E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Brechenmacher Cilly und Henri
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-451-84023-4
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine deutsch-jüdische Geschichte
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-451-84023-4
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dr. Thomas Brechenmacher ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität Potsdam. In seiner Arbeit setzt er einen Schwerpunkt auf die deutsch-jüdische Geschichte seit der Aufklärung, sowie auf die kirchliche Zeitgeschichte.
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Einleitung: Cillys Briefe
Im Nachlass Henri Nannens (1913–1996) ist ein Konvolut von Briefen seiner ersten großen Liebe Cäcilie (Cilly) Windmüller (1913–1995) aus Emden überliefert. Cilly war die Tochter des jüdischen Schlachtermeisters Adolf Windmüller, Henri der Sohn des örtlichen Polizeikommissars Klaas Eiben Nannen. Cilly und Henri, die Handelsschülerin und der Gymnasiast, liebten die Kunst und die Natur, und sie liebten einander. In Emden waren sie schon zu Beginn der 1930er Jahre ein Paar jenseits dessen, was im sozialen Kosmos der kleinen Stadt als „schicklich“ angesehen wurde. Als mit den Nationalsozialisten auch der Antisemitismus an die Macht kam, wurde die Beziehung für beide gefährlich. Sie endete aber nicht, sondern wuchs sich unter den gegebenen Bedingungen zu einer Beziehung eigener Art aus, zu einer „deutsch-jüdischen Geschichte“, die noch lange nach dem Untergang des „Dritten Reiches“ weiterging, auch wenn aus Cilly und Henri nie mehr ein „richtiges Paar“ werden sollte.
Henri Nannen verließ beider Geburtsstadt 1933 bald nach seinem Abitur, um zunächst eine Buchhändlerlehre in Osnabrück zu beginnen, schließlich aber in München Kunstgeschichte zu studieren und als Journalist zu arbeiten. Cilly Windmüller musste in Emden im Dienst des großen Familienhaushalts verbleiben, und so begann der Briefwechsel. 56 der erhaltenen 67 Cilly-Briefe stammen aus den Jahren zwischen 1933 und 1938, kurz bevor sie Deutschland in Richtung Palästina verließ. Nach dann nur noch sporadischen Kontakten zu Henri erneuerte sich der Briefwechsel Jahrzehnte später, mit elf weiteren Schreiben aus der Zeit zwischen 1984 und 1991. Von Henri an Cilly haben sich lediglich fünf Briefe, alle aus der späten Phase, erhalten. Während Henri die Briefe Cillys (zum Teil mit den Kuverts) penibel aufgehoben hat – wenngleich unsicher bleiben muss, ob es wirklich alle sind –, trifft dies umgekehrt auf die an Cilly gerichteten Henri-Briefe nicht zu. Zwar konnte Cilly Zeugnisse ihrer Jugend – „Stapel von Schulzeichenblöcken mit eingeklebten Zeitungsausschnitten, die immer noch meine Schrankfächer füllen“ (60)1 – über ihre Emigration nach Palästina hinweg in ihr neues Leben in Israel überführen, doch die Briefe ihrer ersten Liebe waren offenbar nicht darunter. Vielleicht hat sie Henris Briefe bereits unmittelbar nach deren Erhalt noch in Emden oder unter steigendem Verfolgungsdruck später vernichtet, weil es ihr zu riskant erschien, sie aufzuheben. Oder die Briefe überstanden den Weg in Cillys neue Heimat nicht, oder sie gingen erst dort verloren. Wir wissen es nicht.
Die Beziehung Cillys und Henris in jenen für beide so prägenden fünf Jahren zwischen 1933 und 1938 spiegelt sich damit allein in den Worten Cillys an Henri, in dem, was sie ihm von ihrem Leben, ihren Gedanken, vor allem aber von ihrer inneren Not mitteilte (oder mitteilen wollte), und in dem, was sie von seiner Entwicklung im von Emden weit entfernten München wahrnahm und kommentierte. So bedauerlich es ist, nicht mehr zu wissen, was Henri ihr jeweils antwortete, darf trotzdem der Versuch nicht unterbleiben, auch ihn mit aller gebotenen methodischen Kontrolle in der beiderseitigen Beziehung sichtbar werden zu lassen.
Auch ohne die Gegenbriefe stellt Cillys fortlaufende Reflexion darüber, was sie mit Henri schmerzvoll verband, wie darüber, was sie gewaltsam auseinandertrieb, eine Quelle seltenen und außerordentlichen Grades dar. Mit emotionaler, intellektueller wie sprachlicher Kraft arbeitete sich Cilly an diesem für Zeit und Umfeld an sich schon nicht „normalen“ Verhältnis ab, das unter den Umständen der nationalsozialistischen Judenverfolgung fast jede Zukunftsperspektive verlor. Sie hing in der ostfriesischen Provinz fest und sah Tag für Tag ihre Lebenschancen schwinden, während ihr Partner früher Erkundungen in Welt, Liebe und Kunst in München ein Studium absolvieren und eine Karriere beginnen wollte. Das konnte Henri ohne Anpassung an die Bedingungen der rapiden nationalsozialistischen Gleichschaltung nicht gelingen, aber er rückte deshalb von Cilly nicht ab, im Gegenteil: Er bekannte sich zu ihr auch unter Inkaufnahme von Risiken und ganz handfesten beruflichen Nachteilen.
