E-Book, Deutsch, 306 Seiten
Brendt Shallow Waters
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-943797-96-1
Verlag: Porcupine Publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
E-Book, Deutsch, 306 Seiten
ISBN: 978-3-943797-96-1
Verlag: Porcupine Publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Lieutenant John Thorndyke kommandiert die HMS Dolphin, eines von drei britischen Mini-U-Booten, die zumindest offiziell nicht einmal existieren. Ihre Einsätze sind riskant, sei es Spionage oder Aufklärung in feindlichen Gewässern, zwischen Sandbänken und oftmals nahe genug an den Küsten eines Feindes um einen Stein hinüber werfen zu können. Als eines der Schwesterboote nicht von einem Einsatz vor der nordkoreanischen Küste zurückkehrt müssen HMS Dolphin und ihr junger Kommandant herausfinden, was geschehen ist. Haben die Nordkoreaner ein neuartigens U-Abwehrsystem im Operationsgebiet? Aber dann, inmitten eines Sturms und mit nur einem Fuß Wasser unter dem Kiel, stellt sich heraus, dass der Einsatz der Kleinst-U-Boote nur Teil eines größeren Spiels ist. Das einzige Problem ist, als Thorndyke zu dieser Erkenntnis kommt, ist sein Zweg-U-Boot bereits im Fadenkreuz einer Fregatte, eines Kriegsschiffes, das in allen Bereichen allem, was die kleine Crew in ihrer Tauchröhre zur Verfügung hat, weit überlegen ist. SHALLOW WATERS ist der zweite Band der DiAngelo-Reihe, auch wenn Commander DiAngelo hier nur eine Nebenrolle spielt. Stattdessen trifft der Leser hier erstmals John Thorndyke, einen U-Bootkommandanten der ganz anderen Art.
Autoren/Hrsg.
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1.Kapitel
16:00 Ortszeit, 16:00 Zulu — Loch Ewe, Schottland
Das Feuer im großen Kamin prasselte etwas. Muss daran liegen, dass hier sogar das Feuerholz nass ist! Lieutenant John Thorndyke verzog das Gesicht. Trotzdem war die Offiziersmesse des Stützpunktes ein sehr viel bequemerer Ort als die Messe des alten Troßschiffes HMS Cephalus, das offiziell die Kleinst-U-Boote betreute. »Old Syphilis«, wie die Seeleute das alte Schiff nannten, war Heim und Werkstatt in einem, aber eines war es nicht — gemütlich. So war es kein Wunder, dass viele der Offiziere und Unteroffiziere es vorzogen, den Weg in die Stützpunktmessen zu machen, trotz Regen - und besonders in einer Situation wie dieser. Nachdenklich rührte er in seinem Tee herum. Prinzipiell stand ihm der Sinn nach etwas Stärkerem, aber das würde warten müssen, bis er wusste, ob sie noch einmal hinaus ins Loch mußten. Nein, ihm stand der Sinn nach etwas sehr viel Stärkerem als Tee! Er wandte sich zu der Gestalt am Fenster um: »Was gibt's zu sehen, Trevor?« »Stingray, Skipper! Sie sind gerade zurück!« Der Lieutenant wandte sich um und sah seinen Vorgesetzten aus roten Augen an. »Sieht nicht so aus, als hätten sie Glück gehabt.« Glück gehabt? Der Gedanke setzte sich in Thorndykes übermüdetem Gehirn fest. Das hatte mit Glück nichts zu tun. Makerel wurde seit vier Tagen vermisst. Die Zeit war um, und Trevor, sein Erster, wusste es. Schweigend sahen sich die beiden Männer an. Die Hoffnung starb zuletzt, aber irgendwann starb auch sie. Rein äußerlich konnte es kaum einen größeren Unterschied geben, trotz der gleichen Rangabzeichen und Uniformen. Trevor James war ein großer aber hagerer Mann. Meistens hielt er sich leicht gebeugt, ein Resultat seiner Dienstzeit auf U-Booten. Selbst in einer Situation wie dieser zeigte sein langes Pferdegesicht wenig Regung. Nicht, daß er keine Gefühle gehabt hätte, aber sie zu zeigen, war irgendwie nicht englisch. Trevor