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E-Book

E-Book, Deutsch, 200 Seiten

Brandt AMAZONAS-TRAMPER

Roman vor dem Hintergrund der komplexen Probleme Brasiliens
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-347-81310-6
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman vor dem Hintergrund der komplexen Probleme Brasiliens

E-Book, Deutsch, 200 Seiten

ISBN: 978-3-347-81310-6
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Brasilien während der Militärdiktatur 1969: Zwei abenteuerlustige Studenten arbeiten auf einem Frachter mit dem Ziel Rio de Janeiro und trampen ins Amazonas-Delta. Sie ziehen durch ein Land mit extremer gesellschaftlicher Ungleichheit, das autoritär regiert wird. Sie lernen die Armut der Unterschichten kennen und treffen mit politischen Oppositionellen zusammen. Die Gesellschaft ist durch zahlreiche Konflikte politisch gespalten. Es geht um die Menschenrechte, die politische und wirtschaftliche Partizipation, die Erhaltung des tropischen Regenwaldes, die Bewahrung des Lebensraums der indigenen Völker und den Schutz der Umwelt. Jede Kritik an den herrschenden Verhältnissen wird jedoch vom Militärregime brutal unterdrückt. Nachdem die Stadtguerilla den Botschafter der USA entführt hat, geraten auch die beiden Studenten in die Fänge der politischen Polizei. Sind heute - mehr als 50 Jahre später - die im Roman anklingenden sozialen und politischen Probleme immer noch relevant? Diese Frage wird in einem Epilog untersucht.

Dr. HANS-JÜRGEN BRANDT, geboren 1946 in Hameln, studierte Rechtswissenschaft und Politologie und promovierte am Osteuropa Institut der Freien Universität Berlin. Er war Richter am Landgericht in Berlin und hat in Organisationen der internationalen Entwicklungskooperation gearbeitet. Zu seinen Publikationen zählen vor allem rechtssoziologische Bücher und Artikel zu lateinamerikanischen Themen, die er bis 2017 für die Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung erarbeitet hat. Seitdem befasst er sich vorwiegend mit historischen Fragestellungen.
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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


1. Traumziel Brasilien

Vorbereitung in Berlin

„Warum willst du denn ausgerechnet nach Brasilien?“ Carlos kann es nicht fassen. Er ist Lektor für brasilianisches Portugiesisch an der Freien Universität Berlin. Bei ihm habe ich seit einem Semester einen Intensivkurs belegt, als Vorbereitung meiner vielleicht etwas waghalsigen Reise. „Dort herrscht eine krasse soziale Ungleichheit. Die Favelas mit ihren baufälligen Rohbauhütten liegen nur etwas mehr als einen Steinwurf von den Bürotürmen und Villen der kleinen Oberschicht entfernt. Eine brutale Militärdiktatur unterdrückt die Oppositionellen, die verhaftet, gefoltert und in Gefängnisse gesperrt werden, wenn sie nicht schon vorher von illegalen ‚Todesschwadronen‘ erschossen worden sind. Ich selbst kann in mein Heimatland nicht zurückkehren, es wäre Selbstmord“, sagt Carlos. „Und da willst du hin?“

„Vielleicht kann ich es dir erklären. Es gibt drei Beweggründe, die mich seit langem beschäftigen:

1. Schon seit meiner Kindheit habe ich den Traum, nach Brasilien zu reisen. Inspiriert hat mich als 12-jähriger Junge ein Abenteuerroman über eine Familie, die Anfang des 20. Jahrhunderts dorthin ausgewandert ist und in Blumenau, im brasilianischen Bundesstaat Santa Catarina, eine Parzelle urbar und einen Bauernhof aufbauen wollte, allen Widrigkeiten zum Trotz. Seitdem habe ich in meiner Fantasie und mit dem Finger im Atlas Brasilien und den Amazonasurwald ‚bereist‘. Das war natürlich purer Exotismus. Nach wie vor reizt mich jedoch das Abenteuer, Menschen aus südamerikanischen Kulturen zu begegnen, die am Rande der Zivilisation leben, die täglich mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben, die wir uns in unserer relativ gesicherten sozialen Marktwirtschaft überhaupt nicht vorstellen können. Neben den Lebensbedingungen interessieren mich die kulturellen Identitäten. Von welchen Normen und Werten werden die Lebenseinstellungen der Menschen geprägt?

