerade die Schlichtheit der islamischen Glaubenslehre und des Gottesbildes mag manche von den dogmatischen Streitigkeiten ermüdeten Christen fasziniert haben. Anderen genügte möglicherweise die gemeinsame Rückführung der Religionen auf den Stammvater Abraham, um die Konversion nicht als einen wirklichen Bruch zu erleben. Das Fehlen von religiösem Zwang allerdings bedeutet keinesfalls Freiheit im Sinne von Gleichberechtigung. Die finanzielle und politische Benachteiligung und soziale Marginalisierung der Christen, die sich in verschiedenen Jahrhunderten und Regionen unterschiedlich ausprägte, hat einen steten Zermürbungsprozess begünstigt, in dessen Verlauf mehr und mehr Christen den Islam angenommen haben und es bis heute tun. Eine Schlüsselrolle hat schließlich die Eheschließung der Eroberer mit einheimischen Frauen gespielt, deren Kinder dann automatisch dem Islam zufielen.
In Syrien und Ägypten war es ein Prozess von nahezu 1000 Jahren, in dem der Islam seine heutige Bedeutung erlangte. So sollen etwa hundert Jahre nach der Eroberung lediglich 200000 Syrer Muslime gewesen sein, was etwa sechs Prozent der Gesamtbevölkerung entsprochen haben dürfte. Spirituell hatte der Islam also noch in keiner Weise Fuß gefasst. Die muslimischen Herrscher intensivierten daraufhin ihre Bemühungen, um ihre Macht dauerhaft sichern zu können, wobei es auch zu weniger freiwilligen Konversionen ganzer Stämme um Aleppo und in anderen Städten des Binnenlandes kam. Das Mittelmeergebiet sowie entlegene Dörfer konnten ihren christlichen Charakter deutlich länger bewahren. Um das Jahr 900 war schließlich das Zahlenverhältnis zwischen christlicher und muslimischer Bevölkerung in etwa ausgeglichen, für die Muslime ein Grund, ihre Dominanz auszubauen und den sozialen Druck auf die Christen allmählich zu erhöhen. Erschwerend kam die Zeit der Kreuzzüge hinzu, in denen die einheimischen Christen aufgrund ihrer Religion mit den Eindringlingen identifiziert wurden, die sie jedoch zu keiner Zeit politisch, finanziell oder militärisch unterstützt hatten. Mitte des 16. Jahrhunderts sind noch etwa zehn Prozent der Syrer Christen.
Die finanzielle Mehrbelastung der Christen durch die Jizya, deren Höhe im Koran nicht festgeschrieben ist und die damit Gegenstand individueller vertraglicher Vereinbarungen war, hielt sich in aller Regel in Grenzen, blieb aber in den arabischen Kernländern, seinerzeit Provinzen des Osmanischen Reiches, bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein bestehen. Sie war ein Hauptfaktor der Konversion zum Islam, für die sich die Ärmeren unter den Christen entschieden. Bessergestellte, denen die Steuer nicht wehtat, konnten sich die Religionsfreiheit tatsächlich leisten. Mit der zahlenmäßigen Verschiebung der Bevölkerungsanteile wuchs der soziale Druck auf die Christen und wurde zeitversetzt nach der Jizya zum zentralen Konversionsanreiz. Dabei gab es sowohl positive als auch negative Abweichungen von der Stellung der Christen als tolerierte Bürger zweiter Klasse. Immer wieder griffen die Kalifen auf die...