James war einfach so. Von den Spitzen seines sandfarbenen Haars bis zu den Zehen war er Engländer, er konnte einfach nichts anderes sein. Kein moderner Engländer, korrigierte sein Kommandant sich. Trevor hätte wahrscheinlich besser auf das Achterdeck eines Linienschiffes zu Nelsons Zeiten gepasst. Warum auch nicht? Wie viele Offiziere, so hatte auch Trevor James eine lange Ahnenreihe von Seeoffizieren vorzuweisen, die bis in die Zeit der Armada zurückreichte. So betrachtet war Nelson schon relativ aktuell. John Thorndyke war nur durchschnittlich groß. Auch ihm sah man die Anstrengungen der letzten Tage an. Seine blaugrauen Augen verbargen seine Gefühle, Gefühle, die hier nichts zu suchen hatten. Aber sie taten es nicht vollständig. Und die Bewegungen des drahtigen Körpers wirkten langsam, als müsste er seine verbleibende Kraft sorgfältig rationieren. Vielleicht war es ja wirklich so. Der Kommandant fuhr sich mit den Fingern durch die dichten schwarzen Haare. Er wusste, er war kein guter Schauspieler. Natürlich konnte sein Erster sich denken, was sein Kommandant von der ganzen Sache hielt. Sie waren jetzt seit vier Jahren bei den Kleinst-U-Booten und seit zwei Jahren zusammen. Das war in diesem elitären Zirkel eine Ewigkeit. Sie hatten andere Boote kommen und gehen sehen. Mochte die Welt glauben, es würde Frieden herrschen, doch irgendwo gab es ständig ein Problem. Mal eine Terroristengruppe hier, mal ein Terrorregime da. Aber es war besser, wenn die Welt das nicht wusste. Thorndyke verzog das Gesicht. Andernfalls würden die braven Bürger wohl kaum ruhig schlafen können. Makerel war ein Teil des Preises, der für diesen ruhigen Schlaf gezahlt wurde. Es war nicht das erste Boot, daß sie verloren hatten, nicht die erste Lücke in der Messe. Aber es war trotzdem anders. Trevor James blickte ihn fragend an. Sie waren alleine in der Messe, wenigstens noch für ein paar Augenblicke. »Du hast es gewusst, John?« Sein Kommandant erwiderte erbost seinen Blick: »Du etwa nicht? Greg war noch nicht so weit. Selbst wenn Charles ihm tausendmal bescheinigte, er wäre es!« Thorndyke spürte den Zorn. Greg Spencer, der Kommandant von Makerel, war erst kurz zuvor befördert worden, nachdem er eineinhalb Jahre lang Erster Offizier von Charles Summers auf Stingray gewesen war. Summers hatte Spencer eine sehr gute Beurteilung geschrieben und so zu dieser Beförderung beigetragen. Aber Summers hätte es besser wissen müssen. Es war einer der vielen Kämpfe gewesen, die sie hinter verschlossenen Türen ausgetragen hatten. Was blieb, war die Leere, die Trauer und der Zorn. Trevor unterdrückte den Reflex, die Augen zu verdrehen. Er wusste, sein Kommandant hatte Recht. Aber wenn es um Charles Summers, den Kommandanten der Stingray ging, dann würde man ihm trotzdem nichts glauben. Dazu waren die alten Geschichten noch zu gut im Gedächtnis aller. Das alte Spiel, eine Frau, zwei Männer. Summers hatte gewonnen und Janet geheiratet, aber in der abgeschlossenen Welt der U-Boote wusste man nie genau. Wie auch bei ihren Einsätzen so gab es auch hier eine Grauzone aus kalkuliertem Risiko. Nur würde jeder vorsichtshalber nicht auf das reagieren, was die beiden übereinander sagten. Dennoch — der Skipper hatte Recht. Greg Spencer war noch nicht so weit gewesen. Weder er, noch seine Besatzung, noch sein Boot. Es war einfach, das so zu sagen. Nachdenklich blickte er auf seine Hände, aber sie zitterten nicht. Er war sich sehr klar darüber, dass er einer der Anwärter auf das nächste Boot sein würde. Aber für Dolfin würde es ein Verlust sein, wenn die kleine Crew auseinander gerissen wurde. Und ein eigenes Kommando? Hoffentlich war er schon so weit. Er zwang sich zu einer abwinkenden Geste: »Nun, wenigstens hatte ich einen guten Lehrmeister!