2. Ferner interessiert mich, welche Folgen die Transamazônica für das Urwaldgebiet hat. Die Fernstraße befindet sich – wie du weißt – gerade in der Planungsphase und soll den Regenwald auf einer Strecke von über 4.000 km von der Atlantikküste bis Peru durchschneiden. Vorbild ist die Trasse Brasilia – Belém, die vor neun Jahren fertiggestellt wurde. Diese Straße und die damit verbundenen Chancen und Gefahren würde ich gerne kennenlernen. Die Militärregierung hat verkündet, dass diese Verkehrsverbindungen Amazonien den wirtschaftlichen Fortschritt bringen sollen. Doch der Regenwald ist ja nicht unbewohnt. Dort leben Naturvölker mit jeweils eigener Kultur. Das kann man in dem Buch ‚Traurige Tropen‘ von Lévi-Strauss nachlesen. Das Buch hat mich sehr beeindruckt. Es vermittelt einen Einblick in die Lebenswelt der indigenen Völker. Ich befürchte nun, dass die neuen Straßen – dazu gehört auch die Naturpiste durch den Amazonasdschungel von Brasilia nach Belém – den Lebensraum dieser Völker bedroht und zu einem Raubbau an den Naturressourcen des Regenwaldes führen wird.

3. Und schließlich: Ich bin ganz deiner Meinung, Carlos! In Brasilien ist die Demokratie von den Militärs abgeschafft worden. Dennoch reizt es mich, Einblicke in die gesellschaftliche Realität der Brasilianerinnen und Brasilianer zu gewinnen. Ich studiere Jura und zu diesem Fachgebiet gehören das Staatsrecht und die Menschenrechte. Ich möchte gerne wissen, welche Grundrechte den Menschen noch geblieben sind und ob es möglich ist, von Deutschland aus die Opposition bei ihrem Kampf für die Wiederherstellung der Demokratie und des Rechtsstaates zu unterstützen. Vielleicht kann ich nach meinem Studium in einer entwicklungspolitischen Organisation dazu beitragen?“

Carlos sah mich skeptisch an. Mein Ziel war für einen Juristen, der sich im Studium nahezu ausschließlich mit dem deutschem Recht zu beschäftigen hat, eher illusorisch, also ein frommer Wunsch. Doch was ich damals nicht wissen konnte: Mein späterer Berufsweg hat mich genau dorthin geführt. Mein Ansatz, über den ich damals schon nachgedacht hatte, war, wie einheimische Organisationen, die für die Durchsetzung der Verfassungsnormen kämpfen, unterstützt werden können. Denn oft werden die Verfassungsgrundsätze nur als Ziele staatlicher Politik verstanden, nicht aber als unmittelbar einklagbares Recht der Opfer von Menschenrechtsverletzungen. Kann das Recht auch als Instrument des politischen Wandels genutzt werden, fragte ich mich. Dieser Gedanke erschien mir geradezu revolutionär.

Außerdem – das musste ich Carlos nicht erklären, denn das galt als selbstverständlich – identifizierten wir uns 1968/69 in linken Studentenkreisen mit unterdrückten Völkern und ihren Freiheitsbewegungen. Auf allen Demos wurde der Slogan „Hoch die internationale Solidarität!“ skandiert. Damit waren – ganz großzügig – unterschiedslos alle unterdrückten Völker gemeint, auch wenn diese davon keinen blassen Schimmer hatten, sie also davon auch nicht profitieren konnten. Die Losung war wohl eher eine Bestätigung des eigenen „revolutionären“ Bewusstseins, ganz ohne Risiko. Aber ohne Ironie: Wir erkannten einen Zusammenhang zwischen dem Wirtschaftssystem in den kapitalistischen Industriestaaten und den Ausbeutungsverhältnissen in der Dritten Welt. Wir hatten 1969 das gerade erschienene Buch von André Gunder Frank „Kapitalismus und Unterentwicklung in Lateinamerika“ diskutiert. Die darin entwickelte Dependenztheorie fanden wir überzeugend. Danach gab es zwischen den Industrie-„Metropolen“ und den Entwicklungsländern in der „Peripherie“ Abhängigkeiten, die die Unterentwicklung in Lateinamerika zementierten und die uns in den Industriestaaten eine Mitverantwortung für die dortige Situation gab.

