Braun / Held | Kampf ums Unbewusste | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 512 Seiten

Braun / Held Kampf ums Unbewusste

Eine Gesellschaft auf der Couch
3. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8412-3782-8
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine Gesellschaft auf der Couch

E-Book, Deutsch, 512 Seiten

ISBN: 978-3-8412-3782-8
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Das Unbewusste als Territorium kultureller und politischer Konflikte und wie die Psychoanalyse heute helfen kann, sie zu lösen.

Die Rede vom Unbewussten begann mit dem Niedergang der Religion um 1800. Hundert Jahre später entstand die Psychoanalyse, die von Anfang an nicht nur Therapieform, sondern auch Instrument des Erkenntnisgewinns und der Kulturkritik war. Die Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun und der Psychoanalytiker Tilo Held beleuchten die Bedeutung des Unbewussten für gesellschaftliche Phänomene und Entwicklungen. Von Antisemitismus und Totalitarismus über sich wandelnde Geschlechterrollen bis hin zu Fake News und Verschwörungserzählungen.



Christina von Braun, geboren 1944, ist Kulturtheoretikerin, Autorin und Filmemacherin. Sie war Professorin an der Humboldt-Universität im Fach Kulturwissenschaft und leitete dort bis 2003 den Studiengang Gender Studies. Sie hat zahlreiche Bücher, Aufsätze und Essays veröffentlicht und mehr als 50 Filme zu kulturellen und kulturhistorischen Themen gedreht. 2013 wurde sie mit dem Sigmund-Freud-Kulturpreis ausgezeichnet. Zuletzt erschien bei Aufbau 'Blutsbande. Verwandtschaft als Kulturgeschichte'. Tilo Held, geboren 1938, war seit 1981 Ärztlicher Direktor der Rheinischen Landesklinik in Bonn und damit der erste und lange Zeit einzige Leiter einer psychiatrischen Klinik in Deutschland, der zugleich Psychoanalytiker war. 1990 erhielt er den Hermann-Simon-Preis für Sozialpsychiatrie, 1999 wurde er apl. Professor für Psychiatrie an der Universität Bonn. Im Jahre 2001 wechselte er nach Berlin, wo er die Fliedner Klinik Berlin am Gendarmenmarkt gründete und leitete.
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Einleitung


Dieses Buch ist ein Experiment. Aus zwei Gründen: Erstens begibt man sich mit dem Thema des Unbewussten auf unsicheres Terrain. Das Unbewusste entzieht sich jeder genaueren Definition – eine Eigenschaft, von der wir im Laufe des Schreibens begreifen sollten, dass genau darin auch sein Potenzial und seine Widerstandskraft liegt. Zweitens schreiben wir – Christina von Braun, die Kulturhistorikerin, und Tilo Held, der Psychiater/Psychoanalytiker – nach mehr als 50 Jahren Ehe zum ersten Mal ein Buch zusammen; wir konnten nicht einschätzen, ob das funktioniert oder die Beziehung belastet. (Um es vorwegzunehmen: Es gab Konflikte, aber die Beziehung hat diese überlebt.)

Ein Buch über die wechselnden Theorien zum Unbewussten schreiben, bedeutet, eine Art von Theatergeschichte verfassen – eine Biographie, die um 1800 einsetzt, als das Unbewusste seinen bis heute gültigen Namen erhielt. Die Bühne, auf der dieses Schauspiel, das von Menschen sowohl geschrieben und inszeniert als auch erlitten wird, ist das Leben selbst: das der Individuen wie das der Gemeinschaften. Dabei hält sich der Ablauf dieses Dramas nicht an die saubere Grenze zwischen Politik und Kultur; vielmehr zeigt es uns, wie die Kultur das politische Leben umkrempelt und wie die Politik die Kultur instrumentalisiert, was in den totalitären Staaten besonders evident wird. Das Stück hat ein Open End: Wir wussten nicht (und wissen bis heute nicht), wie es ausgeht, aber wir können rückblickend erkennen, dass immer wieder neue Faktoren den Verlauf änderten: etwa als um 1900 die sich wandelnden Geschlechterrollen alte Traditionen aus den Angeln zu heben begannen oder als die ebenfalls in dieser Zeit aufkommenden Massenmedien die Psyche der Menschen auf neue Gleise schoben und parallel zu beidem eine neue facettenreiche »Disziplin« entstand: die Psychoanalyse.

