E-Book, Deutsch, 125 Seiten
Braem Die Wälder meiner Kindheit
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7521-0162-1
Verlag: Elvea
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
E-Book, Deutsch, 125 Seiten
ISBN: 978-3-7521-0162-1
Verlag: Elvea
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Harald Braem ist Designprofessor sowie Buch- und Filmautor (u. a. Terra X). Er forscht seit über dreißig Jahren auf den Kanaren und lebt abwechselnd auf der Insel La Palma und in Nierstein am Rhein. Seine bekanntesten Bücher sind: Der Löwe von Uruk; Hem-On, der Ägypter; Tanausu, König der Guanchen; Tod im Barranco; Der Libellenmann. Der Vulkanteufel wurde verfilmt und in zahlreiche Sprachen übersetzt.
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Neben dem Haus hat Mudri verschiedene kleinere Schuppen angebracht, für die Hühner, das Stroh, das Winterholz. Und dann gibt es neben dem Hühnerstall, hinter einem Holzstapel verborgen, den geheimen Verschlag, den niemand außer Großvater öffnen darf. Dort brennt er von Zeit zu Zeit Wodka, sein »Wässerchen«, wie er es zärtlich nennt. Was genau sich in dem Verschlag befindet und wie die Sache vonstattengeht, weiß ich nicht. Ich durfte bisher nicht zusehen.
An der linken Außenwand der Hütte befindet sich die überdachte Latrine, ein Ort, den man im Sommer nicht so gern aufsucht, weil einen dann Scharen von grünen Fliegen anfallen, und im Winter zieht es durch den undichten Lattenverschlag. Ich verrichte mein Geschäft lieber am Waldrand, markiere so wie die Tiere mein Revier. Mudri verhält sich ebenso, nur Truda ziert sich und nimmt lieber das eklige Plumpsklo in kauf, als sich im Freien irgendwo hinzuhocken (na – vielleicht tut sie das schon, ich bekomme es nur nicht mit).
Im Holzlager wohnen die Spinnen, fürchterlich große braunschwarze Spinnen, die reglos lauernd auf mich warten und im allerletzten Moment erst auf ihren acht Beinen davonhuschen, wenn ich nach einem Scheit greifen will. Ich muss mich also anschleichen und langsam im Halbdunkel vortasten, um nicht mehr als nötig in Kontakt mit ihnen zu kommen. Einmal huschte mir eine kribbelnd über die Finger, flüchtete tiefer in schützende Spalten des Holzstapels. Ich möchte nicht noch einmal auf solche Weise überrascht werden. Ich habe mir vorgenommen, den Überblick zu behalten. Besonders im Halbdunkel, wo alles schemenhaft wird und doch völlig anders sein kann als vermutet.
Ich höre Mäuse in ihren Nestern rascheln (es ist keine Katze da, die sie jagen würde), im Herbst das Husten und Scharren eines Igels, der am Komposthaufen nach Nahrung sucht und möglicherweise ein Winterlager bei den Holzstapeln anlegt, ich höre das Nagen vom Holzwurm und das Pochen des Holzbocks, das manchmal wie laute Schläge die nächtliche Stille durchbricht. »Die Totenuhr klopft«, sagt Truda dann und bringt mich zum Gruseln.
Außerdem existiert eine Art Innenhof neben Hütte und Schuppen, von Kartoffel- und Gemüsebeeten umgeben, von Bohnenstangen, Tomaten, Gurken, Kürbissen und Beerensträuchern umrahmt, sandig, steinig und von scharrenden Hühnern bevölkert. Hier, in ihrem Revier, empfängt Truda die wenigen Gäste, die sich ab und zu bis zu uns in die abgelegene Einsamkeit herauftrauen. Ich sehe sie deutlich vor mir in ihrem verschlissenen Kleid und mit nackten Füßen im Sand zwischen den Hühnern sitzen, die sie stets nach dem Einsammeln der Eier aus dem Stall entlässt. Neben ihr steht der uralte Samowar, in dem stundenlang eine dunkelbraune, fast schwarze Brühe brodelt, Muckefuck aus gerösteten Eicheln, den niemand außer ihr trinken kann und der, selbst wenn man ihn mit reichlich heißem Wasser verdünnt, immer noch ungenießbar bleibt. Sie trinkt den ganzen Tag über davon in kleinen, nippenden Schlucken, ohne auch nur ein einziges Mal das Gesicht zu verziehen.
