Braun | Die Reise-Bibel | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Braun Die Reise-Bibel

»Das ist doch niemals Rio de Janeiro«
1. Auflage 2010
ISBN: 978-3-423-40402-0
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

»Das ist doch niemals Rio de Janeiro«

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

ISBN: 978-3-423-40402-0
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Von Marco Polo, Last Minute und der heimlichen Suche nach dem Altbewährten - nur bei besserem Wetter.    Wenn es Sonne und Meer ganzjährig auch an der Emschermulde oder in Uelzen gäbe, wer würde dann schon verreisen. So aber wird in diesem Buch eine Menge über Adria-Freuden und Azoren-Krisen, Badetücher auf Liegestühlen, überschätzte Reisemythen, Trinkgeld- Bräuche, komisches Essen und viel zu viele Engländer zu lesen sein. Auch darüber, wie der deutsche Tourist sich im Ausland so benimmt, worüber er sich am liebsten beschwert und wer der »König von Mallorca« ist, wird Sie diese amüsante Fibel nicht im Unklaren lassen.  

Harald Braun, geboren 1960, lebt als Autor und freier Journalist für Magazine und Wochenzeitungen bei Hamburg.
Braun Die Reise-Bibel jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Reise-Szenen (Teil 1)

Ein junges Paar bucht eine Reise (und erlebt eine Überraschung)


»Na ja, das kommt darauf an…« Tobis Halbsatz endet im Ungefähren. Frau Dammrath seufzt leise auf.

»Aber Sie müssen doch eine ungefähre Vorstellung davon haben, wohin Sie fahren möchten? So die grobe Richtung, wenigstens.«

Elli lacht nervös auf.

»Es wird unsere gemeinsame Reise!«

»Oh, herzlichen Glückwunsch. Das ist doch sehr schön. Wie wäre es dann vielleicht mit ein paar Tagen Venedig? Sehr beliebt bei jungen Paaren! Und sehr romantisch…« Frau Dammrath lächelt das junge Glück warm an. Tobi verdreht die Augen.

»Das nun gerade nicht. Ich meine, wir wollen ja nicht gleich heiraten. Wir kennen uns kaum vier Monate!«

Elli blickt ihn leicht verwundert von der Seite an. Klar, sie ist seiner Meinung, so prinzipiell. Aber wie er das sagt. Als ob man ihm eine Heizdecke verkaufen wollte. Sofort beginnt sie mit einer Verteidigungsrede.

»Ich will gar nicht nach Venedig. Außerdem kann ich diese italienischen Kitscharien mit den Gondeln und diesen Zuckerbäckergebäuden gar nicht ausstehen, und diese vielen Touristen, total überlaufen. Haben Sie nichts Ruhigeres?«

Kaum hat sie das alles ausgesprochen, bereut sie es bereits. In Wahrheit findet sie Venedig gar nicht sooo kitschig. Im Gegenteil. Die Bilder, die sie von der Lagunenstadt kennt, haben sie angesprochen und eine Seite in ihr zum Klingen gebracht, die sie selten zulässt. Tja. Nach diesem Auftritt wird ziemlich viel Überzeugungsarbeit notwendig sein, um Tobi beizubringen, dass sie sich eine Reise nach Venedig vorstellen kann. Eines Tages. Später.

»Wie wäre es dann mit einer Woche Juist? Ich hätte hier ein Angebot einer Hotelkette, die kompetent unterstützte Wellness-Wochen für junge Paare anbietet. Vier gemeinsame Anwendungen inklusive!« Frau Dammrath hat die prekäre Situation erkannt und gleich umgeschaltet. Allerdings ohne viel Erfolg.

»Och nee, kein Wellness. Das ist doch Schwuchtelkram!«

Tobi spielt Fußball in einem Verein und obwohl er eigentlich ein ganz umgänglicher, patenter Mensch mit soliden Ansichten ist, gehört eine gewisse Homophobie zu seiner charakterlichen Grundausstattung. Seine Freundin greift seinen Unterarm und reckt ihren Kopf leicht vor, sie übernimmt:

»Wo liegt Juist denn überhaupt?«

Elli ist praktisch veranlagt, und gegen Wellness hat sie nichts einzuwenden. Außerdem weiß sie durch die regelmäßige Lektüre von Frauenmagazinen, dass Anti-Aging auch mit 23Jahren kein Teufelswerk sein muss.