Das Gros der Briefe stammt aus den Jahren 1933 bis 1936, der Zeit der ersten Abwesenheit Nannens aus Emden unmittelbar nach dem Abitur sowie, seit Herbst 1933, seines Studiums und der frühen publizistischen und journalistischen Aktivitäten in München. Von Mitte 1936 bis Sommer 1937 sind keine Briefe Cillys überliefert. In dieses Jahr fällt eine besonders schwere Lebensphase der jungen Frau. Sie konnte noch Ende 1935 mit einem Studentenvisum endlich Emden verlassen und nach England gehen, dort ein Praktikum in einem Kinderheim absolvieren und schließlich als Hausmädchen bei einem jungen Ehepaar unterkommen. Aber sie erkrankte schwer, und wieder genesen, gelang es ihr mit Not, ihre Aufenthaltsgenehmigung noch einmal verlängert zu bekommen. Sie sah sich dann gezwungen, unter prekären Umständen ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Im März 1937 kehrte sie vorübergehend nach Emden zurück und nahm eine Stelle als Haushaltsgehilfin in Osnabrück an. Schließlich musste sie zur Vorbereitung ihrer nun unabdingbaren Auswanderung in eine zionistische Ausbildungsstätte nach Augsburg ziehen.
Ob ihre Korrespondenz mit Henri in der zweiten Jahreshälfte 1936 und Anfang 1937 einschlief oder ob Briefe aus England verloren gingen, muss offenbleiben. Die überlieferten Cilly-Briefe setzen erst im August 1937, jetzt letztmalig aus Emden, wieder ein. Cillys Ortswechsel nach Augsburg brachte die Gelegenheit, sich mit dem nach wie vor in München ansässigen, wenn auch nicht mehr studierenden Henri wieder öfter persönlich zu treffen, sodass der Briefwechsel 1937/38 zwar nicht mehr die frühere Häufigkeit erreicht, aber gleichwohl an innerer Dramatik noch gewinnt. Während die verfolgte und entrechtete Cilly in materieller Not das Zeichen zum Aufbruch aus Deutschland erwartete, arbeitete Henri seit November 1937 als Redakteur für die dem Regime angepasste Zeitschrift Die Kunst beim Münchener Bruckmann Verlag. Beide wussten, dass ihre Beziehung keine Zukunft mehr haben konnte, aber sie war trotzdem noch nicht zu Ende. Die letzten, hektischen Nachrichten Cillys stammen aus den Wochen unmittelbar vor ihrer überraschend schnell ermöglichten Ausreise nach Tel Aviv im September 1938.
In den folgenden Jahrzehnten, in denen Henri Nannen, nachdem er als Wehrmachtssoldat, Kriegsberichterstatter und Propagandakompanieführer den Zweiten Weltkrieg überstanden hat, zu einem der einflussreichsten Printjournalisten und Illustriertenmacher der Bundesrepublik avanciert, bleiben die Kontakte zu Cilly und ihrer in Israel gegründeten Familie sporadisch, reißen aber nie ganz ab. Fast ein halbes Jahrhundert nach 1933 flammt der Briefwechsel zwischen ihnen noch einmal auf, als Nannen darangeht, sich in beider Heimatstadt Emden einen Traum zu verwirklichen, der nicht nur ein Kunsttraum, sondern auch ein biografischer Bewältigungstraum ist. Er errichtet ein Kunstmuseum unweit der Stelle, an der in den Tagen ihrer jugendlichen Liebe ihr gemeinsames Faltboot lag. Rein äußerlich scheint es, als knüpfe der Briefwechsel an, wo er einst geendet hatte. Cillys Schrift und Duktus sind fast unverändert (auch wenn Deutsch längst nicht mehr die Sprache ihres täglichen Umgangs ist). Doch die Geschichte steht zwischen ihnen. Nichts hätte Nannen sich mehr gewünscht, als Cilly zur Eröffnung des Museums noch einmal persönlich in Emden wiederzusehen; sie kam aber nicht, brachte es nicht über sich. Sollte Henri gehofft haben, mit der Kunsthalle auch für sich und Cilly eine späte Erlösung erlangen zu können, weiß Cilly, dass diese nicht möglich sein kann. Ihr ist, als hätte Henri sie „bei der Grundsteinlegung in der Kassette begraben“ (59). Cilly und Henri – eine deutsch-jüdische Geschichte.
Abb. 1: Cillys erster Brief an Henri in München, Anfang November 1933 (Nr. 4): „… mir kommt es vor, als ob Du viel länger als 14 Tage von Emden fort wärst.“
Cillys Briefe sind ausschließlich handgeschrieben, meist unter hohem Zeit- sowie hohem innerem Druck, manchmal über Tage hinweg mit immer neuen Hinzufügungen. Ihre rhetorischen Kennzeichen sind der Gedankenstrich und die abgekürzte Konjunktion „u.“, die ihre fliehenden Gedanken zusammenhalten. In der Regel schreibt sie lateinische Schreibschrift, mitunter, teils in ein und demselben Brief, aber auch „deutsche“, also Sütterlin. Nur in sehr wenigen Fällen hat Cilly ihre Briefe datiert. Glücklicherweise hob Nannen manchmal auch die Kuverts auf, sodass ein Datierungsgerüst aus den Poststempeln erstellt und alles Weitere (nicht immer mit letzter Sicherheit) anhand der äußeren wie inneren Bezugspunkte der brieflichen Zwiesprache chronologisch geordnet werden kann (vgl. das Briefverzeichnis am Schluss).
Cillys Briefe leuchten den Raum einer Doppelbiografie aus; sie zeugen für sie selbst und die Schicksale ihrer Familie; sie sind ein Spiegelbild der prägenden Jahre des jungen Henri Nannen, zeigen aber auch, welchen Reiz die Ideologeme des Nationalsozialismus sogar auf jene ausüben konnten, die in größter Distanz zu ihnen stehen mussten. Cillys Briefe dokumentieren den Kampf der Jüdin um ihr inneres wie äußeres Überleben und reflektieren andererseits die Gratwanderung ihres nichtjüdischen Freundes auf der Suche nach einem eigenen Weg unter den Bedingungen...