« »Danke für die Blumen, Trevor!« John Thorndyke nahm einen Schluck von dem Tee und hoffte, das Gebräu würde ihn etwas aufwärmen. Es half nicht viel. »Wo steckt eigentlich unser Sub?« Besorgnis klang in seiner Stimme mit. Der Erste legte sein Gesicht in Falten: »Er telefoniert mit seiner Mutter. Der Chef hat's ihm erlaubt. Natürlich keine Einzelheiten!« Natürlich keine Einzelheiten! Thorndyke rekapitulierte die hingeworfene Bemerkung. Es würde nie Einzelheiten geben. Vielleicht würde der Sub etwas im Familienkreis andeuten, aber auch nicht mehr. Er kannte inzwischen die Regeln. Aber es würde hart werden. Charles Spencer war der jüngere Bruder des Kommandanten der Makerel. Seine Familie würde wissen wollen, was geschehen war, und Charley wusste es. Aber trotzdem, keine Einzelheiten! Die Tür sprang auf und Männer traten ein. Genau wie Thorndyke und James waren auch sie in Overalls gekleidet unter denen sie alle möglichen Kleidungsstücke trugen, Pullover, dicke Unterwäsche, was auch immer geeignet war, Stunden um Stunden in den engen Stahlröhren auszuharren, bei minimaler Bewegung und ohne Heizung. Natürlich gab es eine elektrische Heizung auf den Booten, aber wer wusste schon, ob sie den Strom nicht noch für etwas anderes brauchen würden? So waren die Boote im Winter kalt, im Sommer an der Oberfläche heiß und ansonsten einfach nass. Die besten Mittel dagegen waren Kleidung und Ignoranz. Lieutenant Charles Summers, der Kommandant der Stingray, blickte kurz zu Thorndyke. Äußerlich war wenig zu sehen. Aber sie waren Rivalen, waren es immer schon gewesen. Stingray und Dolfin galten als die besten Boote der Gruppe. Aber die Frauengeschichte hatte der ganzen Angelegenheit natürlich noch eine gewisse zusätzliche Spannung verliehen. »Nichts!«, Charles nahm die zerknautschte Mütze ab und strich sich das blonde Haar glatt. Seine Augen zeigten seine Müdigkeit. Er schüttelte den Kopf: »Wir sind im nördlichen Seitenarm soweit runter, wie es geht. Keine Spur! Wie sieht es bei Euch aus?« »Wir sind das Ufer entlang, zwischen den Felsen durch. Ist ja nicht sehr tief, bis man zum Seitenarm kommt.« Thorndyke zuckte mit den Schultern. »Keine Spur von Makerel!« Ein weiterer Offizier schob sich neben seinen Kommandanten. Sublieutenant Thomas White, bis vor kurzem noch der Beobachter auf Summers Boot und nun zum Ersten aufgestiegen. Nachdenklich nickte er: »Sailfish und Moray sind noch draußen! Vielleicht haben die mehr Glück!« Wieder Glück! Sie wussten alle, was sie finden würden, wenn sie jetzt noch etwas finden würden. Es war nicht das erste Boot, dass verloren ging. Es würde auch nicht das letzte sein. Sie waren erfahrene Männer und wussten, dass sie einen gefährlichen Job hatten. Selbst unter Übungsbedingungen gab es immer etwas, das schief gehen konnte. Ein Ventil geöffnet statt geschlossen, eine Strömung, die sie versetzte, ein Kurzschluss in den empfindlichen Systemen, oder einfach eine falsche Entscheidung. Es gab der Ursachen viele. Sie alle wussten es, und sie hatten gelernt, es zu akzeptieren. Soweit man den möglichen Tod überhaupt akzeptieren konnte. Es war Teil ihres Lebens. Summers blickte sich suchend nach dem Messesteward um: »Einen Scotch, einen doppelten!« Thorndyke zog eine Braue in die Höhe, sagte aber nichts. Doch Summers bemerkte es trotzdem und zuckte mit den Schultern: »Wir werden heute...