»Juist ist eine kleine ostfriesische Insel, ein Luftkurort. Sehr charmant.«

Tobi lässt hörbar Luft ab.

Frau Dammrath, die laut Namensschildchen auf der blauen »High-Fly«-Agenturweste offenbar nur M. heißt, merkt gleich, dass mit dem Attribut »charmant« bei diesem jungen Kunden keine Punkte zu machen sind.

»Juist ist besonders eine Insel für sportliche Urlauber«, legt sie nach. »Kein Autoverkehr, kilometerlange Sandstrände – ein Paradies für Fahrradfahrer und Wanderer!«

Jetzt schaut auch Elli skeptisch. Sie will doch nicht stundenlang durch ein menschenleeres Kaff rennen, wenn sie sich mal eine ›Gala‹ besorgen will. Auch Tobi wischt Juist endgültig vom Tisch.

»Nee, klingt nach Langweile. Haben Sie nichts Günstiges mit viel Sonne und Strand?«

Frau M.Dammrath nickt.

»Selbstverständlich. Allerdings müssten wir uns dann etwas weiter wegbewegen, wenn wir im April bereits Sonnengarantie haben wollen. Türkei oder Griechenland, das wäre schon möglich. Oder die Kanaren.«

»Au ja, Ibiza! Ibiza ist super!«

Tobi war schon mal da mit ein paar Freunden, gleich nach dem Abitur. Wilde Zeiten, von denen er Elli bereits ausschweifende Zusammenfassungen gegeben hat. Dementsprechend begeistert ist sie. So mittel, Tendenz abwärts.

»Erst mal gehört Ibiza zu den Balearen«, verbessert die angehende Haupt- und Realschullehrerin ihren Freund und lächelt M.Dammrath– Monika? Maren? – dabei verschwörerisch an, »und außerdem finde ich es ganz schön arm, den ersten gemeinsamen Urlaub auf einer Insel zu verleben, die hauptsächlich für Drogen, Discos und Fahrstuhlmusik bekannt ist. Das ist doch ein wenig phantasielos, oder?«

Sie schaut immer noch die Reiseverkehrsfrau an, adressiert ist diese etwas zu forsch geratene Bemerkung allerdings eindeutig an Tobi und dessen vermeintliche Geschmacksunsicherheiten.

»Was soll denn heißen?« Tobis Stimme zittert leicht. »Was ist denn an Ibiza verkehrt? Was ist so phantasielos daran? Willst du lieber auf Juist mit den ollen Ömchen sitzen und am Nachmittag ein Kännchen Kaffee und einmal Torte mit Sahne wegschaufeln? So eine Veranstaltung kannst du dir für die Rente aufheben, bis dahin haben wir noch ein bisschen Zeit!«

Elli wird jetzt richtig sauer.

» will doch gar nicht nach Juist, hör mir doch mal zu!«

»Was willst du dann? Wenn du alles scheiße findest, können wir auch hierbleiben.« Die vorfreudige Urlaubsstimmung ist jetzt endgültig im Keller. Von dem fröhlichen, unbeschwerten Paar, das vor einer Viertelstunde das Reisebüro betreten hat, in der Hoffnung, die romantischen Gefühle füreinander durch die harmonische Wahl eines gemeinsamen Reiseziels zu manifestieren, ist wenig mehr übrig als ein Paar, das sich halt erst vier Monate kennt und noch Überraschungen miteinander erlebt. Diese hier ist unschön. Auch Frau Dammrath hyperventiliert schon beinahe. Diese Verkaufsveranstaltung läuft gar nicht gut. Sie greift wieder ein.

»Ach, das ist doch ganz normal, dass man sich im ersten Anlauf nicht gleich einigen kann«, sagt sie beruhigend, schenkt dem inzwischen arg spitzlippigen Paar einen Kaffee nach und deutet fröhlich auf ein paar Schokohasen.

Elli und Tobi lehnen ab.

»Haben Sie denn schon einmal über eine Städtereise nachgedacht? Für so junge aufgeweckte Menschen wie Sie dürfte das eine interessante Möglichkeit sein, mit vielen kulturellen Angeboten, aber auch einem abwechslungsreichen Nachtleben!«

Wenn Frau Dammrath nervös wird, klingt sie manchmal wie einer der bunten Prospekte, die vor ihr liegen, im Originalton.