Heute befinden wir uns erneut in einer Umbruchphase – sie ist geprägt von anderen Krisen: Klimawandel, Kampf um Energieressourcen, Angst vor Krieg, medialer Manipulation und dem wachsenden Anteil autokratischer Regime. In einer Studie der Bertelsmann-Stiftung heißt es: »Erstmals seit 2004 verzeichnet unser Transformationsindex (BTI) mehr autokratische als demokratische Staaten. Von 137 untersuchten Ländern sind nur noch 67 Demokratien, die Zahl der Autokratien steigt auf 70.«1 Auch in dieser Situation, wo es um das Überleben der freiheitlichen Gesellschaften geht, wächst der Ruf nach einer Befähigung zur Abwehr – weniger durch Waffen als durch psychische und intellektuelle Resilienz. Wir möchten im Folgenden darstellen, dass sich das Unbewusste – aufgrund seiner Flexibilität und seiner Unbeherrschbarkeit – als besonders widerstandsfähig erwies und auch weiterhin erweisen dürfte.

Um sich durchzusetzen, bedarf das Unbewusste allerdings eines Instrumentariums, das in der Welt des Bewusstseins angesiedelt ist. Diese Brücke schlug die Psychoanalyse um 1900, und auch heute könnte sie die richtige Mittlerin sein, was jedoch nur möglich ist, wenn sie über die Formulierungen und Lehrsätze von 1900 hinausgeht. Gefragt sind neue Denkmuster, die auf die aktuellen Gefährdungen antworten, etwa auf die medialen Manipulationen. Diesen durch Aufklärung und mediale Kompetenz zu begegnen ist nicht falsch, aber zu wenig. Es geht nicht um ein Wissen, das sich durch bewusste Bildung erwerben lässt – sondern um ein psychologisches Wissen, das mindestens ebenso viel mit Gefühl wie mit Intellekt zu tun hat. Dass dieses Wissen zum kollektiven Fundus der Gesellschaft wird, ist eines der Anliegen unseres Buches. Die Psychoanalyse ist nicht nur Therapie, sie vermittelt auch eine spezifische Art der Erkenntnis. Sie kann weder die einzelne Biographie noch einen historischen Prozess ungeschehen machen. Aber sie kann dazu beitragen, dass Ereignisse anders gelesen werden.

Dies ist also kein Buch über die Geschichte oder Wirkmacht der Psychoanalyse; es ist ein Buch über ein Feld, das zu ihrer Entstehung beitrug. Als sie – ebenfalls um 1900 – die Bühne betrat, bedurfte es offenbar völlig neuer Einsichten und Methoden, um das veränderte menschliche Verhalten einzuordnen und gesellschaftlichen Konsens herzustellen. Wir befinden uns in einer historisch ähnlichen Umbruchsituation wie die Gesellschaft um 1900. Und auch heute gibt es einen hohen Bedarf an Einsicht und Einordnung, den die Psychoanalyse leisten könnte, allerdings eine »erneuerte« Psychoanalyse. Sie hatte eine wichtige Funktion in ihrer Entstehungszeit, doch auf vielen Gebieten – darunter Geschlechterverhältnisse und Massenmedien – werden die Lehren von damals den aktuellen Notwendigkeiten nicht mehr gerecht.

