E-Book, Deutsch, 440 Seiten
Brandt Unter einem Banner
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-96089-178-9
Verlag: dead soft verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 440 Seiten
ISBN: 978-3-96089-178-9
Verlag: dead soft verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Blutroter Schnee. Brennende Zelte. Sterbende Kameraden. Jede Nacht durchleidet Reykan erneut die Schrecken des Krieges, in dem er mehr verloren hat als nur eine Schlacht. Reykan sehnt sich nach Frieden, aber sein Pflichtgefühl kettet ihn an den Königshof und zwingt ihn mitten in die Unruhen, welche die Hauptstadt in Atem halten. Als feindliche Truppen die Mauern stürmen und der König vor Reykans Augen stirbt, fällt ihm die undankbare Aufgabe zu, den verwöhnten Kronprinzen Benrik in Sicherheit zu bringen. Gejagt von skrupellosen Gegnern geraten die beiden ungleichen Männer immer wieder aneinander, bis Reykan beginnt, hinter Benriks Fassade zu blicken. Doch ihre Verfolger kommen näher und Reykan muss sich fragen, wie viel er wirklich für Benrik empfindet und was er bereit ist, für ihn zu opfern.
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KAPITEL EINS
Die Welt versank in drückendem Grau. Grau spannte sich der Himmel über ihnen wie ein fleckiges Leichentuch. Grau wirkten die Gesichter der Männer, deren Atem als hauchdünne Wolken in die Baumkronen stieg. Der Wald ringsum schien zu Eis erstarrt. Manchmal knarrte ein Ast unter der Last des feuchten Schnees oder der Wind riss an den dürren Zweigen, doch darüber hinaus gab es nur die Schritte der Soldaten und ihren keuchenden Atem. Kein Anzeichen von Leben. Kein Anzeichen von Nahrung.
Resigniert starrte Reykan auf die Beute. Zwei magere Hermeline waren in ihre Fallen getappt. Nicht genug, um auch nur seine eigene Einheit satt zu bekommen, von den anderen Soldaten ganz zu schweigen.
In stummem Protest zog sich Reykans Magen zusammen. Zwieback und Dörrfleisch, und das schon seit Wochen. Nie hätte er sich träumen lassen, dass er für ein paar Äpfel, Karotten oder Salatblätter selbst seinen pelzbesetzten Umhang eintauschen würde, doch momentan war ihm die Kälte nicht so zuwider wie der ständige Hunger, der sämtliche Energie aus seinem Körper trieb. Was hätte Reykan jetzt für einen deftigen Kürbiseintopf gegeben oder süße Apfelkuchen aus Mürbeteig … Er verscheuchte den Gedanken, der ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ, und stapfte missmutig weiter.
Der Wald lichtete sich allmählich, die Stille wich dem Rumoren der Soldaten, dem Knistern von Lagerfeuern und dem Geräusch schwerer Stiefel im Schnee. Hunderte Zelte reihten sich in den verschneiten Auen aneinander, im Schatten der mächtigen Stadtmauern von Notia, die ihnen höhnisch das eigene Versagen vor Augen führten.
»Das ist alles?« Enttäuscht betrachtete der wachhabende Offizier die Ausbeute von Reykans Jagdpatrouille. Er war ein verhärmt aussehender Mann mit grau meliertem Haar, der die Farben der Arliser Wölfe trug. »Zwei beschissene Hermeline?«
»Der Wald ist leer«, erwiderte Kadur an Reykans Stelle. »Zumindest in der näheren Umgebung. Wir müssten viel weiter vordringen, wenn wir erfolgreich jagen wollen. Und da wimmelt es von skaratischen Spähtrupps und weiß der Henker von was noch.«
Der Offizier seufzte und nickte. Seine Nase und die Ohren waren dunkelrot vor Kälte und seine Augen tränten. »Gut, rein mit euch. Wärmt euch auf.«
Im Lager angekommen löste Reykan die Patrouille auf und befahl einem seiner Männer, die Beute zur Feldküche zu bringen. Er selbst machte sich mit Kadur auf dem Weg zu ihrem Zelt. Der Rauch zahlreicher Lagerfeuer stieg in den grauen Himmel und wurde vom eisigen Nordwind zerteilt, der wild an den Flaggen und Bannern riss. Es roch nach Asche, frischem Schnee und schaler Suppe. Reykans Finger und Zehen kribbelten vor Kälte, es wurde Zeit für einen heißen Becher Tee.