Gegen Nachmittag kommen die Gäste, meistens Frauen aus dem Dorf, mitunter auch ein Mann. Sie nähern sich einzeln und darauf bedacht, nicht von anderen gesehen zu werden, denn der Umgang mit Fremden wie uns gilt als nicht schicklich. Manche wagen es aber trotzdem, denn sie schleppen allesamt Probleme mit sich, die sie niemand anderem auf der Welt anvertrauen wollen. »Meine Patienten« nennt Truda sie und hilft ihnen, so gut sie vermag. Sie begrüßt sie freundlich, weist ihnen einen Holzschemel zu und hört sich geduldig die Anliegen an. Meist geht es um Krankheiten und körperliche Gebrechen, für die sie sich Linderung erhoffen durch Medikamente, die Truda herstellt. Es geht um Verletzungen, die nicht so recht heilen wollen, um geschwollene Beine, Kopfschmerzen, Schuppenflechte, steife Gelenke und Liebeskummer.
Bevor Großmutter mit der eigentlichen Behandlung beginnt, legt sie vor sich im Sand die speckigen Wahrsagekarten aus. Dabei befragt sie geschickt die Patienten nach den möglichen Ursachen ihrer Misere, während sie sie nach und nach einzelne Karten aus dem Stapel ziehen lässt und an die passenden Stellen legt.
»Was mich deckt …« grummelt sie und legt eine Karo Zehn in den Sand. »Na, wer sagt’s denn, gar nicht so schlecht für den Anfang … Was mich schreckt …« Sie zuckt leicht zusammen, denn es ist das Kreuz As, das links daneben platziert wird. »… was mir zu Füßen liegt, was mir zu Kopfe steigt …« Truda wirft einen raschen, besorgten Blick auf die Besucherin, denn es handelt sich schon wieder um dunkle Karten: »Da gibt es ja wohl wirklich ein ernstes Problem …«
Die Ratsuchende atmet schneller, beugt sich vor und starrt gebannt auf den Kreuz Buben. Gleich wird sie mit einem Redeschwall über ihren Nachbarn herziehen, den sie für bösartig und durch und durch verkommen hält.
Truda hört interessiert zu, fragt noch ein bisschen nach, um nähere Einzelheiten zu erfahren, aber dann beruhigt sie: »Das geht vorbei (die nächste Karte kommt ganz links zum Einsatz, eine nichtssagende Karo Sieben), … und das eilt herbei (glücklicherweise das Herz As).«
Jetzt geht es Schlag auf Schlag, Truda lässt die Frau weitere Karten aus dem Stapel ziehen und weist ihnen unter beschwörendem Gemurmel bestimmte Plätze zu: »Was bedeutet das alles? Wie stehe ich da, wie sieht man mich? Was macht die Umgebung? Und da ist ein besonderer Hinweis … Aha, hab ich’s mir doch gedacht … Naja … Und was kommt dabei heraus?«
»Ja, ja, wie wird’s denn nun?«, fragt die Besucherin, unruhig auf dem Schemel hin und her rutschend.
Truda hüstelt vieldeutig und scheucht mit einer Handbewegung unsichtbare Spinnweben vor ihrem Gesicht fort.
»Das ist nur zur ersten Übersicht, jetzt können wir weitere Karten befragen, um der Sache auf den Grund zu gehen … So, nochmal schön mischen, mit der linken Hand ziehen und dabei immer an die Frage denken …«
So geht Truda vor, sehr geschickt und mit überzeugend ernster Strenge. Auf diese Weise erfährt sie viel von den Leuten, auch über Zustände und Ereignisse im Dorf. Und sie kann ihr gewonnenes Wissen entsprechend bei der nächsten Sitzung verwenden.