Das Buch besteht aus zwei Teilen: einer geschrieben von Christina von Braun, der andere von Tilo Held. Im ersten Teil wird die Geschichte des Unbewussten bis in die Jetztzeit nachgezeichnet: Sie beginnt, wo deutsche Philosophen und Schriftsteller den Begriff »das Unbewusste« in die Welt setzten. Nach einer kurzen Vorgeschichte, in der einige Leitgedanken des Buches umrissen werden, etwa der Antagonismus zwischen Vertrauen und Glauben, beschreibt Kapitel 2, in welcher Weise das Unbewusste an die Leerstelle rückte, die »Gott« nach der Entmachtung der Kirche im Denken vieler Menschen hinterließ. Die Verlagerung vom Transzendenten zum Unbewussten vollzog sich zunächst in Deutschland und dort genauer in den protestantischen Gebieten, wo der »nach innen genommene« Gott die Gestalt nicht nur des »Gewissens«, sondern auch des »Gemüts« annahm. Von Gewissen und Gemüt bis zum Unbewussten war es nicht weit.

Um 1900 kommt es zu einer Wende: Nun intervenierten jüdische Denktraditionen – auch sie weltlich ausgerichtet – in den Entwicklungsprozess des »Unbewussten«. Es kam zu der von Freud und anderen »kulturellen« Juden entwickelten Psychoanalyse. Sie verlieh der Diskussion um das Unbewusste eine neue Dimension, indem sie unterstrich, dass die Psyche ihre eigene, von Physis, sozialem Umfeld und kulturellen Mustern bestimmte Dynamik hat und dass sie nicht zwingend mit Gott, geschweige denn einem spezifischen Gott, identisch ist.

Im 3. Kapitel wird beschrieben, wie die nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen totalitären Staaten sich des psychischen Gebiets zu bemächtigen versuchten und welche Instrumentarien sie entwickelten, um über dieses Terrain Herrschaft auszuüben. Es wird aber auch schon gezeigt, dass das Unbewusste über eine eigene Widerstandsfähigkeit verfügt, die sich jeder Form von »Besetzung« entzieht. Kapitel 4 geht auf die Entwicklung nach 1945 ein und skizziert die breite Ausdifferenzierung der kulturellen und politischen Dimensionen sowohl des Unbewussten als auch der Psychoanalyse, bevor im 5. und 6. Kapitel noch einmal zurückgegriffen wird auf die Zeit um 1900, wo – parallel zur Entstehung der Psychoanalyse – zwei große Umbrüche ihren Anfang nahmen, die auf die Geschichte des Unbewussten einen mächtigen Einfluss ausüben sollten: Der eine betraf die Geschlechterordnung, der andere die modernen Massenmedien. In beiden Fällen zeigt sich, wie notwendig es geworden ist, dass die Psychoanalyse – ob als Therapie, als Methode der Erkenntnis oder als Kulturkritik – Antworten auf aktuelle Fragestellungen und Krisen gibt.

Der zweite Teil des Buchs, für den Tilo Held verantwortlich zeichnet, beginnt im 7. Kapitel mit einer Darstellung der Psychoanalyse als staatlich finanzierter Heilmethode (weltweit nur in Deutschland) und dem Verhältnis der Psychoanalyse zu anderen Heilmethoden, besonders zur Medizin. Das 8. Kapitel zeigt am Beispiel der Traumaforschung, wie wichtig der kulturelle Kontext für die Therapie ist und welchen Gewinn die Psychoanalyse aus der sozialwissenschaftlichen Forschung und den neueren Erkenntnissen der Anthropologie ziehen könnte. Das 9. und letzte Kapitel thematisiert, welche Bereicherung die Psychotherapie erfahren könnte, wenn sie sich den neueren Erkenntnissen der Evolutionsforschung und Neurobiologie öffnete: Diese berühren viele der Gebiete, mit denen die Psychoanalyse tagtäglich zu tun hat, bestätigen auch einige der Spekulationen aus der Frühzeit der Psychoanalyse (als die Naturwissenschaften noch auf das Fach herabblickten) – und vor allem zeichnen sie Freiheitsgrade für die individuelle Entwicklung auf, die allen bisherigen Vorstellungen widersprechen.

Wenn im Folgenden vom Unbewussten die Rede ist, so ist damit nicht die lange Geschichte gemeint, die der...



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