»Herr von Torat?«
Reykan wandte sich um. Ein junger Soldat salutierte pflichtschuldig vor ihm, seine Zähne schlugen so heftig aufeinander, dass er kaum ein Wort über die Lippen brachte.
»Seine Majestät hat eine Stabsbesprechung einberufen. In einer Stunde.«
Ein flaues Gefühl kroch Reykans Wirbelsäule hinunter, begleitet von einem kurzen Hoffnungsschimmer. Vielleicht würde König Renard den ersehnten Rückzug verkünden oder endlich den Befehl zum Abbruch dieser unsäglichen Belagerung geben. Vielleicht plante er aber auch nur einen weiteren sinnlosen Vorstoß, der an den Mauern Notias branden würde wie Wellen an hohen Klippen. Reykan nickte, ohne sich etwas anmerken zu lassen, und schickte den Burschen zurück.
»Neue Pläne?«, fragte Kadur und Reykan vernahm den flehenden Unterton, der in seinen Worten mitschwang.
»Keine Ahnung«, antwortete Reykan und hob ausdruckslos die Schultern. Er wollte seinen Gefährten nicht in trügerischer Hoffnung wiegen, um ihn am Ende doch zu enttäuschen. »Wir werden sehen.«
Schweigend stapfte er über den festgetretenen Schnee davon und versuchte mit weiten Schritten die Nervosität zu vertreiben.
Kadur schloss zu ihm auf und Reykan warf ihm einen Blick zu. Sein Gefährte war Kälte gewohnt, genau wie entbehrungsreiche Winter, doch Tag für Tag schien die Wut hinter seinen dunklen Augen heftiger zu lodern. Reykan fürchtete, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sie aus ihm hervorbrach, denn so herzlich Kadur in Gesellschaft sein konnte, so schrecklich war er im Zorn.
Laute Schreie rissen Reykan aus den schweren Gedanken. Auf einem Platz zwischen einigen Zelten hatte sich ein ganzes Rudel Soldaten ineinander verkeilt. Gebrüll drang herüber, Fäuste wurden gereckt, sogar die eine oder andere Klinge gezogen, sodass Reykan die Hand ans Schwert legte, ehe er hinübereilte. Kadur folgte ihm.
»Was soll das hier?« Reykans donnernde Stimme ließ die Anwesenden zusammenzucken. »Meldung! Sofort!«
»Ein dreckiger Verräter!«, brüllte einer der Soldaten, dem Blut aus der Nase lief. Er hielt einen weiteren Mann im Schwitzkasten. »Er hat den König verflucht und den Krieg. Hängen soll er!«
»Genau!«, ertönte es von der anderen Seite der Meute. »Schlitzt das Schwein auf!«
»Es reicht«, knurrte Reykan und befahl dem Soldaten mit einem Kopfnicken, den Kerl loszulassen.
Dieser sackte erschöpft im Schnee zusammen und hielt sich den Bauch, ehe er gequält zu Reykan aufsah. Er war jung, noch an der Schwelle zum Mann. Dünner, blonder Bartflaum spross auf seinen Wangen und seine Gesichtszüge wirkten weich und knabenhaft.
Reykan zog die Stirn kraus. »Stimmt es, was Euch vorgeworfen wird?«
»Herr«, stammelte der Bursche, »ich …«
»Ja oder nein?«
Zitternd biss der Mann sich auf die gesprungene Lippe und schlug wortlos die Lider nieder, um Reykans eindringlichem Blick zu entgehen.