Für die Ratsuchenden ist Truda ein Hoffnungsschimmer, sie vertrauen sich ihr rückhaltlos an, starren auf das Kartenbild, das sich im Sand nach und nach abzeichnet, und lauschen gespannt den mysteriösen Aussagen und Andeutungen meiner Großmutter. Die stört es nicht, wenn mitunter ein Huhn quer über die Karten läuft oder ein Spatz dazwischen kackt. Im Gegenteil: Sie bezieht das herumpickende Volk einfach in ihre Weissagungen mit ein.
»Oh«, ruft sie dann, »die Pik sieben. Das bedeutet Schreck in der Abendstunde. Aber nichts Schlimmes, es geht vorbei. Sieh nur, Allmei läuft munter weiter. Also braucht man sich keine großen Sorgen zu machen … Und da – eine Karo vier, naja, wollen mal sehen, was die will. Und da kommt auch schon der Herzbube, ein junger Mann. Na, wenn das man nicht eine nette Angelegenheit wird, zumal das As ganz in der Nähe liegt …«
Die Besucherin ist über eine solche Aussage sichtlich erfreut. Sie schöpft neues Selbstvertrauen, auch wenn ihr Leben bisher hart und eher unerfreulich gewesen war.
Zum Abschied gibt es stets ein kleines Geschenk, denn Geld nimmt Truda nicht an. Sie traut keiner Währung mehr.
»Jeld? Mit Jeld haben alle Probleme angefangen«, sagt sie, »nee, nee, da hängt ein Fluch dran, damit will ich nix zu tun haben. Jeld hat schon manchen verdorben.«
Aber andere Dinge nimmt sie gerne entgegen, ein halbes Stück Butter etwa, ein Säckchen Mehl oder ein frisch gebackenes Brot.
Ab und zu darf ich bei den Seancen dabei sein, allerdings spielend und in gebührendem Abstand, um die Behandlungen nicht zu stören.
Einmal kommt eine Bäuerin mit ihrem erbärmlich plärrenden Kind auf dem Arm. Gesicht und Oberarme des kleinen Mädchens sind von zahlreichen Wespenstichen angeschwollen.
»Die Kinder haben gespielt und Zuckerwasser getrunken … Jesses, da ist es auch schon passiert. Ein ganzer Schwarm Wespen ist über Irma hergefallen. Und jetzt? Wie furchtbar. Was soll ich nur tun?«
»Ist halb so schlimm, wie es aussieht«, beruhigt Truda und nimmt das weinende Bündel Unglück zu sich auf den Schoß. Sie beginnt leise zu singen und wiegt das Kind, als seien ihre Arme eine Schaukel. Zwischendurch spuckt sie auf die Finger ihrer rechten Hand und tupft das Gesabber auf die Wespenstiche. Sie lässt den Zeigefinger kreisen und drückt dann die rot geschwollenen Hügel einfach weg, einen nach dem anderen, bis außer einer Rötung der Haut nichts weiter zu sehen ist. Auf rätselhafte Weise sind alle Stiche verschwunden. Irma schluckt noch ein paarmal heftig auf, dann will sie zu Mama und bleibt still. Die Tränen sind versiegt.
»Jesses, wie haben Sie das nur gemacht?«, wundert sich die Bauersfrau, erfreut und erleichtert. »Das ist ja alles weg, und dann so schnell? Wie soll ich euch das bloß danken?«
»Ist schon gut«, sagt Truda und erklärt, dass in diesem Anfangsstadium Wespenstiche noch nicht so schlimm sind. Man kann die Schwellung umkehren und nach innen lenken, wo sie sich auflöst. »Noch ein bisschen Ringelblumensalbe drauf und für den Rest sorgt die Natur.«
Als die Beiden abziehen, ruft Truda ihnen nach: »Und auch viel trinken. Bloß kein Zuckerwasser mehr, sonst passiert’s wieder!«
Ein anderes Mal erlebe ich eine ältere Frau, deren Knöchel und Beine unförmig angeschwollen sind und partout nicht ihre ursprüngliche Form zurückgewinnen wollen. Da gibt es nach dem Kartenlegen (diesmal ein schnelles Hexenkreuz mit kurzer Antwort) einen lindernden Verband aus...




