E-Book, Deutsch, Band 289, 284 Seiten, Format (B × H): 155 mm x 230 mm
linguistisch – didaktisch – empirisch
E-Book, Deutsch, Band 289, 284 Seiten, Format (B × H): 155 mm x 230 mm
Reihe: Reihe Germanistische LinguistikISSN
ISBN: 978-3-11-023225-7
Verlag: De Gruyter
Format: PDF
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Zielgruppe
Academics (German Studies, Linguistics), Libraries, Institutes / Germanisten, Sprachwissenschaftler, Bibliotheken, Institute
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
Weitere Infos & Material
1;Vorwort;6
2;Inhaltsverzeichnis;8
3;Einleitung;10
4;Strukturelle Grundlagen des deutschen Schriftsystems;18
5;Wortschreibungskompetenz und sprachbewusster Unterricht;56
6;Sprachsystematische Rechtschreibdidaktik: Konzept, Materialien, Tests;110
7;Orthographieerwerb von Beginn an;142
8;Orthographie als Leserinstruktion;160
9;Schriftstruktur als Lesehilfe;180
10;Das Spiel als Lernmittel im Deutschunterricht;212
11;Die satzinterne Großschreibung – System und Erwerb;226
12;Getrennt- und Zusammenschreibung: Kern und Peripherie;244
13;Strukturfunktionale und erwerbstheoretische Aspekte des Interpunktionssystems am Beispiel des Ausrufezeichens;268
Ursula Bredel
Die satzinterne Großschreibung – System und Erwerb (S. 217-218)
In den letzten Jahren hat sich die Debatte um die Groß- und Kleinschreibung auch auf der Grundlage der Reform von 1996 und der Rereform von 2006 intensiviert. Es geht zum einen um eine angemessene Systemrekonstruktion, zum anderen um eine angemessene didaktische Modellierung. In beiden Bereichen stehen sich noch immer zwei Auffassungen gegenüber: Traditionelle Konzepte modellieren die Großschreibung und ihre Didaktik auf der Grundlage der Wortart Substantiv, neuere Konzepte modellieren beides auf der Grundlage der syntaktischen Funktion, die ein Wort im Satz hat. Im Folgenden werden beide Positionen vorgestellt und so aufeinander bezogen, dass der enge Konnex zwischen Substantivität und syntaktischer Funktionalität deutlich wird. Entsprechende Konsequenzen für eine Didaktik der satzinternen Großschreibung, in der auch Sonder- und Ausnahmefälle diskutiert werden, werden darauf aufbauend zur Diskussion gestellt.
1 Die satzinterne Großschreibung
1.1 Das System
Die grammatische Markierung syntaktischer Funktionen in Sätzen entwickelt sich im Vergleich zu anderen orthographischen Strukturierungsprinzipien recht spät. Noch im 11. Jh. n. u. Z. sind Texte mit durchgängiger satzinterner Kleinschreibung geläufig (vgl. Primus 2007), obwohl die systematische Unterscheidung zwischen Groß- und Kleinbuchstaben mit der Einführung der karolingischen Minuskel um 800 n. u. Z. möglich ist. Die Untersuchung von Bergmann und Nerius (1997), in der die Entwicklung der satzinternen Großschreibung rekonstruiert wird, startet um 1500, einer Zeit, in der sich der Buchdruck durchgesetzt hat und in der die Autoren zu Recht eine beschleunigte Entwicklung des Schriftsystems erwarten. Sie diagnostizieren in den frühesten Texten zunächst die Großschreibung von Eigennamen, an die sich die Großschreibung von Konkreta und Abstrakta anschließt. Darauf aufbauend werden Derivationen mit verbalen oder adjektivischen Basen erfasst, am Ende der Entwicklungskette stehen Konversionen.
In Bredel (2006) wurde diese Abfolge auf der Grundlage des Bootstrapping- Modells erfasst; angenommen wurde, dass spezifische Eigenschaften von bis zu einem bestimmten Zeitpunkt als großzuschreibend identifizierten Einheiten auf weitere Einheiten übertragen werden: So ist es eine Eigenschaft von Eigennamen, auf singuläre, sinnlich wahrnehmbare Objekte zu referieren. Dasselbe gilt für Konkreta, die in einem zweiten Schritt von der Großschreibung erfasst werden. Die Abstrakta teilen mit den Konkreta den Objektbezug, wobei nun nicht mehr sinnlich wahrnehmbare, aber häufig prinzipiell individuierbare Objekte betroffen sind. Außerdem sind die Abstrakta wie die Konkreta und die Eigennamen genusfest und flektieren nach Kasus und Numerus, gehören demnach derselben Paradigmenklasse an. Dieses Kriterium wird in einem nächsten Schritt als großschreibungsrelevant ausgefiltert und auf weitere Ausdrücke übertragen. Erfasst werden nun auch zunehmend substantivische Derivationen. Das lexikalische Kriterium der Substantivität ist somit vorläufig stabil. In einem letzten Schritt wird die syntaktische Großschreibung etabliert: Nun gilt nicht mehr Substantivität als Auslöser für Großschreibung, sondern die Funktion, die Substantive in Sätzen im prototypischen Fall übernehmen. Erfasst werden nun also auch syntaktische Konversionen (das viele Üben, sein beschädigtes Ich). Zugleich werden Substantive, die in einer anderen als in der Kernposition einer nominalen Gruppe stehen, zunehmend kleingeschrieben (mir wird angst; er ist pleite, kraft meines Amtes).
Wird die satzinterne Großschreibung, wie dies üblich ist, als Markierung lexikalischer Eigenschaften (Substantivität) erfasst, müssen diese letzten Fälle gesondert geregelt werden. Entsprechend heißt es in den AR (242006), § 55: „Substantive schreibt man groß“; angeschlossen werden müssen die §§ 56 und 57: „Klein schreibt man Wörter, die formgleich als Substantive vorkommen, aber selbst keine substantivischen Merkmale aufweisen“ und „Wörter anderer Wortarten schreibt man groß, wenn sie als Substantive gebraucht werden (= Substantivierungen)“.