»Seht Ihr?«, rief der andere Soldat und verschränkte triumphierend die Arme vor der Brust. »Hängen wir die kleine Ratte an den nächsten Baum!«
Der Bursche schrie auf. »Nein, bitte, Herr, ich bin kein Verräter!« Seine Finger gruben sich in Reykans Umhang und seine großen, blauen Augen glänzten feucht. »Ich habe nur gesagt, dass ich nach Hause will, zu meiner Familie. Meine Frau, wisst Ihr, sie war schwanger, als ich ging, mit unserem ersten Kind. Sie braucht mich!«
»Euer Land braucht Euch ebenso«, hörte Reykan sich sagen, ohne die Worte bewusst zu formen. »Ihr seid Soldat des Königs. Eure Loyalität gilt ihm – und niemandem sonst.«
»Das weiß ich, Herr«, stammelte der Bursche. »Aber … das alles hier, das …« Er schauderte sichtlich und presste die Lippen zusammen. Tränen liefen seine roten Wangen hinab. »Ich bin Schuster, Herr, kein Krieger. Ich will hier nicht sterben.«
»Dreckiger Feigling!« Der Soldat versetzte dem Burschen einen derart heftigen Schlag in den Rücken, dass dieser sich stöhnend zusammenkrümmte. Im selben Moment blitzte Stahl auf, die Umstehenden wichen zurück. Der Soldat keuchte erschrocken, als er die Kälte von Reykans Schwertspitze an der Kehle spürte.
»Zurücktreten«, blaffte Reykan ihn an, die Augen zu Schlitzen verengt. »Erhebt noch einmal die Hand gegen diesen Mann, dann bringe ich Euch eigenhändig vor den Kriegsrat. Verstanden?«
Der Soldat straffte sich. Er warf Reykan einen grimmigen Blick zu, verkniff sich aber jeglichen Kommentar.
»Und Ihr«, befahl Reykan dem knienden Burschen, »aufstehen, wird’s bald?«
Schwerfällig rappelte der Junge sich auf. Kälte und Nässe mussten sich bereits durch seine Kleider gefressen haben, denn er schlotterte am ganzen Leib. Reykan seufzte, der Junge bot ein Bild des Jammers. Verfroren, verzweifelt, verängstigt. Ein Sinnbild für diesen ganzen verdammten Kriegszug.
»Haltung, Soldat! Steht nicht da wie ein altes Weib!«
Hastig straffte der Bursche die Schultern und hob den Kopf, doch das Zittern seiner Glieder und die Tränen in seinen Augen ließen ihn dennoch verhärmt und eingefallen wirken.
Reykan musterte ihn scharf. »Wie ist Euer Name?«
»Taldak, Herr«, murmelte der Bursche. »Taldak Kigurson.«
Reykan atmete tief durch und fuhr dann mit ruhigerer Stimme fort: »Gut, Taldak. Ihr werdet mir jetzt zuhören – und Ihr anderen auch!« Nachdrücklich sah er sich im Kreis der Soldaten um und stellte zufrieden fest, dass alle an seinen Lippen hingen. Sein Herz vollführte einen nervösen Sprung, doch seine Worte klangen klar und unmissverständlich. »Dieser Krieg ist eine Prüfung für jeden von uns. Wir führen ihn für unser Land und für unseren König, dafür, dass unsere Kinder und Kindeskinder in Reichtum und Wohlstand leben werden. Dieses Reich tut viel Gutes für Euch und Eure Familien, gibt Euch fruchtbares Land, genug zu essen und Frieden. Genau aus diesem Grund seid Ihr hier – um etwas zurückzugeben! Um die Großzügigkeit Eures Königs zu vergelten.« Er machte eine kurze Pause und sah sich in der Runde um. Die Männer lauschten stumm und nickten teils anerkennend. »Wir alle sehnen uns nach der Heimat«, fuhr Reykan fort, »nach einem warmen Herd und vertrauten Gesichtern. Doch wer jammert und klagt, kehrt auch nicht früher nach Hause zurück. Ebenso wenig der, der seine Kameraden beschimpft, statt ihnen Mut zuzusprechen, wenn sie zweifeln.« Dabei flackerte sein Blick zu dem Soldaten, der immer noch mit grimmiger Miene neben Taldak wartete. »Wir stehen als Waffenbrüder Seite an Seite, also benehmt Euch auch so.«
Er gab den Umstehenden einen Moment Zeit, seine Worte zu verarbeiten. Die meisten schwiegen betreten, doch aus einigen Ecken vernahm er zustimmendes Murmeln. »Ihr«, dabei fixierte er den älteren...