»Städtereise…«, wiederholt Tobi leise und etwas abschätzig, wie Elli heraushört. »Wahrscheinlich auch gleich noch Paris!«

»Was ist denn gegen Paris einzuwenden?«, fragt Elli schnippisch zurück. »Was ist denn damit schon wieder verkehrt? Oder gefällt es dir nicht, dass Paris als die ›Stadt der Liebe‹ gilt? Passt das nicht zu so einem harten Typen wie dir? Möchtest du lieber nach Pamplona zum Stierkampf, ein bisschen Hemingway lesen und dir jeden Tag einen amtlichen Whiskey-Rausch antrinken? Wär das männlich genug für dich, John Rambo?« Elli ist mit jedem Wort ein wenig lauter geworden, den letzten Satz schreit sie beinahe.

Frau Dammrath greift ihr beruhigend an den Ellbogen, doch an den roten Flecken am Hals ist zu sehen, dass auch sie von dieser unschönen Szene in Mitleidenschaft gezogen wird.

»Jetzt bleib doch mal ruhig«, sagt Tobi mit einem Gesichtsausdruck, als lutsche er seit Minuten auf einer bitteren Mandel herum.

»Wir können uns sicher auch ganz sachlich auf ein Reiseziel einigen, nicht wahr, Elli. Mein .« Sein »Schatz« klingt nach der Bezeichnung für einen Salatkopf aus dem All, jedenfalls nach etwas, das man mit einer Mischung aus Abscheu und Vorsicht genießen sollte. Auch diese Botschaft kommt bei Elli an.

»Du kannst mich mal, du Arsch!«

In vier Monaten haben sich Elli und Tobi nur ein-, zweimal gestritten, kurze Momente der Disharmonie, Beschimpfungen und Flugspucke exklusive. Die Reisebüro-Krise ist der Tiefpunkt ihrer jungen Allianz. Beide schauen starr nach vorn, zwei Satelliten auf völlig unabhängigen Flugbahnen. Frau Dammrath– Mascha? Miranda? – zückt ihre letzte Waffe.

»Ach, das ist doch alles halb so wild«, sagt sie etwas ziellos und schiebt ihren unglücklichen Kunden dabei gleichzeitig einen großen Stapel Kataloge hinüber. »Jetzt schauen Sie sich mal ein paar Minuten die verschiedenen Städtereisen von an, das sind auch preislich sehr interessante Arrangements in Designhotels, der Anbieter hat zwölf europäische Großstädte in seinem Portfolio. Vielleicht hilft Ihnen ja eine visuelle Anregung, bei mir selbst funktioniert das auch immer, wenn ich mich mal wieder gar nicht entscheiden kann.«

Elli kaut energisch auf ihrer Unterlippe herum, auch Tobi sieht aus, als ob er fürs Kiefermalmen bezahlt würde. Unentschlossen greifen beide nach den Prospekten, wortlos nimmt Elli die Hälfte des Stapels und schiebt sie ihrem Freund vor die Nase, den Rest übernimmt sie. Gemeinsame Lektüre ist momentan keine Option. In diesem Moment öffnet sich die Tür des Reisebüros, Auftritt: Familie Glowaczki. Helga Glowaczki im gelben Hosenanzug schiebt ihren Mann Heiner wie ein sperriges Möbel in den Laden, hinter den beiden trotten zwei halbwüchsige Kinder der Familie mit gelangweilter Miene und iPod-Stöpseln in den Ohren. Frau Dammrath atmet auf. Endlich eine Chance, das unglückliche Paar einen Moment sich selbst zu überlassen.

»Wie kann ich Ihnen helfen?«, fragt sie mit professioneller Freundlichkeit, und zwar ausschließlich Helga Glowaczki. Sie ist lange genug im Job, um sofort zu erkennen, wer in dieser Sippe die Entscheidungen trifft. Heiner Glowaczki jedenfalls ist es nicht.

»Wir hätten gerne einmal die Dom Rep vom 10.Juni bis zum...


Braun, Harald
Harald Braun, geboren 1960, lebt als Autor und freier Journalist für Magazine und Wochenzeitungen bei Hamburg.

Harald Braun, geboren 1960, lebt als Autor und freier Journalist für Magazine und Wochenzeitungen bei Hamburg.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.