Meine Beweggründe konnten jedoch Carlos Bedenken nicht ausräumen. Aus seiner Sicht war eine solche Reise nur angeraten, wenn man sich auf rein touristische Ziele beschränkte und sich aus allen sozialen und politischen Fragestellungen heraushielt. Das war jedoch nicht in meinem Interesse. In meiner damals blauäugigen Vorstellung wurden alle potentiellen Gefahren, auch was das Reisen mit wenig Geld und dem Leben „auf der Straße“ in einem armen Land anbelangt, ausgeblendet. Dennoch wünschte mir Carlos am Ende des Sommersemesters 1969 eine gute Zeit in Brasilien und gab mir die Adresse der Eltern eines Kollegen mit, des Soziologen João Morgenthaler. Das ältere Paar wohnte in Rio im Stadtteil Ipanema und würde mich sicherlich mit ihrem Sohn in Kontakt bringen. João sei ein sympathischer Typ und ein kritischer Geist, der die politische Situation sehr gut einordnen könne.

An Bord: Im Sturm nach Süden

Die Neuharlingersiel, ein Stückgut-Frachter unter der Flagge der brasilianischen Aliança-Reederei, kämpfte sich durch die Biskaya nach Südwesten Richtung Südamerika bei Windstärke 10. Das war zwar noch kein Orkan aber ein Sturm gewaltiger Kraft, der an Land Dächer abdecken und Bäume entwurzeln konnte. Wenn der Bug des 160 Meter langen Rumpfes in die haushohen Wellenberge eintauchte, schossen enorme Brecher über das Vorschiff und klatschten rd. 20 Meter über dem Meeresspiegel an die Außenfenster der Teeküche – der Pantry – auf dem dritten Deck des Mittelaufbaus, wo ich als Messeboy arbeitete. Durch die Fenster war draußen nichts mehr zu erkennen, nur noch die Gischt der zerstäubenden Wassermassen. Selbst das Vordeck war nur in den Augenblicken zu sehen, in denen der Sturm für einen Moment abflaute. Der 20 Meter breite Rumpf des Frachters schlingerte mit schwerfälligen Bewegungen hin und her. Das Schiff rollte nach Steuerbord in ein Wellental der aufgewühlten See, bevor es wieder nach Backbord und mit großer Wucht in die nächste Monsterwelle geschoben wurde. Manchmal prallten die 12 Meter hohen Brecher gegeneinander, schoben sich zu einer schaumgekrönten Wasserspitze zusammen, knallten gegen das Deck und hüllten das Schiff in eine Gischtwolke ein.

Abbildung 1: MS Neuharlingersiel

Und der Sturm nahm beständig zu. Zwar hatte der See-Wetterbericht ihn vorhergesagt, er konnte aber nicht umfahren werden, deshalb ging es jetzt mittendurch. Das Stampfen der Kolben des gewaltigen Borsig-Fiat-Schiffsdieselmotors, der mit neun Zylindern die enorme Schubkraft von 10.000 PS entwickelte, verursachte eine Vibration des Bodens, die überall auf dem Schiff zu spüren war. Der Kapitän ließ die Maschine jetzt „Halbe-Kraft-Voraus“ laufen, um die Wucht der Brecher abzuschwächen. Dadurch wurde die Schiffsgeschwindigkeit gedrosselt. Mit weniger als 10 Knoten machten wir kaum noch Fahrt.

Trotz aller Vorsorgemaßnahmen war die Crew besorgt. Auf dem Vordeck hatte der Frachter einen riesigen, schweren Schwimmkran geladen, der nach Rio transportiert werden sollte. Er war mit gewaltigen stählernen Trossen...



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